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Ein üblicher Tag bringt Panne über Panne

Es erwischt an diesem Tag einen Zahnarzt auf dem Weg in seine Praxis. In einem nagelneuen Opel Zafira. So gut wie neu ist auch der Citroën einer Büroangestellten. Die hat ihn gerade am Randstein abgestellt, als ölige Soße aus dem Motorraum in den Rinnstein tropft.

veröffentlicht am 26.05.2012 um 00:00 Uhr

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Der Opel kommt gerade aus der Werkstatt, wo man einen Fehler in der Elektronik behoben hatte, berichtet der Zahnarzt. Nach neun Kilometern geht der Motor aus. An der übelsten Stelle, die man sich aussuchen kann: auf der Autobahn. Der Zahnarzt schafft es gerade noch, eine Ausfahrt hinunterzurollen. Pannenhelfer Michael Feierabend sagt: „Die A 2, die ist Albtraum jedes Pannenhelfers.“ Lebensfährlich sei es, wenn man da auf der Standspur stehen bleibt.

Ohne Auto fühlen sich die meisten Menschen wie amputiert. Das hört man an der aufgeregten Stimmlage, wenn sie von ihrem Problem erzählen. Mobilität ist überlebenswichtig. Sonst kommt man nicht zum Job, die Kinder nicht in den Kindergarten, die Hausfrau nicht in den Supermarkt. Bleibt das Auto stehen, geht die Welt unter.

Michael Feierabend von der ADAC-Straßenwacht ist da Retter in der Not. Nicht umsonst hat man die Pannenhelfer „gelbe Engel“ getauft. Den ADAC kennt jeder, die gelben Autos sind nicht zu übersehen. Wenn Feierabend anrollt, stehen die Leute schon an der Straße und winken ihn hektisch zu ihrem liegen gebliebenen Fahrzeug.

Gerade noch von der Autobahn herunter geschafft: Der fast nagelneue Opel hat Probleme mit dem Steuergerät. Fotos: wm

Der Zahnarzt im Opel wird noch rechtzeitig zu seinen Patienten kommen. Mit Diagnosestecker und Laptop ortet Feierabend den Fehler: Das Steuergerät muckt. Ersthilfe bis zur Werkstatt: dann gibt es eine neue Sicherung.

Niederschmetternd ist dagegen Feierabends Diagnose für den Citroën der Büroangestellten: Zylinderkopfdichtung durchgebrannt. Ein Fall für den Abschlepper, den Feierabend selbstverständlich auch organisiert.

Eine Schicht im ADAC-Servicewagen reicht aus, damit man die knallbunten Prospekte, die futuristischen Werbespots der Autoindustrie, wo Autos fliegen können, diesen Lobgesang auf Hightech doch mit etwas anderen Augen sieht. In den acht Stunden von 8 bis 16 Uhr reiht sich praktisch Panne an Panne. Bundesweit alle acht Sekunden ein Hilferuf, wie der ADAC in seiner aktuellen Pressemitteilung meldet. Das ist sicher nicht übertrieben.

Wohin Feierabend fahren soll, erzählt ihm seine Disponentin. Die sitzt in Hamburg oder in München, wo die Hilferufe auflaufen. Sabine, die an diesem Tag Dienst hat, sitzt in Hamburg. Feierabend erkennt es an der Begrüßung auf dem Display: „Moin“. Die Disponentin aus München pflegt morgens sich mit „Grüß Gott“ zu melden.

Die Disponenten entscheiden, welcher Pannenhelfer wo hilft. Zu erst einmal, wo es dringend ist: Eine Panne auf der Autobahn verträgt keine Verzögerung. Ist ein Kind in einem Wagen eingeschlossen, schrillen alle Alarmglocken. Wer seinen Wagen, der nicht anspringen will, noch in der Garage stehen hat, kann da warten.

Die Disponentin weiß per GPS immer, wo Feierabend gerade mit seinem Servicewagen steckt. Der Ford ist vollgestopft mit Computertechnik, Laptop und Diagnosestecker, Ersatzteilen, mit allem, was man so braucht, um einen liegen geblieben Wagen wieder flott zu machen. Sogar Ersatzbatterien, Sprit und Wasser sind an Bord.

