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Was tun, wenn das wichtigste Körperorgan schlappmacht? Ein Mann aus dem Schaumburger Land hat einen langen Leidensweg hinter sich. Heute kann er anderen Betroffenen Mut machen – in einem fast normalen Alltag mit einem Kunstherz. Die dazugehörige Tas

Eine Tasche voller Leben

Eigentlich war Frank Droste kerngesund. Kindheit, Schulzeit, Ausbildung und Beruf erlebte er wie jeder andere Gleichaltrige auch. Doch 1999, da war er gerade 33, blieb ihm zum ersten Mal buchstäblich „die Luft weg“. Zwar hatte er vorher immer schon einmal über Atemnot und anstrengendes Treppensteigen geklagt. Bis auf die Diagnose Asthma wussten sich zunächst die Ärzte keinen Rat. Erst im Krankenhaus wurde klar: Die Pumpleistung des Herzens betrug nur noch neun Prozent. Droste war regelrecht aufgequollen: Das Wasser in seinem Körper ließ sogar die Haut platzen.

veröffentlicht am 25.08.2014 um 00:00 Uhr

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Über die Gründe für seine Krankheit kann der Patient selbst nur rätseln. Mögliche Ursache dürfte ein Autounfall sein, bei dem er ein Bein verlor: „Vielleicht ist da ein Entzündungsherd geblieben, der sich auf das Herz auswirkte.“

Frank Droste kam auf die Transplantationsliste und erhielt Medikamente, die die Herzleistung allmählich wieder erhöhten. „Doch Arbeiten und Anstrengungen waren nicht mehr drin“, erinnert er sich, „vor allem bei Hitze ließ die Leistung immens nach“.

Angst vor einem frühen Tod kannte er nicht: „Selbst wenn es mir ganz dreckig ging, war der Lebenswille immer da.“ Seine „panische Angst“ galt nur dem Umstand, dass bei einer Herzoperation „der ganze Brustkorb aufgeschnitten wird“.

Rund zehn Jahre später stand Droste wieder vor dem Abgrund. 2011 wurde ihm bereits ein Defibrillator (Schockgeber) implantiert. Im Oktober und im November 2012 brach er zweimal zusammen. Beim zweiten Ereignis retteten ihn nur noch Herzmassage und Intensivstation in letzter Minute. Lebensgefährtin Anja Struckmann, die damals selbst im Krankenhaus lag, erinnert sich mit Schaudern an jene Tage.

Der behandelnde Arzt im Krankenhaus zeigte dem Paar die verbleibenden Zukunftsperspektiven auf: der baldige Tod, die zeitliche Ungewissheit einer Transplantation – oder ein „Kunstherz“, das mit Erfolg an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bereits etlichen Betroffenen zu neuem Leben verhalf.

Droste entschied sich für Letztgenanntes. Doch der schwerstkranke Mann musste sich gedulden. Sein Zustand ließ eine Operation nicht zu. Struckmann befürchtete bereits das Schlimmste. Die Ärzte versuchten jedoch alles medizinisch Mögliche. Später gestanden sie ein, ihr Patient sei „schon zu 99 Prozent tot“ gewesen.

Doch am 13. Dezember 2012 wagten die auf diesem Gebiet spezialisierten Mediziner Jan Schmitto und Murat Avsar den Schritt und schlossen Drostes Herz an eine Pumpe an. Diese ist direkt an der linken Herzkammer angeschlossen und lässt das Blut über einen Rotor in den Körperkreislauf fließen. Betrieben wird die Pumpe mittels Strom aus zwei Batterien, die sich zusammen mit einer Steuereinheit außerhalb des Körpers befinden. Ein kritischer Punkt ist das durch die Bauchdecke verlegte Verbindungskabel. Die Austrittsstelle muss absolut sauber und keimfrei gehalten werden.

Der Leidensweg des Patienten war indes noch nicht zu Ende. Zwar funktionierte das neue System reibungslos, aber Drostes Gesamtzustand war so schlecht, dass er im künstlichen Koma blieb. Am 24. Dezember drückte er seiner Lebensgefährtin zum ersten Mal die Hand. Am Silvestertag schlug er endgültig die Augen auf. Die ersten eigenen Schritte setzte er während der Reha-Behandlung im März 2013. Erst im August war ein Spaziergang ohne jedes Hilfsmittel möglich. Doch schon im September, beim ersten Urlaub, fühlte sich Droste fit für längere Anstrengungen: „Vom Herzen her hätte ich eine lange Wanderung machen können.“ Doch daraus wurde nichts: Die frühere Beinamputation und Spätfolgen von Durchblutungsstörungen am zweiten Fuß lassen große Touren einfach nicht zu.

Doch der heute 48-Jährige ist zufrieden mit seiner Lebenssituation. Alle drei Monate muss er „zu meinem TÜV nach Hannover“ und alle vier Wochen zur Kontrolle zum Hausarzt. Aber ansonsten läuft der Alltag nach seinen persönlichen Wünschen ab. Nur die schwarze Umhängetasche ist immer dabei, in der sich „mein Leben“ befindet, wie er es beschreibt. Nachts übernimmt eine stationäre Anlage direkt neben seinem Bett die Funktion, während die Akkus neu geladen werden.

Körperliche Anstrengungen und der all zu nahe Umgang mit elektrischen Geräten muss er vermeiden. Bastelarbeiten enden dort, wo Bohrhammer oder Schweißgerät erforderlich werden. Auch das Rasenmähen überlässt er anderen Hausbewohnern – zum Leidwesen seiner Frau hält er sich auch beim Staubsaugen zurück.

Dafür nimmt er sich Zeit, „wieder unter Menschen zu kommen“, was ihm während seiner langen Krankheit und den vielen stationären Aufenthalten verwehrt war. Eine Rückkehr in den Beruf war aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, dafür aber füllt ihn ein Ehrenamt aus. Aufgrund seiner geliebten Geflügelzucht ist er stellvertretender Kreisvorsitzender des Zuchtvereins.

Ein zweites Hobby steht in der Garage. Eigentlich hätte sich der bekennende Autofan ja lieber ein Quad gekauft, es aber aus Gründen der Vernunft und seines Handicaps gelassen. Dafür aber ist es jetzt ein Cabrio, in dem er sich auch den Wind um die Nase wehen lassen und seine neue Freiheit genießen kann.



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