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Spinnen, Fliegen und Co. – was wir von ihnen halten und wofür sie eigentlich da sind

Eklig oder hilfreich?

Da sitzt diese Spinne in der Badewanne. Vergeblich versucht sie, die glatte Keramikwand hochzukrabbeln, um der Falle zu entkommen. Was tun, wenn man baden will? Für viele ist das gar keine Frage: Wasser aufdrehen und Spinnentier wegspülen. Andere holen den Staubsauger, schwupps eingesaugt, aus den Augen, aus dem Sinn. Und dann gibt es tatsächlich auch Menschen, die Mitleid mit der Spinne empfinden. Wenn sie sich nicht ekeln, fangen sie sie mit der Hand ein, wenn doch, mit einem Glas, und schmeißen sie dann aus dem Fenster. Was mich betrifft, ich hab die Spinne in den Ausguss geschwemmt. Und schäme mich dafür.

veröffentlicht am 15.02.2016 um 17:27 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 09:16 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Dabei kenne ich nur einen einzigen Menschen in meinem Umfeld, der die Spinne gerettet hätte. Der überhaupt alle Krabbeltiere und Insekten verschont, egal, ob Mücken, Fliegen, Wespen oder eben Spinnen. Das ist meine Schwester. Sie ist ein kleines bisschen anstrengend mit ihrer umfassenden Ehrfurcht vor dem Leben. Im Sommer-Ferienhaus, wo sich die ganze Familie trifft, wimmelt es immer von Fliegen. Es wäre so einfach, sie mit dem Staubsauger einzusaugen, aber das ist in Gegenwart der Schwester streng verboten. Sie hat einmal gesehen, wie ein Staubsaugerbeutel geleert wurde und lauter halbtote Fliegen entließ.

Sorgfältig sucht sie

Wände und Decken nach Mücken ab

Also lehrte sie uns die Kunst, Fliegen mit dem Glas einzufangen, wirklich eine Kunst, denn die flinken Insekten weichen bei Gefahr mit einer schnellen Rückwärtskurve aus, das muss man einberechnen. Inzwischen sind wir alle Meister darin und wissen auch, dass man die Fliegen im Glas erst mehrere Meter von der Haustür entfernt freilassen darf, wenn man nicht will, dass sie im Zickzackflug sofort wieder ins Haus zurückflitzen. Das Zu-Bett-geh-Ritual meiner Schwester kann sich im Sommerhaus durchaus hinziehen. Sorgfältig sucht sie Wände und Decken nach Mücken ab, die dann eingefangen werden. Wie ernst sie das alles meint, wird so richtig deutlich mit der Tatsache, dass sie, die an einer ausgewachsenen Spinnenphobie leidet, auch diese Tierchen höchstpersönlich im Glas nach draußen setzt.

Die Schwester ist Vegetarierin. Was sagt denn da erst ein Veganer wie Kai Jürgens, der im Rintelner Bioladen „Querbeet“ arbeitet. Veganer verzichten nicht nur auf Fleisch und Fisch, sondern ebenso auf Eier und Milchprodukte, und meistens darüber hinaus auch auf Bienenhonig und überhaupt alles, was irgendwie mit Leid und Ausbeutung von Tieren zu tun hat. „Na ja, es gibt solche und solche Veganer“, sagt er. „Wenn mich eine Fliege stört, scheuche ich sie weg. Mücken klatschen? Ja, bevor ich mich stechen lasse. Ehrlich gesagt, ausgeprägtes Mitgefühl mit Insekten, das heißt für mich, am falschen Ende zu sparen. Jedes Zebra, jeder Gorilla würde Fliegen platthauen. Da sehe ich das Thema Tierleid nicht.“

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  • Arbeitsam: die Ameise.
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  • Schmerzhaft: die Mücke.
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  • Emsig: die Biene.
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  • Gefährlich: die Heuschrecke.
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  • Ekelig: die Fruchtfliege.
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  • Für viele Menschen ein unangenehmer bis furchteinflößender Anblick: Eine Spinne sitzt in ihrem Netz. Foto: Dana
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Ihm geht es bei seiner veganen Ernährungsweise darum, nicht teilzuhaben an der modernen Massentierhaltung. Die Spinne in der Badewanne hätte er ohne weiteres weggespült. Würde er so was in einem Veganer-Forum berichten, hätte er freilich harten Gegenwind zu erwarten. Dort streitet man sich darüber, inwiefern Insekten und Spinnentiere Todesangst und Schmerz empfinden können, ein Streitpunkt, den auch die Naturwissenschaft bisher noch nicht wirklich klären konnte. Um Schmerz zu spüren, müssen Reize, die zum Beispiel durch Verletzungen entstehen, auch weitergeleitet werden. Dazu sind sogenannte „Nozizeptoren“ nötig, Schadenssensoren, die die allermeisten Insekten nicht besitzen. Deshalb wohl fressen Heuschrecken auch dann weiter, während sie selbst gefressen werden, Bienen trinken ihren Nektar auch dann, wenn man ihnen den Hinterleib abgetrennt hat.

