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Einen Versprecher verzeihen ihm die Fans

In der letzten Saison kämpfte Hannover 96 noch gegen den Abstieg – ein Jahr später spielt 96 um den Einzug in die Champions League. Einer der seit 14 Jahren das Auf und Ab der „Roten“ live miterlebt ist der gebürtige Rintelner Frank Rasche. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des niedersächsischen Innenministeriums ist er der Stadionsprecher von Hannover 96. Unsere Zeitung hat Rasche in seiner Sprecherkabine über die Schulter geguckt.

veröffentlicht am 07.05.2011 um 00:00 Uhr

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Für Frank Rasche ist schon drei Stunden vor Spielbeginn Anpfiff. Er ist der Stadionsprecher von Hannover 96. Aber mit der bloßen Moderation des Spiels und der Halbzeit ist es noch lange nicht getan.

13 Uhr. Das Stadion ist noch leer, die Technik wird gecheckt. Jetzt tut noch kein Versprecher weh. Anschließend: Regiebesprechung für die NDR2-Fan-Show, die er an der Seite von Stefan Kuna mitmoderiert. Später werden sie gemeinsam das Spiel moderieren.

Der Gegner ist Borussia Mönchengladbach. Heute ist es Rasches Aufgabe, über der Westtribüne von der sechs Quadratmeter großen Sprecherkabine aus, etwaige Tore und Auswechslungen der Gäste zu moderieren, während Kuna am Spielfeldrand für die Moderation von 96 zuständig ist.

14.20 Uhr. Die ersten Zuschauer sind an ihren Plätzen, die Sonne strahlt. In der Nordkurve unten wehen schwarz-grün-silberne Fahnen im Wind. Rasche und Kuna besprechen am Spielfeldrand noch einmal ihre Beiträge. Nur wenige Minuten später zieren ihre live gefilmten Gesichter die riesigen Leinwände des Stadions, dringen ihre Stimmen durch die Stadionlautsprecher und informieren die Zuschauer über den aktuellen Stand bei 96. Es ist das vorletzte Heimspiel vor Saisonende. Noch ist alles drin. Alles heißt in diesem Fall der dritte Platz – und damit der mögliche Einzug in die Champions League.

14.50 Uhr. Die 96-Spieler betreten den Rasen, wärmen sich auf. Wenig später folgen die Gladbacher. Rasche geht mit dem Mannschaftsbetreuer von der Borussia den Spielerkader, die Aufstellung durch. Wer ist fit, wer nicht?

15.05 Uhr. Rasche informiert die Zuschauer über Neues aus dem Fan-Shop von 96, die Hostessen Verena und Anna führen die Polo-Shirts vor. Bevor es losgeht, eilt Rasche in die Sprecherkabine, Stefan Kuna bleibt am Spielfeldrand zwischen den Trainerbänken sitzen.

Miteinander verbunden bleiben die beiden während der bevorstehenden 90 Minuten dennoch: via Funk über Mikrofon und Kopfhörer. Von der Kabine aus kann Rasche im Sitzen das ganze Spielfeld einsehen, die gesamte Osttribüne sowie zur Nord- und Südkurve schauen. Die Westtribüne kann er nur im Stehen einsehen.

Auf dem Tisch vor dem Stadionfenster hat Rasche einen Ordner und einzelne Papiere ausgebreitet. Vor ihm stehen zwei Mikrofone. Einem Kopfhörer lauscht er mit nur einem Ohr, hört die Regieanweisungen oder Kommentare von Stefan Kuna. Für direkte Antworten nutzt Rasche eines der beiden Mikrofone.

