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Ein Geburtstagsfest für Mohammed

Muslime in der ganzen Welt gedenken jährlich der Geburt des islamischen Propheten Mohammed. Auch im Weserbergland. Unsere Mitarbeiterin war – als einzige Nicht-Muslimin – bei den Feierlichkeiten der Gemeinde Mevlana in Rinteln zu Gast.

veröffentlicht am 03.05.2012 um 10:53 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:39 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Wenn in der Türkisch-Islamischen Mevlana-Gemeinde Rintelns ein Grund zum Feiern besteht, ist meistens auch in der Küche viel los und reizvolle Essensdüfte durchziehen die verwinkelten Flure und Räume des großen Gebäudes Im Emerten 1. Zurzeit ist es ein besonders vertrauliches Fest, das mehrere Hundert muslimische Männer, Frauen und Kinder aus dem Landkreis sowie aus Hameln begehen: ein Erinnerungsfest an den Geburtstag des Propheten Mohammed, der im Jahr 570 oder 571 geboren wurde. Im Garten wartet ein köstliches Buffet und in der Moschee wird gepredigt, gebetet und der Koran rezitiert. Es ist eine Stimmung wie bei einem großen Familientreffen. Nur mich treffen viele erstaunte Blicke, als Deutsche, die nicht zur Gemeinde gehört und die durch ihr Benehmen zeigt, dass sie ziemlich sicher keine Muslimin ist.

„Beim Freitagsgebet haben wir öfter mal Christen zu Besuch“, sagt Murat Demirel, Juwelier in Rinteln und Vorsitzender der Gemeinde. „Aber bei dem Fest zum Geburtstag des Propheten war bei uns noch nie ein Nicht-Muslim dabei.“ Er lächelt, wünscht mir viel Spaß, hat aber gar keine Zeit für mich, denn gleich beginnt der Gottesdienst, und überhaupt ist er schnell von vielen Gemeindemitgliedern umringt, die ihn grüßen wollen.

Rund um den Eingang zur Teestube stehen und sitzen lauter Männer – Jungs, Männer mittleren Alters und Alte. Ich war schon ab und zu in journalistischer Funktion hier und bin also einigermaßen gewappnet für das eigenartige Gefühl, als einzige Frau inmitten dieser ganzen Männer zu stehen, von denen viele nur unsicher Deutsch sprechen. Aber wo sind nur die anderen Frauen?

In der Moschee Im Emerten 1 lauschen die Gemeindemitglieder – Männer und Frauen in voneinander abgetrennten Bereichen – den Predigten ihres Imams Idris Tasova. Fotos: cok

Imam Idris Tasova, der Religionslehrer, Prediger und Vorbeter der Gemeinde, ein zierlicher, ernst blickender Mann, will mir, obwohl in Eile, freundlicherweise noch ein paar erläuternde Worte rund um den Geburtstag Mohammeds sagen. Er hat einen Dolmetscher aus der Gemeinde an seiner Seite – zu seiner theologischen Ausbildung in der Türkei gehörte das Erlernen der deutschen Sprache nicht dazu – und so erfahre ich, dass man mit Bedacht nicht von einer regelrechten „Geburtstagsfeier“ spricht, sondern von einem festlichen „Gedenken“ an den Propheten.

Geburtstage spielen für strenggläubige Moslems nur eine untergeordnete Rolle, ja, es gibt Strömungen, die sich klar gegen das Geburtstagsfeiern aussprechen. Das war im arabischen Raum nämlich unüblich und wurde dann aber von Christen und Juden übernommen, eine Angleichung, die vielen nicht recht war, zumal der Koran nirgends erwähnt, dass Mohammed selbst seinen Geburtstag feierte. Andererseits gewann der Prophetengeburtstag seit dem Mittelalter immer größere Bedeutung, es entstanden Lieder und Gedichte über Leben und Taten Mohammeds, und inzwischen gehört der Geburtstag Mohammeds für die meisten Gläubigen zu den besonderen Festtagen des Islam.

Der genaue Geburtstag Mohammeds ist unbekannt – die wenigsten Araber kannten damals das Datum ihrer Geburt – doch ist dafür aufgrund von Indizien der 20. April angesetzt. In der Türkei kam man in diesem Jahr bereits Anfang Februar in den Moscheen zusammen, genauso wie überall dort, wo der Geburtstag nach dem islamischen Mondkalender ständig zeitlich verschoben wird. Dass die Türkisch-Islamische Gemeinde in Rinteln erst am 29. April zum Feiern einlud, ist nichts Ungewöhnliches: Ein ganzer Monat ist für Veranstaltungen zu Ehren Mohammeds vorgesehen – doch jetzt heißt es, schnell in die Moschee zu gehen, wo sich bereits viele Gläubige versammelt haben.

