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Vor 200 Jahren wurde Adolph Kolping geboren

Ein großer Sozialpädagoge

Schuster, bleib bei deinem Leisten“, war die Antwort des Kerpener Priesters Joeken, als Adolph Kolping ihm im Alter von 23 Jahren sein Anliegen vortrug, selbst Priester werden zu wollen. Die Antwort passte, denn Adolph Kolping, dessen 200. Geburtstag morgen gefeiert wird, hatte nach der Volksschule das ehrbare Handwerk des Schuhmachers gelernt und bereits viele Jahre als Geselle in der Umgebung seines Geburtsortes Kerpen und in Köln gearbeitet. Es war die Zeit seiner bittersten sozialen Erfahrungen, denn nach der Auflösung der Zünfte lebten die Handwerksgesellen nicht mehr wie früher im Haus der Meister, sondern mussten sich notdürftig selbst durchschlagen. Kolping selbst spricht von einer „schrecklichen Zeit“, die er in Köln erlebt habe, von „Liederlichkeit und Versunkenheit von Deutschlands Handwerksgesellen“.

veröffentlicht am 07.12.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Die Antwort, die ihm der Kerpener Priester gegeben hatte, konnte den Schuhmachergesellen Kolping freilich nicht entmutigen. Er ließ sich in Latein unterrichten und schaffte es mit der ihm eigenen Energie und großem Gottvertrauen, im Alter von 24 Jahren als Schüler am Marzellengymnasium in Köln angenommen zu werden. Es muss ein seltsames Bild gewesen sein, den erwachsenen Mann zwischen den anderen 12- und 13-jährigen Schülern der Tertia die Schulbank drücken zu sehen, denn eine Abendschule gab es damals noch nicht. Dass ihm das zu Anfang Spott und Gelächter einbrachte, störte ihn offenbar nicht. „Für ihn war das eine Probe der Demut“, schrieb Heinrich Festing, der in Sabbenhausen bei Lügde lebende frühere Generalpräses des Internationalen Kolpingwerks, in seinem 1981 erschienenen Buch „Adolph Kolping und sein Werk“. Dreieinhalb Jahre benötigte der Schüler, bis er das Zeugnis der Reife erhielt, doch stand er zu diesem Zeitpunkt vor der schier unüberwindlichen Hürde, sein Theologie-Studium zu finanzieren. Ein glücklicher Zufall ließ ihn eine Gönnerin finden, die ihm die nötigen Mittel zur Verfügung stellte. In München und Bonn absolvierte er die Vorlesungen und wurde am 13. April 1845 im Alter von 31 Jahren zum Priester geweiht.

Auf seiner ersten Pfarrstelle in Elberfeld tauchte er erneut ins Elend der Gesellen und Fabrikarbeiter ein. In Briefen an seine Freunde und ehemaligen Professoren schreibt Kolping über die ihn bewegenden Zustände: „Die untere Schicht des Volkes ist schrecklich unwissend, schrecklich verkommen, vernachlässigt an Leib und Seele, elend durch und durch! Die große Masse der Fabrikarbeiter schmachtet im Elend, wie ich es nur in Wuppertal kennengelernt.“ Gemeinsam mit anderen Handwerksgesellen und einem Lehrer gründet Kolping 1846 einen „Gesellenverein“, dessen erster Vorsitzender am 6. November 1846 der Kaplan Steenartz wird, obwohl viele Gesellen Kolping auf dieser Stelle sehen wollten, doch er war der Wahl ferngeblieben. Der Tag gilt als Gründungsdatum des Katholischen Gesellenvereins, des heutigen Internationalen Kolpingwerks. Kolping selbst wurde erst im Mai 1847 zum Präses gewählt – Steenartz war zu einer anderen Gemeinde versetzt worden.

Es ist dem großen Organisationstalent Kolpings zu verdanken, dass es nicht beim Gesellenverein in Elberfeld verblieb, denn dem Priester war bewusst: Es konnte nicht nur um die Not der Gesellen in Elberfeld gehen, es ging um ein allgemeingültiges Problem, das von einer bedeutenden Stadt aus angegangen werden musste, um überregionale Wirkung zu erzielen. Als Priester der Erzdiözese Köln erreichte er seine Versetzung in die Domstadt und begann unverzüglich mit der Arbeit. Unabhängig davon, dass zur Vereinsgründung in Köln am 6. Mai 1849 nur sieben Gesellen erschienen waren, nahm die Zahl der Mitglieder schnell zu. Schon im Januar 1850 hatte der Kölner Gesellenverein 550 Mitglieder. Rasch entstanden weitere Organisationen in anderen Städten und mit der „Mainzer Rede“ Kolpings auf der „Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands“ – dem späteren Katholikentag – begann die weitere Ausbreitung der Gesellenvereine nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz. Als Kolping am 4. Dezember 1865 im Alter von nur 52 Jahren verstarb, waren 418 Vereine in Deutschland, Österreich, Ungarn, Oberitalien, Belgien, der Schweiz, im Elsass und sogar in den USA mit insgesamt 24 600 Mitgliedern aktiv.