Das zweite Mikrofon hat einen Schalter – den muss er umlegen, wenn er Stadiondurchsagen macht. Rasches Vorteil gegenüber Kuna in der Kabine: Er kann das Spiel in der Kabine an einem Monitor sechs Sekunden zeitversetzt, also quasi doppelt verfolgen. 15.30 Uhr. Anpfiff. Das Spiel beginnt…

Rasche war schon immer fußballbegeistert. Er erinnert sich an Fußballschuhe und Torwarthandschuhe unterm Weihnachtsbaum. Torwart – das war seine Position, als er selbst noch auf dem Platz stand, damals beim SC Rinteln, später beim SV Engern. Sepp Maier, der Keeper vom FC Bayern München war sein Vorbild. Damit einher ging eine große Liebe zu dem Münchner Verein. „Aber natürlich habe ich schon damals auch Hannover 96 verfolgt“, erzählt Rasche, der 1964 in Rinteln zur Welt kam.

Bestens in Erinnerung hat er noch den Pokalerfolg von 96 aus dem Jahr 1992. Damals ging es ebenfalls gegen Gladbach, in Berlin. Oder das vorangegangene Halbfinale gegen Werder Bremen, das war sein erster Stadionbesuch. „Jörg Sievers, auch genannt Colt, hielt den Elfmeter von Marco Bode und verwandelte den entscheidenden Elfmeter sogar selbst“, begeistert sich Rasche rückblickend. „Das war mein Schlüsselerlebnis!“ Hannover 96 hatte Rasches Herz erobert.

Doch zunächst ging Rasche nach Süddeutschland, nahm ein Jura-Studium auf. Ab 1997 absolvierte er ein Volontariat bei Hit-Radio-Antenne in Hannover – dessen bekannter Fußballverein inzwischen nur noch in der Regionalliga spielte. Kein Grund für Rasche die Spiele von 96 an der Seite von Christian Stoll nicht zu moderieren. Nur ein Jahr später ging es auch schon wieder aufwärts, in die 2. Bundesliga, „wobei sich Jörg wieder als Elfmetertöter erwies“, merkt Rasche an.

Weitere vier Jahre später, erzählt Rasche, untermauerte 96 seinen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga mit einem 6:0-Sieg gegen Schweinfurth. „In dieser Zeit lernte ich auch den damaligen Trainer von 96 kennen: Ralf Rangnick. Der Aufstieg war eine Sensation, das ganze Stadion stand kopf. Als ich Ralf unmittelbar nach dem Spiel dann auf dem Spielfeld interviewen wollte, war er zunächst buchstäblich sprachlos. Dann sagte er aber doch noch etwas und die Zuschauer dankten es ihm mit tosendem Applaus“, erzählt Rasche.

Durch die Arbeit bei Hit-Radio-Antenne wurde auch die Nähe zu 96 immer enger. „Wir haben wunderschöne Sachen gemacht. Wir veranstalteten einen Song-Contest für Bands aus Hannover – daraus ging am Ende das Lied ,96 – Alte Liebe‘ hervor“, schildert Rasche. Zweifelsohne habe es auch schwere Momente gegeben. „Das erste Spiel nach dem Tod von Robert Enke etwa…“, sagt der 46-Jährige.

Über Hit-Radio-Antenne wurde Rasche dann auch Stadionsprecher. Ob er sich das vorstellen könne, habe man ihn damals gefragt. „Das war natürlich eine riesige Herausforderung, vor so vielen Menschen zu sprechen. Gleichzeitig war ich schon immer von der Stadionatmosphäre fasziniert.“ Noch heute bekommt Rasche eine Gänsehaut, wenn er im ausverkauften Stadion spricht.

„Aber natürlich macht man auch mal Fehler“, räumt Rasche ein. Wenn man etwa bei der Aufstellungsmoderation einen Spieler auslässt. „Aber das Publikum kennt einen ja auch irgendwann und verzeiht“, sagt Rasche. „Aber Gott sei Dank sind mir bislang nur wenige Fehler unterlaufen.“

Nach sieben Jahren bei Hit-Radio-Antenne wechselte Rasche schließlich ins niedersächsische Innenministerium in Hannover: als Pressesprecher. 96-Präsident Martin Kind und Innenminister Uwe Schünnemann stimmten beide zu, Rasches Zusammenarbeit mit 96 – „Leidenschaft und Hobby“, wie Rasche sagt – weiter bestehen zu lassen. Infolgedessen moderiert er nun schon im 14. Jahr die Heimspiele der Hannoveraner.

