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Einen Tag lang ohne Schuhe durch die Stadt

Manche tun es aus gesundheitlichen Gründen, andere wollen auf soziale Missstände hinweisen. Sie sind nur wenige. Aber der „Tag ohne Schuhe“ lockt noch mal ein paar zusätzliche Barfußgeher aus der Reserve – so auch in Rinteln. Unsere Zeitung hat sie getroffen.

veröffentlicht am 03.05.2011 um 00:00 Uhr

So harmonisch wie auf diesem Foto ist das Barfußgehen – gerade in der Stadt – dann erst mal doch nicht. Foto: Fotoli

Autor:

Cornelia Kurth

Aua! Dass Barfußgehen so weh tun kann! Meike Wollschläger aus Todenmann hat es Anfang April einen ganzen Tag lang ohne Schuhe ausgehalten, aber: „Abends war ich total fertig!“, sagt sie. „Es war wirklich anstrengend, sowohl für die Füße als auch für die Psyche.“ Zusammen mit ihren beiden aufgeweckten Töchtern Sophia (11) und Charlotte (9) wollte sie mit dem Barfußgehen darauf aufmerksam machen, dass Schuhe zu tragen in manchen Teilen der Welt ein Luxus ist, den sich viele Menschen nicht leisten können. „Ich gehe ja eigentlich gern barfuß“, meint sie. „Aber rund um die Uhr und im ganz normalen Alltag, da wird einem richtig klar, was es bedeutet, keine Schuhe zu haben.“

Durch Zufall war sie auf die Aktion „Ein Tag ohne Schuhe“ der Schuhherstellerfirma Toms aufmerksam geworden, eine bereits zum vierten Mal weltweit durchgeführte Benefizaktion, an der Hunderttausende teilnahmen, mit dem Ziel, armen Menschen Schuhe zu spenden. Das große Erdbeben in Haiti hatte die Familie sehr beeindruckt und auch die Berichte über Kinder, die barfuß durch Trümmer, Dreck und Schlamm waten mussten. Die Firma verspricht, für jedes Paar Schuhe, das bei ihr gekauft wird, ein Paar neuer Schuhe zu spenden. Etwa 800 000 Paar wurden bisher verteilt.

Der 5. April, ausgerufen als der „Tag ohne Schuhe“, war ein kühler Tag, die Höchsttemperatur lag gerade mal bei vier Grad. Am Morgen hatte Meike Wollschläger mit dem Gärtner zu tun, der sich sehr darüber amüsierte, dass sie tatsächlich eine Stunde lang mit ihm im Garten stand, barfuß auf dem taufeuchten Rasen. „Das war aber kein großes Problem“, erzählt sie. „Wenn man sich oben herum warm anzieht, werden die Füße nicht so schnell kalt.“ An der Reaktion des Gärtners aber merkte sie, dass es gut sein würde, sich ein Informationspapier über die Aktion auf den Rücken zu heften. „Die Leute sollten mich ja schließlich nicht für verrückt halten.“

Die Wollschlägers: Charlotte (links) und ihre Mutter Meike Wollschläger waren einen Tag lang barfuß in Rinteln unterwegs. Sophia hielt einen Vortrag über Schuhnot. Foto: cok

Auf Zehenspitzen ging es über den gepflasterten Weg vom Haus zum Auto, immer darauf bedacht, nicht auf ein spitzes Steinchen zu treten. Hätte sie aus gewerblichen Gründen mit dem Wagen fahren müssen, wäre es ihr nicht erlaubt gewesen, barfuß zu fahren. Die Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften schreiben vor, dass man während des Autofahrens Schuhe tragen muss, die den Fuß fest umschließen. Privatpersonen aber dürfen sich auch barfuß hinters Lenkrad setzen, müssen dann allerdings in Kauf nehmen, dass der Versicherungsschutz nicht in vollem Umfang gilt, wenn sie zum Beispiel vom Bremspedal abrutschen und dadurch einen Unfall verursachen.

„Na, mir ist nichts passiert“, sagt Meike Wollschläger. „Schwierig wurde es erst, als ich vor dem Supermarkt wieder aus dem Auto ausstieg.“ Es war kein Vergnügen, über den Parkplatz zu gehen. Überall lag noch der scharfkantige Split vom Schneewinter herum und natürlich machte sie keinen Schritt, ohne auf Glasscherben, Metallteilchen oder Kronkorken zu achten.

Unbeobachtet war sie dabei auch nicht. Die anderen Kunden staunten nicht schlecht, eine gut gekleidete Dame zu sehen, die aus zunächst unerfindlichen Gründen barfuß ging. „Ist Ihnen das Geld ausgegangen, dass Sie sich keine Schuhe leisten können?“, fragten einige. „Hat man Sie überfallen und ,abgezogen‘?“

Immerhin, sie kam ins Gespräch, erzählte von ihrem Anliegen und konnte so manchen durchaus zum Nachdenken bringen. In Deutschland und anderen Industrieländern muss zwar niemand unfreiwillig auf Schuhe verzichten. Sie werden zu Dumpingpreisen angeboten, und wer sich selbst diese nicht leisten könnte, hätte kein Problem, auf die vielen Kleiderlädchen zurückzugreifen, wo gebrauchte Schuhe umsonst abgegeben werden.

In Südamerika aber oder auch in Asien haben unzählige Menschen keine Möglichkeit, sich Schuhe zu besorgen. Oft können Kinder nicht zur Schule gehen, weil zur vollständigen Pflicht-Schuluniform auch Schuhe gehören.

