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Warum es im Weserbergland Luftkurorte so schwer haben

Eine verschollene Geschichte

Einst war da eine Zeit, zu Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts, da hätte man das halbe Weserbergland als „Luftkurort“ bezeichnen können. Unzählige Dörfer zwischen Hameln und Bad Nenndorf konnten sich mit diesem Titel schmücken und dazu mit der Anzahl ihrer Gäste manchmal sogar den echten Kurbädern den Rang ablaufen. Die Grundvoraussetzung dafür, ein staatlich anerkannter Luftkurort sein zu dürfen, war und ist auch heute noch ein gesundes Bioklima. Seltsam, dass es inzwischen keinen einzigen Luftkurort mehr gibt im Landkreis Schaumburg und im Landkreis Hameln-Pyrmont. Stimmt da was mit dem guten Bioklima nicht mehr?

veröffentlicht am 29.02.2016 um 07:46 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 08:58 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Nein, das ist es sicher nicht“, sagt dazu der Rintelner Meteorologe Professor Günter Groß. „Zwar kann vereinzelt die Feinstaubbelastung auf dem Lande zugenommen haben, sei es durch erhöhten Verkehr oder auch durch die Landwirtschaft. Da sind unbearbeitete Ackerflächen manchmal dafür verantwortlich, dass Staub verwirbelt und in der Luft verteilt wird.“ Alles in allem aber sehen die Werte für die Luftqualität im Raum Hameln und Schaumburg überdurchschnittlich gut aus. Das lässt sich unter anderem auf der Internetseite von „wetteronline.de“ nachlesen. Dort werden für alle Regionen Deutschlands täglich die Messergebnisse der örtlichen Messstationen veröffentlicht.

Woran aber liegt es dann, dass Schaumburger Orte wie Möllenbeck, Deckbergen und Todenmann oder das bis in die 1950er Jahre für seinen lebhaften Tourismus weithin bekannte Steinbergen den Status eines „Luftkurortes“ längst verloren haben? Warum hat sich Bad Pyrmonts Ortsteil Hagen vor sechs Jahren nicht erneut um den Titel beworben? Selbst das Dörfchen Unsen nahe Hameln, auf dessen Ortsschild bis vor kurzem noch „Luftkurort“ stand, besitzt nun ein neues Ortseingangsschild ohne jeden Hinweis auf seine Luftkurort-Vergangenheit. Eine der vielen Ursachen für den Abschied aus dieser Ära dürfte damit zu tun haben, dass ein gesundes Bioklima längst nicht alles ist, was ein Luftkurort zu bieten haben muss.

Im Jahr 1950 hatte

Unsen tatsächlich 10 000 Übernachtungen

Als es zum Beispiel in Hagen im Jahr 2009 darum ging, ob der Ort die gesetzlichen Anforderungen für die Qualifizierung als Luftkurort weiterhin erfüllen könne und wolle, stellte sich heraus, dass die örtliche Lesehalle über eine Behindertentoilette verfügen müsste – Umbaukosten 70 000 Euro. Diese Forderung habe alles ins Stocken gebracht, sagte damals Ortsbürgermeister Andreas Müller und fügte dann hinzu: „Der ,Luftkurort‘ ist ein alter Zopf, der nichts bringt.“ Die meisten Übernachtungsgäste seien ohnehin Monteure. Ähnliche Antworten kommen aus praktisch allen ehemaligen Luftkurorten. Wo es ehemals in der Feriensaison oft mehr Übernachtungsgäste als Einwohner gab, sind es nun überwiegend „Gastarbeiter“, die die Betten in den stark reduzierten Pensionen und Hotels belegen.

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  • Ein gutes Bioklima als Voraussetzung: Das Dörfchen Unsen mit seinen 500 Einwohnern besaß, ebenso wie viele andere sehr kleine Dörfer, einen eigenen Verkehrsverein, dessen Mitglieder sich mit aller Energie um das Prädikat „Luftkurort“ bemühten. Nach und nach nahm aber das Interesse an dem Status ab. Foto: Dana

Gäste aber, die wegen des Arbeitens kommen, und nicht, weil sie Ferien machen wollen, die fragen nicht groß, ob ein Ort über die Infrastruktur verfügt, die ihn zum Luftkurort macht. Dazu würden nämlich zum Beispiel Freizeitanlagen wie ein Schwimmbad und Sportplätze gehören, außerdem ausreichend Gastronomie, ein kurparkähnliches Gelände, ein niedergelassener Arzt und Terrainkurwege mit unterschiedlichen Belastungsstufen. Dem Lärmschutz muss Genüge getan sein, regelmäßige kulturelle Veranstaltungen sind gefordert, und nicht zuletzt gehören die Bescheinigungen des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dazu, die belegen, dass es sich um eine Gemeinde handelt, in der sich nicht etwa Ratten und andere Hygieneschädlinge herumtreiben.

