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Eine der letzten ihrer Art

Ende einer Kultur: Rintelns letzte Videothek schließt

Sie war die erste Videothek in der Umgebung, die „Video-Insel“, die 1983 im Extertal ihre Pforten öffnete. Inzwischen heißt das Geschäft „World of Video“, und als eines der letzten seiner Art gibt es zum Jahresende auf. Der Niedergang der Videotheken zeigt, wie drastisch sich unser Medienkonsum in den letzten Jahren gewandelt hat.

veröffentlicht am 18.12.2017 um 08:32 Uhr

Die erste Videothek in Rinteln und Umgebung: die „Video-Insel“ im Jahr 1983 in Extertal-Bösingfeld. Zum Jahresende wird „World of Video“, wie das Geschäft inzwischen heißt, in der Stoevesandtstraße die Türen schließen. Damit zollt die Betreiberfamili

Autor:

Fenja Hentschel
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RINTELN. Es ist ein Geschäft aus einer anderen Zeit, als Menschen noch keinen Internetanschluss hatten und keine Filme online streamen konnten. Da kamen sie hierher. Besonders am Wochenende spazierten sie durch die Gänge, konnten sich nicht für diesen oder jenen Film entscheiden, diskutierten und nahmen dann doch mehrere mit. Insgesamt drei Videotheken hat es mal in Rinteln gegeben. Nur noch eine von ihnen ist übrig geblieben: die Videothek in der Stoevesandtstraße 7.

Es gab Zeiten, da wurden in der Videothek von Peter und Sabine Hofmann in Rinteln an einem Wochenende 600 Filme ausgeliehen. „Innerhalb von drei Tagen waren alle Filme weg“, erinnert sich Peter Hofmann (56), Geschäftsführer von „World of Video“.

Lang ist das inzwischen her. Und die Kundenfrequenz ist seitdem mehr als deutlich zurückgegangen. Das hat Folgen: Zum Jahresende wird das Geschäft geschlossen.

Kauf auf Vorrat: Stammkunde Jan Schacht (28) aus Rinteln deckt sich hier mit eine Stapel DVDs ein. „Damit kann ich zumindest die erste Zeit überbrücken“, sagt er. Fotos/Repro: feh
  • Kauf auf Vorrat: Stammkunde Jan Schacht (28) aus Rinteln deckt sich hier mit eine Stapel DVDs ein. „Damit kann ich zumindest die erste Zeit überbrücken“, sagt er. Fotos/Repro: feh
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Hofmanns persönliche Biografie beginnt im Jahr 1983 – gute Freunde wollen eine Videothek eröffnen und versuchen, das Ehepaar Hofmann zu überreden. Diese lehnten zunächst ab. „Ganz abgeneigt waren wir nicht. Irgendwann fuhren wir dann gemeinsam zu einem Großhändler, von dem wir die Filme beziehen sollten. Auf der Rückfahrt stand dann eigentlich schon fest, dass wir dieses Projekt gemeinsam angehen“, schmunzelt Peter Hofmann.

Und so begann die Erfolgsgeschichte. Die erste Videothek eröffneten die Freunde in Extertal-Bösingfeld, damals noch mit selbst gebauten Regalen. Kurze Zeit später folgte ein zweites Standbein mit der Videothek in Hessisch Oldendorf. 1985 wurde dann eine Filiale in Rinteln eröffnet, damals noch als „Video-Insel“ in der Bahnhofstraße.

Auch wenn das äußere Erscheinungsbild in den letzten Jahren wechselte, das Team hinter der „World of Video“-Videothek in der Stoevesandstraße war von Beginn an dasselbe. Während sich Peter Hofmann als Geschäftsführer um die organisatorischen Belange sowie die Buchführung kümmerte, betreute seine Frau Sabine währenddessen zusammen mit den Mitarbeitern das Geschäft.

Dennoch ist Peter Hofmann bewusst, dass sich die Zeiten geändert haben: „Der teuerste Film, den wir jemals im Geschäft hatten, war ‚Crocodile Dundee‘ aus dem Jahr 1986. Dafür haben wir damals 349 Mark bezahlt.“ So etwas würde in der heutigen Zeit gar nicht mehr funktionieren. Das Geschäft hat sich verlagert, Filmverleihe hätten nun einen anderen Stellenwert. „Dennoch: Die Videothek ist sozusagen unser Lebenswerk.“

Von den Boomzeiten der 80er-Jahre, als es in Deutschland fast 5000 Videotheken gab und die Umsätze über denen der Kinos lagen, kann die Branche nur noch träumen.

