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Wie die Bergdörfer im 16. Jahrhundert in den Einfluss Pyrmonts gerieten

Ereignis von entscheidender Bedeutung

Die Basis für die „Obere Grafschaft Pyrmont“ bildete im 16. Jahrhundert der „Aushoff oder das Vorwerk auf dem Kleinenberg“. Eine wechselvolle Geschichte der Bergdörfer, bei der es in der Geschichte um Besitz- und Herrschaftsrechte auf der Hochebene ging.

veröffentlicht am 14.07.2018 um 09:21 Uhr

„Ansicht des Weserrenaissance Schlosses Pyrmont“ heißt die Buchpublikation mit dem Kupferstich von 1698. Foto: Stadtarchiv

Autor:

Wolfgang Warnecke
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Die fünf Pyrmonter Bergdörfer Baarsen, Eichenborn, Großenberg, Kleinenberg und Neersen gehörten seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zur Grafschaft Pyrmont. Nach dem Aussterben des Pyrmonter Grafenhauses 1494 mit dem Tod von Graf Moritz, der bereits 1460 die Dörfer „Nedersen, Glesse und Ludeborn mit allem Zubehör“ als Braunschweig-Lüneburgisches Lehen erhielt, wurde die Grafschaft Pyrmont Graf Friedrich von Spiegelberg zugesprochen. Dieser Erbanspruch wurde jedoch vom Edelherrn Bernhard (VII.) zur Lippe und seinem Bruder Simon (III.), der zugleich Bischof von Paderborn war, heftig bestritten und infrage gestellt. Erst nach etwa 31 Jahren konnte durch einen 1525 in Höxter geschlossenen Einigungsvertrag Graf Friedrich seinen Herrschaftsanspruch in der Grafschaft Pyrmont erfolgreich durchsetzen. Er erhielt Pyrmont auch in weiblicher Erbnachfolge als Lehen des Bischofs von Paderborn, der daraufhin eine Entschädigung in Form von 2000 Goldgulden empfing.

Aufgrund der gegebenen rechtskräftigen Ansprüche Paderborns wurde ihm klar, dass er die bisherige Residenz in Lügde nicht zum Mittelpunkt seiner neuen Herrschaft nutzen konnte. So entstand 1526 außerhalb des Paderborner Einflussbereichs in unmittelbarer Nähe zu den bekannten Heilquellen auf dem heutigen Brunnenplatz in Bad Pyrmont eine großräumige Festungsanlage, die Graf Friedrich bereits zehn Jahre später bezog. Im gleichen Jahr festigte er mit dem Neubau der Neersener Kirche 1536 erheblich seinen Einfluss auf den westlichen Bereich der Hochebene. Zudem unterstand ihm als Landesherrn das Recht zur Besetzung der Pfarrstelle des Kirchspiels, das die fünf Pyrmonter Bergdörfer gemeinsam bildeten.

Am Sonnabend, 19. August 1549, trat ein Ereignis von entscheidender Bedeutung für die Geschichte der Pyrmonter Bergdörfer ein: Die adligen Herren Tönniß und Heinrich von Wettberg (Vater und Sohn) verkauften unter anderen die beiden heutigen Pyrmonter Bergdörfer Kleinenberg und Großenberg sowie einige Güter halb vor dem Dorfe Thal an den Grafen Philipp von Spiegelberg und Pyrmont. Mit diesem Kaufvertrag, der in Oldendorf (Heute: Hessisch Oldendorf) geschlossen wurde, konnte Graf Philipp erstmals für die Grafschaft Pyrmont Besitz- und Herrschaftsrechte auf der Hochebene erwerben.

Die ehemalige Zehntscheune in Kleinenberg - hier in den siebziger Jahren – brannte Anfang der 1980er Jahre ab.Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont
  • Die ehemalige Zehntscheune in Kleinenberg - hier in den siebziger Jahren – brannte Anfang der 1980er Jahre ab.Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont
...dort steht heute das Dorfgemeinschaftshaus. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont
  • ...dort steht heute das Dorfgemeinschaftshaus. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Im Stadtarchiv Bad Pyrmont befindet sich eine Akte (Signatur: XIII. 727,77), die in einem Verzeichnis einen ersten Hinweis auf den Kauf der beiden Dörfer gibt. Graf Philipp übernahm nach dem Tod seines Vaters Graf Friedrich 1537 die Herrschaft in den Grafschaften Spiegelberg und Pyrmont. In einem vom Pyrmonter Amtmann Johann Seiler erhaltenen Lehnsverzeichnis, das heute im Hess. Staatsarchiv Marburg (Bestand 133 c/4) aufbewahrt wird, erfahren wir Näheres zum besagten Kaufvertrag: „Der Aushoff oder das Vorwerk auf dem Kleinenberg mit seiner ganzen Terminey die Marken: Wedenhagen, Delmenhagen, Kleiner und großer Brauerberg, Schjepbrede, Kothofen und all solcher Güter innen und Zugehör in Holz und Feld, Wasser und Weide, nichts davon ausgeschieden, sind Anno 1549 erbeigenthumblich aus den Handen des adelichen Geschlechts dero von Wettberg erhandelt, erbauwet, bewohnet und zu jetzigem Stand aptiret.“

