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Das Telefoninterview zum Nachhören

Er lieh Al Pacino seine Stimme: Lutz Mackensy kommt aus Hameln

HAMELN/BERLIN. Von Al Pacino über Rowan Atkinson bis Stanley Tucci: Die Liste der Schauspieler, denen Lutz Mackensy seine Stimme lieh, ist lang. Der 74-Jährige ist ein gefragter Synchronschauspieler, in Hameln geboren – und lebt in Berlin. Wir haben mit ihm telefoniert.

veröffentlicht am 07.12.2018 um 15:58 Uhr
aktualisiert am 07.12.2018 um 18:40 Uhr

Auch bekannt aus der früheren ZDF-Serie „Stubbe – Von Fall zu Fall“: Lutz Mackensy arbeitet als Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher. Foto: dpa
Muschik, Moritz

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Lutz Mackensy meldet sich aus Berlin. Der 74-Jährige hat sich Zeit genommen für ein Telefongespräch. Die Fragen kommen aus Hameln, seiner Geburtsstadt, zu der er eine besondere Beziehung hat. „Die erste Frage bitte“, sagt Mackensy mit markanter Stimme.

Wenn Lutz Mackensy davon erzählt, wie er zu seiner ersten Synchronrolle kam, muss er etwas ausholen. „Das war mehr oder weniger Zufall“, sagt er am Telefon – und fängt an, zu schildern: Als junger Schauspieler war er am Schillertheater in Berlin engagiert. Während er sich mit Kollegen in der Garderobe unterhielt, fiel ihm auf, dass einige ein Auto fuhren oder eine schwarze Ledercouch besaßen. „Dabei bekamen wir 650 Mark brutto“, meint Mackensy. „Ich dachte nur: Wie kann das gehen?“ Seine Kollegen sagten dann: „Wir synchronisieren.“ Und Mackensy überlegte sich: „Das will ich auch.“

Also bewarb sich der Schauspieler bei einer Agentur, bekam dort die Nummer 192 zugeteilt. „Mir wurde gesagt: Wir melden uns“, erzählt Mackensy. „Natürlich haben sie sich nicht gemeldet.“ Dann aber lief der Film „Romeo und Julia“ von Franco Zeffirelli, einem der berühmtesten Regisseure seiner Zeit. Und es wurde eine deutsche Synchronstimme für Romeo gesucht. „Überall wurden Probeaufnahmen gemacht: in Hamburg, München, Berlin“, sagt Mackensy. „Aber sie haben den Romeo einfach nicht gefunden.“ Irgendwann jedoch war die Nummer 192 an der Reihe. „Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Synchronatelier“, sagt er. Dann hieß es: Achtung, eins, zwei, drei. Und die Szene lief. Mackensy sollte vorsprechen, tat das aber nicht. „Es war eine traumhafte Atmosphäre auf der Leinwand, ein wunderbarer Schauspieler, es war herrlich, ich habe mich verliebt in die Szene“, sagt er. „Dann war sie vorbei. Ich hatte ganz vergessen, zu sprechen.“ Also ein neuer Versuch, von vorne – Achtung, eins, zwei, drei: „Ich war sofort synchron, hundertprozentig der Romeo, meine erste Synchronrolle“, erinnert sich Mackensy.

Stanley Tucci kennen viele aus „Die Tribute von Panem“. Foto: dpa
  • Stanley Tucci kennen viele aus „Die Tribute von Panem“. Foto: dpa
Hollywood-Star Al Pacino: Lutz Mackensy sprach ihn unter anderem in „Der Pate“. Foto: dpa
  • Hollywood-Star Al Pacino: Lutz Mackensy sprach ihn unter anderem in „Der Pate“. Foto: dpa
Rowan Atkinson ist bekannt als „Mr. Bean“. Foto: dpa
  • Rowan Atkinson ist bekannt als „Mr. Bean“. Foto: dpa

Seitdem ist die Liste der Schauspieler, denen er seine Stimme lieh, immer länger geworden. Hauptsprecher ist der inzwischen 74-Jährige zum Beispiel von Christopher Lloyd und Stanley Tucci. Aber auch den britischen Komiker und Schauspieler Rowan Atkinson als Mr. Bean oder Johnny English synchronisiert er regelmäßig. 1972 war Mackensy zudem die deutsche Stimme von Al Pacino in „Der Pate“. Pacino spielte Michael Corleone, den jüngsten Sohn von Don Vito Corleone. Mackensy wurde zu Pacinos deutscher Stimme, synchronisierte ihn auch in den anderen beiden „Der Pate“-Teilen sowie einigen weiteren Filmen. Mittlerweile ist Frank Glaubrecht die deutsche Stimme des US-amerikanischen Schauspielers.

