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Eine Frage des Geldes – oder des Respekts?

Warum soll ich Trinkgeld geben?“, fragt ein Gast vor einem der Cafés am Rintelner Marktplatz. „Es ist ja wohl selbstverständlich, dass ich gut bedient werde, und ein Kaffee ist teuer genug.“ Diese harsche Einstellung entspricht wohl nicht dem Durchschnittsdenken, doch fragt man in Wirtschaften, Eiscafés und Restaurants herum, meinen zumindest viele der Bedienungen, dass es mit der Trinkgeldmoral nicht unbedingt zum Besten stehe.

veröffentlicht am 08.06.2011 um 00:00 Uhr

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„Ich bin wirklich sehr freundlich und erfülle unseren Gästen jeden Wunsch“, meint zum Beispiel Sabine F. (Name von der Redaktion geändert), die in einem beliebten Bückeburger Bistro arbeitet. „Trotzdem gibt es jede Menge Leute, die einfach gar kein Trinkgeld geben. Das ist nicht richtig so!“

Auch in der Rintelner „Trennbar“, ein ebenfalls sehr beliebtes Kneipenrestaurant, wird am Trinkgeld oft gespart. „Natürlich ist es immer noch so, dass es umso mehr Trinkgeld gibt, je netter und flinker das Personal seine Arbeit macht“, meint Wirt Matthias Möller. „Aber die Zeiten, dass jemand an manchen Abenden seinen Lohn geradezu verdoppeln konnte, die sind definitiv vorbei.“

Er glaubt, dass dieser Wandel eintrat, als der Euro eingeführt wurde. Damals hätten viele Gäste das Gefühl gehabt, die Preise auf den Speisekarten seien unverhältnismäßig gestiegen und denken seitdem: „Jetzt noch groß Trinkgeld? Nee.“

Eine seiner Bedienungen, eine seit 15 Jahren in der Gastronomie erfahrene Frau, kann das nur bestätigen. „Es waren ja niemals die zehn Prozent, von denen in vielen Ratgebern die Rede ist“, sagt sie. „Doch inzwischen ist es schon eine Seltenheit, wenn ein Paar, das den ganzen Abend gut gegessen und getrunken hat, mal drei Euro gibt. Die meisten runden einfach nur zum nächsten Euro auf oder bestenfalls zum übernächsten, auch wenn sie insgesamt 60, 70 Euro zahlen.“

Immerhin, von einem älteren Stammgast kann sie erzählen, der jedes Mal aus Prinzip tatsächlich genau zehn Prozent dazu legt. „Das ist eben die alte Schule“, sagt sie lächelnd.

Tatsache bleibt, dass niemand gezwungen werden kann, mehr als den auf der Rechnung angegebenen Betrag zu zahlen. Ein Trinkgeld zu geben ist eine ganz und gar freiwillige Sache, oder, wie es in der deutschen Gewerbeordnung, Fassung vom 7. Juli 2005, heißt: „Trinkgeld ist ein Geldbetrag, den ein Dritter ohne rechtliche Verpflichtung dem Arbeitnehmer zusätzlich zu einer dem Arbeitgeber geschuldeten Leistung zahlt.“ Wird dieser Betrag der Bedienung persönlich und bar übergeben, dann muss er auch nicht über die Lohnsteuer abgerechnet werden, einer der Gründe, warum Bedienungen trotz ihres häufig sehr anstrengenden Berufes offiziell nur zwischen sieben und neun Euro pro Stunde verdienen.

Sabine F., die in Bückeburg arbeitet, sie kann es oft nicht fassen, wie knickerig Gäste sein können. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt sie. „Ich merke mir besondere Wünsche, bringe noch einen Keks, wenn jemand erwähnt, dass die besonders lecker sind, plaudere ein bisschen mit denen, die das gern möchten. Genau das macht mir ja auch Spaß – ich will, dass die Leute so richtig zufrieden sind. Ich mache das nicht direkt wegen des Trinkgeldes, aber es ist ein komisches Gefühl, wenn man dann trotzdem genau passend herausgeben soll oder man gerade mal 20 Cent erhält. Das grenzt schon fast an Herabwürdigung.“

Dass sie ihren Namen, wie viele andere Befragte, nicht nennen will, hat damit zu tun, dass die meisten Chefs sich schnell besorgt um einen möglicherweise schlechten Eindruck in das Gespräch einmischen und betonen, es gäbe kein Problem mit dem Trinkgeld, seine Leute könnten zufrieden sein, wo man gut arbeite, werde auch gerne gegeben. In einem der Rintelner Eiscafés will der Inhaber nichts auf die Trinkgeldmoral seiner Gäste kommen lassen, auch wenn die Bedienung gerade zuvor erzählt hat, es sei manchmal deprimierend, dass selbst nach einem großen Eisgelage kaum ein Trinkgeld rüber käme.