August Bebel

lobte das hohe Maß an Toleranz

Als Voraussetzung für den Eintritt in die Vereine erwartete Kolping Treue zum christlichen Glauben, nicht aber unbedingt die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche, wie das Beispiel des späteren sozialdemokratischen Politikers August Bebels zeigt, der als Drechslergeselle und Nichtkatholik dem Gesellenverein in Salzburg beitrat. Ging es einerseits um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, stellte Kolping andererseits den Unterricht über christliche Glaubenswahrheiten und die religiöse Übung des christlichen Glaubens in den Mittelpunkt der Vereinsarbeit, wie Festing schreibt. Sein Hauptanliegen war es, durch die Gesellenvereine an der Erneuerung einer religionsfeindlichen Gesellschaft durch Bildung und Formung der Menschen mitzuwirken. Kolpings Programm hat Festing kurz so zusammengefasst: „Sei ein überzeugter Christ. Leiste Tüchtiges in deinem Beruf. Werde ein guter Familienvater. Sei ein guter und ehrenwerter Staatsbürger.“

Dass sich Kolping vor allem um die Gesellen kümmerte, wurde ihm nicht nur positiv ausgelegt. Kritiker seines Wirkens bemängelten, dass er sich einseitig um sie gekümmert und die Fabrikarbeiter vernachlässigt habe. Entscheidend für Kolping war nicht, dass er selbst dem Schuhmacherhandwerk entstammte, sondern dass er dem Handwerk als dem bedeutendsten Bestandteil des mittleren Bürgertums große gesellschaftliche Bedeutung beimaß und die Gesellen die Handwerksmeister von morgen waren. Die Industrialisierung steckte dagegen noch in den Anfängen – die Trennung zwischen Gesellen und Arbeitern war weniger scharf als heute. Um den Leitsatz „Leiste Tüchtiges in deinem Beruf“ mit Leben zu füllen, bat der Präses die Vereine, Kurse zur beruflichen Weiterbildung einzurichten und forderte die Gesellen auf, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.

Die bekanntesten Einrichtungen, die auf Initiative Kolpings entstanden, waren die „Gesellenhäuser“, in denen den Wanderburschen ein „Vaterhaus in der Fremde“ und eine „familienhafte Gemeinschaft“ geboten werden sollten, „wo es nicht an Büchern, Schriften und Zeitungen, sowohl religiösen als auch bürgerlichen Inhalts fehlen und wo vor allem das lebendige Wort erklingen sollte“, wie Kolping in seiner Schrift „Für ein Gesellen-Hos-pitium“ warb.

Ein hohes Lob für die Kolping-Häuser gab es aus dem Munde Bebels, der in seinem Tagebuch schrieb: „In diesen Vereinen herrschte… damals gegen Andersgläubige volle Toleranz.“ Zeitweilig seien Vorträge gehalten und Unterricht erteilt worden, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine seien also eine Art Bildungsvereine gewesen. Aufnahme in den Häusern fand aber nur, wer sich als ordentliches Vereinsmitglied in einer dreimonatigen Probezeit bewährt hatte und im Besitz eines vom Präses ausgestellten Wanderbuches war.

Als Grundidee des Wirkens von Adolph Kolping bezeichnet der Autor Hans-Joachim Kracht in seinem Büchlein „Kolping – ein Mann von gestern mit Ideen für morgen“ die tätige Liebe. Es sei ein „Umbruch im Denken“ gewesen, dass es ein Engagement der Bürger im Staat und besonders der Laien in der Kirche geben müsse. Solches sei im öffentlichen Bewusstsein damals nicht bekannt gewesen. Kracht: „Allen Widersprüchen seiner Zeit zum Trotz legte Kolping immer wieder dar, dass die Laien ein wirkliches Apostolat ausüben könnten und sollten.“ Für Kolping trugen nicht nur die Priester und Ordensleute Verantwortung, sondern jeder, „der zum Volk Gottes“ gehören wollte. Kolping sei in diesem Sinne „ein Mensch mit prophetischer Begabung“ gewesen, „der eine große und wirklich zeitnotwendige Idee klar und richtig erkannte, lange bevor sie dem Durchschnitt sichtbar wurde und bevor die Zeit für ihre endgültige Verwirklichung reif war“. Aus historischer Sicht war die Kolpingfamilie kein kirchliches Werk, sondern, wie Kracht schreibt, „die Bündelung von Eigeninitiativen engagierter Laien“.

Kolping war sich zu seiner Zeit völlig klar, dass er mit seinen Mitteln die soziale Frage allein nicht lösen konnte, denn keiner war sich laut Kracht „über die Schwierigkeiten bei der Lösung der sozialen Frage so klar wie er“.

Kolping selbst schrieb: „Derartige Fragen werden nicht in Gnade und Barmherzigkeit, sondern in Gerechtigkeit gelöst. Das soziale Leben ... ruht auf dem richtigen Recht und soll in entsprechenden Gesetzen seinen wahren Schutz ... finden.“ Machtausübung von Christen sollte darauf ausgerichtet sein, die politisch Mächtigen zu kritisieren, sich auf die Seite der Bedrohten und Armen zu stellen und für die einzustehen, die hilflos sind und deren Versuche, ihre menschenunwürdige Lebensweise zu verbessern, zum Scheitern verurteilt seien, interpretiert Kracht das Wirken Kolpings, den er weniger als Sozialtheoretiker und Sozialreformer betrachtet, sondern eher als großen Sozialpädagogen und Volkserzieher. Sein Werk lebt weiter fort.

Am 8. Dezember 1813 wurde Adolph Kolping in Kerpen geboren. Dank seiner Initiative wurde 1846 in Elberfeld der erste Gesellenverein gegründet. Ihm folgten viele weitere Vereine, die Gründung von Gesellenhäusern und bis heute ein fast weltumspannendes Netz von Kolpingwerken. Vom Schuhmacher führte sein Weg zum Priester und sozialen Organisator, der unermüdlich der Idee der Nächstenliebe folgte.

Am 8. Dezember vor 200 Jahren wurde der große katholische Sozialpädagoge Adolph Kolping geboren.

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