weather-image
×

Einzelhändler wettern gegen Tabak-Gesetz

Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit! – Diese Botschaft dürfte wohl jeden einzelnen Bürger in der EU erreicht haben. Trotzdem wird weiterhin geraucht, allen Gefährdungen für die körperliche Gesundheit zum Trotz. Da scheint es nur einleuchtend zu sein, dass jetzt die europäischen Tabakproduktrichtlinien von 2001 überarbeitet werden, mit dem erklärten Ziel, den Tabakkonsum insgesamt einzudämmen.

veröffentlicht am 23.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:16 Uhr

ri-cornelia2-0711

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Am meisten Aufsehen machte bisher der Vorschlag, alle Zigaretten- und Tabakpackungen mit Schreckensbildern von Krebsgeschwüren und verfaulten Raucherbeinen zu versehen. Naturgemäß sind Tabakindustrie, Zulieferer und Einzelhändler empört. Doch betrachtet man das gesamte Änderungspaket, das im März dieses Jahres verabschiedet werden soll, fallen auch nicht unmittelbar Betroffenen jede Menge Ungereimtheiten auf.

Um Abschreckung und Aufklärung soll es gehen, um den Schutz der Gesundheit und Verminderung der Schäden, die der Tabakkonsum anrichten kann. Um das zu erreichen, will man Tabakprodukten so viel wie irgend möglich von ihrer Attraktion nehmen, durch abstoßende Verpackungen im Einheitsstil und genormter Größe; durch das Verbot, Hüllen anzubieten, unter denen man die Raucherlungenbilder und groß gedruckten Warnaufschriften verbergen könnte, oder durch das Verbot von Aroma-Zusatzstoffen wie zum Beispiel Menthol und solchen Aromatisierungen, wie sie traditionell für Kau- und Schnupftabak eingesetzt werden.

Neben den Zigaretten (seltsamerweise nicht aber Pfeifen und Zigarren) sind auch rauchlose Tabakprodukte von den geplanten Änderungen betroffen, darunter Kau- und Lutschtabake und sogar die E-Zigarette, die gar keine Tabakprodukte enthält, sondern künstliches Nikotin, das in einer aromatisierten Flüssigkeit gelöst ist, welche dann verdampft und eingeatmet wird. Die Vorschläge, die sich auf Kautabake und E-Zigaretten beziehen, würden, da sind sich Kenner einig, das Aus für diese Rauch-Alternativen bedeuten, deren Nutzung doch, darüber besteht ebenfalls Einigkeit, wesentlich weniger gefährlich ist als das Einatmen von Zigarettenrauch.

Krebsgeschwüre, faule Zähne, Raucherbeine: Zigarettenschachteln sollen demnächst vor allem eine abschreckende Wirkung haben. Fotos: dpa

„In meinen Augen sind die geplanten Änderungen der Tabakproduktrichtlinien einfach nur verlogen“, sagt Matthias Junk, dessen Hamelner Unternehmen seit 60 Jahren inzwischen etwa 3000 Tabakwaren-Einzelhändler mit Feinschnitttabaken, E-Zigaretten und Raucherzubehör beliefert. „Man weiß doch längst aus Ländern wie Irland und Belgien, dass Schockbilder auf Zigarettenpackungen kein Umdenken im Rauchverhalten bringen. Was sich aber auf gefährliche Weise ändern wird, ist, dass Zigaretten verstärkt im Discounter gekauft werden, weil man die Marken nicht mehr wird voneinander unterscheiden können. Auch gefälschte Schmuggelware im originalen Design wird verstärkt Konjunktur haben und damit Zigaretten, deren Inhaltsstoffe nicht geprüft sind.“

Die Abschreckungsstrategie ist für ihn ein eher blinder Aktionismus, um den Anschein zu erwecken, es werde etwas in Sachen Prävention getan. „Leiden werden die 25 000 Einzelhändler in Deutschland. Der Tabakwarenhandel kann nur durch Vielfalt im Angebot überleben. Welcher Händler will seinen Laden mit unendlich vielen Fotos von der Krebsstation schmücken? Die Kunden werden sich auf die Schnelle beim Discounter oder der Tankstelle bedienen, zumal es durch das Verbot von Aromastoffen ja eh kaum noch Geschmacksunterschiede der Tabake gäbe. Ich gehe davon aus, dass kaum ein Einzelhandel die Einführung der neuen Richtlinien überleben würde.“

Tabakwarengroßhändler Mario Consentino, Geschäftsführer in der Tabakwaren Union Barkow in Bad Nenndorf, sieht das nicht anders: „So etwas betrifft auch die Nichtraucher“, sagt er. „Einheitsverpackung bedeutet, dass aufgrund fehlender Werbemöglichkeiten eine Preisschlacht beginnt, die die Preise runterdrücken wird. Wenn dann der Zeitungsladen mit Lottostelle oder der Kiosk von nebenan schließt, weil die Haupteinnahmequelle versiegt, ist das ein Verlust für alle.“ Nützen werden die geplanten Richtlinienänderungen nichts, meint er.