Sascha ist Bistroleiter im „Stadtkater“ und zeigt sich ganz einverstanden mit dem Trinkgeld, das in einem gemeinsamen Portemonnaie gesammelt und dann auf alle Angestellten verteilt wird. „Dass jemand wirklich gar nichts gibt, es kommt vor, doch nur selten“, sagt er. „Wir erhalten eigentlich immer so viel, dass wir am Ende des Tages insgesamt angemessen verdient haben.“

Jetzt im Frühsommer bei allerbestem Wetter hat das Lokal viele auch touristische Gäste, die im Schatten auf dem Marktplatz gut gelaunte Stunden verbringen. Da runden sie durchaus großzügig auf und es gibt zwar viel zu tun, aber am Ende des Tages ist auch die Trinkgeldkasse schön gefüllt. „In der kühlen Jahreszeit ist das anders“, sagt eine seiner Kolleginnen. „Es hängt eben auch von solchen Äußerlichkeiten ab.“

So sehen das auch die Wirtsleute Kehlenbeck im Restaurant „Schaumburger Ritter“ direkt an der Schaumburg. Auch sie haben viele Touristen unter ihren Gästen, Leute, die schöne Wanderungen am Berg hinter sich haben, gerade die Schaumburg bestaunten, in Ferienstimmung sind und sich dann bei der Trinkgeldvergabe nach einem Essen oder einer Kaffeepause im Restaurant als freigebig erweisen. Wird zu besonderen Menüs eingeladen oder ein Grillabend organisiert, könne sich die Bedienung nicht beklagen, so Stephan Kehlenbeck.

Dabei läge es durchaus nahe, nicht bei den Touristen, sondern bei den Stammgästen die größte Freigiebigkeit zu erwarten. Wenn die – nicht hundertprozentig verbürgte – Legende stimmt, dass man im 18. Jahrhundert in England das Trinkgeld sogar im Voraus entrichten musste, in einen Metallbecher mit der Aufschrift „t.i.p“, was die Abkürzung für „to insure promptness“ bedeutet, also: „um schnellstmögliche Bedienung zu sichern“, dann wird daraus deutlich: Trinkgeld soll für einen guten Service sorgen. Wer sich erkenntlich zeigt, erwartet, dass ihm auch in Zukunft besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Zufallsgästen könnte es daher eigentlich egal sein, was man nach einem Besuch von ihnen denkt, sie kommen ja sowieso nicht wieder.

Doch hat die Konvention, überall da ein Trinkgeld zu geben, wo man auf persönliche und individuelle Weise bedient wird, nicht nur den Sinn, das Personal für sich einzunehmen, sondern es ging auch um einen finanziellen Ausgleich für Menschen, die in eher schlecht bezahlten beruflichen Sparten arbeiten.

Die Deutschen besaßen bereits im 14. Jahrhundert das Wort „Trinckgelt“, es wurde von den Wohlhabenden an die armen Dienstboten und andere Dienstleister gegeben, die im sozialen Status deutlich unter ihnen standen. In den USA ist es teilweise immer noch üblich, dass die Bedienungen in Lokalen überhaupt keine Entlohnung enthalten, ja sogar dafür bezahlen, dass sie arbeiten dürfen. Dafür sollen die Gäste mindestens 20 Prozent der Rechnungssumme als Trinkgeld aufschlagen.

Silvia Ventura, die im Rintelner Eiscafé „Rialto“, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, die Gäste bedient, hat an guten Tagen, wenn alle Tische draußen dicht besetzt sind, schon mal an die 50 Euro Trinkgeld in ihrem Portemonnaie. „Viel geben die einzelnen Gäste nicht“, sagt sie. „Es sind meistens so 10, 20, 30 Cent. Aber ich arbeite oft elf Stunden oder mehr. Da kommt eben was zusammen.“ Sie lacht: „Es ist toll, wenn man abends vollkommen erschöpft ist und eigentlich gar nicht mehr kann und dann sieht man: Es hat sich gelohnt, ich werde mir demnächst was Schönes kaufen können!“ Auch sie stellt allerdings fest, dass vor allem ältere Menschen oft zurückhaltend sind, wenn es um das Trinkgeld für Eis und Kaffee geht, und führt das auf den Euroschock zurück. „Es sind die jungen Leute, die gerne was geben. Vielleicht auch, weil sie unsicher sind und alles richtig machen wollen?“

Kellnerin Sabine F., die sich über so manchen geizigen Gast beklagt und nicht nachvollziehen kann, wie man nach einem schönen Abend ohne diese Anerkennung für eine gute Bedienung das Lokal verlassen kann, sie geht auch selbst sehr gerne aus. „Natürlich gebe ich dann einen guten ,tip‘“, sagt sie. „Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie sehr man sich darüber freut. Wir Bedienungen sind auf das Trinkgeld nicht nur finanziell angewiesen, es ist eben auch ein zusätzliches Lob für unsere Arbeit.“

Trinkgeld ist kein Muss, es ist ein freiwilliger Beitrag. Und natürlich kann man verlangen, dass Speisen und Getränke in Café oder Restaurant so sind, dass man mit ihnen zufrieden ist – ohne eigens „draufzahlen“ zu müssen. Viele Gastronomen und Angestellte bemerken aber, dass immer weniger Trinkgeld gegeben wird – oftmals eine Herabwürdigung in ihren Augen.

Trinkgeld gibt es heutzutage in vielen Cafés oder Bistros nur noch fein säuberlich abgezählt – wenn überhaupt. Dabei sollte Trinkgeld nicht nur als zusätzlicher Lohn für die Bedienung gesehen werden, sondern als Anerkennung der geleisteten Arbeit. Foto: tol



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