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Raus aus dem Kurbereich: Als Bad Pyrmont einen neuen Gerichts- und Gefängniskomplex bekommt

Einst Gefängnis - heute spielen dort Kinder

BAD PYRMONT. Wo die Bad Pyrmonter und ihre Gäste heute so gerne in Büchern stöbern, vertieften sich einst die Juristen in ihren Akten. Das Gebäude wurde Anfang vorigen Jahrhunderts als Amtsgericht gebaut und erst viel später zur Stadtbibliothek umfunktioniert. Und im ehemaligen Gefängnis ist inzwischen die Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes untergebracht.

veröffentlicht am 05.01.2019 um 10:30 Uhr

Das Pyrmonter Gerichtsgebäude wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Es erhielt Elemente der Weserrenaissance. Foto: Stadtarchiv

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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In den Jahren 1905 bis 1907 wird gemeinsam mit dem Fürstenhaus Waldeck-Pyrmont und dem mächtigen Staat Preußen der Bau eines modernen Amtsgerichts und eines benachbarten Gefängnisses in Pyrmont realisiert. Architekt ist Regierungsbaumeister Wilhelm Trautwein. Er gestaltet in Abstimmung mit dem Ministerium für öffentliche Arbeiten ein Gebäude im Stile der Weserrenaissance. Die Gesamtbaukosten betragen rund 130 000 Mark, davon entfallen 30 400 Mark auf die Nebengebäude Gefängnis und Dienstwohnung für den Gefängniswärter. Warum diese hohe Investition in ein solches Projekt? Das „Zentralblatt der Bauverwaltung“ erklärt dies 1909 in einem zweiseitigen Beitrag: „Das mit einem Richter besetzte Amtsgericht war bisher in völlig unzulänglichen Räumen, in einem Teile vom Erdgeschoss des früheren Fürstlichen Badehotels, untergebracht, das schon vor langen Jahren bis auf diesen Teil in Privatbesitz übergegangen war. Das inmitten der Badehausbauten stehende Gefängnis genügte weder den Ansprüchen an Gesundheitlichkeit, auch an Feuersicherheit. Zudem fehlte ein geschlossener Hof für die Beschäftigung und Bewegung der Gefangenen. Es wurde daher der Neubau des amtsgerichtlichen Geschäfts- und Gefängnisgebäudes nach Verhandlungen zwischen Preußen, das die Verwaltung der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont führt, und der waldeckischen Landesvertretung im Jahr 1905 begonnen und nach zweijähriger Bauzeit vollendet.“

Im April 1907 findet im „Hotel zur Krone“ an der Brunnenstraße die Einweihungsfeier statt. Das Fürstliche Amtsgericht annonciert im „Pyrmonter Anzeiger“ unter „Bekanntmachung“: „Die Geschäftsräume des Amtsgerichts befinden sich vom 22. April 1907 ab im neuen Amtsgerichtsgebäude. Pyrmont, den 19. April 1907.“

Mitten in den friedlichen Anlagen unseres Kurortes, auf dem Heiligen Anger und sogar auf dem Badehause selbst, wird, horribile dictu, ein Kriminalgefängnis aufgeführt.

„Pyrmonter Wochenblatt“, 1851

Schon in der Renaissancezeit wurde auf der „Veste Pyrmont“ Recht gesprochen. Die beiden Gefängniszellen und die Wachkammer linker Hand vom Eingang zur Festungsanlage dienten als kleiner Hafttrakt, der auch bei der Überbauung zur barocken Sommerresidenz diese Funktion erfüllte. Das Gericht tagte im 18. Jahrhundert im Kommandantenhaus, einer Art Verwaltungssitz auf der Schlossinsel. 1814 trennten sich Gericht und Verwaltung nach der in Frankreich ausgeprägten Lehre von der Gewaltenteilung. Das Oberjustizamt, bis 1826 noch unbesetzt, war für einfache Zivilprozesse zuständig. Themen waren unter anderem Garten- und Felddiebereien, Täter, „die an den in Gärten befindlichen Gebäuden, Türen und Mauern Schaden üben, es mag solches aus Habsucht oder aus Bosheit geschehen“. Tragen eines Maulkorbs, für eine Stunde an den Strafpfahl geführt und eine Stunde dort angeschlossen zu werden, waren die harmloseren Formen der Bestrafung. War ein Verurteilter nicht in der Lage, eine hohe Geldstrafe zu zahlen, drohten neben dem Anbinden am Strafpfahl oder Schläge harte Zwangsarbeit oder Kerkerarrest – immer noch in den Gefängnisräumen des Schlosses.

