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Einfach die Kasse wechseln – lohnt sich das?

Erst 2010 wurde er eingeführt, dann wieder abgeschafft, nun soll er bei einigen gesetzlichen Krankenkassen erneut Monat für Monat für die Versicherten kommen – der Zusatzbeitrag. Trotz der derzeitigen Milliardenüberschüsse in der gesetzlichen Krankenversicherung planen einige Kassen wohl schon ab dem kommenden Jahr, wieder zusätzliche Beiträge von ihren Mitgliedern zu fordern. Das hat in der vergangenen Woche jedenfalls der Vorsitzende des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen, Eberhard Wille, prognostiziert. Grundlage für seine Annahme ist ein aktuelles Gutachten zum Wettbewerb im Gesundheitswesen. „Ab der zweiten Hälfte 2013 werden große Teile der Kassen wieder Zusatzbeiträge erheben“, sagte Wille.

veröffentlicht am 25.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Rund 20 Milliarden Euro haben die Kassen und der Gesundheitsfonds als Rücklage angehäuft. Von Plänen, die Überschüsse in Form von Prämien an die Versicherten auszuzahlen oder den Beitragssatz von derzeit 15,5 Prozent zu senken, halten die Kassen nicht viel. Auf die Prognose des Sachverständigen für das Gesundheitswesen reagierte der Spitzenverband der Krankenkassen inzwischen damit, dass Zusatzbeiträge im Moment „ kein Thema“ seien.

Das wäre womöglich auch eine Strategie, die die Kassen etliche Mitglieder kosten würde, denn nach einer Erhebung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) aus dem vergangenen Jahr droht Krankenkassen, die einen Zusatzbeitrag erheben, ein massiver Mitgliederschwund. Seit der Zusatzbeitrag im Jahr 2010 zum ersten Mal eingeführt wurde, seien mehr als 90 Prozent aller Mitgliederverluste auf die erhöhten Beiträge zurückzuführen, heißt es in der Studie.

Der Zusatzbeitrag war der laut PwC am häufigsten genannte Wechselgrund, danach kamen das Leistungsangebot der einzelnen Kassen, dann deren Service und ihre Erreichbarkeit. Auch nach Angaben der Verbraucherzentralen kann sich der Kassenwechsel für gesetzlich Versicherte durchaus lohnen: 145 gesetzliche Krankenversicherer gibt es derzeit in Deutschland – einige von ihnen locken mit besonderen Extras. Versicherte könnten demnach mit mehreren Hundert Euro Einsparungen pro Jahr rechnen.

Zwar sind 95 Prozent der gesetzlichen Krankenkassenleistungen vom Gesetzgeber festgelegt, unterscheiden sich also nicht, dennoch gibt es Leistungen, die bei der Wahl der richtigen Krankenkasse berücksichtigt werden wollen. Bei den übrigen fünf Prozent lohnt sich hingegen genaues Hinschauen. Bei den freiwilligen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen gibt es große Unterschiede: Von der professionellen Zahnreinigung über osteopathische Behandlung und die Haushaltshilfe nach einem Krankenhausaufenthalt bis hin zu Abnehmkursen und der Erstattung von homöopathischen Globuli und Alternativ-Medikamenten – manche Kasse erstattet mehr als die andere.

Der Bedarf an Beratungen hinsichtlich eines Krankenkassenwechsels hält sich in den Geschäftsstellen des Sozialverbands Deutschland (SoVD) zumindest in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg in Grenzen. Es gebe kaum Anfragen diesbezüglich, gaben die Servicebrater auf Anfrage bekannt. SoVD-Präsident Adolf Bauer regt zumindest an, einen Wechsel zu prüfen. Ach bei „langjähriger Verbundenheit“ müssten Versicherte „keine Scheu“ haben, ihrer angestammten Krankenkasse den Rücken zu kehren, so Bauer. Zu einer ganz bestimmten Krankenkasse zu wechseln, rät der SoVD-Präsident Adolf Bauer allerdings nicht. „Der Krankenkassenwechsel und die Wahl der richtigen Krankenkasse ist immer eine höchstpersönliche Entscheidung“, sagt er, es komme auf die individuellen Bedürfnisse und die entsprechenden Extra-Leistungen der jeweiligen Kasse an.

