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Gabriel Le Mar feiert zusammen mit Dr. Motte, dem Vater der Love-Parade, eine Party in Berlin

Elektrisches Gefühl

Ein heißer Nachmittag geht in Frankfurt-Bornheim in einen heißen Abend über. Gabriel Le Mar schiebt die Gardinen zurück und lässt die Abendsonne ins Studio fluten. Der Musikproduzent – Markenzeichen Glatze und Nerdbrille – hat sich seinen Arbeitsplatz inzwischen in seiner Wohnung eingerichtet. Die Zeiten, in denen er in zwei, drei Studios an einem Tag war, sind vorbei. Eine bewusste Entscheidung – nicht zuletzt für Frau und Sohn. An Technik steht in dem hohen Raum der Altbauwohnung, was sich in 20 Jahren Musikproduktion angesammelt hat: diverse Synthesizer und Effekteinheiten, verschiedene Controler, ein Ableton Live-Sequenzer und noch vieles mehr. Auch eine Gitarre und ein E-Bass hängen in der Ecke am Ständer. Ein Sofa, zwei Stühle und ein Regal haben gerade so Platz. An der Wand Erinnerungen an Aufenthalte in Indien, neben dem Fenster hängen chronologisch sortiert die Alben, die der 47-Jährige im Laufe der Jahre produziert hat. Über 30 sind es inzwischen. Das nächste kommt im August, es ist ein Solo-Album mit dem Titel „Stripped“. Zusammen mit Dr. Motte wird es außerdem das elektronische Listening Album RCO geben. „Das steht für Radical Chill Out“, erklärt Le Mar. In Arbeit sei zudem eine Platte mit dem britischen Sänger und MC „Marky J“, mit DJ und Produzent Steve Cole kooperiert er auf dessen Label Schallbox, und last but not least erscheint bald das neue Saafi-Brothers-Album „live on the roadblog“.

veröffentlicht am 15.08.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:25 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Als Teil der Saafi-Brothers hat Le Mar – der seinen wahren Familiennamen für sich behält – bereits diverse Track-Remixe von Größen wie Sven Väth, Paul van Dyk, Xavier Naidoo, Juli oder Anne Clark gemacht. Klanglich vereinigt das Projekt Elemente aus Dub, Techno, Ambient. Die Saafi-Brothers und das Folgeprojekt Aural Float, an denen unter anderem auch Alex Azary beteiligt ist, gehören zu Le Mars erfolgreichsten Produktionen. Hinter Aural Float verbirgt sich die musikalische Umgestaltung der legendären Space Night auf Bayern 3 TV. Zu den Nasa-Bildern – zuvor von Rockklassikern unterlegt – lief ab 1996 der elektronische Chillout-Sound von Aural Float. Die Musik, die besonders gern bei ausklingenden Raves eingespielt wurde, passte perfekt zur Atmosphäre von Weite, Abgehobensein, aber auch zu der Demut, die die Astronauten beim Blick auf die Erde wohl empfanden. Die Feuilletonisten der „Süddeutschen“, von „FAZ“ und „Spiegel“ feierten die neue Space Night, und unter Nachtschwärmern erreichte sie Kultstatus.

Le Mars persönliche musikalische Spannweite reicht von elektronischem Chillout über Dub hin zu verschiedenen Spielarten von House und Techno. Sie ist so breit wie Le Mars Inspirationsfeld: „Das ist eine Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, sagt Gabriel. „Ich bin einfach neugierig aufs Leben“. Seine musikalischen Wurzeln im Sog der elektronischen Musik der 90er zu suchen, wäre zu kurz gedacht. Schon als Kind, sagt der frühere Hamelner mit griechischen Wurzeln, wollte er nichts anderes werden als Musiker. Vielleicht liegt es an der Mutter, die in einem Beat-Schuppen in Iserlohn Platten auflegte, die heute noch in ihm nachklingen. Bereits als Zehnjähriger bringt er sich selbst Gitarrespielen bei. Als Gabriel 1980 von Berlin nach Hameln zieht, packt ihn die musikalische Aufbruchsstimmung, die sich damals auch in der beschaulichen Stadt ausbreitet. Der geniale Dilettantismus von Punk, Postpunk und New Wave prägt die Szene und bricht die Krusten des Bombast-Rock auf. „Unser Motto war: Jeder kann Musik machen, wenn er nur Bock drauf hat“, sagt er. Die Offenheit, die dieser Haltung eigen ist, hat Le Mar sich bis heute bewahrt. Während Techno-Größen der ersten Stunde wie Derrick May herumposaunen, Techno sei mausetot und darauf schimpfen, dass heutzutage jeder meint, elektronische Musik machen zu können, nur weil die technischen Möglichkeiten es erlauben, nimmt Le Mar sich an dieser Stelle bescheiden zurück. „Warum denn nicht?“, fragt er. Ein erfolgreiches Stück müsse nicht unbedingt musikalisch hochanspruchsvoll sein, es müsse einfach nur gut sein. „Darüber zu entscheiden, überlasse ich lieber dem Publikum“, sagt er. Gabriel nimmt einen Schluck original griechischen Kaffee, den seine Mutter hereingebracht hat. Sie ist zu Besuch aus Griechenland gekommen. Früher hat sie sich gewünscht, dass Gabriel etwas Ordentliches lernt. Heute spürt man ihren Stolz darauf, dass ihr Sohn es geschafft hat, das zum Beruf zu machen, woran sein Herz hängt.

