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„Ein Tier zu kaufen, ist wie eine Adoption“

Was für ein Drama! Die zärtliche Freundschaft zwischen den beiden kleinen Lemmingen Pia und Pi ist urplötzlich in Feindschaft umgeschlagen. Das große Weibchen verfolgt das kleinere, kratzt und beißt, und als die achtjährige Besitzerin Johanna sogar Blutspuren im Laufrad entdeckte, weint sie vor Schreck und Entsetzen: Tatsächlich hängt die Pfote von Pi schlapp herunter, während das Tierchen verängstigt in einer Käfigecke hockt. Wie konnte das nur geschehen? Die aggressive Pia ist doch sonst so lieb und zutraulich und krabbelt sogar schnuppernd auf die Hand. Jetzt müssen die Kontrahenten in getrennte Gehege gesetzt werden. So war das nun gar nicht gedacht!

veröffentlicht am 13.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.05.2011 um 11:07 Uhr

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Johanna ist tierlieb und kümmert sich bereits verantwortungsvoll um ein Kaninchen. Zusammen mit ihrer Mutter suchte sie im Rintelner Zoogeschäft Zoo-Z die beiden Lemminge aus, schöne, etwa mausgroße Tiere mit dem typischen schwarzen Streifen über dem Rücken. Sie kauften einen räumlich großzügigen Käfig und richteten ihn zu Hause mit Häuschen, Spielecke, Futterplatz, frischem Heu und Laufrad ein. Im Gehege des Geschäfts hatten sich die beiden Tiere noch prima verstanden. Dafür, dass es jetzt Probleme gibt, weiß Zoo-Z-Inhaber Steffen Rothe eine Erklärung. „Es geht um das Auskämpfen der Rangordnung“, sagt er. „Jetzt, da die beiden aus ihrer Gruppe genommen und in eine neue Umgebung gesetzt wurden, klären sie erneut ab, wer was zu sagen hat.“

Die Rangordnung bestimmt das gesamte Zusammenleben von Rudeltieren. Die Benutzung der Gegenstände im Gehege, auch der Zugang zu Futter und Schlafplatz und überhaupt der jeweilige Aufenthaltsort im Revier ist durch die Stellung der Tiere zueinander beeinflusst. Sind die Lemminge, Meerschweinchen, Kaninchen oder Mäuse noch sehr jung, läuft das Rangordnungsauskämpfen meistens schnell und unblutig ab. Bei bereits etwas älteren Tieren kann es aber so weit kommen, dass sich eine echte Unverträglichkeit herausstellt. In der Natur würde der Unterlegene sich weit zurückziehen. In einem Käfig reicht dafür oft der Platz nicht aus.

Das Beste sei, so Steffen Rothe, ein neues Gehege zunächst nur spärlich auszustatten, sodass die Tiere unkompliziert aushandeln können, wem welcher Platz im Revier gebührt. Eine Futterstelle und ein zentraler Schlafplatz in der Mitte, zwei Eingänge zu zwei getrennten Bereichen darin – damit seien Streitigkeiten oft schon der Boden entzogen. Auf jeden Fall müsse es für jeden der Bewohner Möglichkeiten zum Rückzug geben. Innerhalb von drei bis vier Wochen hätten die Tiere ihr Verhältnis zueinander geklärt und dann sei es auch gut: Eine einmal festgelegte Rangordnung wird nicht mehr umgestoßen. Nach und nach könne man dann weitere Gegenstände in den Käfig einbringen.

Johanna und ihre Mutter haben eigentlich nichts falsch gemacht. Pia und Pi besitzen genug Auslauf, sie haben Gelegenheit sich zu verstecken und sich auszutoben. Was der Auslöser für die Streitigkeiten gewesen sein könnte: das Laufrad, welches von beiden Tierchen gleichermaßen heiß begehrt wurde. So kam zum Stress der Eingewöhnung auch noch gleich ein Objekt der Begierde, zu dem jeder den ersten Zutritt haben wollte. Vielleicht aber war es auch einfach nur Pech, dass diese beiden – bei Lemmingen kommt das häufiger vor als bei anderen Kleintieren – nun mal keinen Frieden finden.

Noch hoffen Mutter und Tochter, dass es möglich ist, die Tiere wieder zusammenzubringen. Es kann aber gut sein, dass sie sich mit zwei nebeneinander stehenden Gehegen abfinden müssen. „Normalerweise töten Lemminge sich nicht gegenseitig“, so Rothe. „Aber das unterlegene Tier würde den Stress wohl trotzdem kaum lange überleben.“

Für Johanna bedeutet das: Sie wird den beiden Tieren besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. Anders als die einzelgängerischen Hamster leben Lemminge in der Gruppe und brauchen einen sozialen Austausch. Im Notfall nehmen sie auch mit dem Menschen vorlieb.

Rebecca Nolting, Angestellte im Zoogeschäft und zuständig für Mäuse, Meerschweinchen und Co., dazu auch Wellensittiche und andere Vögel, sie weiß von einer alten bettlägerigen Frau, die ein Kaninchen besitzt, ihre große Freude. Eigentlich sollten auch Kaninchen einen Artgenossen zur Seite haben, doch gibt es eben erträgliche Ausnahmen. Kaninchen lassen sich eigentlich gar nicht so gerne von Menschen streicheln, das Tier der kranken Frau aber ist ungewöhnlich zutraulich, hüpft auf dem Bett herum und hat nichts gegen sanfte Streicheleinheiten.

