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Bettler sind auf dem kalten, harten Boden der Gesellschaft gelandet

Eine Geschichte zwischen Scham und Scheu

Der Himmel grau, leichte Tropfen fallen auf das Pflaster der Fußgängerzone. Höchstens sieben Grad zeigt das Thermometer. Auf der kalten Erde sitzend sieht man sie an vielen Ecken — Obdachlose. Sie sind auf dem harten Boden der Gesellschaft gelandet.

veröffentlicht am 21.10.2016 um 17:50 Uhr
aktualisiert am 22.10.2016 um 15:34 Uhr

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Reporterin

Eigentlich keine guten Bedingungen, um sich längere Zeit im Freien aufzuhalten. Und doch: Der Mann, der in Höhe von H&M auf der Erde kauert, blickt stoisch vor sich hin, unter sich lediglich eine Plastiktüte, wohl zum Schutz vor der Nässe. Und vor sich einen kleinen Plastikbecher, in den Passanten nur hin und wieder eine Münze werfen. Die meisten gehen achtlos vorbei.

Nur ein paar Meter weiter ein ähnliches Bild: Auch hier ist es ein Mann in den mittleren Jahren, erkennbar ungepflegt, der einen Becher vor sich stehen hat. In den Händen hält er ein Pappschild: „Hilfe. Zwei Kinder, kein Haus“ steht darauf und soll Vorübergehende auf die vermeintliche oder tatsächliche Notlage des Mannes aufmerksam machen, der seinen Lebensunterhalt hier auf der Straße erbettelt.

Wieder ein paar Schritte weiter eine alte Frau, in diesem Metier eher noch die Ausnahme. Sie schaut blicklos ins Leere, vermutlich schämt sie sich. Auch sie bekommt nur hin und wieder etwas Kleingeld. „In Deutschland muss doch heutzutage keiner betteln gehen“, meint etwa Gerlinde Herster, die ihr Portemonnaie deswegen auch fest geschlossen hält. Wobei der Begriff „betteln gehen“ es nicht ganz trifft. Fast alle sitzen, hocken, kauern auf dem kalten, harten Boden.

Dieses Bild gehört an vielen Tagen zum Straßenbild in Fußgängerzonen und an anderen neuralgischen Punkten. Foto: Dana

Das trifft auch für den stadtbekannten Bettler zu, der regelmäßig vor dem Brillen-Geschäft sitzt, in unmittelbarer Nähe zur Stadt-Galerie und damit in gut frequentierter Lage, zwei rote Krücken neben sich. Steht er auf, schleppt er sich auf verkrüppelten Füßen weiter. Ist das echt oder Schauspielerei? Man weiß es nicht. Manch ein Passant will schon „plötzliche Gesundungen“ beobachtet haben.

Aber darf der Mann das überhaupt? „Ja“, sagt Janine Herrmann, Sprecherin der Hamelner Stadtverwaltung, Betteln an sich sei erst einmal grundrechtlich geschützt. Und die Fußgängerzone etwa unterliege dem sogenannten „gesteigerten Allgemeingebrauch“. Verboten sei hingegen aggressives, organisiertes oder Bandenbetteln. Dieses Problem habe Hameln allerdings, ganz im Gegensatz zu Großstädten wie etwa Hannover, bisher nicht. Eingeschritten werde lediglich, wenn Bettler aggressiv würden oder ihre Mitmenschen belästigten. Oder wenn eine Bank meldet, dass ein Bettler vor dem Haus Kunden beobachtet, die gerade Geld abgehoben hätten. Dann werde auch schon mal die Polizei gerufen. Oder das Jugendamt, wenn Kinder mit im Spiel und erkennbar unterernährt oder unterkühlt seien.

Etwa zehn amtsbekannte Bettler gibt es täglich in der Innenstadt, so die Beobachtungen der Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Einer der Kenner der Szene ist ein Streetworker. Der setzt vor allem auf regelmäßige Kontrollen und direkte Ansprache, etwa, wenn sich ein Bettler über Stunden an der gleichen Stelle aufhält. Jetzt, in der kalten Jahreszeit werden es aber mehr, die auf Straßen, Plätzen und in Unterführungen auf das Mitleid ihrer Zeitgenossen setzen. „Auch mehr Frauen sind dabei, vielleicht solche, die einen Saisonjob in der Landwirtschaft hatten und jetzt dringend etwas Geld brauchen“, mutmaßt die Stadtsprecherin.

