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Drei Menschen sprechen öffentlich über ihre „Leiche im Keller“

Einfach nur peinlich!

Scham – „Das ist eines der ganz wichtigen Gefühle, die dazu dienen, uns zu sozialen Wesen zu formen“, so sagt es die Rintelner Theologin Karin Gerhardt. „Empfänden wir keine Scham, wir würden uns für immer wie unmündige Kinder verhalten.“ Manchmal sind Schamgefühle zutiefst berechtigt. Manchmal scheinen sie nur ein Tick zu sein. Manchmal wird die Scham durch die Nachsicht des Gegenübers getilgt. Hier folgen drei Beschämungsgeschichten, zwei Geständnisse dabei, keine Geschichten von Untaten, einfach Alltag.

veröffentlicht am 17.04.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:27 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Du gabst Dich geschlagen und wir sprachen nie

wieder über die Sache

Claudia, wenn du das hier liest, wirst du entweder lachen oder richtig böse werden. Weißt Du noch, wie Du mir einst ein schönes Holzbett ausgeliehen hast, auf unbestimmte Zeit, sagtest Du, vielleicht für immer. Es war ein höchst patentes Bett, dessen Rahmen man ganz einfach mit speziell geformten Holzstiften – du nanntest sie „Pinöpel“ – zusammenstecken konnte. Jahrelang nutze ich dieses Bett, bis Du es doch zurückverlangtest und dann feststelltest, dass einer der vier Pinöpel fehlte. „Das war schon so, als ich es kriegte“, sagte ich. „Erinnerst Du Dich nicht? Du hast mir doch selbst erklärt, dass man das Bett auch prima mit nur drei Pinöpeln benutzen kann, was ja auch bewiesen wurde, es gab ja nie mehr als diese drei, die vierte Ecke hält trotzdem alles aus.“ Du schütteltest den Kopf und verlangtest im Ernst, ich solle beim Tischler einen neuen Holzstift anfertigen lassen, das Bett sei was Besonderes, ein normaler Pflock würde in die Pinöpel-Öffnung nicht hineinpassen.

Je entschiedener Du darauf bestandest, das Bett in dem Zustand zurückzubekommen, in dem Du es mir geliehen hattest, desto empörter wurde ich angesichts der Gewissheit, ja genau das zu tun. Bis in einzelne Formulierungen hinein führte ich Dir das Ausleihgespräch vor Augen und wie Du mich auf den fehlenden Pinöpel hingewiesen hattest. Irgendwann gabst Du Dich geschlagen, wir redeten nie mehr über die Sache. Ein paar Wochen später räumte ich das Zimmer, in dem das ausgeliehene Bett gestanden hatte, besonders sorgfältig auf und fand, fast unsichtbar an die Fußbodenleiste geklemmt, Pinöpel Nummer vier. Wie konnte das sein? Ich hatte ihn doch nie besessen?

So tief ging meine Beschämtheit, dass ich geneigt war, anzunehmen, Du hättest Dich bei mir eingeschlichen und den vierten Pinöpel bei mir versteckt. Unmöglich konnte ich zugeben, dass alles, was ich zu meiner Verteidigung gesagt hatte, überhaupt nicht stimmte, unmöglich konntest Du den Pinöpel zurückerhalten und damit zugleich erfahren, wie ich im Brustton der ehrlichen Überzeugung ein ganzes Gespräch erfunden hatte. Dass das Tischlerbett auch nur mit drei Pflöcken zusammenhielt, stand ja nicht in Frage. Dir den Pinöpel zu geben und damit meine Schande zu offenbaren, stand, fand ich, in gar keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den du davon haben würdest. Ich habe, Claudia, das kunstvoll geschnitzte Stück damals einfach weggeworfen, um dem peinlichen Geständnis zu entgehen. Jetzt ist es raus! Wirst du, nach all den Jahren, lachen? Oder böse sein?

(Cornelia, 54, Rinteln)

Vom Hummer so hingerissen, dass ich

nicht anders konnte

Die Eltern meines Freundes feierten Silberhochzeit und hatten dafür ein großes kaltes Buffet bestellt, unter dessen Köstlichkeiten drei orange leuchtende Hummer hervorstachen, drei Hummer für weit über 50 Gäste. Ich war ja nur so ein Mitläufer-Gast und hatte bestimmt nicht das Recht, eines dieser exklusiven Exemplare für mich zu beanspruchen, aber als nach einer Stunde immer noch niemand zugegriffen hatte, fragte ich die Mutter meines Freundes, ob ich mir einen Hummer nehmen könnte. Ja, ich durfte, und sie öffnete für mich die Schalen, legte mir das Fleisch auf den Teller und erfreute sich daran, wie begeistert ich war von dieser mir bis dahin unbekannt gewesenen Köstlichkeit. Ich war so hingerissen von dem zarten, süßlichen Geschmack des Hummerfleisches, dass ich von da an um das Buffet herumstrich wie eine hungrige Katze, die ihr Begehren zu verheimlichen sucht, um nicht vertrieben zu werden. Ich wollte den Hummer, konnte ihn ja aber unmöglich vor aller Augen an mich nehmen. In einem unbeobachteten Moment schlug ich zu, schnappte den zweiten Hummer, schlich mich mit meiner Beute aus dem Zimmer und ging in den stillen Keller, wo ich einen Hammer fand, um die Schalen aufzuschlagen. Gierig verschlang ich das Fleisch im hintersten Kellerwinkel.

