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„Endlich mal etwas Praktisches machen“

Durch den Abschied vom Zivildienst stellt sich in vielen sozialen Einrichtungen die Frage, wie es weitergehen soll. Bundes- familienministerin Kristina Schröder (CDU) hat jetzt den Bundesfreiwilligendienst ins Leben gerufen, der zum 1. Juli den Pflichtdienst ablösen soll. Neben dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) kann für junge Menschen das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) gleichermaßen die Perspektiven für die berufliche Zukunft aufzeigen. Die Angebotspalette ist groß, wie wir mit zwei Beispielen aus Schaumburg zeigen.

veröffentlicht am 05.06.2011 um 23:30 Uhr

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Nach dem Abitur gleich ein Studium anfangen? Für Jana Nordbruch aus Rinteln war dies keine Option. Zwar habe sie darüber nachgedacht, doch entschied sie sich letzten Endes lieber für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ).

„Ich war mir nicht sicher, was ich studieren soll. Und bevor ich eine Entscheidung treffe, mit der ich hinterher nicht zufrieden bin, habe ich mich kurzfristig für ein FSJ beworben“, erzählt die 19-jährige Abiturientin des Rintelner Gymnasiums Ernestinum.

In welche Richtung sie während dieses Jahres gehen wollte, war ihr auch schon klar: „Wenn mir die Arbeit im sozialen Bereich gefällt, kann ich mir gut vorstellen, später auf Lehramt zu studieren und in einer Förderschule zu unterrichten“, erzählt Nordbruch. Durch ein Praktikum an einer solchen Schule habe sie bereits erste Erfahrungen sammeln können.

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Erinnert zumindest auf den ersten Blick – ein bisschen – ans Weserbergland: Die grüne Landschaft des Bamenda-Hochlandes wird für ein Jahr die Heimat der 17-jährigen Maren Neuberg werden. Sie wird hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Fotos: lsb/pr.

Ab Anfang August wird sie dementsprechend für zwölf Monate von der Diakonie aus in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in Niedersachsen arbeiten. Ihre Aufgaben werden die Betreuung der Kinder sein, wozu die Hilfe bei Hausaufgaben, wie auch im Haushalt zählt. „Da der Zivildienst ab diesem Jahr wegfällt, fehlt der Einrichtung jemand, der die Fahrdienste übernimmt. Deshalb werde ich auch diese übernehmen und die Kinder zum Beispiel von der Schule abholen“, erzählt Nordbruch.

Das Wegfallen des Zivildienstes führe generell dazu, dass soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Pflege- und Altenheime freiwillige Helfer suchen, die sich engagieren. „Egal, wo ich hinhöre: Überall werden dringend Freiwillige benötigt“, sagt die Abiturientin. „Wahrscheinlich ist auch genau das der Grund, weshalb ich noch so kurzfristig einen Platz bekommen habe.“ Beworben habe sie sich nämlich erst im Februar. Doch die Bewerbungsfristen laufen meist schon am Ende des Vorjahres ab. „Frühzeitige Anmeldungen sind eigentlich enorm wichtig, damit man auch eine Chance hat, angenommen zu werden und eventuell seinen Wunschplatz bekommt.“

Eigentlich wollte Nordbruch in einer Einrichtung der Mutter-Kind-Kur arbeiten, doch dafür sei sie mit ihrer Bewerbung zu spät dran gewesen. Dennoch freue sie sich, dass es überhaupt noch geklappt hat. Nach der Zusage folgte eine zweitägige Hospitation in der Einrichtung – zum Kennenlernen.

Unterkommen wird Nordbruch das Jahr über in einer Wohngemeinschaft. „In einigen anderen Einrichtungen sind Zimmer für die Freiwilligen vorhanden, doch in dieser ist das leider nicht der Fall“, so Nordbruch. Bezahlen wird sie die Mietkosten mithilfe des Taschengeldes, das sie während des FSJ erhält. Ebenfalls zum FSJ gehören Seminarwochen: „Fünf Wochen über das komplette Jahr verteilt. Und bezahlten Urlaub bekomme ich auch.“ Doch am meisten freue sie sich darüber, dass „nach 13 Jahren Schule etwas Praktisches machen zu können.“