„Ein Tier zu kaufen, das ist wie eine Adoption“, mahnt Steffen Rothe. „Man übernimmt die volle Verantwortung für ein anderes Lebewesen, auch dann noch, wenn es sich vielleicht nicht so verhält, wie man es erwünscht hatte.“ Selbst wenn man den Charakter dieser kleinen Persönlichkeiten nicht nach Belieben formen kann, Gesundheit und gute Lebensbedingungen liegen in der Hand des Besitzers. „Manchmal weigern sich Leute, ihrem Hamster oder der Rennmaus ein genügend großes Gehege zu kaufen: ,Die sind doch so klein, was brauchen die so viel Platz‘ – so was höre ich durchaus“, sagt er. „Dabei verkümmern die Tiere in zu kleinen Gehegen und gehen langsam und unglücklich zugrunde.“

Ebenso wichtig wie ein geeigneter Käfig ist eine angemessene Ernährung. Natürlich kann man billiges Industriefutter beim Discounter einkaufen: „Es darf bloß nichts kosten, es ist ja nur ein Tier!“ Doch solches Futter ist nur zum Sattmachen gut, es enthält nicht die wichtigen Nährstoffe, die das Immunsystem gegen mögliche Infektionen und andere Krankheiten stärken. Die Zivilisationskrankheit Diabetes und auch ein Krebs können die Folgen falscher Ernährung sein.

„Viele meinen zum Beispiel, ein Hamster brauche nur Getreidekörner, dann gehe es ihm gut“, so Rothe. „Aber nein!“ Hamster brauchen, ebenso wie Kaninchen, Meerschweinchen und all die anderen kleinen Nager, neben Frischfutter wie Salat und Gemüse auch Kleinsämereien von möglichst vielen unterschiedlichen Pflanzenarten. Im Zoogeschäft gibt es Spezialfutter, gepresste Pellets, die alles Nötige enthalten und dazu noch extra so hart sind, dass sie beim Herumnagen die Schneidezähne der Tiere richtig abnutzen. Das Futter für einen Monat kostet dann etwa acht Euro.

Anders als Hunde und Katzen müssen die anderen Kleintiere nicht entwurmt werden, die Nager haben auch keine Impfung nötig. Wer sich aber ein Kaninchen kauft, sollte es unbedingt gegen zwei verbreitete Krankheiten impfen lassen, gegen die berüchtigte Myxomatose und gegen die Chinaseuche, eine gefährliche Viruserkrankung. Der beste Zeitpunkt dafür ist das Frühjahr, die Impfung kann aber auch später nachgeholt werden, besser, als gar nichts zu tun. Eine Medikamentengabe, die Rothe sehr empfiehlt, wenn man es einem neuen tierischen Mitbewohner leichter machen will, sind Tropfen gegen Durchfall. Nervöse, durch einen Umzug beunruhigte Tiere neigen nämlich zu stressbedingten Darmerkrankungen – kein guter Einstieg in das Zusammenleben. „Seit ich diese Tropfen empfehle, habe ich keine Rückmeldung mehr über Durchfall bei unseren Tieren bekommen“, sagt er.

Wie sorgfältig aber und gewissenhaft auch immer man mit seinem kleinen Haustier umgeht, jeder Käufer sollte sich im Klaren sein, dass die meisten von ihnen nur eine recht kurze Lebensspanne haben. Hamster und Mäuse werden zwei bis höchstens drei Jahre alt. Es ist also klar, dass Kinder, die sich mit so einem Tier anfreunden, auch in recht absehbarer Zeit mit dessen Tod konfrontiert werden. Manchmal sterben die Tiere einfach an Altersschwäche, manchmal müssen sie vom Tierarzt erlöst werden. Sollten die Kinder dann dabei sein? „Ich meine: Ja“, so Steffen Rothe. „Wer ein Tier besitzt, hat quasi sein Wort gegeben, ihm für immer zur Seite zu stehen. Und dieses Wort muss man auch bis zuletzt halten.“

Johanna hat sich inzwischen damit abgefunden, dass ihre Lemminge Pia und Pi kein gemeinsames Gehege mehr bewohnen werden. Noch sind die Tiere etwas scheu nach der überstandenen Anstrengung und verkriechen sich oft in ihren Heunestern. Streckt ihnen Johanna aber ihre Hand entgegen, dann kommen sie wieder an, schnuppern und krabbeln auch mal den Arm hoch. „Das ist ein gutes Zeichen“, meint Rothe. „Viele wissen gar nicht, dass diese Tiere eine natürliche Scheu gegenüber dem Menschen empfinden. Wenn sie die Scheu ohne Zwang überwinden, dann bedeutet es, dass es ihnen gut geht.“

Heimtiere sind beliebt, vor allem bei Kindern oder älteren Menschen. Oft entwickelt sich ein enges Verhältnis zwischen Tier und Tierhalter. Im weniger günstigen Fall jedoch ist der Leidtragende meist das hilflose Tier. Unsere Zeitung hat nachgefragt, was bei der Haltung von Kleintieren zu beachten ist.

Die kleine Johanna kann wieder lachen, seit sie weiß, warum es ihren Lemmingen schlecht ging und was sie dagegen unternehmen konnte.

Fotos: pr.



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