weather-image
13°

Die Sache mit den Jugendparlamenten – viele haben wegen mangelnden Interesses nicht lange überlebt

Eingeschlafen

Eine neue Skateranlage? Ein Jugendzentrum oder billige Busfahrtickets? Es gibt auch in der Lokalpolitik Themen, die Jugendliche in ihrem Alltag unmittelbar betreffen. Nach ihrer Meinung werden die Teenager aber nicht immer gefragt. Dabei sieht es sogar das niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz vor, Kinder und Jugendliche bei Planungen, die sie betreffen, angemessen zu beteiligen. Aber wie kann eine solche Beteiligung aussehen?

veröffentlicht am 17.02.2014 um 00:00 Uhr

270_008_6937636_hin222_1702.jpg

Autor:

von kirsten elschner, Ulrich Kilian, Christian Branahl und Matthias Aschmann

Die Gründung von Jugendparlamenten hat es im Weserbergland jedenfalls nicht weit gebracht. Über die Theorie ist die Idee in vielen Kommunen nicht hinausgekommen. Meist kam es gar nicht erst zur Wahl, weil sich nicht genügend Teilnehmer meldeten. Jugendliche haben keine Zeit, keinen Bock, sagen die einen. Andere glauben, die Themen der Lokalpolitik sind einfach zu trocken und abstrakt für Teenager. Für einen 16- oder 17-Jährigen sind Themen wie Abwasser und Co. eben oft zu abstrakt.

In Hameln, wo es noch nie ein Jugendparlament gegeben hat, bekennt man im Rathaus, „dass das Modell der Jugendparlamente keine Erfolgsgeschichte ist“. Mitte der 1990er Jahre seien in Niedersachsen „sehr viele Jugendparlamente ins Leben gerufen worden“, doch „bis zur Jahrtausendwende sind die allermeisten auch wieder eingeschlafen“. Der Knackpunkt an der ganzen Sache dürfte für die meisten Jugendlichen gewesen sein, dass man zwar bei einigen Dingen mitreden, aber nichts entscheiden durfte. Wen will man damit schließlich motivieren?

Vielleicht sind Jugendparlamente auch einfach nicht die richtige Form, um Jugendliche langfristig einzubinden – „eine Nummer zu groß“, vermutet Günther Wehrhahn, der sich um das Jugendparlament in der Samtgemeinde Rodenberg gekümmert hat, das aber auch bloß für eine eher ruhige Amtsperiode ab 2008 hielt. Danach fanden sich keine Mitglieder mehr. Sinnvoller könnte es daher sein, die Jugend bei einzelnen Projekten, die sie wirklich betreffen, einzubinden, zum Beispiel durch Umfragen. In vielen Fällen sei das sogar absolut notwendig. Sonst erlebe man so etwas wie der Landkreis Schaumburg mit dem sogenannten „Fifty-Fifty-Taxi“, das kaum genutzt wird. Warum? „Man hat an den Interessen der Jugendlichen vorbeigeplant“, sagt Wehrhahn. Rinteln ist auch nie über die Theorie hinausgekommen. Im Jahr 2000 beschloss der Stadtrat zwar die Satzung für die Einrichtung eines Jugendparlaments. Und infolgedessen hat die Stadtverwaltung in Absprache mit den Schulen auch den Kontakt zu den Schülern gesucht und um Teilnehmer geworben – aber dies vergebens. Kein Interesse.

Ähnlich wie in Hameln, Rinteln und Rodenberg sind die Jugendparlamentspläne in anderen Städten und Gemeinden verlaufen. Im Jahr 2000 hatte Rinteln die Satzung für die Einrichtung eines solchen Gremiums beschlossen – ein Parlament wurde allerdings bis heute nicht gewählt. Auch in Bad Nenndorf scheiterte die Wahl 2010 an mangelnden Bewerbern. Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese berichtet, dass danach zwar noch einige Schüler Interesse signalisiert, sich dann aber doch nicht mehr gemeldet haben. In der Samtgemeinde Niedernwöhren stellte 2009 die SPD einen Antrag zur Errichtung eines Jugendparlaments – doch seitdem hat man nichts mehr davon gehört.