Ähnlich sieht es bei Maren Neuberg, die ebenfalls derzeit am Ernestinum ihr Abitur macht und aus Rinteln kommt, aus: Die 17-Jährige war sich genau wie Jana Nordbruch unschlüssig über ein Studium und entschloss sich daher, über die Diakonie für ein Jahr ins Ausland zu gehen. „Allerdings war es für mich gar nicht so einfach, einen Platz bei einer Organisation zu bekommen, weil ich noch nicht volljährig bin“, erzählt sie. Bei den meisten Bewerbungen sei sie wegen ihres Alters abgelehnt und gebeten geworden, sich im nächsten Jahr zu bewerben. „Doch das würde mir für dieses Jahr nichts bringen und so habe ich weiter gesucht.“ Die Diakonie nahm sie letztlich an.

Für zwölf Monate wird sie ab August in Bamenda, der viertgrößten Stadt im afrikanischen Kamerun, arbeiten. Gemeinsam mit weiteren Freiwilligen aus verschiedenen Ländern wird Neubauer in einer HIV-Beratungsstelle Betroffenen helfen. „Das ich nach Kamerun gehe war eigentlich eher Zufall. Beworben hatte ich mich nämlich für Costa Rica, Argentinien und Indien, weil mich die Projekte dort sehr interessierten. Aber leider hatten diese Projekte zu wenig angemeldete Teilnehmer und wurden deshalb abgesagt. Die Mitarbeiter der Diakonie fragten mich dann, ob ich Lust hätte, nach Afrika zu gehen, und bei dem dortigen Projekt zu helfen“, berichtet Neuberg.

Bereits seit vier Wochen ist die Schülerin dabei, sich gesundheitlich auf diesen Aufenthalt vorzubereiten. Damit sie sich keine gefährlichen Krankheiten einfängt, hat sie von der Organisation eine Liste mit Impfungen bekommen, die sie vor der Abreise machen lassen muss. „Neben der Malariaprophylaxe muss ich mich gegen Polio, Typhus, Kokken, Gelbfieber, Tollwut und Hepatitis A und B impfen lassen“, zählt sie auf.

Ebenfalls zur – weniger gesundheitlichen denn sozialen – Vorbereitung gehörte ein Kennenlerntag in Hannover mit anderen Teilnehmern.

Die Kosten für die Fahrten zu den Vorbereitungs- und Kennenlerntreffen und die Schutzmaßnahmen werden der Abiturientin zurückerstattet. Bezahlen müsse sie lediglich das Flugticket. Mit freiwilligen Helfern aus aller Welt wird Neuberg in einem Wohnheim leben, in dem sie auch mit Essen versorgt werden. Vier von ihren Mitbewohnern kommen auch aus Deutschland, weiß sie.

Je näher der Tag der Abreise komme, desto mehr vermische sich die Vorfreude auf den Auslandsaufenthalt mit Angst. „Auch wenn es ein tolles Jahr wird und ich sicher viel erleben werde, werde ich mein Zuhause ein wenig vermissen. Meine Familie und Freunde, die ein wenig um mich besorgt sind, bleiben schließlich hier, und Afrika ist im Vergleich zu Deutschland doch gefährlicher“, sagt die Abiturientin.

Dass sie nach dem Abitur ins Ausland gehen würde, war ihr allerdings schon lange klar: „Meine Schwester hat ein ,Work and Travel‘ (englisch für Arbeiten und Reisen) in Australien gemacht, aber ich wollte nicht die ganze Zeit durch das Land reisen und mir an verschiedenen Orten Arbeitsstellen suchen, wie es beim Work and Travel üblich ist. Ich wollte lieber einen festen Standort, an dem ich viel mit Menschen zu tun habe und mit ihnen arbeiten kann.“

Besonders freut sich Neuberg vorab erst einmal auf ihren Geburtstag. „Denn die Ausflüge, die wir von der Diakonie aus in Kamerun machen, sind alle erst ab 18. Aber bis zu meiner Abreise bin ich das ja Gott sei Dank“, sagt die Abiturientin lachend.

Informationen: Nähere Informationen gibt es im Internet auf den Seiten: www.weltwaerts.de (offizielle Seite des BMZ); www.foej.de (Bundesarbeitskreis, umfangreiche Trägerliste im In- und Ausland); und auf den Seiten des diakonischen FSJ: www.diakonie.de (für Projekte in Deutschland) oder www.djia.de (für Projekte im Ausland).



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