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Zum Tode von Helmut Schmidt

Erinnerungen heimischer Politikgrößen an den Altkanzler

Helmut Schmidt gilt vielen Deutschen als einer der bedeutendsten Bundeskanzler. Besonders nah stand ihm die Bundestagsabgeordnete Brigitte Schulte, die sein politisches Ziehkind wurde. Die heute bei Bonn lebende Sozialdemokratin hat vor anderthalb Jahren aus dem Nähkästchen geplaudert. Anlässlich des Todes von Helmut Schmidt wiederholen wir diese Hintergrundseite heute.

veröffentlicht am 10.11.2015 um 18:51 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:37 Uhr

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Willy Brandt hatte ihm den Weg zur Kanzlerschaft mit seinem Rücktritt am 6. Mai 1974 freigemacht. Auslöser war die Affäre um den DDR-Spion Günther Guillaume, aber auch eine gewisse Amtsmüdigkeit des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, der 1972 nur knapp ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag überstanden hatte. Am 16. Mai 1974 wurde Helmut Schmidt von der Mehrheit der sozialliberalen Koalition gewählt.

Zu seinen politischen Ziehkindern sollte in den folgenden Jahren die aus Bad Münder kommende Brigitte Traupe zählen, die im Alter von 33 Jahren 1976 ihren Wahlkreis direkt eroberte. „Ich war unter den älteren Herren ja eine auffällige junge Frau“, erinnert sich Brigitte Schulte, wie sie seit ihrer Heirat im Jahr 1989 heißt. „Du bist ein hübsches Mädchen unter lauter Räubern“, habe Helmut Schmidt in seiner knurrigen Art kommentiert, als sie ihm zum ersten Mal bei den sogenannten Kanalarbeitern, dem rechten SPD-Flügel, begegnet sei. „Auf die muss ich aufpassen.“ Helmut Schmidt passte nicht nur auf sie auf, er förderte offenbar auch ihre politische Karriere innerhalb der Bundestagsfraktion, die ihren Höhepunkt 1998 in der Berufung zur Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium fand.

An eine Begebenheit als Mitglied des Haushaltsausschusses erinnert sich Brigitte Schulte noch ganz genau: „Schmidt kam 1977 zu mir und äußerte den Wunsch, für den Park des Kanzleramtes eine Plastik von Henry Moore zu erwerben.“ Dafür, so habe er geglaubt, hätten die geizigen Haushälter kein Verständnis, habe er gemeint. Er könne die Plastik aber auch leihen, habe er als Kompromiss angeboten. „Ich habe dann den Ausschussmitgliedern klargemacht, dass sie ja wohl nicht so kulturlos sein könnten, dem Kanzler diesen Wunsch abzuschlagen“, erzählt die ehemalige Abgeordnete, die bis 2005 Bundestagsabgeordnete war. „Es gab dann kein Problem mit der Moore-Plastik. Sie wurde erworben.“

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SPD-Landesparteitag 1982 in Hannover (von links): Helmut Schmidt, Heinz Hoffmann, Karl Ravens. privat

Ärger habe sie mit dem Kanzler bekommen, als es 1981 um die Beschaffung von Kampfflugzeugen des Typs Tornado ging. Schulte: „Verteidigungsminister Hans Apel wollte damals eine Milliarde Mark mehr dafür in seinem Haushalt haben. Aber ich kannte seinen Haushalt ganz genau und habe festgestellt, dass Apel nicht zu wenig, sondern zu viel Geld in seinem Etat hatte, dass ich ihm streichen wollte.“ Von Herbert Wehner sei sie damals gemahnt worden, sie wolle doch wohl nicht einen SPD-Verteidigungsminister stürzen. An einem Abend sei es schließlich um 22 Uhr zu einem Treffen mit der ganzen Führungsriege zusammen mit Apel und dem damaligen Finanzminister Manfred Lahnstein gekommen. Schmidt habe damals geknurrt: „Also Brigitte, kann man das Geld runternehmen? Gut, nehmt es runter. Aber das eine sage ich Dir, Brigitte, Du bist ein böses Weib.“ „Trotzdem“, erzählt sie, „hat Schmidt mich gemocht, denn ich war keine Ideologin.“

Schmidts schwerster Kampf sei der um die Nachrüstung in Deutschland gewesen. Er habe sie durchsetzen wollen, um den Abzug der hier stationierten taktischen Atomwaffen erreichen zu können, die im Ernstfall das eigene Land verwüstet hätten. Die Auseinandersetzung darüber in der eigenen Partei habe ihm schwer zugesetzt. Besonders aufgeregt habe ihn damals Oskar Lafontaine, der sich nach Schmidts Urteil „furchtbar aufgeblasen“ habe. Brandt habe sich aus dieser Auseinandersetzung rausgehalten, während Schmidt in heftigen Debatten schwer gekämpft habe. Sehr betroffen habe ihn ein Interview Lafontaines im „Stern“ gemacht, in dem er Schmidt die Tugenden eines KZ-Wächters vorgeworfen hatte.

Schwere Tage habe Schmidt auch mit der Schleyer-Entführung durch die RAF und die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu erlebt. „Er hat damals die Verantwortung übernommen und sie getragen“, schildert Brigitte Schulte sein damaliges Verhalten. „Da hat er mir wirklich imponiert. Und wenn das in Mogadischu schiefgegangen wäre, wäre er als Kanzler zurückgetreten.“

So nah wie Brigitte Schulte kam keiner der anderen heimischen SPD-Politiker dem Kanzler. Einzig Martin Schmidt-Gellersen stand dem Hamburger Politiker ähnlich nah. Aber Schmidt-Gellersen hatte seinen Wahlkreis in Northeim und war im Wahlkreis Hameln-Pyrmont politisch nie aktiv. In seiner Zeit als Kanzler hatte er das Weserbergland nie besucht. Erst nach seinem Rücktritt ehrte er Schmidt-Gellersen anlässlich des 70. Geburtstags des Agrarpolitikers am 16. Juni 1984 und kam zu einem großen Geburtstagsfest auf den Hof bei Aerzen. Anders als es der eine oder andere heimische Politiker erinnert, kam Schmidt damals aber nicht mit dem Hubschrauber nach Gellersen, sondern mit dem Auto.

Eine nette Anekdote hat der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Christel Thielke über eine Begegnung mit Schmidt parat: „Es war auf einem Parteitag in Dortmund, als Christa Bruns an einem Parteiabend in einer Brauereigaststätte einen trockenen Wein haben wollte und ich einen Oberkellner überzeugte, dass ich diesen Wein für Schmidt besorgen sollte. Ich habe den Wein dann mit Serviertuch über dem Arm selbst serviert, und Schmidt gesagt, er solle sich nicht wundern, dass auf seinen Namen Wein geordert wurde. Wieso denn das?, hat Schmidt gefragt. Weil die Genossin Bruns kein Bier verträgt, habe ich ihm gesagt. Schmidt darauf: Dann soll sie ihren Magen an Bier gewöhnen, hat er auf seine knurrige Art gesagt und Loki Schmidt hat herzlich darüber gelacht.“



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