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Wohnungssuche für Familie Weiß großes Problem

Eine große Kluft: Wahrnehmung zwischen Sinti und Behörden klafft weit auseinander

HAMELN. Sandro Weiß (39) ist stocksauer, ja, regelrecht gekränkt. Der Hamelner fühlt sich vom Jobcenter Hameln-Pyrmont diskriminiert. Weiß ist ein Sinto. Als solcher darf er manche Tätigkeiten nicht ausführen, da sie im Widerspruch zu bestimmten Reinheitsgeboten der Sinti stehen. Demnach seien ihm Arbeiten, die etwa mit Müll oder Krankenhäusern zu tun haben, verboten. Das sei im Austausch mit dem Jobcenter bislang auch nie ein Problem gewesen, sagt er. Folglich hatte Weiß die unpassenden Jobangebote, die ihn zuletzt dennoch erreicht hatten, abgelehnt, weil sie sowohl mit Müllentsorgung als auch mit Krankentransporten zu tun hatten

veröffentlicht am 28.09.2017 um 12:58 Uhr
aktualisiert am 30.09.2017 um 15:58 Uhr

Die problematische Wohnungssuche der Familie Weiß zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Hamelner Sinti. Bereits am 8. November 1980 berichtete die Dewezet über die unzureichende Unterkunft der zehnköpfigen Familie von Robert Weiß (
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Doch der neue Sachbearbeiter habe Weiß auf dessen Erklärung für die Ablehnung der Angebote bloß entgegnet, ob er ihn „verarschen“ wolle. Weiß habe die Angebote anzunehmen, die er ihm vorlege. Daraufhin habe Weiß erklärt, dass er in diesem Ton nicht mit sich reden lasse und ihn diese Respektlosigkeit ihm und seiner Kultur gegenüber an das Dritte Reich erinnere. Er habe das Gespräch abgebrochen und sich an den Teamleiter gewandt. „Mit ihm konnte ich mich dann auch, wie gewohnt, unterhalten“, sagt Weiß.

Auf Anfrage der Dewezet schildert das Jobcenter einen anderen Verlauf des Gesprächs zwischen Weiß und dem Sachbearbeiter. Demnach habe Weiß zwar „Gründe angeführt, warum für ihn bestimmte Tätigkeiten nicht zumutbar seien“. Doch der Sachbearbeiter habe Weiß dann gesagt, „dass es auch noch andere Arbeiten gäbe außer Berufskraftfahrer“ – wie von Weiß angestrebt und als Nebenverdienst im Übrigen bereits praktiziert. „Dies empfand Herr Weiß wohl als unangemessen und fragte, ob ,Arier‘ von ihm (dem Sachbearbeiter; Anm. d. Red.) genauso behandelt werden würden, er würde sich bei seinem Vorgesetzten beschweren“, sagt Gabriele Glüsen, Pressesprecherin des Jobcenters Hameln-Pyrmont. Der Sachbearbeiter habe dann „aufgrund der für ihn selbst verletzenden Aussage des Herrn Weiß diesen direkt an seinen Teamleiter verwiesen“.

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Sandro Weiß Foto: pk
  • Sandro Weiß Foto: pk

Allgemein würde das Jobcenter „in seiner Beratungs- und Vermittlungsarbeit unter anderem Angehörige von Minderheiten, so auch der Sinti“, berücksichtigen, so Glüsen. „Eine Diskriminierung von Minderheiten ist dabei zu vermeiden.“ Mitarbeiter würden sogar „für eine kultursensible Beratungsarbeit qualifiziert“. Davon hat Sandro Weiß offenbar nichts gespürt. Die Schilderung des Jobcenters macht ihn nur noch wütender. Erstens sei sie unwahr und zweitens verdeutliche sie doch nur, „dass man immer gegen uns Sinti ist oder was gegen uns hat, weil wir Weiß heißen“, meint der 39-jährige Hamelner. Das nächste Gespräch mit dem Sachbearbeiter wolle er jedenfalls nur im Beisein eines Vertreters der „Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma“ führen.