Für Wechselwillige gibt es einige Hilfestellungen bei der Entscheidung, der bestehenden Krankenkasse treu zu bleiben oder sie zu wechseln:

Wann kann gewechselt werden? Im Grundsatz gilt freies Krankenkassenwahlrecht. Wer seit mindestens 18 Monaten in einer Krankenkasse Mitglied ist, hat das Recht, mit einer Frist von zwei Monaten die Krankenkasse zu wechseln. Sonderregelungen gibt es unter Umständen bei sogenannten Wahltarifen, das heißt, wenn es besondere Vereinbarungen zu bestimmten Kostenerstattungen gibt. Dabei kann es individuelle Kündigungsfristen von bis zu drei Jahren geben. Das reguläre Kündigungsrecht gibt es in diesem Fall nicht. Keine Rolle spielt es hingegen, wenn die Krankenkasse plötzlich einen Zusatzbeitrag erhebt. Dann können Versicherte auch bis zur ersten Fälligkeit des Zusatzbeitrages kündigen, wenn sie in einem Wahltarif versichert sind.

Wohin wechseln? Bei der Wahl einer neuen gesetzlichen Krankenkasse gibt es kaum Einschränkungen. Lediglich einige Betriebskrankenkassen stehen nur für die Beschäftigten des jeweiligen Unternehmens offen. Daneben gibt es einige Kassen, die nurregional tätig sind, wie etwa die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) oder die Kassen von Innungen (IKK). Wenn Versicherte umziehen oder den Job wechseln, können sie aber in der Krankenkasse bleiben, in der sie bereits versichert sind. Seit Einführung der freien Kassenwahl müssen alle geöffneten Kassen jeden als Mitglied akzeptieren.

Wie kündigen? Der Wechsel ist nicht so schwierig. Der bisherigen Krankenkasse muss mitgeteilt werden, zu welchem Datum das Versicherungsverhältnis enden soll. Die Krankenkasse ist dazu verpflichtet, innerhalb von zwei Wochen eine Kündigungsbestätigung zu schicken, mit der der Versicherte wiederum einen Aufnahmeantrag an die neue Kasse senden muss. Die meisten Krankenkassen bieten in ihren Geschäftsstellen und auf ihren Internetseiten spezielle Aufnahmeanträge an. Die Kündigung der alten Versicherung ist dann wirksam, wenn die Mitgliedschaft in einer neuen Krankenkasse durch eine Mitgliedsbescheinigung innerhalb der Kündigungsfrist nachgewiesen werden kann. Laut SoVD darf die neue Krankenkasse bei der Aufnahme bisherige Erkrankungen keinesfalls abfragen.

Welche Krankenkasse ist die Richtige? Bei fünf Prozent aller Kassenleistungen gibt es Unterschiede zwischen den Versicherern. Potenzielle Wechsler sollten sich fragen, ob sie Interesse an bestimmten Behandlungsmöglichkeiten, etwa aus dem Bereich der Homöopathie haben oder auch, ob hauswirtschaftliche Hilfe nach einem Krankenhausaufenthalt mitversichert ist. Einige Kassen bieten auch Bonusprogramme, die verbunden sind mit einer Mitgliedschaft im Sportverein oder regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Werden Zuzahlungen für bestimmte Arzneien erlassen oder gibt es im Rahmen von Wahltarifen Leistungen, die die Krankenkasse tragen soll?

Wer sich nach einer neuen Krankenkasse mit versicherten Extras umsieht, der muss sich nach Angaben der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen immer vorher fragen, welche Leistungen ihm persönlich wichtig sind. Denn es gebe keine Krankenkasse, die wirklich alle Extras anbietet.

Und: Bei den Extras handelt es sich um freiwillige Leistungen, Leistungen also, die jederzeit auch wieder gestrichen werden können.

Krankenkasse ist nicht gleich Krankenkasse: Zwar ist der überwiegende Teil der Leistungen bei allen gesetzlichen Versicherern gleich – bei den sogenannten Extras gibt es aber deutliche Unterschiede. Für Versicherte kann sich ein Wechsel der Kasse lohnen – wenn klar ist, welche Leistungen tatsächlich in Anspruch genommen werden.

Extras richten sich nach persönlichen Bedürfnissen



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