„Aus und vorbei“ hieß es 2009 auch in Emmerthal – das anfangs mit breiter Unterstützung aus Politik und Verwaltung gestartete Experiment war gescheitert. Nach drei Amtsperioden endete damals die Ära des Emmerthaler Jugendparlamentes. Das Interesse an politisch orientierter Jugendarbeit hatte nachgelassen und bei den Sitzungen des Jugendparlaments saßen mitunter mehr Kommunalpolitiker als Jungparlamentarier. Trotz gelockerter Richtlinien und einer Reduzierung der Sitze von 15 auf 12 Mandatsträger war es dem Gremium nicht möglich, für die anstehende Wahl zwölf Kandidaten zu gewinnen. Die letzten vier Mitglieder des Gremiums unternahmen noch einen Versuch, als Alternative ein offenes Jugendforum für Emmerthaler Kinder und Jugendliche einzurichten – ohne Erfolg. Das Jugendparlament war erstmals 2003 gewählt worden – nach mehr als einjähriger Vorbereitungszeit mit Unterstützung durch die Gemeindeverwaltung. Die Initiative ging auf den Gemeinderat zurück. „Um gerade junge Menschen politisch zu interessieren und sie an die politische Arbeit heranzuführen, halten wir diesen Schritt für zwingend notwendig“, hieß es damals im Antrag. 31 junge Kandidaten hatten sich um einen Sitz in dem Gremium der Nachwuchspolitiker beworben. Erste Jugendbürgermeisterin wurde die damals 17-jährige Lüntorferin Wiebke Sander.

Es gibt jedoch auch Städte und Gemeinden, in denen die Jugendparlamente „funktionieren“. Die besten Erfahrungen hat die Stadt Bad Pyrmont gemacht: Seit 15 Jahren gibt es ausgerechnet in der „Stadt der Alten“ ein Jugendparlament, dessen achte Ausgabe sich im vergangenen Jahr an die Arbeit gemacht hat. Das Jugendparlament hat in vielen Fachausschüssen des Rates ein Rederecht und seine Vertreter nutzen dies auch, um Rat und Verwaltung auf Themen hinzuweisen oder Initiativen anzustoßen. Zu den Erfolgen können die Jungparlamentarier die Verschönerung des Schulhofs im Schulzentrum und die Einrichtung eines Bewegungsparks zählen, den sie gemeinsam mit dem Seniorenbeirat realisiert haben. Mit dem Seniorenbeirat verbindet sie überdies eine enge Zusammenarbeit. Junge Leute bringen alten Leuten bei, wie Computer funktionieren, umgekehrt lassen sie sich zeigen, wie man kocht.

Seit dem Jahr 2002 gibt es den Kinder- und Jugendrat Hessisch Oldendorf. Initiiert von der Stadtjugendpflege im Rahmen einer Ferienpassaktion hat sich das Jugendparlament inzwischen etabliert, tagt regelmäßig mehrmals im Jahr im Rathaus. Jedes Jahr wird ein Jugendbürgermeister gewählt, aktuell ist es Martin Winter. Betreut wird das 15 Köpfe große Gremium ehrenamtlich von Ratsfrau Waltraud Ahrens und Bärbel Boyer. Zum Start lag die Altersstruktur bei 8 bis 16 Jahren, mittlerweile bei 10 bis 16 Jahren. Man habe die Altersstruktur etwas angehoben, weil acht Jahre doch etwas jung gewesen sei, so Stadtjugendpfleger Tarik Öenelcin. Zusammengesetzt wird das der Stadtjugendpflege zugeordnete Gremium alljährlich über den Ferienpass. Dort stehen 15 Plätze zur Verfügung, für die man sich anmelden kann. Der Jugendbürgermeister wird dann aus dem Gremium gewählt.

Auch außerhalb des Weserberglandes gibt es erfolgreichere Beispiele. In Wunstorf und Wennigsen mischen Jugendliche seit Jahren in der Politik mit. Und die Stadt Osnabrück hat seit 2013 ein Jugendgremium, berichtet Pressesprecherin Jana Ramljak. „Wir schaffen es, das Jugendparlament langfristig am Leben zu halten, indem jedes Mitglied von uns eingebunden wird und jeder dieselben Chancen hat, Interessen einzubringen“, sagt sie. „So schaffen wir ein gutes Klima innerhalb des Jugendparlaments, indem sich jeder respektiert und integriert fühlt.“ Die Themen sind sehr unterschiedlich. „Uns treibt das gemeinsame Interesse an, die Jugendlichen in Osnabrück möglichst genau in allen Interessensbereichen zu vertreten und deren Meinungen Gehör zu verschaffen“, erklärt sie. „Wir sind ein Gremium, welches die Chance dazu hat und die möchten wir nutzen.“

Jugendliche und Politik – meist interessieren sich die jungen Leute nicht allzu sehr für Ausschüsse, Räte und Sitzungen. Es sei denn, es geht um ihre Themen. Deshalb waren Jugendparlamente mal „in“. Was ist daraus geworden? Ein Zug durch die Gemeinden.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt