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Ein Blick in die Pyrmonter Kurlisten – die Kontaktbörsen des 18. Jahrhunderts

Eine geniale Marketing-Idee

An prominenten Gästen mangelte es in Bad Pyrmont nie. Berühmte Zeitgenossen suchten das Kurbad auf, um die heilsamen Quellen zu genießen. Als besonders aufschlussreich erweisen sich die Kurlisten, die jeden Ankömmling registrieren und damit öffentlich bekannt machten. Im Jahr 1705 wird das erste Mal solch eine handschriftliche Liste aller anwesenden Kurgäste bei dem Brunnenkommissar öffentlich ausgelegt.

veröffentlicht am 04.08.2018 um 12:09 Uhr

Dieser Ausschnitt aus einem Kupferstich von 1790 zeigt die Pyrmonter Hauptallee und den Brunnenplatz. Stadtarchiv Bad Pyrmont

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Im Jahre 1736 wird erstmals die Kurliste von der Meyerschen Buchhandlung in Lemgo gedruckt. Diese Liste trägt den Titel: „Specification der Brunnen=Gäste so Anno 1736 sich vom 26. Mart. bis den 26. Juni bey dem berühmten Gesund=Brunnen zu Pyrmont gewesen sind, und sich noch befinden.“ Diese Kurliste befindet sich übrigens im Besitz des British Museums in London. Die Hofdruckerei Meyer in Lemgo druckt bis zum Jahr 1784 die Kurlisten in mehreren Heften pro Sommersaison, die dann in der eigenen Buchhandlung am Eingang der Hauptallee verkauft werden. Dann ist es die Druckerei Johann Georg Christoph Herrnkind, die in Pyrmont eine Lizenz für eine „Buchdrucker Presse“ erhält und von nun an die Kurlisten verlegt. Es folgen weitere, in Pyrmont ansässige Druckereien, bis dann der Verlag C.W. Niemeyer das Verlegen und Drucken der Kur- und Fremdenzeitung übernimmt.

Erstaunlich, dass im Jahr 1981 die Auflistung der Kurgastnamen – nun seit 1924 stets auf das ganze Jahr bezogen – eingestellt wird. Ganz offenbar geht es um den Datenschutz, der zu dieser Entscheidung führt. Allerdings liegt noch bis zum Jahr 1990 eine computergeschriebene Liste im Lesesaalgebäude des Staatsbades aus, die allerdings in alphabetisch geordneter Auflistung sämtliche Auskünfte zu den angereisten Kurgästen eines Jahres vermittelt.

Das klingt nun auf den ersten Blick nicht gerade aufregend. Aber bei näherem Hinschauen begreift man, welche Bedeutung eine Kurliste im 18., auch im 19. Jahrhundert besitzt. Gehen wir zurück in eine Zeit, in der es noch nicht Kommunikationsmedien wie das Telefon, das Radio, den Fernsehapparat oder das Handy gibt. Der junge Kurort Pyrmont ist bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts darauf ausgerichtet, Menschen aus verschiedenen Ortschaften Deutschlands, aber auch Europas in Kontakt zu bringen. Wer sich damals für einen dreiwöchigen Kuraufenthalt in Pyrmont entschieden hat, der hat neben den medizinischen Anwendungen Interesse, andere Kurgäste kennenzulernen.

Blick in die Kurliste: eine handschriftliche Übersicht der Pyrmonter Gäste von 1716. Stadtarchiv Bad Pyrmont
  • Blick in die Kurliste: eine handschriftliche Übersicht der Pyrmonter Gäste von 1716. Stadtarchiv Bad Pyrmont
Blick in die Kurliste: Ein Auszug aus dem Jahre 1752, hier mit dem Hinweis auf den berühmten „Capell=Director Telemann“ aus Hamburg. Stadtarchiv Bad Pyrmont
  • Blick in die Kurliste: Ein Auszug aus dem Jahre 1752, hier mit dem Hinweis auf den berühmten „Capell=Director Telemann“ aus Hamburg. Stadtarchiv Bad Pyrmont

Die Gründe für solche Bekanntschaften mögen unterschiedlich gewesen sein. Etwa, um aktuelle Nachrichten zu erfahren, einen Gedankenaustausch zu pflegen, berufliche oder private Kontakte aufzubauen.

Spätestens ab 1735 liegen gedruckte Kurlisten im Buchhandel im heutigen Haus Uslar am Brunnenplatz zum Verkauf aus. Ein solches Heft von 4 oder 8 Seiten, das alle zwei Wochen aktualisiert wird, kostete damals zwei Groschen. Das entspricht dem Wert von sechzehn frischen Landeiern.

In der Saison 1752 trifft als erster Kurgast „Herr Hofrath von der Schulenburg“ in Bad Pyrmont ein

Jede Kurliste gibt an, an welchem Tag der Kurgast angekommen und wo er abgestiegen ist. Jeder Kurgast ist mit einer fortlaufenden Nummer versehen, der Name ist verbunden mit dem Personenstand, bald auch grundsätzlich mit der Angabe des Berufs und Titels und mit der Nennung des Herkunftsortes.

