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Balkanflüchtlinge erwartet bei der Rückkehr oft Armut und Diskriminierung

Endstation Sehnsucht

Die meisten Menschen aus Serbien oder Bosnien haben aufgrund ihrer als sicher geltenden Herkunftsländer kaum eine Chance auf Asyl in Deutschland. Kehren sie zurück, erwartet sie Armut und Diskriminierung. Grundschullehrer Dietmar Buchholz besuchte eine Schülerin auf dem Balkan. Er will mit Vorurteilen aufräumen.

veröffentlicht am 15.04.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 15.04.2016 um 08:47 Uhr

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Autor:

Katharina Grimpe

Die Reise nach Serbien hat einen bleibenden Eindruck bei Buchholz hinterlassen. Der Pädagoge, der an der Grundschule Lindhorst auch die Kinder Asylsuchender vom Balkan unterrichtet, wollte sich mit eigenen Augen ein Bild davon machen, wie die Minderheit der Roma in Serbien ihren Alltag bestreitet. Dabei ist er nicht nur tief in die Roma-Kultur eingetaucht. „Ich konnte mich hautnah davon überzeugen, dass das, was die in ihren Heimatländern diskriminierten Roma hierhertreibt, sehr nachvollziehbare Gründe, Ursachen und Umstände hat“, betont der 59-Jährige.

Die Länder des Balkans haben mit Armut und Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Die Roma sind die größten Verlierer. Ausgegrenzt vom Arbeitsmarkt und gesellschaftlich geächtet, sehen viele die einzige Chance auf ein gutes Leben im Asylantrag in Westeuropa. So auch jene Familie, die vor ihrer prekären Lage in der nordserbischen Kleinstadt Beocin im Sommer 2014 nach Deutschland flüchtete und in Lindhorst landete. Während die beiden älteren Töchter in der Oberschule unterrichtet wurden, fand die Jüngste der Familie schnell Anschluss in der benachbarten Grundschule – und in Buchholz und dessen Kollegin Monika Beyer engagierte Pädagogen. Durch Hausbesuche und Gespräche mit der Mutter sei schnell ein sehr enger Kontakt entstanden, der im Mai 2015 zunächst abrupt endete, als die Familie Hals über Kopf das Land verließ. „Ich dachte, die sehe ich nie wieder“, erinnert sich der Bad Nenndorfer. Im Oktober war die Familie dann wieder da. „Aber es war schnell klar, dass ihr Aufenthalt in Deutschland nur von kurzer Dauer sein kann.“ Serbien gilt als sicheres Herkunftsland, Anträge auf Asyl haben fast keine Chance. Viele Flüchtlinge verlassen deshalb freiwillig Deutschland, um einer Abschiebung zuvorzukommen.

Um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen, was sie fürs Überleben in Serbien brauchen, mobilisierten Buchholz und Beyer Kollegen, Freunde und Bekannte, statteten die Asylsuchenden mit Kleidung, Alltagsgegenständen und mit Bargeld aus. „Unsere größte Sorge galt der Frage, wie die fünf durch den Winter kommen“, sagt der Lehrer. Denn die Familie wusste nicht, wo sie, zurück in Serbien, unterkommen und wie die Bleibe ausgestattet ist. Mit Unterstützung des Vereins „Wir für soziale Gerechtigkeit“ sammelte Buchholz Geld, mit dem sich seine Schützlinge einen Herd zum Kochen und Heizen kaufen konnten.

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Foto: pr

Im Dezember 2015 brachte Buchholz die Roma-Familie schließlich zum Bus, nicht ohne ihnen zu versprechen, sie in den Osterferien zu besuchen. „Diese Reise war nicht nur bereichernd, sondern wirklich lehrreich“, sagt der Pädagoge, der im Laufe seines Berufslebens schon zahlreiche Reisen in Drittweltländer unternommen hat. „Das, was ich da gesehen habe, war wie in der Dritten Welt.“

