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113 Jahre alter Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ fährt noch immer – auf der Elbe

Ein Stück Weser-Historie

Mit Schäden am eigenen Korpus musste er es immer wieder aufnehmen, dazu mit Finanzierungsproblemen, vereinsinternen Querelen, schließlich mit einer unzufriedenen Mannschaft, die teils das Handtuch schmiss und von Bord ging – stürmische Zeiten für den alten „Kaiser Wilhelm“, der einst auf der Weser zwischen Hann. Münden und Hameln fuhr und seit 1970 als Museumsdampfer zwischen Lauenburg und Bleckede im Einsatz ist. Seit Jahren steht er mächtig unter Dampf, und obwohl hin und wieder sogar von einer Stilllegung die Rede gewesen ist – Schwachstellen wurden repariert und der Fahrbetrieb konnte, wenn mitunter auch nur eingeschränkt, immer wieder weitergehen.

veröffentlicht am 12.11.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

von alda maria grüter

So dampft er denn noch immer auf der Elbe, der Raddampfer „Kaiser Wilhelm“, der mittlerweile 113 Jahre auf dem Bug hat. Im September hat das historische Schiff die 43. Saison hinter sich gebracht, diesmal allerdings nur an vier Wochenenden insgesamt 863 zahlende Ausflügler spazierengefahren. Jetzt hat der Dampfer sein Winterquartier bezogen, wo er spätestens Ende November einer umfassenden Reparatur unterzogen wird – und damit künftig in der Lage sein soll, Kurs auf ein ruhigeres Fahrwasser zu nehmen: Bei der jüngsten Versammlung des Vereins zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrts-Museums und Eigentümers des Dampfers sei „ein handlungsfähiger Vorstand gewählt worden, der auch Aufträge vergeben darf“, sagt der Vereinsvorsitzende Markus Reich. Vor Ort, in der Hitzler-Werft in Lauenburg, werde Klarschiff gemacht: Fit für die nächsten Jahre soll der „Kaiser Wilhelm“ die Werft im kommenden Jahr verlassen, blickt Reich optimistisch in die Zukunft. „Wir gehen fest davon aus, dass pünktlich am 1. Mai 2014 die neue Saison beginnen kann und voller Fahrbetrieb an zehn Wochenenden angeboten wird.“ Möglich macht‘s eine Finanzspritze aus Berlin: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat dem Förderverein 400 000 Euro für die Grundsanierung zugesagt, die unter anderem Arbeiten im Schiffsboden und an der Dampfmaschine umfasst. „Ziel der Restaurierung ist die Funktionstüchtigkeit des Schiffes zu erhalten, unter dem Gesichtspunkt des Bestandschutzes“, erläutert Reich. Um weiterhin „sicher fahren zu können“ werde der Verein allerdings immer wieder Geldkanäle anzapfen müssen, denn auch künftig würden immer wieder Instandsetzungsarbeiten fällig sein, um das historische Objekt, für das Sonderbestimmungen gelten, in seiner Einzigartigkeit langfristig erhalten zu können. Schließlich sei der alte Dampfer einer der letzten noch fahrenden Schaufelraddampfer in Deutschland, die mit Kohle befeuert werden. „Und weltweit einer der letzten seines Alters im weithin original erhaltenen Zustand“, ergänzt Reich.

Technik aus einem vergangenen Jahrhundert fährt heute noch mit, wenn das 57,20 Meter lange Denkmal auf der Elbe seine Rundfahrten macht. Reich: Mit dem vom Förderverein geführten Schifffahrtsarchiv und dem Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ als schwimmendem Museumsobjekt bilde das unter der Trägerschaft der Stadt Lauenburg geführte ElbschifffahrtsMuseum eine Einheit, die sich national und international einen sehr guten Ruf erworben habe. Dabei sollte das Flaggschiff, das zuvor in anderen Gewässern unterwegs war, schon vor 44 Jahren auf dem Schrottplatz landen – wäre es nicht nach Lauenburg geholt worden. Die dortigen Dampferfreunde kauften das Schiff, brachten es auf Vordermann für Ausflugsfahrten auf der Elbe.

Ein Blick zurück in die wechselvolle Geschichte des „Kaisers“: Der Dampfer wurde im Auftrag der Oberweserdampfschifffahrt des Hamelner Wesermühlen-Besitzers F. W. Meyer von 1899 bis 1900 in der Dresdner Maschinenfabrik und Schiffswerft AG in Dresden-Neustadt gebaut. Am 20. Mai 1900 lief der Dampfer in Dresden-Übigau vom Stapel. Über die Elbe und die Nordsee auf die Weser überführt, 1910 in der Meyer-Werft um zehn Meter verlängert und auf der Weser eingesetzt, wo er bis Spätsommer 1970 von der Oberweser-Dampfschifffahrt im Liniendienst zwischen Hann. Münden und Hameln fuhr, doch dann schließlich außer Dienst gestellt wurde. „Wir waren damals natürlich sehr daran interessiert, dass man das Schiff nicht verschrottete“, sagt Reich. Es sei ein Vorzeige-Exponat, das die Sammlung des Elbschifffahrts-Museums bereichere. Vor genau 44 Jahren trat der „Kaiser“ dann die rettende Reise vom Weserbergland ins schleswig-holsteinische Lauenburg an: Über den Mittellandkanal und die Elbe, durch die damalige DDR ging es unter eigenem Dampf nach Lauenburg, wo das Schiff am 25. Oktober 1970 eintraf. „In Lauenburg war die Schifffahrt mit Raddampfern bereits 1961, nach mehr als 100 Jahren, eingestellt worden“, erzählt Reich. Mit dem „Kaiser Wilhelm“ sollte eine alte Tradition an der Elbe wieder aufleben. Und das letzte Kapitel des Raddampfers sei noch längst nicht geschrieben, sagt Reich. Auch, weil immer wieder neue Unterlagen auftauchen. Wie etwa jetzt historische Originalfotos vom Raddampfer und eine Aufnahme von 1900, die den ersten Kapitän August Kleemann (1855-1917) zeigt und die dessen Urenkel, Dr. Klaus Doerhage aus Kiel, nun dem Elbschifffahrts-Museum zur Verfügung gestellt hat. Dessen Mutter Ilse weiß zu erzählen, dass ihr Ehemann Karl, der 1970 auf der letzten Fahrt des Raddampfers auf der Weser als Gast an Bord gewesen ist, Bilder vom Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ gesammelt habe. Immer wieder seien diese Erbstücke an die Verwandten weitergegeben worden, erinnert sich die 88-Jährige aus Hann. Münden-Gimte. Den Heimathafen haben diese Fotos nun erreicht. Markus Reich: „Sie werden unsere Dokumentation weiter vervollständigen.“

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Als Raddampfer noch eine ganz besondere Attraktion waren: Dieses Bild zeigt den „Kaiser Wilhelm“ mit viel Publikum. pr (2)

Ganze 113 Jahre alt, über 57 Meter lang, technisch etwas ganz Besonderes: Der Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ – einst für die Weser gebaut – fährt seit vielen Jahren auf der Elbe. Ein Schiffs-Ausflug.



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