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Transall hat Wunstorf endgültig verlassen

Ende einer Ära

Wunstorf ist seit Anfang Juli die Ära der Transall Geschichte. Von Ruhestand kann für das Arbeitstier der Luftwaffe aber künftig keine Rede sein. Die Maschinen wechseln bis zu ihrer endgültigen Ausmusterung zum Fliegerhorst Hohn in der Nähe von Rendsburg und nach Penzig bei Landsberg/Lech. Zurück in Wunstorf bleiben eine Museums-Transall und Unmengen an Erinnerungen.

veröffentlicht am 08.07.2015 um 10:16 Uhr
aktualisiert am 10.07.2015 um 16:37 Uhr

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Dass das Arbeitspferd der Luftwaffe 2015 noch in der Luft sein würde, hatten sich die Konstrukteure in Deutschland und Frankreich in den sechziger Jahren wohl nicht vorstellen können. Ursprünglich waren die Flugzeuge für eine Einsatzzeit bis 1985 konzipiert. 1984 dann wurden 89 der Maschinen für eine Verwendung bis zum Jahr 2010 aufbereitet – und sie fliegen weiter.

Die Transall gilt unter Piloten als zuverlässiges Flugzeug. Trotzdem sind insgesamt drei Maschinen der Luftwaffe abgestürzt, eine davon war auf dem Fliegerhorst Wunstorf stationiert. Der zweite Unfall der deutschen Luftwaffe, bei dem Tote zu beklagen waren, geschah am 11. Mai 1990. Bei einem Flug vom Heimatstützpunkt auf dem Weg nach Landsberg kollidierte die „50+39“ des Lufttransportgeschwaders (LTG) 62 in der Nähe von Lohr am Main bei schlechten Wetterbedingungen mit einem Hang im Spessart. Keine der zehn Personen an Bord überlebte den Absturz. Bei einem anderen Flug berührte die „50+50“ der Luftwaffe am 22. September 2008 in der Nähe von Frielendorf in Hessen mehrere Baumwipfel, wobei Teile eines Höhenleitwerks abgetrennt wurden. Die Maschine des LTG 63 flog noch bis nach Wunstorf und konnte dort landen.

Dem LTG 62 in Wunstorf bleibt gegenwärtig nur eine Maschine, ein Airbus A 400 M. Dieser befindet sich derzeit in Inspektion. Also Lufttransportgeschwader ohne Flugzeuge? Geplant ist, dass noch zwei weitere Flugzeuge bis Jahresende nach Wunstorf geliefert werden. Zuverlässige Auskünfte aus Berlin gibt es dafür aber nicht. Dennoch: Für die Soldaten des LTG 62 beginnt unabhängig von etwaigen Lieferdaten die Ausbildung auf dem A 400 M: „Wir haben 16 Besatzungen hier“, erklärt LTG-Sprecher Peter Breuer. Der neue Flugsimulator geht in Betrieb. Und die Schulung auf dem hochtechnischen Gerät ist so perfektioniert, dass jede Stunde eins zu eins als Flugstunde angerechnet werden kann. Das hat einen weiteren Effekt: „Alles, was Sie über den Übungsbetrieb hier mit der Transall wissen, können Sie vergessen“, sagt er. Sogenannte Platzrunden oder auch etwas größere Schleifen rund um den Fliegerhorst wird es kaum noch geben: Die Piloten haben nur noch eine geringe Zahl von Pflichtstunden im Echtbetrieb: „Und die vorgeschriebenen Landungen muss man nicht unbedingt komplett in Wunstorf absolvieren“, sagt Breuer.

Kindertraum erfüllt

Es waren nicht immer die großen, humanitären Einsätze in mehreren Erdteilen, bei der die Hilfe der Transportflieger meist mit offenen Armen empfangen wurde. Auch im Umfeld des Fliegerhorstes erfüllten die Soldaten Kinderwünsche: Der blinde Schüler Hubert von Feldheim aus Bad Nenndorf hatte 1972 nur einen Wunsch: Einmal mit einer Transall zu fliegen. Der damalige Hauptmann Abromeit nahm ihn mit und erklärte ihm das Steinhuder Meer aus der Vogelperspektive. jpw

Von Wunstorf zu Einsätzen in aller Welt

Für Hilfs- und Militäreinsätze ging die Transall in Wunstorf in die Luft: 1989 mit Medikamenten nach Rumänien, 1990 mit Lebensmitteln in den Sudan und mit Hilfsgütern nach Russland, 1994 mit Hilfsgütern für Kurden und 1995 beim Bosnieneinsatz der Bundeswehr. 1999 wurde nach Mazedonien geflogen, um vertriebene Kosovo-Albaner zu unterstützen. Nach einer Hochwasserkatastrophe ging es im Jahr 2000 nach Mosambik, ab 2001 wird der Antiterroreinsatz in Afghanistan unterstützt und während der Unruhen in Libyen 2011 halfen die Wunstorfer Transall, Menschen aus dem Land auszufliegen. Aus den vielen Erinnerungen an die Einsätze in Afghanistan und in Sarajewo hebt Peter Breuer, Sprecher des Lufttransportgeschwader 62, ein Ereignis heraus: Während der Belagerung von Sarajewo und der damit verbundenen Luftbrücke wurde am 6. Februar 1993 eine Maschine im Anflug auf die bosnische Hauptstadt bei Karlovac von einer Rakete getroffen. Dabei zersplitterte ein Propellerblatt des rechten Triebwerks, von den umherfliegenden Teilen wurde der Ladungsmeister Wilhelm Wiegel aus Neustadt am Rübenberge getroffen und schwer verletzt. Er überlebte nach einer Notoperation im amerikanischen Militärkrankenhaus in Zagreb.jpw / dpa

Abschiedsvorstellung

„Business as usual“ bis zum Schluss beim Lufttransportgeschwaders 62 (LTG 62) auf dem Fliegerhorst: Wer letzte Woche die Nachtflüge mit der Transall gesehen hat, konnte rund 36 Stunden vor dem endgültigen Aus an eine geplante Abschiedsvorstellung der Flugzeuge denken. „Nein, es passte nur zufällig genau“, kommentierte LTG-Sprecher Peter Breuer. Er selbst war an Bord der beiden Maschinen, in denen Piloten für Einsätze geschult wurden. Breuer fotografierte, hoffte auf einen letzten Sonnenuntergang über dem Steinhuder Meer



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