Es schmeckte so gut, so gut! Doch gleichzeitig klopfte mein Herz, aus Angst erwischt zu werden und aufgerüttelt von der Erkenntnis meiner abgrundtiefen Schwäche. Ich kam mir vor wie eine Drogensüchtige, die sich heimlich die Spritze in die Adern jagt. Die zersplitterten Hummerschalen versteckte ich ganz unten im Küchenmülleimer, bevor ich mich wieder unter die Gäste mischte. Sehr wohl bemerkte ich, dass der dritte Hummer immer noch auf dem Buffet lag und dort – vermutlich, weil niemand die Unhöflichkeit zeigen wollte, nach dieser Rarität zu greifen – auch liegen blieb, bis die Party zu Ende war und nur noch die Familie zusammen saß. „Da ist ja noch ein letzter Hummer, willst Du ihn nicht nehmen?“, fragte mich die Mutter meines Freundes. Nun - ich sagte nicht Nein. Das letzte bisschen Ehre rette ich damit, dass ich der Mutter die Hälfte des Fleisches herüberreichte. Schweren Herzens, aber immerhin. Das Hummeressen bezahlte ich mit einer Beschämungserinnerung von jetzt so an die 25 Jahre.

(Ulrike, 34, Rinteln) Mutters Lieblingsstück

zerdeppert und

im Garten vergraben

Es war ein Unglück, das aus einer, wenn auch etwas zweifelhaften, Geste der Zuneigung entstand, eigentlich. In den Semesterferien eines Abends allein zu Hause bei meinen eher strengen Eltern, erlaubte ich mir, was nicht in ihrem Sinne gewesen wäre, eine Flasche Wein für mich allein zu öffnen, und, um diese besondere Stimmung zu feiern, nahm ich mir nicht irgendein Glas aus dem normalen Küchenschrank, sondern ich öffnete, durchaus mit feierlichem Gefühl, den „Gläserschrank“, in dem viele uralte, mundgeblasene Gläser standen, die meine Eltern überaus hoch schätzten und aus denen wir halb erwachsenen Kinder zwar auch trinken durften, dann aber immer mit der Ermahnung, die wertvollen Stücke ganz besonders zu achten. Ja, eigentlich war es immer eine Auszeichnung gewesen, in den Kreis derer aufgenommen zu werden, die nicht irgendein Ikeaglas, sondern eines dieser auf Streifzügen durch Antiquitätenläden eroberten, wunderschönen, ganz individuell geformten Gläser benutzen durften. Mein Vater holte dann jeden Einzelnen von uns vor den Schrank, damit wir uns ein Glas aussuchten – alle hatten ja verschiedene Formen. Nur zwei der Gläser waren ganz und gar tabu – das hohe Lieblingsglas meines Vaters und das sehr ansprechend halbhohe, runde Glas meiner Mutter, bei dem sie immer betonte, wie sehr sie es aufgrund seiner reizvollen Form liebe.

Damals, als ich mir den Wein öffnete, sehr wohl in dem Bewusstsein, das es sich eigentlich nicht gehört, allein Wein zu trinken, da wählte ich unter den Gläsern im Gläserschrank das wunderschöne Lieblingsglas meiner Mutter. Ich liebte meine Mutter schon immer, ich wollte aus ihrem Glas trinken. Friedlich lag ich, die halbe Flasche Wein war schon ausgetrunken, lesend in meinem Bett und hatte das schöne Glas auf die Fensterbank gestellt, als ich es, beim Zuziehen des Vorhangs, mit einem Rutsch herunterschlug, und es zerbrach! Schrecklich! Ich sammelte die Scherben ein und vergrub sie im Garten. Ach, die Hoffnung, das Fehlen des Glases würde nicht bemerkt werden, ich wusste, wie vergeblich sie war. Ich log, als meine Mutter herumfragte, ob irgendwer wüsste, wo das geliebtes Glas, aus dem sie immer trank, abgeblieben war.

Doch bei meinem nächsten Besuch zu Hause, als sie aus einem anderen, beliebigen Glas trank und erwähnte, wie sehr sie das Lieblingsglas vermisse, da, unter vier Augen, gestand ich es doch. Und was sagte sie? „Das kann doch jedem mal passieren!“ Kein Drama, keine Vorwürfe, nichts. „Meine liebe Mama“, so denke ich oft, „das war eine Lektion fürs Leben.“ Ihretwegen bin ich in solchen Dingen der nachsichtigste Mensch, und fast nie muss sich jemand meinetwegen wegen dieser Art von Nachlässigkeit schämen. (Sabine, 55, Hameln)

Das Gefühl der Scham, der tiefen Beschämung durch Handlungen, die man am liebsten für immer unter den Tisch kehren oder zumindest niemals an die Öffentlichkeit gelangen lassen möchte – das kennt wohl jeder. Oder nicht? Die wenigsten Menschen sprechen gern darüber. Drei Menschen machen hier eine Ausnahme.



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