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Wie hilfreich ist dieses Angebot – und lassen sich so Babymorde verhindern?

Eine „vertrauliche Geburt“

veröffentlicht am 05.10.2016 um 17:01 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 21:41 Uhr

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Er war tot, dieser Säugling, den Arbeiter kürzlich in einem Kleidercontainer bei Braunschweig fanden. Was genau geschehen war, ist noch nicht bekannt, außer, dass das Kind wohl in einer Autobahnraststätte geboren wurde. Doch die wenigen vergleichbaren Fälle aus den letzten Jahren können vermuten lassen, dass eine Mutter ihre Schwangerschaft verheimlicht oder verdrängt hatte, das Neugeborene heimlich zur Welt brachte und irgendwie loswerden wollte. Ein anderes Baby, das man in der letzten Woche in einem Koffer in Hannover entdeckte, lebte zwar noch, aber neben ihm lagen die Knochen eines verstorbenen Säuglings.

Zehn bis zwanzig Mal pro Jahr werden in Deutschland Babys gleich nach der Geburt getötet oder so ausgesetzt, dass sie nicht überleben, sagt eine Erhebung des Kinderhilfswerkes „Terre des hommes“. Dazu kommen Fälle, in denen getötete Babys erst Jahre später aufgefunden werden. Um solche Kindstötungen zu verhindern, wurden ab dem Jahr 1999 bundesweit die sogenannten „Babyklappen“ eingerichtet. Sie bieten die Möglichkeit, ein Baby unerkannt in helfende Hände zu übergeben. Wenig später beschloss man, eine „anonyme Geburt“ zuzulassen, also eine Geburt im Krankenhaus, bei der die Mutter keinerlei persönliche Daten angeben muss. Eine Lösung für das Problem der Säuglingstötungen war das allerdings nicht.

Wenn Babyklappen und anonyme Geburt auch durchschnittlich etwa hundert Mal pro Jahr in Anspruch genommen werden, so hat sich dadurch an der Anzahl getöteter Babys nichts geändert. Auch ein neues Gesetz von 2014, das sich um die sogenannte „vertrauliche Geburt“ dreht, konnte bisher kaum solche Mütter erreichen, die ihr Kind schließlich heimlich ohne jede ärztliche Hilfe zur Welt bringen und dann töten oder auf lebensgefährliche Weise aussetzen.

In Deutschland gibt es etwa 80 Babyklappen. Sie bewegen sich rechtlich in einer Grauzone. Foto: dpa

„Das wundert mich nicht“, sagt dazu Diplom-Sozialpädagogin Ulrike Dommnich, die für die Arbeiterwohlfahrt Schaumburg (AWO) in der Schwangerenkonfliktberatung arbeitet. „Die psychische Situation von Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen und dann in Panik ihr Kind loswerden wollen, ist, meine ich, eine ganz andere, als diejenige, wo es Frauen in erster Linie darum geht, ihre eigene Anonymität zu wahren. Kindstötungen werden sich wahrscheinlich niemals wirklich verhindern lassen.“ Die entsprechenden Frauen seien, so sähe es aus, gar nicht ansprechbar für rationale Lösungen. Sie befänden sich in einer seelischen Ausnahmesituation, jenseits aller Kraft, mit anderen Menschen über ihre Probleme zu reden, eine Beratungsstelle aufzusuchen oder auch nur, sich der Tatsache zu stellen, dass sie ein Kind bekommen werden. Doris Maihöfer von der „Caritas“ in Hameln sieht das etwas anders. Sie ist die Ansprechpartnerin in der Schwangerenberatung des katholischen Wohlfahrtsverbandes und maßgeblich an der nicht unkomplizierten Umsetzung des neuen Gesetzes zur „vertraulichen Geburt“ beteiligt. „Dass sich an den Zahlen rund um die Tötung von Säuglingen nicht viel verändert, liegt daran, dass über die Alternativen zu einer heimlichen Geburt immer noch zu wenig bekannt ist“, meint sie. Zwar habe man an unzähligen öffentlichen Orten entsprechende Info-Plakate aufgehängt, doch zu viele Betroffene wüssten trotzdem nichts davon, dass eine „vertrauliche Geburt“ eine legale Möglichkeit darstelle, ein Kind mit ärztlicher Hilfe anonym zur Welt zu bringen.

Legalität – das ist bei der „vertraulichen Geburt“ ein entscheidendes Stichwort. Die „anonyme Geburt“ nämlich und erst recht die Abgabe eines Babys in einer der etwa 80 Babyklappen Deutschlands bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Jedes Kind hat per Gesetz das Recht auf Kenntnis über die eigene Abstammung. Eltern und ebenso Ärzte, Hebammen oder Sozialberater machen sich strafbar, wenn die Geburt eines Kindes nicht innerhalb einer Woche unter Angabe mindestens der mütterlichen Daten beim Standesamt angezeigt wird. Tatsächlich hat ein Kind, das anonym geboren wird, so gut wie keine Chance, jemals zu erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind. Die Regelungen zur „vertraulichen Geburt“ ändern das bis zu einem gewissen Grad.

Die „vertrauliche Geburt“ sieht nämlich vor, dass die Mutter aktuell zwar anonym bleiben darf, ihre Daten aber in einem verschlossenen Umschlag einer zum Schweigen verpflichteten Schwangerschaftsberaterin übergibt. Sie selbst wählt ein Pseudonym und einen Vornamen, unter dem das Kind dann gemeldet wird. Im Alter von sechzehn Jahren darf dann das zumeist in einer Adoptivfamilie lebende Kind diese hinterlegten Daten einsehen. Es sei denn, ein „schwerwiegender Grund“ gäbe der Mutter das Recht, ihre Anonymität trotzdem weiterhin zu wahren.

