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SMS-Schreiber fahren wie Betrunkene / Verkehrssündern drohen 60 Euro Bußgeld und Punkt in Flensburg

Ein Satz ins Handy – 100 Meter Blindflug

In Zeitungsberichten von Verkehrsunfällen sind immer häufiger Formulierungen wie „Das Fahrzeug geriet aus ungeklärter Ursache auf gerader Strecke nach rechts von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum“ oder „Infolge von Unachtsamkeit fuhr der nachfolgende Fahrer auf den bereits stehenden Pkw auf“ zu lesen. Eine mögliche Erklärung für solche Unfälle ist die Benutzung eines Handys oder Smartphones während der Fahrt.

veröffentlicht am 16.10.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:14 Uhr

Frank Neitz

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Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Selbst bei einer Verkehrskontrolle konnte vor Kurzem eine auf dem Hastenbecker Weg in Hameln beim Telefonieren erwischte Autofahrerin ihr Handy nicht aus der Hand legen. Die 39-Jährige sprach seelenruhig weiter, als Polizeibeamte sie bereits angehalten hatten. Der Punkt in Flensburg und das anstehende Bußgeld waren für die Frau wohl das kleinere Übel: Es stellte sich nämlich heraus, dass die Frau gar keinen Führerschein besitzt.

Übermäßig viele Verstöße konnten die Polizeibeamten in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden in den letzten zwei Jahren nicht feststellen. Knapp 2000 Delikte ahndeten Verkehrspolizisten bei Kontrollen. Mit Sicherheit werden täglich weitaus mehr Smartphones von Autofahrern während der Fahrt an die Ohren gehalten. Die Zahl können Verkehrsexperten nur schätzen. Inzwischen soll sich bereits jeder fünfte Verkehrsunfall ereignen, weil Fahrer telefonieren, Kurzmitteilungen schreiben oder auf dem Navigationsgerät herumtippen.

Das Handy am Steuer soll als möglicher Hintergrund bereits der bisher häufigsten Unfallursache, dem schnellen Fahren, den Rang ablaufen. Diese Art der Ablenkung stelle eine zunehmende Gefahr im Straßenverkehr dar, meinen Polizeibeamte und Politiker. „Kein Autofahrer würde auf die fatale Idee kommen, sich während der Fahrt für einige Sekunden eine Augenbinde umzulegen und mit verbundenen Augen – wenn auch nur für kurze Zeit – die Fahrt fortzusetzen. Viele machen es aber, nur in anderer Form“, vergleicht Oberkommissar Jens Petersen von der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden die Ablenkung durch ein Handy mit einem Blindflug.

Das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten beim Autofahren soll das Unfallrisiko laut Studien um mehr als das Zwanzigfache erhöhen. Polizei

Wer eine SMS am Steuer schreibe, reagiere wie ein Fahrer mit 1,1 Promille im Blut, sagen Fachleute. US-Studien lassen nach Angaben des Verkehrssicherheitsrates den Schluss zu, dass das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten beim Autofahren das Unfallrisiko um mehr als das Zwanzigfache erhöht – Telefonieren „nur“ um das Sechsfache. Gefährdet seien vor allem junge Fahrer, die es gewohnt sind, über soziale Medien wie WhatsApp, Twitter oder Facebook zu kommunizieren.

60 Euro Strafe

und ein Punkt in Flensburg

Wer auch nur wenige Augenblicke auf ein Handy schaut, legt in dieser Zeit eine lange Fahrstrecke zurück. Bei Tempo 100 sind es innerhalb von zwei Sekunden fast 60 Meter. Zum Vergleich: Eine olympische Schwimmstrecke ist ganze zehn Meter kürzer. Selbst mit Höchstgeschwindigkeit durch eine Tempo-30-Zone rollende Autos legen innerhalb von zwei Sekunden bereits 16 Meter zurück – die Tiefe eines Fußballstrafraums. Und wer mit 150 Sachen über die Autobahn brettert, fährt innerhalb von vier Sekunden mehr als 160 Meter weit. So hoch ist der Turm des Ulmer Münsters, der weltweit höchsten Kirche. Die Möglichkeit, bei auftretenden Gefahren reagieren zu können, geht da schon gegen null.

„Eine Abweichung von wenigen Zentimetern auf einen zurückgelegten Meter bedeutet bei einer Wegstrecke von 60 Meter eine erhebliche Kursabweichung. Richtet sich der Blick vom Display wieder nach oben, kann es zu spät sein“, weiß Petersen aus seinen beruflichen Erfahrungen zu berichten.

Wer nicht hören will – oder in solchen Fällen am Handy eben doch – muss zahlen. In der Straßenverkehrsordnung heißt es ganz klar: „Wer ein Fahrzeug führt, darf ein Mobil- oder Autotelefon nicht benutzen, wenn hierfür das Mobiltelefon oder der Hörer des Autotelefons aufgenommen oder gehalten werden muss.“ Ausnahme: Das Fahrzeug steht und der Motor ist ausgeschaltet. Verstöße von Auto- und Lkw-Fahrern werden mit satten 60 Euro und einem Punkt im Fahreignungsregister in Flensburg geahndet. Nur so nebenbei: Auch ein auf dem Fahrrad geführtes Telefongespräch kann teuer werden – hier gilt Handyverbot am Lenker. Wer trotzdem auf dem Drahtesel telefoniert wird mit 25 Euro zu Kasse gebeten.

In die Pflicht nehmen sollte man auch die Anrufer, meint Oberkommissar Petersen. „Wenn ich weiß, dass mein Gesprächspartner im Auto sitzt und fährt, sollte man es unterlassen, anzurufen“, rät der Polizist.

Aber auch Gespräche mit einer Freisprecheinrichtung stellen, eine gewisse Ablenkung dar. Die Konzentration auf das Gespräch geht so weit, dass der Polizei häufig angeblich betrunkene Autofahrer gemeldet werden, die durch ihre Fahrweise mit abrupten und plötzlichen Lenkbewegungen auffallen.

„Leider wird das Telefonieren am Steuer von vielen Verkehrsteilnehmern unterbewertet und trotz der Sanktionen als nicht sonderlich schlimm empfunden“, meint der Polizeioberkommissar. Ein Kavaliersdelikt eben. Übrigens, wenn es geknallt hat, ist es technisch möglich, aus Gründen der Beweissicherung und Unfallrekonstruktion, Handydaten auswerten zu lassen und digitale Spuren zur Ursachenermittlung heranzuziehen, erklärt der Beamte.

„Aber dann ist es bereits zu spät. Der Unfall ist passiert, lässt sich nicht rückgängig machen. Mindestens ein Mensch ist zu Schaden gekommen oder wurde schlimmstenfalls aus dem Leben gerissen“, so Petersen.

„Tippen tötet“ ist ein Schlagwort von mehreren Kampagnen der Polizei, darunter sind auch ins Internet gestellte Schock-Videos , die Fahrer vom Telefonieren am Steuer abhalten sollen.

Es gilt bei vielen Autofahrern nur als Kavaliersdelikt. Dabei kann das Tippen ins Handy am Steuer fatale Folgen haben und gilt bei der Polizei als häufige Unfallursache.



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