Die Vermutung mancher Hamelner, dass die allermeisten Bettler aus ärmeren Ländern Europas wie Rumänien oder Bulgarien kommen, kann sie nicht betätigen. „Die kommen größtenteils aus Hameln, Hessisch Oldendorf oder Bad Münder, manchmal auch aus dem Senior-Schläger-Haus.“ In dieser Anlaufstelle für Obdachlose, um die sich auch ein runder Tisch kümmert, gibt es für den betroffenen Personenkreis regelmäßig ein Obdachlosenfrühstück. Statistiken aber über die Herkunft der Bettler führt die Stadt nicht, auch nicht zur Nationalität.

Der, der an Wochenmarkttagen regelmäßig in der Fußgängerunterführung hockt, kommt aus Ungarn, so viel ist zu verstehen. Und dass ihm kalt ist, sieht man dem bärtigen 60-Jährigen an. Ein kleines Kissen hat er unter sich geschoben, zeigt auf seine Füße. „Alles kaputt“, ist das wenige, das er auf Deutsch sagen kann. Außerdem noch „Danke“ und „Guten Tag“.

„Hameln ist ein besseres Pflaster.“

Wilfried B., Bettler

Wilfried B., der in der Bäckerstraße sitzt und seinen vollen Namen nicht nennen möchte, hat es da, wenn man so will, schon etwas besser. Der 64-Jährige ist Deutscher, kommt aus der Gegend von Paderborn und kann sich deshalb verständlich machen. Hameln, so sagt er, sei ein besseres Pflaster als seine Heimat. Obwohl doch da die Menschen meist katholisch seien und deshalb Nächstenliebe empfinden müssten.

Ob aus Hameln oder aus der Ferne: Große Probleme durch Bettler sieht die Verwaltung nicht. Und steht damit im Widerspruch zu manchen Passanten, die teilweise „an allen Ecken und Enden“ Bettler sehen. Dass diese gefühlt große Anzahl vor allem an Markttagen registriert wird, verwundert nicht, denn besonders die Fußgänger-Unterführungen sind als Standort beliebt. Immerhin bieten sie einen gewissen Schutz vor Wind und Regen. Vermehrt angesteuerte Plätze sind Grüner Reiter, Pferdemarkt, Ritter- oder Bäckerstraße. Geradezu optimal wäre da die Stadt-Galerie: Hier ist es warm und trocken, und Sitzmöglichkeiten gibt es auch. Aber: „Es gibt eine Hausordnung, die das Betteln bei uns untersagt“, so Center-Managerin Susanne Schubert, die bisher aber nach eigenen Angaben noch keine Probleme mit Bettlern gehabt hat.

Der Handelsverband Hannover unterdessen unterstützt die Forderungen der Innenstadthändler an die Verwaltung, deutlich strikter gegen Bettler vorzugehen: „Schnorrer, Bettler und Betrunkene sind allerdings nicht die einzigen Aspekte, die den unbeschwerten Spaß am Besuch der Innenstadt trüben“, berichtet Holger Wellner, Kreisvorsitzender des Handelsverbandes in Hameln. „Alles, was den Besuchern den Weg versperrt – sei es ein angebliches Kunstwerk aus Sand, wilde Verkaufsflächen oder lautstark lagernde Gruppen – schmälert die Lust am Stadtbummel und damit den Umsatz.“ Viele Innenstädte arbeiten nach seinen Worten mit Hochdruck daran, Shoppen zum Erlebnis zu machen. „Umso trauriger ist es, dass durch aggressives Betteln und störende Aktionen die Lust am Bummel in den Einkaufsstraßen beeinträchtigt wird“, ärgert sich Wellner. Und fordert die Kommunen auf, verschärft auf die Sicherheit in der Innenstadt zu achten und den Menschen den Spaß am Besuch in der Innenstadt zu bewahren.



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