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Die Entsorgung von Müll und Schrott ist einfach – wenn die strengen Regeln beachtet werden

Eine Erleichterung

Müll ist Müll? Mitnichten, sagt Nicola Sprengel. Sie koordiniert die Entsorgung auf dem Recyclinghof. Manchmal muss sie auch Streit schlichten, wenn es vor den Toren des Hofs mal wieder Ärger gibt. Oft ist Elektroschrott Auslöser des Streits – denn der ist heiß begehrt.

veröffentlicht am 14.11.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 09:23 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Was um Gottes Willen machen Sie denn hier?“ – diese Frage hört Nicola Sprengel ziemlich oft von den Kunden der Schaumburger Recyclinghöfe. Ein bisschen nervt sie das schon, andererseits: Wer mit einem Wagen voller zu entsorgender Abfälle angefahren kommt, erwartet eben eher harte Männer an der Annahmestelle, als eine schöne, blonde, intellektuell wirkende Frau.

„So ein Unsinn“, meint sie. „Was denken sich die Leute? Wir haben es auch mit Sondermüll zu tun, oft kommen hier kleine Gefahrenguttransporte an. Hier verantwortlich zu sein bedeutet mehr, als Sperrmüll in Container zu werfen.“

Mittwochs hat der Recyclinghof in Rinteln geöffnet, und bereits gegen elf Uhr vormittags, eine Stunde vor Einlass, bilden sich Autoschlangen vor dem Tor. Fast ununterbrochen bis 18 Uhr nutzen Bürger und kleinere Firmen die Möglichkeit, sich ihres sperrigen oder auch gefährlichen Mülls zu entledigen. Mit manchem Windstoß weht ein höchst unangenehmer Geruch über das Gelände mit den unterschiedlich beschrifteten Containern am Doktorseeweg. „Das ist aber nicht unsere Schuld, das ist der Kompostierungsplatz nebenan“, meint Nicole Sprengel. „Wir nehmen hier keinen verderblichen Hausmüll entgegen.“ In Rinteln geht es um Sperrmüll und Elektrogeräte, um Bauschutt, Altmetall, Papier und um „Problemmüll“.

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Die Anlieferung von Altholz ist kein Problem. Die ausgedienten Latten landen einfach im Container.

Vor allem wegen dieses Problemmülls ist Nicole Sprengels Fachwissen als chemisch-technische Assistentin gefragt. Anders als alle anderen Abfallsorten, die, selbstverständlich sortiert, in offenen Containern landen, ist dem Sondermüll eine Art Kabäuschen zugedacht, eine Hütte vollgestellt mit großen blauen Tonnen, die es in sich haben: Lösemittel und Altöl, Akku-Säure, Salzsäure, Quecksilber, dazu unzählige Flaschen und Dosen mit Resten von Pflanzenschutzmitteln, Farben oder etwa auch Rohrreinigern, die zu den gefährlichsten Haushaltsprodukten gehören. All diese Stoffe werden externen Entsorgern zugeführt und dabei zum Teil recycelt.

Für die Abgabe solcher Schadstoffe brauchen Privatleute bis zu einer Menge von dreißig Kilo nichts zu bezahlen, auch wenn ihre Entsorgung natürlich finanziert werden muss, aus Anteilen der Gebühren für die Hausmülltonnen. „Wir sind ja froh, dass insgesamt ein Verantwortungsbewusstsein der Bürger für ihren Sondermüll besteht“, so die Schaumburger Anlagenleiterin. „An die 155 Tonnen Sondermüll nehmen wir jährlich in Schaumburg an.“ Manchmal würden Kunden sich darüber beschweren, dass sie zehn Euro pro Kubikmeter Sperr- und Restmüll bezahlen müssten. „Dabei reichen diese zehn Euro für die Entsorgung ja gar nicht aus.“

Überhaupt die Kunden. „Wir sind Dienstleister, klar“, sagt sie. „Aber da sind eben auch Vorschriften, die beachtet werden müssen. Nicht jeder versteht das.“ Auf und vor dem Gelände gibt es immer wieder Situationen, wo die Angestellten des Recyclinghofes die Ruhe bewahren, ja mit Autorität auftreten müssen. Das größte Augenmerk hat dabei der illegalen Entsorgung zu gelten. Nicht alles, was die Leute anbringen, kann in Rinteln angenommen werden. Für Autoreifen zum Beispiel oder Kühlschränke, die FCKW enthalten, sind andere der fünf Annahmestellen im Landkreis zuständig. Deshalb kontrollieren Nicole Sprengel und ihre Mitarbeiter, was sich in Auto oder Anhängern befindet. Wer Unpassendes anbringt, muss an der Kasse ein Pfand hinterlegen, welches er erst zurückbekommt, wenn sicher gestellt ist, dass er zum Beispiel Autoreifen auch wirklich wieder mitnimmt. „Manche schimpfen darüber“, so Nicole Sprengel. „Aber oftmals schon haben wir Reifen im Plastikcontainer gefunden oder den Kühlschrank eben doch bei den Elektrogeräten.“

Auseinandersetzungen kann es auch geben, wenn jemand etwa Altöl im Eimer anschleppt und dann nicht einsehen will, dass nun mal auf dem Recyclinghof nicht umgefüllt werden darf. „Die Leute werden sauer, wenn sie Sachen wider Erwarten nicht loswerden. Aber nun, man sollte sich eben vorher kundig machen, was erlaubt ist und was nicht.“ Immer wieder würde vergessen, dass der Kunde der Abfallerzeuger sei und damit auch entscheidend verantwortlich für diesen Abfall.