„Wir als Zigarettenautomatenaufsteller sehen zum Beispiel, wie Schüler, die sich nun nicht mehr ohne Alterslegitimation an den Automaten bedienen können, stattdessen illegale Produkte konsumieren. Produktpiraten werden sich freuen, wenn die Vorschläge durchkommen.“

Claus Hertwig, Einzelhändler in Bückeburg, hat sich bereits auf die kommenden Änderungen vorbereitet. Er verkauft neben Tabakwaren auch Geschenkartikel, Süßigkeiten, spezielle Gummibärchen und eine sehr große Auswahl an Zeitschriften. „Ich glaube, dass reine Tabakläden keine Überlebenschance hätten“, sagt er. „Sie haben dann ja auch nur noch eine geringe Auswahl anzubieten und müssen ihre Geschäfte von Grund auf umgestalten, denn mit der Vereinheitlichung der Packungsgrößen und dem Verbot von geschmacksverändernden Zusatzstoffen fallen viele Artikel einfach weg, es gibt sie nicht mehr.“ Er ist froh, dass, sollte der Vorschlag für die Richtlinien angenommen werden, wenigstens noch zwei bis drei Jahre Zeit bleiben, bis die Neuheiten greifen.

Im Rintelner Tabakwarengeschäft Exner hofft man noch, dass die Änderungsvorschläge so nicht durchgehen werden. „Meine Firma plant jedenfalls gerade eine neue Werbung, also gehe ich mal davon aus, dass individuelle Werbung doch weiterhin gestattet sein wird“, so Kerstin Exner. „Ich will mich nicht verrückt machen, bevor nicht klar ist, wie die EU entscheiden wird.“

Tatsächlich wäre es ein starker Eingriff in die Eigentumsrechte der Tabakindustrie, wenn im März über Jahrzehnte kreierte Marken mit einem Handstreich quasi ausgelöscht würden. So ist es insgesamt kein Wunder, dass in Brüssel über 85 000 Einwendungen gegen die geplanten Regulierungen eintrafen (normalerweise gibt es bei Kommissions-Konsultationen höchstens 500 bis 1000 Stellungsnahmen).

Zu den Kritikern gehören unter anderem auch die Nutzer von E-Zigaretten. Sie fühlen sich als Opfer einer bereits im letzten Jahr begonnenen Kampagne gegen ihre „Dampfen“, die, so sieht es aus, vom freien Markt gefegt werden sollen. E-Zigaretten werden in überwältigender Mehrzahl nicht von Neukonsumenten des Nikotins genutzt, sondern von ehemaligen Rauchern, die auf diese Weise weiterhin genüsslich Nikotin konsumieren können, ohne dabei die krebserregenden Substanzen verbrannten Tabaks zu inhalieren. Nun soll der Nikotingehalt frei verkäuflicher Dampfer-Liquids so drastisch eingeschränkt werden, dass kein Nikotinsüchtiger auf diese Weise befriedigt werden könnte.

„Es ist vorprogrammiert, dass E-Zigarettennutzer wieder zum Tabak und damit zu einer eindeutig viel schädlicheren Form der Nikotinaufnahme zurückkehren werden“, sagt Matthias Junk. „Die geplante Regulierung ist hier eindeutig das Gegenteil einer verantwortungsbewussten Gesundheitspolitik, zumal auch Nichtraucher davon profitieren, wenn statt Zigarettenrauch nur ein ungefährlicher Dampf in der Luft liegt.“

Während der britische Nichtraucherverband ASH UK und die staatliche (Gesundheits-) Organisation „Udge Unit“ sich aufgrund der viel geringeren Schädlichkeit entschieden für die Förderung eines Umstiegs von Tabakzigarette auf die E-Zigarette aussprechen, will die EU für das Gegenteil sorgen. „Liquids mit höheren Konzentrationen sollen zum Arzneimittel erklärt werden“, so Junk. „Kein Wunder, dass sich Tabakkonzerne bereits auf dem E-Zigarettenmarkt einkaufen. Nur sie und die Pharmaindustrie können es sich leisten, die kostenaufwendigen Untersuchungen für die jeweilige Zulassung als Arzneimittel zu finanzieren. Die freien Hersteller können einpacken.“

Verboten bleiben soll der schwedische „Snus“, ein Lutschtabak, den man unter die Oberlippe klemmt, wo er nach und nach Nikotin freigibt. Schweden, dessen Lungenkrebsstatistik signifikant unter der aller anderen europäischen Länder liegt, konnte bei seinem Eintritt in die EU durchsetzen, dass der weitverbreitete Snus im eigenen Land gehandelt werden darf, in Finnland dagegen ist der dort ebenfalls beliebte Snus seit dem Eintritt in die EU nur noch als Schmuggelware erhältlich. Dort hatte man sehr auf eine Freigabe gehofft. Deutschen Händlern wird das Handelsverbot mit Snus zwar nicht viel ausmachen, doch, so Matthias Junk, bleibe es schwer einzusehen, warum Zigaretten erlaubt sind, eine weniger schädliche Variante des Tabakkonsums aber unterbunden bleibt.

Die EU setzt voll und ganz auf Abschreckung: Demnächst werden die Richtlinien für Tabakprodukte verändert. An dem Gesetz, das im März verabschiedet werden soll, gibt es etliche Ungereimtheiten. Kenner der Branche bezeichnen die neuen Richtlinien sogar als „verlogen“.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt