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Brandschutz-Vorschriften sorgen für Unmut und hohe Kosten / Doch wer will schon eine Katastrophe riskieren?

Ein heißes Thema

Wenn es um das Thema Brandschutz geht, wird es teuer – nicht nur am neuen Hauptstadt-Flughafen: 220 000 Euro sind beispielsweise für das neue Brandschutzkonzept der Grundschule Haste (Samtgemeinde Nenndorf) veranschlagt. Beim 60 Jahre alten Hamelner Theater sind bisher nur Spekulationen darüber möglich, wie viel Geld schon bald in den Brandschutz investiert werden muss. Etwa 25 000 Euro, so die Planung, wird es schon allein kosten, diese Frage mittels Gutachten zu klären. Auch Unternehmer erleben mitunter bei Um- oder Anbauten böse Überraschungen.

veröffentlicht am 04.12.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:25 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Doch was ist der Grund für solche Hiobsbotschaften? Werden Vorschriften immer strenger? Kontrolleure immer pingeliger? Oder sind die – privaten wie öffentlichen – Bauherren einfach nicht immer auf dem neuesten Stand der Vorschriften?

Im Hameln-Pyrmonter Kreishaus ist auf keine dieser Fragen ein klares Ja zu hören. Nein, Marlies Hacker-Behr, zuständig für das Thema in der Stadt Hameln, und Bauamtsleiter Eberhard Kuppig, sehen keine gravierende Verschärfung der Vorschriften durch die noch recht frische Niedersächsische Bauordnung aus dem April 2012. Die Vorschriften für die „Feuerwiderstandsfähigkeit von Bauteilen“ wurden hier beispielsweise überarbeitet, Rauchmelder in Wohnungen zur Pflicht erklärt – zu Kostenexplosionen führt beides nicht.

Kuppig sieht als einschneidende Neuerung vor allem den strengeren Blick auf die Rettungswege. „Die Prüfung ist nun genauer vorgeschrieben“, sagt der Amtsleiter. Das lässt sich bei Neubauten frühzeitig einplanen. Aber: „Wir bewegen uns häufig im Bestand. Das ist dann viel schwieriger.“

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So müssen etwa in jedem Geschoss „mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege“ ins Freie führen, heißt es in der Niedersächsischen Bauordnung. Aus den oberen Stockwerken ist eine „notwendige Treppe“ (keine Holztreppe!) erforderlich. Einen zweiten Fluchtweg könnte die Feuerwehr wenn nötig mit Leitern herstellen. Doch beispielsweise in engen Altstadtstraßen ist es keineswegs selbstverständlich, dass die Feuerwehr dafür im Notfall auch einen geeigneten Platz am Haus fände. „Wir machen auch Anleiter-Proben mit der Feuerwehr hier in Hameln“, sagt Hacker-Behr. Zur Not muss am Ende doch noch eine neue Außentreppe her .

Unternehmer fordern

weniger strenge Auslegung der Regeln

Mit Herausforderungen dieser Art hatte auch Creditreform Hameln zu kämpfen. Im vergangenen Jahr bezog das Unternehmen feierlich die Villa Banneitz am Hamelner Ostertorwall. „1900“ steht an einem Erker. Dieses Jahr ist als Baudatum umstritten. Dass das repräsentative Haus nun den Brandschutzvorschriften der Gegenwart angepasst werden musste, stand nicht in Frage. Es ging um Fluchtwege, um selbstschließende Türen. Denkmal- und Brandschutz mussten in Einklang gebracht werden. „Wir haben es umgesetzt“, sagt Geschäftsführer Heinz Bolte, räumt aber ein: Es sei ein beschwerlicher Weg gewesen.

