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Der aus Reinerbeck stammende Unteroffizier Ludwig Beermann hielt die Kriegsgräuel fest

Einblicke ins Tagebuch: In der Hölle von Verdun

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, in dem über 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Rund 60 Kilometer nordöstlich von Paris, im Wald von Compiègne, wurde das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet. In einer siebenteiligen Serie sollen unterschiedliche Aspekte dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) beleuchtet werden. Das Schlachtfeld von Verdun steht im Mittelpunkt dieser Folge. Einblick in den Kriegsalltag gewährt das Tagebuch des aus Reinerbeck stammenden Ludwig Beermann.

veröffentlicht am 05.11.2018 um 16:39 Uhr
aktualisiert am 05.11.2018 um 19:30 Uhr

Posieren für den Fotografen: Soldaten an der Bahnstation „Mudrahöhe“. Foto: Private Sammlung

Autor:

Wilfried Altkrüger
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Nach dem Historiker Herfried Münkler ist „das Schlachtfeld Verdun zum Symbol geworden: zunächst zu einem Symbol der Tapferkeit und des Heldentums, später der Sinnlosigkeit des Krieges insgesamt und eines menschenverachtenden Zynismus insbesondere der deutschen Seite. In den Erzählungen beider Seiten sind die Phasen der Schlacht – die deutschen Offensiven, die Phase des Gleichgewichts, die französischen Gegenoffensiven – zu einem nicht enden wollenden Grauen verschmolzen, der Ewigkeit der ‚Hölle von Verdun‘, wie diese Kämpfe häufig bezeichnet worden sind“.

Auch Unteroffizier Ludwig Beermann hat die große Schlacht um Verdun miterlebt und darüber ein einzigartiges Dokument verfasst: sein Tagebuch. Beermann hat vom Beginn seines Kriegsdienstes 1914 bis zum 1. Juli 1916 seine Erlebnisse und Beobachtungen in ein Oktavheft eingetragen: Im ersten Jahr hat er lediglich die Erfolgsnachrichten der Obersten Heeresleitung, im zweiten Jahr seine persönlichen Einsätze notiert, militärisch knapp. Leider hören seine Eintragungen mit dem 1. Juli 1916 auf, weil im Heft kein Platz mehr war; ein neues hat er nicht mehr begonnen, da er wohl von den Einsätzen an der Front zu sehr erschöpft war.

Das Tagebuch nebst diversen Feldpostkarten und Briefen wurde von der Familie in einer Zigarrenkiste verwahrt. Im Folgenden werden daraus Passagen von November 1915 bis Juli 1916 zitiert.

In der Kirche in Azannes war ein provisorisches Quartier für die Sanitätskompanie, der Ludwig Beermann angehörte, eingerichtet worden. Foto: Private Sammlung
  • In der Kirche in Azannes war ein provisorisches Quartier für die Sanitätskompanie, der Ludwig Beermann angehörte, eingerichtet worden. Foto: Private Sammlung
Unteroffizier Beermann (r.) mit einem Kameraden vor einem Geschütz. Foto: Private Sammlung
  • Unteroffizier Beermann (r.) mit einem Kameraden vor einem Geschütz. Foto: Private Sammlung

Ludwig Beermann wurde 1875 in Reinerbeck geboren und absolvierte seinen Wehrdienst 1897 bis 1899 bei der 7. Kompanie des Infanterie-Regiments 164 in Hameln. Bis zum Ausbruch des Krieges war er als Gemeindediener in Holzhausen bei Pyrmont tätig. Am 17. August 1914 wurde der 39-Jährige als Landwehrmann reaktiviert; er diente bei der Landwehr-Sanitäts-Kompanie 13 der 9. (Hessischen) Landwehr-Division, die zunächst nur als Ersatz für die im Frontbereich eingesetzten Sanitäts-Kompanien herangezogen wurde. Der Standort der Kompanie war ab Ende September 1914 das Dorf Tailly in der Nähe von Stenay, wo sich das Armeeoberkommando des preußischen Kronprinzen Wilhelm einquartiert hatte.