Nehmen wir einmal eine Kurliste in die Hand, die nach Ende der Saison am 9. August 1752 abgeschlossen ist. Eine Kurliste, die dann später zu einem Quart-Heft zusammengebunden wird. Ein solches Heft war der stolze Besitz des Lügder Sammlers Walther Lehnert, die sich heute in der Sammlung des Stadtarchivs Bad Pyrmont befindet. Es sind insgesamt 502 namentlich genannte bürgerliche wie adelige Kurgäste, die vom 28. März bis zum 8. August den Kurort Pyrmont besucht haben. Der erste Gast ist „Herr Hofrath von der Schulenburg von Celle“. Der letzte Gast ist mit der Nr. 502 „Mons. D’anceruille aus Frankreich“. Es ist zahlenmäßig eine gute Saison für Pyrmont, auch getragen von „gemeinen Leuten, welche die ganze Cur-Zeit über, sich des Brunnens bedienet, werden gerechnet pptr. 3000 Personen“. Gemeint sind die Landleute, die Jahr für Jahr traditionell die Pyrmonter Quellen besuchen, namentlich aber nicht aufgelistet werden und auch ansonsten von der Badegesellschaft ausgegrenzt werden.

Blättert man die in fünf Verzeichnissen aufgeführten Namen der bürgerlichen und adeligen Gäste durch, gibt es interessante Entdeckungen. Als Nr. 171 wird am 24. Juni 1752 Herr „Capell=Director Telemann“ aus Hamburg aufgeführt. Noch fehlt in diesem Jahrgang die Nennung des Hotels, in dem er abgestiegen ist. Aber von dem berühmten Komponisten und Musiker Georg Philipp Telemann (1681-1767) ist bekannt, dass er mindestens acht Kuraufenthalte von jeweils drei Wochen in Anspruch genommen hat. Bekannt ist auch, dass der umtriebige Kapellmeister 1734 die „Pyrmonter Kurwoche in 7 Sätzen“ komponiert hat , die für jeden Tag einer Woche die Trinkkur mit Hilfe der Kurmusik begleiten soll.

Ganz offenbar ist Telemanns Kuraufenthalt im Jahre 1752 ohne Begleitung erfolgt. Man kann den Listen aber auch entnehmen, dass Pyrmont das Reiseziel von Familien ist. Sind es adelige Gäste, so wird die Frau als „Frau Gemahlin“ bezeichnet, sind es bürgerliche Gäste, so nennt man die Ehefrau „Frau Liebste“. Viele treffen sich zur Kur mit befreundeten Familien, die häufig auch im gleichen Logishaus Zimmer reservieren. Reisen Töchter oder Söhne mit, geht es häufig genug darum, Kontakte herzustellen zu Familien, die ebenfalls auf der Suche nach heiratsfähigen Partnern sind. Andere haben berufliche Interessen: Am 15 Juni 1752 liest man, dass der Hr. Buchhändler Meyer nebst Frau Liebste von Lemgo ankommt. Es ist eben jener Verleger, der auch das „Verzeichnis derer angekommenen Brunnengäste und Fremden bey dem Gesundbrunnen zu Pyrmont“ produziert und verkauft. Einen Tag später verzeichnet die Kurliste die Ankunft des „Königl.Grossbritannischen und Churfürstl. Braunschw. Lüneb. Försterische Hof-Buchhandlung aus Hannover. Förster war damals der wichtigste Verleger medizinischer Fachbücher, die vor allem die Schriften des Pyrmonter Brunnenarztes des Dr. Seip in Europa bekanntmachten. Hier gab es ganz sicher zwischen den beiden Unternehmern Absprachen, die nur vor Ort zu regeln waren.

Wie bedeutend und wie werbewirksam die alljährlichen Kurlisten sind, ist auch ablesbar an der Herausgabe des „Pyrmonter Brunnenarchivs“ im Jahr 1782, das einen Rückblick wirft auf die berühmten Kurgäste des gesamten 18. Jahrhunderts. Es ist geradezu eine Auflistung der prominenten Kurgäste des Hochadels und der gelehrten bürgerlichen Welt, damit über die vielen berühmten Namen deutlich wird, welche hochrangige Gesellschaft diesen Ort im Weserbergland besucht haben.

Der russische Zar Peter der Große, der Universalgelehrte Leibniz, der preußische König Friedrich der Große, aber auch die großen Göttinger Professoren, Wilhelm und Alexander von Humboldt sowie der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai – sie alle suchen oft Jahr für Jahr die Pyrmonter Hauptallee auf, um ins Gespräch zu kommen. Das Wort Kommunikation verbindet sich in diesem Jahrhundert in den Sommermonaten mit dem Kurort Pyrmont, weil sich hier der Gedankenaustausch mit vielen anderen Gästen der Hauptallee geradezu anbietet.

Auch hier bietet die Kurliste die Voraussetzung, um Kontakte aufzunehmen. Und das Pyrmonter Brunnenarchiv, 1782 anonym herausgegeben in Berlin, wirbt mit dem Rückblick auf die Gäste des 18. Jahrhunderts für das hohe internationale Ansehen Pyrmonts zu diesem Zeitraum. Aus heutiger Sicht würde man dies als geniale Marketing-Idee begreifen.



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