Es ist ein Beispiel, an dem das eklatante Missverhältnis deutlich wird, das offenkundig zwischen der Wahrnehmung von Sinti auf der einen und der Behörden auf der anderen Seite besteht. Zum einen ist es schwierig, Diskriminierung nachzuweisen. Zum anderen ist nicht per se anzunehmen, dass die Sachbearbeiter die Absicht haben, jemanden zu diskriminieren. Unstrittig ist aber das Empfinden vieler Sinti: das Gefühl, nicht anerkannt, diskriminiert oder abschätzig behandelt zu werden, ob im Alltag oder bei einer Institution. Doch inwiefern nehmen die Behörden darauf Rücksicht? Und ist den Behörden diese Problematik überhaupt bewusst?

Nicht wirklich, heißt es dazu auf Anfrage aus dem Rathaus. Aber: An Oberbürgermeister Claudio Griese war zumindest während des Wahlkampfs von einem Sinto herangetragen worden, dass die Familie Weiß es in Hameln nicht leicht habe, wie der OB gegenüber unserer Zeitung sagt.

Nein, heißt es auf Anfrage im Kreishaus. Immerhin: Am Kuckuck in Rohrsen gibt es seit 2015 das Projekt „Jugend stärken im Quartier“, das der Landkreis Hameln-Pyrmont gemeinsam mit der Impuls gGmbH, dem Jobcenter und anderen durchführt und sich auch an deutsche Sinti richtet. Es soll soziale Angebote vermitteln und jungen Menschen bei der Schul- und Berufsausbildung behilflich sein. Hauptzielgruppe seien zwar die vor Ort überproportional vertretenen Roma aus Osteuropa, wie Ralf Rothenbusch von Impuls auf Anfrage mitteilt. Aber es würden auch fünf junge Sinti betreut, die an den Angeboten teilnähmen und zu den Beratungsgesprächen kämen.

Andere Sinti klagen über geringschätziges Verhalten ihnen gegenüber bei dem für Grundsicherung zuständigen Amt des Landkreises. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen, schlecht beraten und abfällig behandelt. Die Dewezet weiß zumindest von einem Fall, bei dem es zwischen einer Sachbearbeiterin des Teams „Soziale Hilfen“ und Hamelner Sinti zu massiven Kommunikationsproblemen gekommen ist. Ob diese jedoch auf Vorbehalte seitens der Sachbearbeiterin gegenüber Sinti zurückzuführen sind, lässt sich nicht sagen.

Dem Landkreis zufolge werden die „im Leistungsbezug stehenden Sinti und Roma (…) seit Langem von einer erfahrenen Mitarbeiterin betreut“. Insofern würden „die Beteiligten wissen, wie sie miteinander umzugehen haben“, teilt Kreissprecherin Sandra Lummitsch auf Anfrage mit. Eine Aussage, die jedoch im Gegensatz zu den Angaben einzelner Sinti gegenüber der Dewezet steht. Ihnen zufolge sei die Sachbearbeiterin nicht in der Lage gewesen, den Sachverhalt zu erläutern.

Bei der niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma kennt man solche Fälle. Demnach haben einige Sinti Probleme beim Lesen und Schreiben oder sind mit den Behördenvorgängen nicht ausreichend vertraut. Folglich kann es dadurch zu Schwierigkeiten kommen, etwa beim Verständnis der mitunter komplizierten Anträge – und in der Konsequenz bei der Kommunikation, wie beim Amt für Grundsicherung geschehen.

„Dass dieser Personenkreis mit Behördenvorgängen sowie mit Bürokratie im Allgemeinen nicht vertraut sein soll, können wir nicht nachvollziehen.“

Sandra Lummitsch, Sprecherin der Kreisverwaltung

Beim Landkreis hält man ein Verständigungsproblem allerdings für unwahrscheinlich. „Dass dieser Personenkreis mit Behördenvorgängen sowie mit Bürokratie im Allgemeinen nicht vertraut sein soll, können wir nicht nachvollziehen, da sehr viele schon seit vielen Jahren Sozialleistungen beziehen und sie genau wissen, wie die Verfahren laufen“, sagt Kreissprecherin Lummitsch. Ansonsten würden Beschwerden „ernst genommen und gegebenenfalls auch verfolgt“.