Akte im Stadtarchiv gibt ersten Hinweis auf den Kauf der beiden Dörfe

Hieraus ist ersichtlich, dass das Adelsgeschlecht von Wettberg die beiden Dörfer Klei-nenberg und Großenberg einstmals erworben hatten und umfassend ausbauten. Graf Philipp von Spiegelberg und Pyrmont tauschte und kaufte laut Vertrag „gegen zwei Höfe drei Fuder Korn und für 600 gute und vollwichtige Reuschen (Goldthaler)“ unter anderen die beiden „Bruderberge“, die heutigen Bergdörfer Kleinenberg und Großenberg. Der Verkaufsgrund waren laut Vertrag „Irrungen“=(Grenzstreitigkeiten), die seit langem die Güter der Herren von Wettberg betroffen hatten. Graf Philipp begann 1557, ein Jahr nach dem Pyrmonter Wundergeläuf, als der Überlieferung nach bis zu 10 000 Heilungssuchende aus ganz Europa in das Pyrmonter Tal zu der hier entspringenden „Wunderquelle“ pilgerten und so die gräfliche „Chatoulle“ erheblich bereicherten, mit dem Bau eines großzügigen Schlosses im Stil der Weserrenaissance.

Nach dem Tod von Graf Philipp, der in jungen Jahren 1557 in englisch-französischen Kriegsauseinandersetzungen in der Schlacht von St. Quentin in Frankreich verstarb, übernahm Graf Hermann Simon zur Lippe die Herrschaft in Pyrmont. Er hatte sich mit der Schwester Philipps, der Gräfin Ursula von Spiegelberg und Pyrmont, vermählt, um doch noch in den Besitz der beiden Grafschaften Spiegelberg und Pyrmont zu kommen.

Der Ehevertrag wurde in der alten Residenzstadt Lügde 1558 unterzeichnet. Hermann Simon erlangte die Einwilligung der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg zur Erwerbung des Spiegelberger Lehens, aber erst nach langen Verhandlungen erhielt er auch die Grafschaft Pyrmont. Hermann Simon, der mit seinem Bruder Bernhard zur Lippe (VIII.) die größtenteils an der linken Weserseite zwischen Holzminden und Hameln gelegenen zerstreuten braunschweigischen Lehnsgüter übernahm, brachte praktisch als Mitgift die beiden „Braunschweiger Dörfer“ Neersen und Baarsen mit in die Ehe und gliederte sie der Grafschaft Pyrmont an.

Das Vorwerk auf dem Kleinenberg wurde in späteren Jahrhunderten zur Domäne ausgebaut

Das Kirchdorf Neersen bestand in dieser Zeit aus 36 Meierhöfen und Baarsen aus 29 Höfen. Durch diesen Vorgang erweiterte Hermann Simon die Pyrmonter Besitz- und Herrschaftsrechte auf der Ottensteiner Hochebene erheblich und setzte somit die Erweiterungspolitik seines Vorgängers Philipp von Spiegelberg erfolgreich fort. Als er 1560 einen Grenzvertrag mit dem Amt Polle schloss, wurde der Einflussbereich auf der Ottensteiner Hochebene so abgegrenzt, wie er dann noch für die zukünftigen Jahrhunderte Bestand hatte.

Nach dem frühen Tod ihres Sohnes Philipp hatte die Gräfin Ursula zur Lippe 1583 noch auf dem Totenbett die Grafschaft Pyrmont an ihre Schwester Walburga, geb. von Spiegelberg und Pyrmont, der Gattin des Grafen Georg (II.) von Gleichen-Tonna, vererbt. Dieses löste einen großen Konflikt aus und der Bischof Heinrich von Paderborn entsandte ein kleines Heer und besetzte Festung und Schloss sowie die Ortschaften der Grafschaft Pyrmont.

Ein Jahr später, als die kriegerischen Auseinandersetzungen friedlich beendet waren, ließ der Sohn der Gräfin Walburga, der Graf Philipp Ernst von Gleichen, 1584 die Dörfer Neersen und Baarsen durch Pyrmont besetzen. Nach einem 14-jährigen Streit zwischen den Häusern Pyrmont und Lippe um die beiden Pyrmonter Bergdörfer verzichtete Graf Simon (VI.) zur Lippe 1598 endgültig zum Vorteil der Gräfin Walburga und ihrer Söhne auf die beiden Bergdörfer sowie auch auf alle braunschweigischen Lehnsgüter. Für dieses Vertragsgeschäft entrichtete die Gräfin Walburga 10 000 Thaler an das Haus Lippe und die heutigen fünf Pyrmonter Bergdörfer gehörten somit als „Obere Grafschaft“ endgültig zu Pyrmont.

Der „Aushoff oder das Vorwerk auf dem Kleinenberg“ wurde in den späteren Jahrhunderten zur „Herrschaftlichen Meyerey“ oder Domäne ausgebaut, in der die Steuern an das „Haus Pyrmont“ in Form von Naturalien gebracht werden mussten. Laut einem Inventarium von 1818 gehörten zur Domäne Kleinenberg „ein Wohnhaus von Holz worin nur eine Stube und zwei Kammern mit einem eisernen Ofen, ein Stall und ein Schafstall von Holz, die Herrschaftliche Zehntscheune (Heute: Dorfgemeinschaftshaus Klei-nenberg) und 474 Morgen Acker-; Grünland und Drisch sowie 6 Morgen Gartenland“.



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