„Und es gibt noch einen weiteren Umstand, der für die Einführung der ‚vertraulichen Geburt‘ sprach“, sagt Doris Maihöfer. „Nämlich, dass ihre Durchführung in jedem Fall mit einem Konfliktberatungsgespräch verbunden ist.“ In so einem Beratungsgespräch geht es einerseits um die für eine vertrauliche Geburt notwendige Bescheinigung darüber, dass die Daten auch wirklich hinterlegt wurden. Das ist nicht nur wegen der Wahrung der Kindesrechte nötig, sondern auch Vorbedingung dafür, dass der Staat die Kosten, die durch die Geburtsbetreuung entstehen, übernimmt (bei „anonymen Geburten“ bleiben Krankenhäuser meist auf ihren Kosten sitzen). Andererseits läuft die Beratung der Schwangeren ähnlich ab wie das für eine Abtreibung unabdingbare Gespräch.

Das bedeutet: Man bespricht die Probleme, die zum Wunsch einer vertraulichen Geburt führen und kann Lösungsmöglichkeiten anbieten. Bereits der Deutsche Ethikrat hatte in einer Stellungnahme zum damals geplanten Gesetz der „vertraulichen Geburt“ angeführt, dass sich die Konflikte, die zum Wunsch einer anonymen Geburt führen, nicht von allgemeinen und durchaus lösbaren Konfliktsituationen rund um Schwangerschaften unterscheiden. Niemand mache betroffenen Frauen das Recht auf eine vertrauliche Geburt streitig, so Maihöfer. Aber möglicherweise überdenke die jeweilige Frau ihre Entscheidung, anonym bleiben zu wollen, noch einmal.

Ulrike Dommnich von der AWO befürwortet ebenfalls das neue Gesetz und betont, dass in der AWO, wie bundesweit in jeder Schwangerenkonfliktberatungsstelle, speziell geschulte Mitarbeiterinnen zur Verfügung stünden. Trotzdem steht sie in der Sache eher auf der Seite des Deutschen Ethikrates. Der hatte sich prinzipiell gegen die Legalisierung einer anonymen Kindsabgabe ausgesprochen und vorgeschlagen, dass die Daten der Eltern höchstens für ein Jahr geheim gehalten werden dürften mit der Begründung, dass Kinder auch gegen den elterlichen Willen ein Grundrecht auf Umgang mit den leiblichen Eltern besitzen. Ebenso wie der Ethikrat sieht Ulrike Dommnich die Gefahr, dass eine verstärkte Werbung für die „vertrauliche Geburt“ eine Art Mitnahme-Effekt provozieren könnte.

„Wem nützt dieses Gesetz?“, fragt sie. In den 30 Jahren, die sie in der Schwangerenkonfliktberatung arbeitet, habe sie im Landkreis Schaumburg nur ein einziges Mal eine anonyme Geburt begleitet und nur einige wenige Adoptionsfälle. Darüber sei sie auch froh, denn es sei bekannt, wie sehr Kinder darunter leiden können, nichts über ihre Abstammung zu wissen. „Man sollte bedenken, dass die ‚vertrauliche Geburt‘ doch einiges an Reflexion voraussetzt, eine Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft, der Geburt und dem Kind, das auf die Welt kommen wird. In so einer Situation, in der man in der Lage ist, Hilfe zu suchen und anzunehmen, sollte es möglich sein, eine mehr oder weniger anonyme Geburt zu umgehen.“ Es sehe zwar so aus, als seien die Rechte des Kindes gewahrt, indem es die mütterlichen Daten nach sechzehn Jahren erfahren dürfe. „Aber es gibt ja noch einen zusätzlichen Paragrafen, der mit Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht der Mutter vorsieht, dass sie in schwerwiegenden Fällen weiterhin anonym bleiben darf. Da fragt man sich: Was wäre denn ein ‚schwerwiegender Grund‘? Reicht die unangenehme Aufdeckung eines Ehebruchs schon aus? Oder das Gefühl, den Fragen des Kindes vielleicht nicht gewachsen zu sein?“ Adoptionsstelle skeptisch Auch die Adoptionsstelle für den Landkreis Hameln-Pyrmont spricht sich nach Aussage von Pressesprecherin Sandra Lummitsch eher gegen das Gesetz zur „vertraulichen Geburt“ aus. Zwar habe es seit dessen Einführung noch keinen dem Jugendamt bekannten Fall gegeben. Doch sei es auch zur Vermittlung des Kindes wesentlich, mit der Mutter persönlich Kontakt gehabt zu haben oder über ein paar Informationen zu verfügen, damit eine möglichst optimale Passung zwischen Kind und annehmenden Eltern erreicht werden kann. „Außerdem ist die Anonymität der Mutter ja auch bei einer ‚Inkognito-Geburt‘ gewahrt“, so Lummitsch. Mit dem Unterschied, dass das Kind später die verbriefte Möglichkeit hat, die Daten seiner Herkunft zu erfahren. Weitere Informationen gibt es bei den Schwangerenberatungsstellungen der Landkreise, der AWO in Stadthagen (05721/9398890) und der Caritas in Hameln (05151/24646).



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