Nina Weißer vom Landkreis-Dezernat „Jugend/Bildung“ weist im Gespräch darauf hin, dass die Kreisverwaltung zunächst von der Kritik Kenntnis haben müsste, um gegebenenfalls etwas verbessern zu können. Dafür sei das „Beschwerdemanagement“ der richtige Ansprechpartner. Aber auch der „Migrationsrat“ könne ein Ansprechpartner sein. Auch wenn der Titel des Rats in Bezug auf deutsche Sinti irreführend ist, schließlich leben Sinti schon seit Jahrhunderten in Deutschland und sind weder Migranten noch haben sie einen Migrationshintergrund. Gleichwohl, so Weißer, befasse sich der Migrationsrat auch mit Diskriminierung.

Ein erhebliches Problem stellt für viele Hamelner Sinti die Wohnungssuche dar. In Gesprächen mit der Dewezet führen viele die Problematik auf Vorurteile zurück, die gegenüber Sinti im Allgemeinen und der Hamelner Familie Weiß im Besonderen bestünden. Mit dieser Einschätzung immerhin stehen sie nicht alleine da. Das Problem ist auch beim Landkreis bekannt. „Viele Sinti haben es auf dem Wohnungsmarkt schwer“, sagt Michael Dittrich, der Leiter des Kreisamts für Inklusion und Bildung. „Dahinter stecken uralte Vorurteile gegenüber Sinti, wonach ,die Zigeuner‘ zum Beispiel heute kommen und morgen schon wieder gehen und die Wohnung entsprechend hinterlassen.“

Das Problem ist auch dem Hamelner Sinto Horst Rosenberg bekannt. Er ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma und Ansprechpartner im Raum Hameln – im Übrigen auch für öffentliche Einrichtungen. Die schwierige Wohnungssuche von Angehörigen der Familie Weiß vor Ort ist ihm nur zu gut bekannt.

Die Ablehnung seitens der Vermieter sei so groß, man könne glatt den Eindruck gewinnen, „die hätten sich abgesprochen“, sagt er. Allerdings bleibe ihm nicht viel mehr übrig, als an die Vermieter zu appellieren, nicht von einer schlechten Erfahrung mit einem Sinti-Mieter auf alle Sinti zu schließen.

Als unproblematisch erweist sich dagegen die Wohnungsvermittlung bei der Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG). Das Problem der Wohnungssuche von Angehörigen der Sinti-Familie Weiß jedenfalls sei „der HWG nicht bekannt“, teilt Geschäftsführer Christian Mattern auf Anfrage mit. „So haben wir in unserem Bestand aktuell zwölf Wohnungen an Mitglieder der Familie Weiß vermietet.“ Bei der HWG würden alle Mietinteressenten und Mieter gleichbehandelt werden. Die Wohngenossenschaft Hameln (WGH) äußerte sich trotz mehrfacher Anfragen unserer Zeitung nicht.

Die ehemalige Mitarbeiterin des „FiZ“ („Familie im Zentrum“) Suna Baris, die seit Anfang des Jahres als städtische Integrationsmanagerin fungiert, weiß, dass, wie Studien belegen, Sinti und Roma die am meisten abgelehnten Minderheiten in Deutschland sind.

Das Problem von Hamelner Sinti bei der Wohnungssuche sei ihr zwar bekannt. In ihrer neuen Rolle als Integrationsmanagerin sei sie von Betroffenen aber noch nicht darauf angesprochen worden. „In solchen Fällen vermittele ich an Beratungsstellen oder suche den Kontakt zu Wohnungsgesellschaften und versuche dort, an die Ansprechpartner zu vermitteln“, sagt Baris.

Konkrete Beratungs- oder Hilfsangebote für Sinti gibt es bei der Stadt nicht. Aber: „Mit Vereinen und Verbänden könnte ich Projekte und Maßnahmen anstoßen, die zu dem Thema Stereotypen und Stigmata aufklären und entsprechend vermeiden“, so Baris. Der Bedarf ist offenbar da.

Lesen Sie am Mittwoch, 4. Oktober, ein Interview mit Horst Rosenberg, der Sinti bei Problemen berät.

Eine Multimediapräsentation der Serie finden Sie auf dewezet.de in der Rubrik „Mediathek“ unter „Multimedia-Storys“.

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