„Damals gab es ja nur drei Fernsehprogramme, das Kino und eben uns“ erklärt Hofmann. „Die Videotheken waren für den Home-Entertainmentbereich verantwortlich. Bei uns hat jeder den passenden Film für sich gefunden.“

Doch neben Streamingdiensten und dem Onlineverleih nutzen immer weniger Menschen den physischen Verleih. Die erste Krise hätten sie 2012 erfahren. „Wir haben gemerkt, wie die Absätze kontinuierlich zurückgehen“, erzählt Hofmann. Kurz darauf wurde die Filiale in Hessisch Oldendorf geschlossen. Dennoch sieht Peter Hofmann die Ursache der Krise des stationären Handels nicht in Streamingangeboten wie Amazon, Netflix & Co. Zwar entwickeln sich diese Video-on-Demand-Angebote (VoD) im Internet vermehrt zu einem neuen Standbein der Filmindustrie: Laut Branchenverbänden erzielten VoD-Angebote in Deutschland 2015 einen Umsatz von 579 Millionen Euro, Prognose: steigend.

Das Hauptproblem der Videotheken aber sei „das illegale Angebot im Netz“, erzählt Hofmann. „Hier erhalten die Kunden das Produkt, das in Videotheken gegen Entgelt geliehen werden kann, oft gratis.“ Solange dieses Angebot nicht deutlich eingeschränkt wird, sei kaum zu erwarten, dass es wieder mehr Videotheken gibt. „Das ist dann eben auch der Umsatz, der uns Filmverleihern fehlt. Und so was ärgert mich.“

Rund 2400 Videotheken hat es vor fünf Jahren noch in Deutschland gegeben. Davon blieb im Jahr 2016 gerade mal die Hälfte übrig. Filmverleiher geben ihr Geschäft auf, machen auf verkleinerter Fläche oder mit einem anderen Konzept weiter. So wie der Inhaber der Videothek in Hameln: „Wir haben unser Sortiment erweitert und bieten neben Filmen und Konsolenspielen auch Artikel für den Heimtierbedarf an. Zusätzlich verkaufen wir gebrauchte Filme im Internet.“

Im Online-Verkauf sieht der Geschäftsführer einen wachsenden Markt. Insbesondere Neuerscheinungen oder Klassiker seien bei den Kunden stark nachgefragt. Aber auch der Verkauf von Pornofilmchen läuft sehr erfolgreich. „Ohne die geht es eben nicht“, so der Inhaber. Neben der Videothek in Hameln betreibt der Geschäftsführer noch zwei weitere Filialen in Rodenberg und Hildesheim.

Viele der DVDs und Blu-Ray Discs stünden einige Wochen im Verleih und könnten so anschließend vergünstigt im Internet angeboten werden. „Wir haben unsere Geschäftsfläche räumlich aufgeteilt: auf der einen Seite den Heimtierbedarf, auf der anderen die Filme.“ Mit diesem Konzept will die „Cinema Home“-Videothek ihren Kunden ein breites Angebot präsentieren und dem deutschlandweiten Videothekensterben trotzen.

Seit gut einem Jahr verfolgt der Besitzer der Videothek nun diese Strategie – bis jetzt erfolgreich. Das Fazit: „Wir sind sehr zufrieden und die Kombination aus Videothek und Heimtierbedarf kommt bei den Kunden gut an.“ Für 2018 sei eine Vergrößerung geplant.

Kunden von Peter und Sabine Hofmann müssen sich ab Jahresende neu orientieren. „Ich suche noch nach einer Alternative, aber Amazon oder Netflix ist nichts für mich“, sagt Jan Schacht. Der 28-Jährige lässt sich lieber vor Ort von Sabine Hofmann beraten, kauft gleich mehrere Filme.

Viele Kunden schätzen die persönliche Beratung in der Videothek in der Stoevesandtstraße sehr. „Hier bekommt man einfach individuellen Service. Die Beratung ist ehrlich und Sabine kennt meinen Geschmack“, erzählt Heike Welsch (53). Am meisten wird sie es vermissen, sich die Filme vor Ort auszuleihen: „Da konnte man sich das Kino nach Hause holen und das Ganze hatte noch so einen Gemütlichkeits-Faktor.“

Winfried Dettmar (51) aus dem Extertal ist Kunde der ersten Stunde bei den Hofmanns. „Damals konnte man sich hier sogar einen Videorekorder ausleihen“, erinnert er sich. „Mit viel Glück war am Wochenende noch einer da. Da haben wir uns dann mit der Clique getroffen und ganze Filmnächte veranstaltet, mit Snacks und Getränken natürlich.“ Kunden bekamen bei den Hofmanns das Rundum-Sorglos-Paket für einen gemütlichen Filmeabend auf dem Sofa, inklusive Popcorn und Eis.

Diese Zeiten sind nun endgültig vorbei. Bis zum Jahresende läuft der Abverkauf. Für Filmeliebhaber und Schnäppchenjäger also noch mal die Chance, aus einem breiten Angebot die liebsten Filme zu vergünstigten Preisen zu kaufen. Für die Hofmanns: Das Ende einer Ära. „Wir haben uns damit abgefunden“, sagen sie.
Öffnungszeiten: Geöffnet ist die „World of Video“, Stoevesandtstraße 7 in Rinteln, montags bis freitags von 11 bis 20 Uhr sowie samstags von 10 bis 21 Uhr.

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