Vor den Toren des Hofes gibt es immer mal wieder Streitigkeiten zu schlichten, vor allem, wenn die Autoschlange lang geworden ist und man – in Ferienzeiten ist das häufig der Fall – eine halbe Stunde und länger warten muss, bis man an der Reihe ist. Es kann vorkommen, dass jemand, der die Müllannahmestelle von der falschen Seite her anfährt, keine Chance bekommt, sich im Reißverschlussverfahren in die Schlange einzuordnen und schließlich voller Wut aus dem Auto springt und Einlass begehrt.

Dann wieder streifen Altmetall- und Elektroschrotthändler zwischen den Autos umher und wollen Material abgreifen, das eigentlich dem Recyclinghof zugedacht war. „Direkt was dagegen machen können wir nicht“, erklärt Nicole Sprengel. „Aber wir schreiten ein, wenn die Kunden regelrecht belästigt werden, indem man durch ihre Autofensterscheiben starrt oder sich gar einfach etwas vom Anhänger herunternimmt.“

Manchmal sehen Kunden in den Containern ein in ihren Augen schönes Stück, dass sie gern mitnehmen würden. Nichts zu machen, mögen ein Sofa, Geschirr oder ein Bett noch so gut aussehen. „Sachen, die jemand hier anbringt, sollen nach dessen Willen ja auf den Müll. Es gäbe nur Ärger, wenn der eine zehn Euro für die Abgabe bezahlt und ein anderer es dann für sich herausklaubt.“ Sie kann durchaus bedauern, dass gut erhaltene Dinge nicht aussortiert und zum Mitnehmen angeboten werden können. Aber das ist weder in Schaumburg noch bei der Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont (KAW) erlaubt.

„Uns wird der Entsorgungswille entgegengebracht, das achten wir“, erklärt Sabine Thimm, Leiterin der KAW in Hameln. „Die Unfallgefahr wäre viel zu groß, wenn man die Leute in den Containern herumkramen ließe. Und einen Extracontainer für Brauchbares zu organisieren, schön wäre es, doch dafür fehlen uns einfach die Mitarbeiter. Man müsste ja außerdem jeden Einzelnen befragen, ob er wirklich bereit wäre, Dinge zur erneuten Verwendung herauszugeben.“ Man könne schon bedauern, wenn etwa noch funktionstüchtige PCs entsorgt würden, aber: „Was ist mit den Festplatten, die oft genug noch private Daten enthalten? Da geht es schlicht um Datenschutz.“

Was den Elektroschrott betrifft, so steht da ein durchaus großes Problem im Raum. Die Annahmestellen versprechen umweltgerechte Entsorgung. Trotzdem landen insgesamt ungeheure Mengen gebrauchter PCs, Handys und anderer Elektronik bei Händlern, die sie zum Beispiel nach Afrika verkaufen, wo sie schließlich, ausgeschlachtet, auf giftigen Müllkippen Schaden anrichten. Nicole Sprengel weiß durchaus davon zu erzählen, wie Händler anfahrenden Kunden Elektroschrott abschwatzen oder gar nachts ins Gelände einbrechen, um sich zu bedienen. „Gänzlich verhindern können wir das nicht.“

Sabine Thimm betont da noch einen anderen Aspekt: „Viel problematischer ist da der Elektroschrott, den die Bürger mit dem normalen Sperrmüll vor ihre Türen stellen“, sagt sie. „Eigentlich ist es verboten, sich am Sperrmüll anderer zu bedienen, aber gemacht wird es trotzdem.“ Sie sieht nur eine Möglichkeit, nämlich an das Verantwortungsbewusstsein der Besitzer zu appellieren: „Elektronische Geräte sollte man immer direkt – das ist kostenlos – zu den Annahmestellen bringen, wenn man nicht Mitschuld daran tragen will, dass in Afrika die Umwelt verseucht wird.“

Alles in allem macht das Abgeben und Entgegennehmen aber einen durchaus harmonischen Eindruck, jedenfalls an diesem Mittwoch auf dem Rintelner Recyclinghof. Einer Frau, die sich mit Holzplanken abschleppt, wird von einem anderen Kunden sofort hilfreich beigesprungen, eine andere erzählt, wie sie durchaus wehmütig, aber auch irgendwie befreit endlich den großen alten Vogelkäfig vom Dachboden entsorgt habe. Ein Mann, der verbotene Autoreifen unter seinem Müll antransportierte, nimmt es gelassen hin, dass man ihn, sicher ist sicher, um seinen Führerschein als Pfand bietet, und viele sind erfreut über die Gelben Säcke, die sie kostenlos mitnehmen dürfen.

Es ist ein Geben und Nehmen. Neben bloßem Müll landen auch Wertstoffe an, deren Recycling Geld einbringt und dafür sorgt, dass die Abfallwirtschaft einigermaßen kostendeckend arbeiten kann. Und wo auf der einen Seite Kunden stehen, die im wahren Sinne des Wortes „erleichtert“ den Hof verlassen, sind da Mitarbeiter wie Nicole Sprengel, denen ihr Beruf sichtbar Spaß macht. „Jeden Tag neue Abfallarten und neue Menschen“, sagt sie. „Ich liebe diese Arbeit.“



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