Für Mackensy zumindest war Pacino die bislang schwierigste Synchronrolle. „Da ging es an die Grenzen“, sagt er. Denn: Pacino sei ein sehr guter Schauspieler, spreche teilweise sehr schnell. „Da sind kaum Atempausen dazwischen, sodass man manchmal sogar einen Achtzeiler sprechen muss“, meint Mackensy. „Und das möglichst synchron natürlich und trotzdem mit dem Ausdruck.“ Das sei die ganz hohe Kunst. Und Mackensy beherrscht sie.

Synchronsprecher will er jedoch nicht genannt werden, vielmehr Synchronschauspieler. Schließlich sei er Schauspieler von Natur aus, hat lange Theater in Hamburg und Berlin gespielt. Über die Jahre entwickelte sich das „Synchron“ zu seiner Haupttätigkeit. „Man muss versuchen, so nah wie möglich an den Darsteller ranzukommen“, sagt er. „Das ist eine schauspielerische Aufgabe.“ Er könne nicht stocksteif vor dem Mikrofon stehen und wie ein Nachrichtensprecher Informationen aufsagen. „Ich muss die Szene spielen, die auf der Leinwand vorgegeben ist.“

Am liebsten sieht er dort Stanley Tucci. „Ein wunderbarer Hollywood-Schauspieler, immer wieder in anderen Masken, anderen Rollen, aber jedes Mal sensationell gut“, meint Mackensy. Tucci spielt unter anderem den überdrehten Caesar Flickerman in den vier Teilen der „Die Tribute von Panem“-Reihe. „Es macht richtig Spaß, mit ihm zu kämpfen, bis ich an ihn rankomme“, sagt Mackensy. Mit dem Kampf meint er das Hineinversetzen in seine Rolle – eben als Synchronschauspieler.

„Mr. Bean“, gespielt vom britischen Komiker Rowan Atkinson, sei dagegen verhältnismäßig einfach. „Er macht ja mehr Laute oder so etwas“, sagt Mackensy – und ahmt am Telefon das typische „Iiiiiih“ des Mr. Bean nach. Wenn der 74-Jährige über Rowan Atkinson spricht, fällt ihm dessen Auftritt bei der inzwischen eingestellten TV-Show „Wetten, dass ..?“ ein. Moderator Thomas Gottschalk habe eine Szene aus dem neuen „Johnny English“-Film gezeigt. „Gottschalk meinte so etwas wie: ‚Leider nur synchronisiert‘“, sagt Mackensy. „Ich dachte: Wie gemein, das vor Millionen Leuten zu sagen.“ Gottschalks Aussage habe die gesamte Synchronbranche diffamiert. „Ich weiß, dass viele Kollegen darunter leiden, dass sie vom Rest der Branche ignoriert werden“, sagt Mackensy.

Dabei seien markante Stimmen inzwischen viel bekannter als früher. „Vor 50 Jahren war das absolut anonym“, meint der gebürtige Hamelner. „Heute drehen sich die Leute reihenweise um und sagen: Die Stimme meiner Kindheit.“ Bei den Hörspielen „Fünf Freunde“ oder „Hanni und Nanni“ etwa ist Mackensy der Erzähler. „Das bleibt haften“, sagt er. Die Menschen, die es damals als Kind gehört haben, geben das weiter.“ Und so sei die Stimme des Erzählers fest in den Köpfen der Zuhörer.

Mackensy selbst verbrachte die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend in Berlin. Geboren aber ist er in Hameln. „Vor meiner Geburt 1944 fielen Bomben auf Berlin und es hieß, dass die Schwangeren die Stadt verlassen müssen.“ Seine Mutter reiste nach Dörpe in die Nähe von Coppenbrügge. „Als die Wehen einsetzten, ging es ins Krankenhaus nach Hameln“, erzählt er. Vier Jahre später zog er mit seiner Mutter nach Berlin, zurück zur Familie. Im Alter von neun Jahren besuchte er seine Geburtsstadt. „Ich fand die Umgebung wunderschön und die Gebäude einfach beeindruckend“, sagt Mackensy.

Als der Schauspieler, der auch aus der früheren ZDF-Serie „Stubbe – Von Fall zu Fall“ bekannt ist, zuletzt auf dem „roten Sofa“ des NDR saß und mit Moderator Hinnerk Baumgarten plauderte, bat der ihn, sich auf eine Bank zu setzen. „Plötzlich gingen Scheinwerfer an: Man sah Hameln, die Häuser aufgebaut aus Pappmaschee und mit Ratten aus Plastik“, sagt Mackensy. „Das fand ich rührend, war herzlich begeistert.“

Neulich lief der „Romeo und Julia“-Film mit seiner ersten Synchronrolle im Fernsehen. „Mit Freunden haben wir ihn uns angesehen. Sie sagten: Sprich doch noch einmal so wie der Romeo damals“, meint Mackensy. „Ich habe es versucht, aber nicht geschafft.“ Seine Stimme ist älter geworden.



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