Buchholz erzählt: 7000 Menschen leben in Beocin, 1000 von ihnen gehören zur Minderheit der Roma. Im Gegensatz zur landläufigen Vorstellung vom fahrenden Volk sind die Roma sesshaft und wohnen in Beocin in einer großen Siedlung. Langgestreckte Häuserreihen wechseln sich ab mit heruntergekommenen „wohnblockartigen Gebilden“ und einer Art Schrebergartensiedlung mit kleinen bewohnten Lauben. „Das Problem ist, dass die Kanalisation extrem schwach ist. Bei Regen steht da alles unter Wasser, und das wenige, das die Leute haben, wird auch noch zerstört.“

Nach der Zerschlagung des Zementwerkes, vor dem Jugoslawienkrieg der größte Arbeitgeber in der Stadt, herrscht in Beocin eine horrende Arbeitslosigkeit, der Alltag in der Roma-Siedlung ist dominiert von der Sorge, die Familie zu ernähren. „Denn das Geld reicht hinten und vorne nicht, die Roma haben keine Chance auf Einkommen“, sagt der 59-Jährige. Entweder ist man arbeitslos oder versucht, sich mit dem Verkauf von Müll über Wasser zu halten. „Und wer einmal im Ausland um Asyl nachgesucht hat, wird als Vaterlandsverräter angesehen und bekommt keine staatlichen Transferleistungen.“ Behördenwillkür und Gewalt bestimmen den Alltag. Ein selbstbestimmtes Leben? Fast nicht möglich. Stattdessen Hoffnungslosigkeit.

Auch die von Buchholz betreute Familie hat keine Einkünfte und lebt nur von einer Art Kindergeld. „Viele Dinge, die wir ihnen mitgegeben haben, mussten sie der Not gehorchend verkaufen, um Lebensmittel zu besorgen.“ Und die Preise entsprechen oft denen in Deutschland. „Sie sind gezwungen, sich sehr bescheiden zu ernähren und essen nur zwei Mahlzeiten am Tag.“ Glück hatte das Paar mit den drei Töchtern in Sachen Unterkunft. Weil ein Bekannter Asyl in Schweden bekommen hat, überließ er ihnen sein Haus zur Miete: Zwei Zimmer, eines zum Schlafen, eines zum Kochen und Wohnen. Die Möblierung ist spärlich. „Ein Tisch, fünf Stühle, der gebraucht gekaufte Herd, Matratzen. Mehr Besitz haben sie nicht.“

Auch die Tatsache, dass alle drei Töchter die Schule im Stadtzentrum besuchen können, ist ein Privileg und unterscheidet die Familie von vielen anderen Roma, die sich den Schulbesuch finanziell nicht leisten können. Doch nach acht Jahren ist Schluss, der Besuch der weiterführenden Schule in der 30 Kilometer entfernten Stadt unmöglich. „Die Busfahrt kostet umgerechnet einen Euro pro Strecke. Das ist nicht machbar“, sagt Buchholz. Intellektuell haben die Töchter großes Potenzial, ist sich der Pädagoge sicher. „Die Mädchen wollen etwas erreichen, sind leistungsorientiert. Und die Eltern wünschen sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder.“ Die Chance auf Bildung, ein bisschen Wohlstand und einen gewaltfreien, selbstbestimmten Alltag ist für sie nur die Flucht nach Westeuropa.

In langen Gesprächen habe er versucht, der Familie klarzumachen, dass es keine Aussicht gibt, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können, sagt Buchholz und betont: „Aber wir bleiben in Kontakt. Jetzt wollen wir gemeinsam überlegen, wie wir zumindest die Situation in Beocin ein bisschen abfedern können.“ Der Bad Nenndorfer will weiter Geld sammeln und seinen Schützlingen so ermöglichen, das Haus zu kaufen und den Vorgarten zu bewirtschaften.

Warum er sich so engagiert? Die Lindhorster Grundschule ist eine von zehn Pilotschulen des Projekts „Gutes Leben für alle“. „Der Slogan wäre nur ein fadenscheiniges Lippenbekenntnis, wenn er nicht mehr gilt, sobald die Kinder als unsere Schutzbefohlenen die Schule verlassen haben“, erklärt Buchholz. Aber vor allem möchte er aufklären und mit Vorurteilen gegenüber Roma aufräumen. „Das sind keine faulen Zigeuner. Es sind sesshafte Familien, die die gleichen kleinbürgerlichen Träume von Glück und Zufriedenheit haben wie wir auch.“ Und die Sehnsucht nach Wohlstand und Frieden.



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