Von einem „relativ guten Verhältnis zum Gewerbe“, spricht Amtsleiter Kuppig. Und „relativ“ heißt offenbar auch, dass manchmal gemosert wird. Auf der Jahreshauptversammlung des weserbergländischen Arbeitgeberverbandes AdU forderte der Vorsitzende Ulrich Meyer in diesem Frühjahr von der Verwaltung eine weniger strenge Auslegung der Brandschutzbestimmungen. Auch im Landratswahlkampf klang das Thema an. Die Sachbearbeiter im Hamelner Kreishaus haben offenbar nicht das beste Image in der Wirtschaft. Öffentlich sagen mag das aber kaum jemand.

AdU-Geschäftsführer Dieter Mefus hört durchaus davon, dass es beim Brandschutz zwischen Unternehmen und Behörden gelegentlich knirscht. Behördenschelte liegt ihm jedoch fern: „Niemand will, dass Menschenleben in Gefahr geraten.“ Ein Fluchtweg oder eine Brandschutzwand mögen aufwendig oder teuer sein. Wenn sie im Falle eines Falles jedoch Leben retten, ständen sie dennoch am richtigen Platz. Gefahrenabwehr sei „wichtig und richtig“. Die Frage „Was ist das Übermaß?“ lasse sich beim Brandschutz kaum beantworten.

Im Hameln-Pyrmonter Bauaufsichtsamt sieht man sich letztlich in der Rolle des Boten, der für die schlechte Nachricht verantwortlich gemacht wird. „Wir sind es nicht, die die Gesetze machen“, betont Marlies Hacker-Behr. Doch bleibt den Beamten vor Ort Ermessensspielraum? Den sieht Hacker-Behr durchaus. Denn wenn sich die eigentlich notwendigen Maßnahmen nicht umsetzen ließen, weil bauliche Gegebenheiten oder Denkmalschutz einen Strich durch die Rechnung machen, „dann muss man eine Lösung finden, die genauso sicher ist“. In einem Hotel in Bad Pyrmont beispielsweise würde die historische Holztreppe heute niemand mehr genehmigen. Weichen soll sie trotzdem nicht. Doch dafür muss ein alternativer Fluchtweg geschaffen werden.

Wichtig sei es, „im Dialog zu bleiben“, sagt Amtsleiter Kuppig. „Die Beratung bei uns ist kostenfrei. Die sollte jeder nutzen, der Problem in diesem Bereich hat.“

Geht es um Neubauten, lässt sich das Thema Brandschutz meistens leichter in die Planungen integrieren. Dennoch: Unmut aufseiten der Bauherren kann auch hier entstehen. Vieles würde am Ende teuer, weil es in der Ursprungsplanung nicht berücksichtigt worden sei, sagt Kuppig. „Ist der Entwurf vollständig, dann entstehen auch keine Mehrkosten.“ Melden sich Bauherren zu spät bei der Behörde? „Auch diese Fälle gibt es.“

Wie sich das Thema Brandschutz weiterentwickelt, hängt letztlich auch von Bränden ab. Denn Katastrophen ziehen neue Vorsorgemaßnahmen nach sich. Der Eishallen-Einsturz von Bad Reichenhall etwa lenkte ab 2006 den Blick verstärkt auf die Hallen-Statik.

Zehn Jahre zuvor brannte das Terminal A des Düsseldorfer Flughafens (siehe links). „Gravierend“ seien die Einschnitte anschließend gewesen, sagt Hacker-Behr. „Vieles, das vorher genehmigt worden wäre, wurde es nun nicht mehr.“ Dieser Ernstfall wirkt bis heute nach.

Er ist Thema am neuen Berliner Flughafen wie im lokalen Theatersaal, in der Kfz-Werkstatt wie beim Umbau der Stadtvilla zum Firmensitz: der Brandschutz. Handelt es sich bei den Auflagen um Fälle wuchernder Bürokratie, die private wie öffentliche Bauvorhaben unnötig verteuern – oder doch eher um lebensrettende Notwendigkeiten?

Nichts wie raus! Rettungswege sind immer wieder ein zentrales Thema, wenn es um Brandschutzauflagen geht.

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