GPS hilft übrigens auch Smartphone-Benutzern. Die können die kostenlose App der ADAC-Pannenhilfe herunterladen, dann wird ihr Standort automatisch mit dem Notruf übertragen.

Wenn der Schaden vor Ort nicht zu beheben ist, gibt Feierabend zumindest eine Diagnose und schlägt dem Kunden vor, wie es weitergehen könnte. Das ist oft schon die halbe Miete, um bei dem Havaristen den Adrenalinspiegel wieder herunterfahren zu lassen. Für jeden Fall erstellt Feierabend einen Pannenbericht. Einen für den ADAC, der damit seine berühmte Pannenstatistik erstellt, und einen für den Kunden.

Beim Pannendienst gibt es Stoßzeiten. Morgens, wenn die Leute zur Arbeit wollen und am Abend, wenn es wieder nach Hause geht. Im Winter bei Eis und Schnee sowieso. Dann, sagt Feierabend, ist Urlaubssperre und auf den Straßen der Teufel los.

Mittagspause. Disponentin Sabine in Hamburg schlägt via Display die Pause vor, weil wohl gerade nichts los ist. Feierabend biegt auf einen Subway-Parkplatz. Die halbe Stunde reicht gerade für ein Baguette. Feierabend wählt Truthahn mit Tomaten und Salat, dazu eine kalte Cola.

Es gibt nichts, was er in den 25 Jahren, die er schon dabei ist, noch nicht erlebt hat – autotechnisch: Eine zahme Ratte, die ihrer Besitzerin im Auto entwischt ist und hinter das Armaturenbrett gekrochen war, holte er mit einem Staubsauger wieder heraus. Nicht, ohne dass sie ihn vorher noch in den Finger gebissen hätte. Eine Edelkarosse ließ mit der Fernbedienung nicht mehr öffnen. Bis Feierabend dahinterkam, wer da die Funkfrequenz störte: das mobile Kassengerät einer Eisdiele nebenan. Der Wagen wurde ein paar Meter weiter geschoben und alles war wieder in Ordnung.

Der VW-Käfer, das war die Hammer-Zeit. Ein kräftiger Schlag auf den Magnetschalter des Anlassers und schon rülpste das Boxermotörchen. Vorbei die Zeiten. Von „Do it yourself“ sollte man bei modernen Autos besser die Finger lassen.

Selbst der Klassiker der Pannenhilfe, ein Überbrückungskabel anzuschließen, garantiert einen „Blackout“, wenn man vorher nicht das 200-Seiten-Handbuch für den Wagen gelesen hat. Feierabend hat das bei einem Porsche erlebt. Hier hatte der Besitzer seinen Sportwagen selbst mit einem Überbrückungskabel wieder flott machen wollen. Die Servicesysteme flippten aus. Der Heckspoiler ratterte hoch, das Cabriodach stand auf Halbacht und ließ sich nicht mehr schließen, es blinkte und hupte, als Feierabend am Pannenporsche eintraf.

In den meisten Fällen ist es die Elektrik und Elektronik, die spinnt. Dafür gibt es beim ADAC eine Zahl: 41,2 Prozent aller Pannen. Für Michael Feierabend und seine Kollegen logisch: Die Hersteller packen immer mehr elektrische Verbraucher in ihre Autos, was ein mehrere Kilometer langes Leitungsnetz und eine Vielzahl von Steuergeräten erfordert. Anderseits setzen Hitze, Feuchtigkeit und Vibrationen den Chips und Platinen zu. Die neue Start-Stopp-Technik stresst zusätzlich den Akku, wenn der Motor an jeder Ampel abschaltet und neu gestartet werden muss.

86 Prozent der Fahrzeuge, sagt Feierabend, kriegt er wieder ans Laufen. Nicht an diesem Tag. Zwei durchgebrannte Zylinderkopfdichtungen, eine kaputte Lichtmaschine und ein defekter Kettenspanner für die Steuerkette der Nockenwelle verderben ihm den statistischen Schnitt – Fälle für den Abschlepper.