Gerade dieser Punkt war auch der 11-jährigen Sophia Wollschläger zu Herzen gegangen. Zwar tauchte sie nicht barfuß zu ihrem Schulunterricht auf, aber sie hielt in ihrer Klasse einen kleinen Vortrag über die Schuhnot in anderen Ländern und erzählte ihren Mitschülern auch, dass Menschen sich schwere Infektionen zuziehen können, wenn sie sich immer wieder an den Füßen verletzten. „Wenn man nicht gegen Tetanus geimpft ist, kann eine kleine Wunde schon zur Blutvergiftung führen“, weiß sie. Außerdem können zum Beispiel die Larven der krankmachenden Hakenwürmer – sie leben in menschlichem und tierischem Kot – durch die Haut selbst einer mit Hornhaut versehenen Fußsohle in den Körper eindringen.

Sophias kleine Schwester Charlotte stapfte am Nachmittag tapfer ohne Schuhe über den Parkplatz vor der Kreisjugendmusikschule hin zum Geigenunterricht. „Mich wundert es nicht, dass die Menschen Schuhe erfunden haben“, sagt sie. „Im Garten oder am Sandstrand ist es ja toll, barfuß zu gehen. Aber in der Stadt? Nee! Ich will auch nicht gerade in Hundedreck treten oder dahin, wo jemand hingespuckt hat.“ Ihrer Mutter ging es nicht viel anders, als sie es wagen wollte, in Rinteln einen Einkaufbummel zu machen. „Ich kam gerade mal bis zum Blumenladen, wo die Blumenhändlerin gleich sagte, ich soll mal ein Paar Puschen anziehen“, erzählt sie. „Ehrlich gesagt: Da konnte ich nicht mehr weiter, ich hatte keinen Mumm mehr, noch mehr Blicke und Fragen auszuhalten.“

Nun ist das Barfußgehen aber gar nichts Unnatürliches – im Gegenteil. Nicht umsonst setzten die Lebensreformer rund um Sebastian Kneipp auf Barfußtherapien, die den Körper in jeder Beziehung abhärten und seine Widerstandskräfte stärken sollen. Auch Physiotherapeuten und Orthopäden empfehlen, dass vor allem Kinder so oft wie möglich barfuß gehen sollen. Das stärkt die Fußmuskulatur, sorgt für eine korrekte Zehenstellung und fördert insgesamt die Körperkoordination. Auch alte Leute können durch ein Training der Sensomotorik über die nackten Fußsohlen ihr Sturzrisiko vermindern.

Beim Gehen spielen Füße und Wirbelsäule zusammen, wobei eine durchtrainierte Fußmuskulatur wie ein natürlicher Stoßdämpfer wirkt, wodurch Bandscheiben und Gelenke geschont werden. Auch Sportler, die so viel Wert auf optimierte Laufschuhe legen, sollten immer wieder auch ein Barfußtraining absolvieren, weil sie gerade durch ihre gedämpften Schuhe dazu verleitet werden, statt der Fußballen in ungesundem Maße die Fersen zu belasten. Letzteres könne dazu führen, dass sich ein Spreizfuß entwickelt.

Andererseits haben die Menschen bereits seit der Altsteinzeit Schuhe getragen, das haben Archäologen anhand der Unterschiede in der Zehenknochenentwicklung bei Schuhträgern nachgewiesen. Wer als moderner Erwachsener von heute auf morgen auf seine Schuhe verzichtet, wird nicht nur wehe Füße mit allerlei Pieks- und Schnittwunden bekommen, sondern aufgrund der ungewohnten Belastung auch gehörigen Muskelkater.

Soll das Barfußgehen nicht in erster Linie darauf aufmerksam machen, dass Schuhe eine sehr nützliche Erfindung sind, sondern echtes Vergnügen bereiten, dann sollte man sich in Etappen erst mal an das Barfußgehen gewöhnen.

Im Erlebnispark „Steinzeichen“ in Steinbergen oder auch im Wisentgehege Springe gibt es Barfußpfade, auf denen man erkunden kann, wie sich Sand und Stein, Moos, Zweige, Schotter oder Baumrinde unter den schuhlosen Füßen anfühlen. Auch im Wald angelegte Trampelpfade wie zum Beispiel der Philosophensteig in Exten oder der verschlungene Patensteig bei Almena eignen sich hervorragend, um das Abenteuer des Barfußgehens zu erproben. Bis sich allerdings eine schützende Hornhaut gebildet hat, die es in sommerlicher Natur leicht macht, auf Schuhwerk zu verzichten, das kann viele Wochen dauern.

Meike Wollschläger hat sich am Abend ihres schuhlosen Tages ein ausgiebiges Fußbad gegönnt und trägt längst wieder eines ihrer vielen schönen Schuhpaare, zumindest, wenn sie nicht in Haus oder Garten unterwegs ist. Auch ihre beiden Töchter sind durch den „Tag ohne Schuhe“ nicht zu Barfußläufern geworden. „Ich muss sagen: Schuhe sparen auch einfach Zeit“, meint Charlotte. „Man kann in ihnen viel schneller gehen und hat keine Angst, dass einem etwas passiert.“ Und Sophia, in deren Schrank auch schon jede Menge Lieblingsschuhe stehen, sie hat eher Lust, es mal mit High Heels auszuprobieren.

Mutter und Töchter werden aber auf jeden Fall im nächsten Jahr wieder am „Tag ohne Schuhe“ teilnehmen. Man kann Menschen, die keine Schuhe besitzen übrigens nicht nur durch einen Schuhkauf bei besagter Firma unterstützen, sondern auch damit, dass man noch brauchbare Paare dem Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen spendet. Auch in manchen Schuhläden sind Kästen für abzugebende Schuhe aufgestellt.



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