Grafik: Stadtarchiv
  • Grafik: Stadtarchiv
Heute befindet sich in dem Gebäude die Stadtbibliothek. Foto: Stadtarchiv
  • Heute befindet sich in dem Gebäude die Stadtbibliothek. Foto: Stadtarchiv

1851 wurde im Fürstenhof direkt am Brunnenplatz das „Kriminalgefängnis“ eingerichtet, sehr zur Entrüstung der Pyrmonter Bürger. „Mitten in den friedlichen Anlagen unseres Kurortes, die dem Kurgaste Ausspannung, Erholung von des Lebens verworrenen Kreisen bieten und gewähren sollten, auf dem Heiligen Anger und sogar auf dem Badehause selbst, wird, horribile dictu, ein Kriminalgefängnis aufgeführt.“ So formulierte es C. J. Bermann in dem von ihm herausgegebenen „Pyrmonter Wochenblatt“. Diese Sicht wird dazu beigetragen haben, mit einem Neubau von Amtsgericht und Gefängnis an der Bismarckstraße oberhalb des Kurzentrums die Situation zu verbessern.

Der Komplex wirkt wie ein herrschaftliches Gebäude mit burgartigem Charakter. Die Giebel, Türmchen und festungsartigen Mauerelemente im Stil der Weserrenaissance erinnern an die Architektur zur Blütezeit der Region im 16. Jahrhundert. Der Schriftzug „Fürstliches Amtsgericht“ sowie das Waldecker Allianzwappen sind noch heute zu sehen. Bedeutungsträchtig sind zwei Reliefs rechts und links der beiden Türen: Auf der linken Seite befindet sich die Darstellung eines Wiesels, der sich dem Nest eines Vogels nähert; drei Vogelkinder sind in hoher Aufregung, die Vogelmutter versucht, den Angriff abzuwehren. Auf der rechten Seite der Tür zeigt das Relief einen Adler, der den Wiesel in seinen Klauen trägt. Die Botschaft ist eindeutig: Der (preußische) Adler schützt die Untertanen, die Schwachen und die Hilflosen. Mag sein, dass in dieser kleinen Fabel der Wiesel zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Das Gefängnis ist nur wenige Meter von diesem Gerichtsort entfernt.

Auch das neue Gefängnis an der Kreuzung von Bismarck- und Lägerstraße (heute Forstweg) ist ein Gericht für Bagatellfälle; das Kreisgericht in Arolsen befasst sich mit den komplizierteren Angelegenheiten. Am 9. Juli 1907 ist im „Pyrmonter Anzeiger“ zu lesen, was im örtlichen Amtsgericht in nächster Zeit verhandelt wird: „Mess- und Marktsachen, Streitigkeiten zwischen Vermietern und Mietern von Wohnungs- und anderen Räumen wegen Überlassung, Benutzung und Räumung derselben, sowie wegen Zurückhaltung der vom Mieter in die Mieträume eingebrachten Sachen; Wechselsachen; Bausachen, wenn über Fortsetzung eines angefangenen Baues gestritten wird.“

Auf Amtsgerichtsrat Siegmund von Bardeleben folgen eine Reihe weiterer Richter, bis das Gericht 1973 geschlossen wird. Es untersteht zuletzt dem Landgericht Hannover und dem Oberlandesgericht Celle, aber im Zuge der Gebietsreformen und damit verbundenen Rationalisierungsmaßnahmen werden flächendeckend – wie schon beim Finanz- und beim Zollamt – Verwaltungsaufgaben eingespart. Das Aus gilt unter anderem auch für die Amtsgerichte in Coppenbrügge, Lauenstein, Polle und Springe. Durch die kommunale Gebietsreform vom 20. Februar 1974 erhält Bad Pyrmont vom Land Niedersachsen einen finanziellen Ausgleich. Die „Pyrmonter Nachrichten“ titeln am 22. September: „Amtsgericht ade – aber 1 Million Schmerzensgeld.“

Ein Teil dieses Geldes wird verwendet, um im Gerichtsgebäude 1978 die Stadtbibliothek und das Stadtarchiv zu etablieren. Das Gefängnis wird zunächst als Außenstelle des Hamelner Staatshochbauamtes nachgenutzt, aber nach Auslaufen der großen Bauprojekte, etwa der Renovierung von Festung und Schloss, findet dort der Kinderschutzbund seine Heimat. Heute wird der Gefängnishof als Spielplatz genutzt. Und die ehrwürdigen Räume des Amtsgerichtes, gerade der holzvertäfelte Gerichtssaal, entführen die lese- und bilderbuchbegeisterten Kinder in die freie Welt der Fantasie.



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