Auch in Rinteln ist Rasche nach wie vor hin und wieder. „Meine Mutter und auch mein Bruder mit seiner Familie leben ja hier“, erklärt er. „Außerdem habe ich immer noch einen Blick auf den SC Rinteln, der sich ja ganz toll entwickelt hat.“ Darüber hinaus bestehe ein reger Kontakt zwischen dem SC Rinteln und der Fußballschule von 96.

Auswärtsspiele von Hannover habe er früher indes stärker wahrgenommen. „Das sage ich ganz ehrlich: Heute sehe ich mir die Spiele live im Fernsehen mit meinem Sohn (7) an.“ Der sei auch schon ganz fußballverrückt – sehr zur Freude des Vaters.

„Für mich hatte Fußball immer eine wichtige Funktion: der Zusammenhalt der Mannschaft, die Disziplin, zu trainieren – das war für mich eine sehr wichtige Phase in meiner Entwicklung“, erläutert Rasche.

Die aktive Spielzeit endete für Rasche nach einem Schienbeinbruch bei einem Training beim SV Engern. „Aber heute kicke ich schon wieder mehr – mit meinem Sohn“, sagt Rasche lachend…

Halbzeit. Rasche verliest Grüße und Glückwünsche der Zuschauer. Dann geht es in die zweite Halbzeit. In der 62. Minute verkündet er die vorläufige Zahl des Tages: „Hannover 96 bedankt sich bei 48 800 Zuschauern!“

Doch das Spiel will nicht richtig in Fahrt kommen, vor allem die „Roten“ erfüllen nicht die Erwartung ihrer Fans. Das hat zur Folge, dass einige Becher auf das Spielfeld geworfen werden. Auch in solchen Fällen bleibt Rasche nicht still, im Gegenteil: Er wird angewiesen, die Fans zu ermahnen, „das Werfen von Bechern zu unterlassen“.

71. Spielminute. Rasche meldet den ersten Spielerwechsel: Borussia wechselt aus. Für den Ex-Hannoveraner Mike Hanke kommt Karim Matmour. „Diese Auswechslung wird Ihnen präsentiert von Extaler – die Mineralstoffquelle aus dem Weserbergland!“ – Rinteln lässt grüßen.

76. Spielminute. Frank Rasche ist gezwungen, das 0:1 für Borussia Mönchengladbach zu verkünden. Dem anschließenden Jubel im Gästeblock muss Rasche indes Einhalt gebieten und die Fans zur Ordnung rufen: „Wir bitten die Gäste keine Feuerwerkskörper abzubrennen.“ Aber die eigene Mannschaft anfeuern, am besten noch übers Stadionmikrofon – das geht leider nicht.

77. Spielminute. Beide Mannschaften wechseln aus. Den Spielerwechsel bei Hannover 96 sprechen Stefan Kuna und die Fans gemeinsam. An dem Spielstand von 0:1 wird das allerdings nichts mehr ändern. 96 wird auf dem Weg in die Champions League noch einmal ausgebremst. Nach dem Spiel interviewt Rasche noch 96-Spieler Sofian Chahed – dann hat auch der Stadionsprecher Feierabend…

Heute hat Rasche frei, die Roten spielen auswärts gegen den VfB Stuttgart. Es ist das vorletzte Spiel in dieser Saison. Rasches Tipp: „1:2 für 96. Ich bin der festen Überzeugung, dass Ya Konan und Abdellaoue treffen.“

Gesetzt den Fall Hannover 96 steht am Ende tatsächlich auf dem dritten Platz und eröffnet sich so die Chance, in der Champions League zu spielen, wäre das wohl ein besonderes Geschenk für Rasche – tags drauf feiert er nämlich seinen 47. Geburtstag.



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