Zurück in die 80er. Gabriel spielt in der Band „Clubcraft“ einem Überbleibsel der „Westdeutschen Christen“, einer Hamelner Band, die damals als deutsches Pendant zu Joy Divison gehandelt wird. Nebenbei legt er als DJ in der alten Hamelner Disko Novum auf, um Geld zu verdienen. „Ich habe Deejaying schon damals als Musikmachen empfunden, allerdings musste man die Platten damals für den Club kaufen.“ Ein Schlüsselmoment ist für Gabriel, als er bei John Peel’s Music on BFBS „Mad Professor meets Ruts TC“ hört. „Das war wie von einer anderen Welt“, erinnert er sich, „vielleicht ein bisschen so, wie für die Kids später Techno.“

Gabriel Le Mar (hinten links) mit der Hamelner Band Clubcraft. pr

Gabriel ist 17, als seine Mutter sich entscheidet, zurück nach Griechenland zu gehen. Er bleibt in Hameln und macht zunächst eine Lehre als Friseur. „Ich hatte im Hinterkopf als Maskenbildner ans Theater zu gehen.“ Doch die Lehre frustriert ihn. Auf sich gestellt, beginnt er Ehrgeiz zu entwickeln, holt sein Fachabitur nach und bewirbt sich im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschüle der Künste in Berlin. Von über 1000 Studenten werden 82 angenommen – Gabriel ist dabei. Parallel dazu macht er weiter Musik. Mit der Band Bamboo Industry, die eine Art japanisch angehauchten typischen 80er Synthi-Sound macht, landet er einen Major Deal bei Ariola und hat Auftritte neben den Idolen seiner Jugend: „Da standen bei einer Sendung des saarländischen Rundfunks auf einmal die Jungs von Cabaret Voltaire vor mir und ich dachte nur, das gibt’s doch nicht.“

Le Mar geht nach dem Studium nach Frankfurt und arbeitet zunächst noch als Art-Direktor. Parallel startet er die Dub-Nights im Frankfurter XS-Club, ist mehrfach als Gast-DJ bei der Hr3-Clubnight aktiv, die sich maßgeblich zum Sprachrohr für die Frankfurter Club-Szene entwickelt. Für die Fantastischen Vier bastelt er 1995 einen Remix von „Sie ist weg“ und auch als VJ ist er aktiv: Mittels Computertechnik gestaltet er abstrakte Bildkompositionen zur Musik. Davon hat er sich inzwischen verabschiedet. Zu viel Aufwand für eine schnelllebige Kultur, sagt er, „das ist wie mit Kanonen auf Spatzen schießen.“ Nicht nur die Rasanz, mit der selbst erfolgreiche Musik heute dem Vergessen anheimfällt stimmt ihn bisweilen nachdenklich, auch die Entwertung durch die Hype-Maschine Internet bereitet ihm Sorgen. „Bald können es sich nur noch Hobbyisten und Erben leisten, Musik zu machen“, sagt er. Bei dem Thema fällt Gabriel Le Mar so einiges ein, was er kritisch sieht. Wie zum Beispiel die Reihenfolge, die stimme einfach nicht mehr: „Heute produzieren Musiker Platten, um darüber auf ihre Live-Acts aufmerksam zu machen, über die sie das eigentliche Geld verdienen.“ Seinen Beruf stellt er deshalb nicht infrage. Und auch der Rat seiner Mutter, „erst mal was Ordentliches zu lernen“, sei nicht umsonst gewesen. „Das hat mir geholfen, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben.“ In Frankfurt ist es inzwischen fast dunkel. Gabriel Le Mar klickt im Netz einige Dub-Stücke an. Dub sei der musikalische Sound, der sich wie ein roter Faden durch seine Musikkarriere ziehe. „Dub ist nicht nur Reggae, sondern eine Denke, wie Musik produziert wird“, sagt er. Das wichtigste dabei sei die Reduktion. „Hör mal“, sagt Gabriel, auf Youtube läuft „Guns of Brixton“ von The Clash, „die waren in England damals schon viel mehr als wir vom Dub beeinflusst.“ Er klickt weiter. Das Intro von „Bela Lugosi is dead“, finsterer Postpunk aus den 80ern von Bauhaus, erklingt. „Das ist doch astreiner Dub“, sagt Gabriel Le Mar. Und plötzlich wird es ganz deutlich, was er meint, wenn er sagt, Inspiration kommt für ihn aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Termin: Dr. Mottes „birthday celebration“ findet am Samstag, 16. August, ab 23.59 Uhr im „Magdalena“ an der Schillingsbrücke in Berlin statt. www.le-mar.de.

Er ist Musiker, DJ, Produzent und Video-Künstler. Mehr als 30 Alben hat der Frankfurter, der in Hameln aufgewachsen ist, bis jetzt herausgebracht. Mit seinen Projekten remixte er Paul van Dyk, Sven Väth, A-Ha, Ich+Ich, Xavier Naidoo, solo den Fanta-4-Hit „Sie ist weg“. Am Samstag ist er in Berlin bei Dr. Mottes Birthday-Party zu sehen und zu hören.



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