Bis zum November 1915 war er in Tailly zur Beaufsichtigung von Kriegsgefangenen des Lagers Stenay eingesetzt. Dann wurde auch die Landwehr-Sanitätskompanie an die Front abkommandiert, zunächst zu Stellungen im Argonnenwald, nordwestlich von Verdun, danach zum Fort Douaumont auf dem rechten Maasufer. Der erste Einsatz an der Frontstellung erfolgte am 12. November 1915. Nach etwa 30 Kilometern Fußmarsch erreichte die Sanitätsgruppe den Ort Senuc, von wo aus sie mit der Argonnenbahn über Lancon die Station „Mudrahöhe“ erreichte, dort wurden die Dampflokomotiven gegen Benzolmaschinen ausgetauscht. Von dort ging es weiter in das Lager Toter Mann Mühle. Daran angrenzend befand sich das große Waldlager Borrieswalde mit mehreren Reihen von Hütten, die terrassenartig an einem Hügel errichtet worden waren und wo sich ein Hauptverbandsplatz, eine Krankensammelstation und eine Zahnstation befanden, ferner gab es dort noch eine Bücherei und einen Lichtspielsaal. In der Nähe befand sich das Lager Moreau, zur „Rekonstitution“ der Frontkämpfer.

In der ersten Woche machte sich die Sanitätsgruppe mit den Örtlichkeiten des Lagers und der Bahnstation vertraut. Dann wurden auch Verwundetentransporte mit der Bahn übernommen. Der Einsatz war auf die Unterstützung der regulären Sanitätskompanie beschränkt und diente wohl vorrangig als Übung für die geplante Großoffensive. Vertraut machen mussten sich die Männer auch mit dem anhaltenden Artilleriebeschuss. Beermann notiert: „Die Kriegstätigkeit war ziemlich stark – heute wurde stark mit Artillerie geschossen, fast den ganzen Tag – der Franzose war heute ganz ausgelassen, geschossen hat er den ganzen Tag fürchterlich bis in die Nacht.“ Nach einer kurzen Ruhepause hinter der Front erfolgte der zweite Einsatz im Argonnenwald, und zwar unmittel-bar vor der Frontlinie bei Four de Paris, einem bedeutenden Kreuzungspunkt, wo sie ständigem Artilleriefeuer ausgesetzt waren. Im Zuge der großen deutschen Offensive gegen Verdun 1916 kam die Sanitätskompanie dann auch auf dem rechten Maasufer zum Einsatz. Nach dreitägigem Artilleriefeuer begannen am 25. Februar die Infanterieangriffe, dabei kamen auf einer Frontbreite von 350 Metern zum ersten Mal Flammenwerfer zu einem Großeinsatz.

Viel Elend bekam ich dort zu sehen, Gott der Herr möge doch bald dem schrecklichen Kriege ein Ende machen.

Ludwig Beermann, Unteroffizier

Die Sanitätskompanie wurde zunächst mit Kraftwagen bis Damvillers gefahren, von dort marschierten die Männer noch acht Stunden und kamen in einem provisorischen Quartier in der Kirche von Azannes an, wo sie auf dem kalten Steinboden schlafen mussten.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr war Abmarsch in Kriegskolonne. Abends erreichten sie das Fort Douaumont, wo sie die ganze Nacht arbeiten mussten; es waren gut 50 Verwundete zu versorgen. Nach einem Ruhetag mussten sie wieder „in Stellung“. Er schreibt: „Heute morgen 6 Uhr marschierten wir ab in Stellung, es war ein sehr schöner Morgen; das Dorf Louvemont, wohin wir die Verwundeten bringen mußten und wo wir durchmarschieren mußten, wurde von den Franzosen stark beschossen (...). Ich bekam den Befehl, zuerst mit meiner Patrouille abzumarschieren, wir gingen und Gott sei Dank kamen wir glücklich durch, wir hatten viel zu tragen, abends 6 Uhr wurden wir wieder abgelöst, als wir ankamen, war die Kompagnie schon wieder aus Ornes abmarschiert, wir mußten uns auch gleich fertig machen, marschierten auch gleich ab Richtung Argonnen, dort trafen wir unsere Kompagnie, es wurde etwas Rast gemacht, marschierten dann weiter nach Ville-sur-Tourbe (an der Frontlinie am Westrand der Argonnen), dort wurde notdürftig Quartier bezogen in zerschossenen Häusern, denn heile gab es dort nicht mehr; Post bekam ich heute nicht.“

Im Argonnenwald war er mit seiner Gruppe vor allem in den Verwundetenzelten tätig, in die immer wieder auch verwundete Kameraden der eigenen Kompanie eingeliefert wurden. Er hält fest: „Viel Elend bekam ich dort zu sehen, Gott der Herr möge doch bald dem schrecklichen Kriege ein Ende machen, es wurden Verwundete gebracht, die schrecklich verstümmelt waren (...)“.