Das Dörfchen Unsen mit seinen 500 Einwohnern besaß, ebenso wie viele andere sehr kleine Dörfer, einen eigenen Verkehrsverein, dessen Mitglieder sich mit aller Energie um den Luftkurort-Status bemühten. Immerhin gab es da bereits das schöne Waldbad Sünteltal, dazu 20 Pensionen, vier Gaststätten und eine durch aufsteigende Winde so gute Luftqualität, dass 1956 sogar ein Kindererholungsheim eröffnet wurde, welches heute ein Hamburger Schullandheim ist und immer noch dafür wirbt, „Kuraufenthalte“ anbieten zu können. Im Jahr 1950 konnte Unsen tatsächlich 10 000 Übernachtungen verzeichnen. Fragt man jetzt aber Luzie Claus, Inhaberin vom „Waldhof“, dem letzten verbliebenen Hotel in Unsen, hört man, dass die Bezeichnung „Luftkurort“ in den letzten 25 Jahren nie einen spürbaren Vorteil gebracht habe.

Ihr Vorgänger Ernst Köpps erinnert sich noch an bessere Luftkurort-Zeiten bis in die 1960er Jahre hinein, wo ständig ganze Touristengruppen mit Busunternehmen angefahren kamen. Doch schon bald wurden die Zimmer überwiegend von den italienischen und jugoslawischen Mitarbeitern der Hamelner AEG belegt, die dann rund ums Jahr blieben, erzählt er. Auch das habe dazu beigetragen, dass man nach und nach das Interesse daran verlor, den Status des „Luftkurortes“ aufrechtzuerhalten, obwohl viele der Anforderungen theoretisch auch weiterhin erfüllt werden könnten, meint er.

Der Verzicht der niedersächsischen Kommunen auf die staatliche Anerkennung als Luftkurort wurde irgendwann derart auffällig, dass die SPD im Jahr 2011 sogar eine Anfrage an den Landtag stellte. Anscheinend gelte der Titel als antiquiert, jedenfalls unattraktiv, und man bezweifle allgemein, ob das Prädikat jemals Menschen veranlasst habe, in einer solchen Kommune Urlaub zu machen, hieß es. Die Antwort der Landesregierung dagegen betont die hohe Bedeutung solcher Auszeichnungen, die zu Qualitätssteigerung, besserer Wettbewerbsfähigkeit und erhöhten Tourismuszahlen führten. Gleichzeitig aber geht aus der Auflistung der entsprechenden Orte hervor, dass es in Niedersachsen bis zum Jahr 2010 sowieso nur noch 33 Luftkurorte gab, von denen dann die Hälfte aus dem Konzept ausstieg, als neue Anträge gefordert waren.

Hans-Georg Dlugosch, in Rinteln zuständig für Stadtmarketing und Tourismus, spricht in Bezug auf die ehemaligen Luftkurorte von einer „verschollenen Geschichte“. Als beispielhaft zieht er die Verwaltungsakte des Kirschendorfes Todenmann hervor, das bis zum Jahr 2001 als Luftkurort verzeichnet war, danach aber, ohne dass sich eine konkrete Begründung fände, die Sache nicht mehr weiterverfolgte. Das sieht Wilfried Schnüll aus dem Heimatverein Schaumburg nicht viel anders. Auch in Deckbergen zum Beispiel gab es selbst mit dem Luftkurort-Prädikat nach und nach zu wenig Übernachtungszahlen und damit immer weniger Anbieter von Ferienhäusern und Pensionen. Viele dörfliche Verkehrsvereine lösten sich auf, und insgesamt hätten die einzelnen Kommunen meistens kaum mehr verlockende Infrastruktur zu bieten, weder Bäcker, Schlachter, Lebensmittelmarkt, noch nette Kneipen oder Cafés.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Gesamtentwicklung am Ort Steinbergen. Zwar weisen Metropol-Kino und Hallenbad noch auf glorreiche Luftkurortzeiten und Tourismusvergangenheit hin, doch endete diese Zeit eigentlich bereits in den 1950er Jahren, wie Karl-Martin Pacholek weiß, der manchmal Führungen auf den Spuren von Steinbergens einstigem touristischem Ruhm veranstaltet. Zwischen den beiden Weltkriegen galt das Weserbergland zumindest in den Augen norddeutscher und niederländischer Besucher geradezu als Gebirge und damit als ausgesprochen reizvolles Reiseziel zu Zeiten, als man sich noch nicht umstandslos auf weite Autofahrten begab oder gar in den Mallorca-Flieger stieg, um Urlaub zu machen.

Tröstlich immerhin: An Luft und Bioklima selbst liegt diese Entwicklung nicht. Wer in Weserberglands Dörfern lebt, kann sich in den meisten Fällen so fühlen, als sei er weiterhin in einem Luftkurort beheimatet. Jedenfalls dann, wenn nicht gerade Bundesstraßen durch seinen Ort führen.



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