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Eine kleine Kapelle in Wangelist verbirgt bemerkenswerte Kunstschätze

Ein schicksalhaftes Gotteshaus

WANGELIST. Verwunschen wirkt die knorrige St.-Annen-Kapelle in Wangelist an der Bundesstraße 1. Dabei ist der Hintergrund ihres Baus durchaus ernst. Als eine Aussätzigenkapelle für Leprakranke wurde sie vom Aerzener Pfarrer Johannes Kreyenberg gestiftet. Die Fachwerkkirche sollte den Erkrankten eine Teilnahme an Gottesdiensten ermöglichen.

veröffentlicht am 29.08.2018 um 14:07 Uhr
aktualisiert am 29.08.2018 um 19:13 Uhr

Außenansicht der St.-Annen-Kapelle am Rande der Bundesstraße 1. Foto: eva:

Autor:

Eva Henjes
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Versteckt hinter großen, alten Bäumen und umgeben von einer niedrigen Steinmauer befindet sich die St.-Annen-Kapelle in Wangelist. Am Rande der viel befahrenen Bundesstraße 1 in Richtung Paderborn bleibt das Gotteshaus oft unbemerkt. Schon zum Zeitpunkt seines Baus im Jahre 1469 führte an der Kapelle ein Feldweg entlang. Damals wüteten noch schwere Krankheiten wie die Lepra oder die Pest im Land.

Wenn bei einem Menschen zu dieser Zeit des Spätmittelalters die Infektionskrankheit Lepra diagnostiziert worden war, dann kam er nicht etwa in ein Krankenhaus. Er wurde wie ein Aussätziger aus der Gesellschaft verstoßen. Dafür war die Kapelle seinerzeit eigentlich gedacht. Als eine Aussätzigenkapelle für Leprakranke wurde sie vom Aerzener Pfarrer Johannes Kreyenberg gestiftet. Die Fachwerkkirche sollte den Erkrankten eine Teilnahme an Gottesdiensten ermöglichen.

Heute ist die Kapelle durch ihre Kirchenschätze im Inne-ren historisch sehr bedeutsam. Dazu zählen unter anderen der bekannte Marien-Altar, ein romanischer Taufstein und eine Reihe biblischer Skulpturen. In ihrer Entstehung war von solchen Kunstwerken noch nicht die Rede und verglichen mit heute hätte sie kaum einer wiedererkannt. Anfänglich war sie nur ein „schlichter, einfacher Raum für Gottesdienste“, so Günter Bollermann, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes Wangelist. Eine „wechselvolle Geschichte“ habe die St.-Annen-Kapelle zu dem gemacht, was sie heute ist.

Diese Aufnahme zeigt die St.-Annen-Kapelle noch vor 1930. Foto: pr
  • Diese Aufnahme zeigt die St.-Annen-Kapelle noch vor 1930. Foto: pr
Blick in die St.-Annen-Kapelle: In der Mitte steht der aufklappbare Marien-Altar. Christiane Brendel (li.) unterhält sich mit Besuchern, im Vorgergrund steht Günter Bollermann vom Kirchenvorstand mit einer Besucherin. Foto: eva
  • Blick in die St.-Annen-Kapelle: In der Mitte steht der aufklappbare Marien-Altar. Christiane Brendel (li.) unterhält sich mit Besuchern, im Vorgergrund steht Günter Bollermann vom Kirchenvorstand mit einer Besucherin. Foto: eva
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So „wurde die Kapelle zum Wachhaus“, als im frühen 19. Jahrhundert die Schlachten der napoleonischen Kriege auch Hameln erreichten, erzählt die Wangelister Pastorin Christiane Brendel. Nutzen fand die Kapelle als Wachhaus sowohl von Preußen als auch von ihren Gegnern, den Franzosen. Quellen für die Vergangenheit dieser Kapelle gibt es wenige. Einige Informationen sind dennoch dem Hamelner Stadtarchiv und einem 1969 erschienenen Buch des Historikers Hermann Weber zu entnehmen. Neben anderen Stationen in der Geschichte hat die Kapelle aber letztlich immer wieder die Funktion eines Gotteshauses angenommen – auch heute noch. Die Namensgebung stammt von der Heiligen Anna, der Mutter Marias.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde die Kapelle zum Wachhaus.

Christiane Brendel, Pastorin

Ein kleiner Blick in das Innere der St. Annen genügt, um ihr Herzstück in seiner Gänze zu betrachten – der Marien-Altar. „Er stammt vermutlich aus der Schule des Conrad von Soest“, schildert Bollermann. Der um 1370 in Dortmund geborene westfälische Maler gilt als bedeutender Kunstvertreter seiner Zeit. Das Gemälde des Wangelister Marien-Altars sei um 1450 entstanden, noch vor der Entstehung der Kapelle. Das heute berühmte Kunstwerk hat für die Gemeinde Wangelist „unschätzbaren Wert“.

Damals habe das aufklappbare Altarbild jedoch nur als Trostbild gedient. Diese Funktion geht mit dem Bildungsproblem des Spätmittelalters einher. Kaum ein Mensch konnte lesen, und die Kunst hatte eine Vermittlungsauf-gabe. „Das, was man verkündigen wollte, wurde gemalt“, erklärt Brendel. So zeigen Teile des Gemäldes, dass auch Heilige, wie die heilige Katharina, sehr viel Leid erleben mussten. Durch den Glauben sei aber immer ein Weg gegeben. Der Glaube sollte Trost spenden.

Die Bezeichnung Marien-Altar kommt hingegen von der Darstellung Marias, der Mutter Jesu. Auch im Zentrum dieses Gemäldes, das in dieser Form der Dreiteilung in der Kunst Triptychon genannt wird, steht Maria. Der Altar in Wangelist zeigt ihren Tod. Zusätzlich sind die Apostel mit Heiligenschein abgebildet, die Maria an ihrem Sterbebett beiwohnen. Der Apostel Johannes hält noch die geweihte Sterbekerze in der Hand, was als Symbol für das Licht des Lebens zu verstehen ist. Die puppenartige Abbildung Marias erinnert nach Brendel an eine „naive Darstellungsform dieser Zeit“. Zarte und träumerische Ausdrücke der Figuren gelten als Merkmal für Marienbildnisse. Bei genauem Hinsehen wird aber deutlich, dass die abgebildeten Gesichter teilweise verschwommen sind. Das ist damit zu erklären, dass die Gesichter nachträglich nicht verändert werden durften. Ansonsten sorgen Restaurationen für den guten Zustand des Marien-Altars.

Als weitere Kirchenschätze sind aus Eichenholz angefertigte Skulpturen aus dem 15./16. Jahrhundert noch gut erhalten. Diese sind heute an den Innenwänden der Kapelle angebracht. Sie zeigen verschiedene biblische Figuren, die nicht hundertprozentig identifizierbar sind. Eindeutig ist aber zum Beispiel die Skulptur von drei Generationen der Jesus Familie. Anna, Maria und Jesus. Wenn sie in einer solchen Dreierkombination versammelt sind, nennt man dies in der Kunst „Anna selbdritt“.



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