Es sind oft ganz simple Dinge, die so eine Batterie leersaugen – wie etwa eine 21- Watt-Lampe. Die hatte ein älteres Ehepaar im Fond brennen lassen. Da stand der Fiat schon in der Garage. Fall Nummer sechs für Feierabend an diesem Tag.

Fall Nummer sieben ist ein Jungmanager in seinem Dienstwagen mit Hamburger Kennzeichen. Der schlüssellose Passat will nicht anspringen. Den Fehler zu finden ist für Feierabend Sekundensache. Der Passat leidet unter einer akuten Energiekrise. Die Batterie ist zu schlapp. Wird der zündschlüsselfreie Wagen gestartet, fahren automatisch alle Subsysteme mit hoch. Allein um den Motor anzukurbeln, hätte der Saft vermutlich sogar noch gereicht.

Manchmal ist es der Pannenhelfer, der einen Autoeigner mit der nötigen Pietät mit dem Gedanken vertraut machen muss, dass sich gerade seine geliebte Karosse nach einem langen, erfüllten Autoleben von ihm verabschiedet. 82 Jahre alt ist die Architektin, doch die ist fitter und dynamischer als ihr 20 Jahre alter Citroën, der vor dem Haus keinen Mucks mehr von sich gibt. Beileibe keine Rostlaube. Feierabend packt das E-Powerpaket aus. Die Architektin erzählt im Zeitraffer ihre Familiengeschichte, während sich Feierabend um die Wiederbelebung des Citroëns bemüht. Als der Motor endlich läuft, vernebelt eine gewaltige weiße Auspuffwolke die ganze Nachbarschaft. Hustend stolpert ein Müllmann vorbei. Für Feierabend keine Frage, da ist die Zylinderkopfdichtung hinüber. Das letzte Wort hat dann die Seniorin: „Ach, das hat er in letzter Zeit schon öfter gemacht. Da habe ich mir aber nichts dabei gedacht“.

Eine ganz neue Herausforderung für die Pannenhelfer sind die Elektrofahrzeuge, an denen eigentlich ein großes Warnschild kleben sollte: „Vorsicht Hochspannung“. Feierabend ist ein „EUP“, eine elektrisch unterwiesene Person. Er hat schon einen Lehrgang hinter sich. Als Grundsatz gilt: Bei einer Reifenpanne dürfen die gelben Engel sofort zugreifen. Gibt es Problem mit dem Elektromotor, wird über eine Hotline ein Techniker des Autoherstellers mit zurate gezogen.

Eigentlich sei es ja albern, erzählt Feierabend, aber nach 25 Jahren im Pannendienst sei er überzeugt, Autos führen ein Eigenleben. Sie streiken nämlich immer genau dann, wenn man es am wenigsten braucht. Vor der Urlaubsreise. Vor einem wichtigen Termin. Mitten in der dicksten Rushhour.

Feierabend, Vater von zwei Kindern, ist von Haus aus gelernte Kfz-Techniker mit Meisterfähigkeiten und liebt seinen Job. Trotz Schichtdienst, trotz Nachtdienst, trotz Wochenenddienst. Sonst, sagt er, würde man das gar nicht durchhalten.

Beim Aussteigen noch ein Tipp vom Fachmann: Jeder sollte das Handbuch seines Autos lesen, es kann im Ernstfall hilfreich sein. Dann eine letzte Frage: Welchen Wagen sollte man kaufen, unter dem Aspekt pannensicher? Feierabend lächelt: „Kaufen Sie den Wagen, den Sie mögen, den Sie gerne fahren. Wenn Sie einen kaufen, den Sie eigentlich gar nicht wollten, ärgert Sie sich um so mehr, wenn Sie dann einmal eine Panne haben“. Privat fährt er übrigens einen Citroën.

Michael Feierabend ist Pannenhelfer beim ADAC. Unterwegs im Großraum Hannover. Wer mit ihm eine Schicht lang in den Servicewagen steigt, wird schnell ein paar Gewissheiten los. Zum Beispiel, dass nagelneue Autos pannensicher sind. Großer Irrtum. Oder dass Werkstätten Fehler auch finden. Von wegen.

Bei Elektro-Autos ist höchste Vorsicht geboten



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