Andererseits: Ausgerechnet bei der kleinen Fruchtfliege Drosophila melanogaster, das am besten untersuchte Insekt überhaupt, fanden amerikanische Wissenschafter doch solche Schmerzsensoren, und in Experimenten zeigte sich, dass diese Fruchtfliegen in der Lage sind, schädlichen Hitzequellen auszuweichen. Und wenn auch Nachtfalter ungebremst ins tödliche Kerzenlicht fliegen, so kann doch kein Zweifel bestehen, dass etwa die Badewannen-Spinne alles versucht, um nicht im Wasserstrudel mitgerissen zu werden. Eines scheint ziemlich klar zu sein: Auch Insekten kämpfen um ihr Leben. Und es wirkt „verzweifelt“, wenn sie vergeblich darum kämpfen.

„Wenn wir schon nicht wissen, ob Insekten Schmerz empfinden, so sollten wir doch darauf achten, was mit uns geschieht, wenn wir sie achtlos töten“, sagt Michael Schmidt aus Bad Eilsen, Ratsmitglied der Deutschen Buddhistischen Union. „Alles, was wir tun, fällt auf uns selbst zurück.“ Aus Versehen auf eine Ameise zu treten, sei in den Augen eines Buddhisten unschädlich für das eigene „Karma“, anders als ein Tier unnötigerweise und mit voller Absicht auszulöschen. „Die Grundeinstellung eines Buddhisten bedeutet Wohlwollen der Schöpfung gegenüber. Es schadet uns selbst, wenn wir aggressiv handeln.“ Ob das der Grund ist, warum ich immer noch an diese Spinne denke, für die ich kein Retter, sondern ein Ungeheuer war?

Oswald Hensel ist Imker in Brakel und führt eine der größten Imkereien Deutschlands. „Aus Freude an der Natur, aus Begeisterung für ihre Vielfalt und aus Liebe zu den Bienen haben wir die Imkerei zu unserem Lebensinhalt gemacht“, heißt es auf seiner Webseite. Wie geht er damit um, dass er wohl zwangsläufig bei seiner Arbeit auch Bienen tötet? „Wieso?“, fragt er. „Wir töten keine Bienen. Wir leben ja von und mit ihnen.“ Aber sterben denn nicht immer wieder Tiere, zum Beispiel, wenn man Honigwaben entnimmt oder Bienenstöcke transportiert? Ja, sagt er, das komme bei vielen Imkern vor. Er aber tue alles, um seine Bienen zu schonen.

Wenn Oswald Hensel und sein Team mit den Stöcken zu den Bio-Getreidefeldern mit den unendlich vielen blauen Kornblumen an die Müritz reist, dann tun sie das nachts, damit die Bienen nicht in Stress geraten. Muss er direkt an den Waben arbeiten, dann pustet oder fegt er die Tiere nicht einfach, denn dann landen flügellose Jungbienen im Gras und verenden. In seiner Imkerei benutzt man „Bienenfluchten“, die den Tieren den Rückweg vom Brutraum zu den Honigwaben versperren. „Jede einzelne Biene, die stirbt, fehlt dem Volk“, sagt er. Aber auch von diesem Nützlichkeitsgedanken abgesehen, könnte er sich niemals vorstellen, seine Völker so auszubeuten, wie das etwa bei der Mandelbaum-Bestäubung im Akkord auf den riesengroßen Plantagen in den USA üblich ist.

Spinnen dürfen

sogar in ihrer Wohnung leben

Tierschutzgesetze gelten nicht für Insekten. Niemand kann dafür bestraft werden, wenn er sie unnötigerweise tötet oder gar quält. Und oft genug muss man Insekten aus Gründen des Selbstschutzes töten. „Wenn Sie einmal gesehen haben, was auf einer Nährlösung alles heranwächst, nachdem eine einzige Fliege sie berührt hat“, sagt Dr. Iris Heinrich vom Veterinäramt Schaumburg, „dann vergeht das Mitleid ganz von selbst.“ Auch zum Beispiel mit Lebensmittelmotten kenne sie kein Erbarmen. Oder mit Hundeflöhen, mit Mücken und überhaupt allen Insekten, die gar nicht anders können, als dem Menschen zu schaden.

„Die Frage ist doch, warum wir sie töten“, meint sie. „Was auf mich losgeht, das hau ich um.“ Aber Wespen zum Beispiel würde sie nicht umbringen, sondern stattdessen darauf verzichten, den Obstkuchen auf der Terrasse zu essen. Und Spinnen dürfen sogar in ihrer Wohnung leben. „Die tun doch nichts, sondern fangen sogar die Mücken ein.“ Und wenn man vor Spinnen Angst und Ekel verspürt? „Da habe ich einen guten Tipp“, sagt sie. „Man gibt ihr einfach einen Namen, ,Ekelspinne‘ oder besser noch ,Ludmilla‘ – dann vergeht die Angst von ganz alleine.“

Was nun die arme Spinne in meiner Badewanne betrifft, die ich so unbarmherzig in den Abfluss trieb, da hat Iris Heinrich einen überraschenden Trost für mich: „Die lebt noch“, davon geht sie aus. Die Spinne habe sich zusammengekugelt, das machten Spinnen so, sei auf diese Weise unbeschadet in der Kanalisation angekommen und dann aus dem Wasser gekrochen. Das klingt gut – und ich will es jetzt einfach mal glauben …



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