Dann wurden sie wieder zum Fort Douaumont abkommandiert. Dabei hatten sie drei eigene Verwundete, kamen aber trotz allem gesund wieder, wenn auch sehr müde von 12 Stunden Marsch. Danach warteten sie darauf, abgelöst zu werden. Stattdessen kam der Befehl, vorläufig noch bei der Sanitäts-Kompanie 113 zu bleiben. Erst nach weiteren drei Tagen konnten sie endlich abrücken und mussten 15 Stunden marschieren, bis sie die eigene Kompanie wieder erreichten.

Sie hatten dann drei Wochen Ruhepause, ehe weitere Fronteinsätze am Fort Douaumont und im Feldlazarett Sorel Ferme folgten. Nach Ostern hatten sie eine dreiwöchige Ruhepause im Etappenquartier in Lothringen. Am 22. Mai bereiteten die Franzosen mit einem Artilleriedauerfeuer einen Angriff zur Rückeroberung des Forts Douaumont vor. Die angreifende Infanteriedivision verlor innerhalb von zwei Tagen 130 Offiziere und 5500 Mann, die Hälfte der Gefechtsstärke. Als der Kommandeur, General Charles Mangin, sich weigerte, ohne Ersatz neuer Bataillone zum zweiten Mal anzugreifen, wurde er kurzerhand seines Postens enthoben.

Die Sanitätskompanie 13 marschierte am 23. Mai wieder an die Front und kam nach fünf Stunden um Mitternacht im Wald bei der Sorel Ferme an, dort mussten sie unter freiem Himmel schlafen, weil das dortige Feldlazarett und das Lager vermutlich mit Verwundeten voll belegt waren. Am nächsten Morgen begann die Arbeit: Verwundete fahren und an der Bahn verladen, im Feldlazarett aushelfen und außerdem noch 1100 Gefangene nach dem französischen Vorstoß fertigmachen. Diese Arbeiten waren auch in der folgenden Woche bis zum Himmelfahrtsfest zu leisten, als abends der Befehl kam, zur Verstärkung der 1. Sanitätskompanie wieder in die alte Stellung im Dorf Louvemont abzurücken.

Am Morgen des 2. Juni wurde das 3. Grenadier-Regiment zur Einnahme des Dorfes Damloup und der Höhen südlich des Forts Vaux befohlen. 500 französische Soldaten wurden gefangen genommen. Die Sanitätskompanie 13 musste schon um 6 Uhr morgens wieder in Stellung eilen, um Verwundete zu holen. Beermann schreibt: „Mittags erhielt ich den Befehl, das Verladen der Verwundeten in die Krankenwagen zu beaufsichtigen, wir wurden bei unserer Arbeit stark beschossen, auch wurde ein Munitionslager in Brand geschossen, 20 Schritt entfernt, es ging aber alles gut, wir hatten sehr viele Verwundete.“

Am nächsten Tag bereiteten die Franzosen mit heftigem Artilleriebeschuss einen Gegenstoß vor. Beermann trägt ein: „Heute morgen war ein fürchterliches Trommelfeuer, es war ein Angriff, wir hatten wieder viele Verwundete, beschossen wurden wir stark; um 6 Uhr abends konnten (wir) wieder abrücken, wir mußten durch starkes Artilleriefeuer, kamen aber mit Gottes Hilfe heil an.“ Am 6. Juni trägt er ein: „Auch erhielt ich heute das Eiserne Kreuz, ich will es tragen zu Gottes Ehre, nicht nur zum Ruhm.“

Im weiteren Verlauf des Monats setzten sich die Einsätze mit Verwundetentransporten und Zugbegleitdiensten fort, bei denen immer wieder eigene Leute verwundet wurden. Die Einträge wurden immer knapper. Der letzte Eintrag im Tagebuch am 1. Juli lautet: „Arbeitsdienst, Gesundheitsbelehrung u. Löhnungsappell; heute Abend muß ich wieder in Stellung, Gott sei mit uns. Abends 11 Uhr kamen wir glücklich und heil an.“

Unteroffizier Beermann versah bis Kriegsende den Dienst in der Sanitätskompanie der 9. Landwehr-Division, lediglich unterbrochen durch einen dreimonatigen Aufenthalt Anfang 1917 in einem Sanatorium wegen eines Augenleidens.



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