Und da sind sie ja, die Frauen! Viele hatten sich hinter dem Gebäude im Garten aufgehalten, wo bereits der Grill angeworfen wurde. Andere sitzen bereits in der Moschee, im noch durch einen Vorhang vom großen Gebetsraum abgetrennten kleineren Raum: Männer und Frauen halten sich bei Predigt und Gebet immer in getrennten Bereichen auf. Alle lassen ihre Schuhe im Vorflur zurück, und so spürt man den dicken, weichen, bunt gemusterten Teppich unter den Füßen. Was für eine eigentümlich gemütliche Atmosphäre entsteht dadurch, dass sich alle direkt auf den Fußboden setzen, die ganz alten Frauen ebenso wie junge Mädchen, Familienmütter und ihre kleinen Kinder. Alle tragen bunte oder dunkle Kopftücher. Nur ich nicht.

Jetzt wird der grüne Trennvorhang zurückgezogen und der Blick freigegeben auf den Bereich der Männer, die ebenfalls bequem auf dem Teppichboden sitzen, während Imam Idris Tasova mit angenehmer Stimme einen langen liturgischen Gesang beginnt.

Die Frau neben mir stupst mich an. Sie lächelt und flüstert: „Kopftuch!“ Im ersten Moment weiß ich gar nicht, was sie meint. „Die anderen Frauen gucken schon und tuscheln“, sagt sie und reicht mir ein schwarzes Fransentuch weiter, das ihre Nachbarin für mich aus ihrer Handtasche gezogen hatte. „Bei den Predigten muss das sein, es wäre sonst respektlos“, so die weitere Erklärung. Sie lächelt wieder: „Schließlich sollen die Männer ja nicht abgelenkt werden.“

Die anderen Frauen lächeln ebenfalls und einige nicken mir zu. Ich soll wohl nicht denken, dass sie böse auf mich sind. Also lege ich das Kopftuch an und ziehe es mir sogar etwas ins Gesicht. Mir fällt auf, dass ich insgesamt nicht gerade passend für eine Festlichkeit gekleidet bin. Doch unter den etwa 40 Frauen, die dicht an dicht zusammensitzen, herrscht eine gute Stimmung, als wenn alle automatisch zusammengehören, auch ich, hier, im abgetrennten Gebetsraum.

Und die Männer nebenan, die dem Imam zuhören, der jetzt aus dem Koran vorliest – erst das arabische Original, dann die türkische Übersetzung – sie lassen uns Frauen, wie es scheint, eh völlig unbeachtet.

Es herrscht ein ständiges leises Kommen und Gehen, hüben wie drüben. Zwar singen jetzt drei junge Männer zusammen mit dem Imam eines der langen, wortreichen Lieder, die von Dichtern extra für den Geburtstag gedichtet wurden. Doch, das erklärt mir Murat Demirel später noch mal, die Veranstaltung ist nicht direkt ein Gottesdienst, sie folgt keinen strengen Regeln, und wer will, darf, anders als beim Freitagsgebet, jederzeit aufstehen und nach draußen in den Garten gehen, wo das schöne Büfett bereits eröffnet ist.

Der Imam hat sich inzwischen an einen Tisch in Front der zuhörenden Männer gesetzt, neben sich zwei Gäste, der Imam aus Hessisch Oldendorf und sein Hamelner Kollege, der zu einem langen, sehr leidenschaftlich klingenden Vortrag ansetzt.

Meine Nachbarin erklärt mir, dass er vom Leben Mohammeds spricht und davon, wie man selbst ein tugendhaftes Leben führen kann und soll. Mohammed, in Mekka geboren und im Jahr 632 in Medina gestorben, war bis zu seinem 40. Lebensjahr ein ganz normaler Mensch, ein früh verwaister Junge, der zunächst als Schafhirte arbeitete, bevor er durch die Heirat mit einer älteren Kaufmannswitwe finanzielle Sicherheit und soziales Ansehen gewann. Im Jahr 610, während einer Bußübung auf dem Berg Hira, erschien ihm der Erzengel Gabriel, um ihn als Propheten zu erwählen für die Verbreitung der Lehre von dem einen, einzigen Gott und ihm den Koran zu diktieren.

Nicht alle Zuhörer dürften Wort für Wort verstanden haben, wovon der Imam predigt. In nicht wenigen Familien sprechen Kinder, Jugendliche und die jüngeren Erwachsenen perfektes Deutsch, dafür aber nur noch ein rudimentäres Türkisch. Deshalb werden die Predigten beim Freitagsgebet jetzt auch häufig ins Deutsche übersetzt.

Hätte sich allerdings ein Übersetzer für die frei gesprochenen Worte des Imam aus Hameln gefunden, dann wäre der zeitliche Rahmen wohl ganz gesprengt worden. Weit über eine Stunde dauern Gesang, Rezitationen und Predigt nun schon an, und so beschließe ich, das schwarze Kopftuch, unter dem mir sehr warm geworden ist, mit Dank zurückzugeben, den Raum leise zu verlassen, mir meine Schuhe unter den unzähligen Schuhpaaren im Vorraum herauszusuchen und den Essensdüften zu folgen, die mich in den Garten locken.

Dort geht es wirklich wie auf einem harmlos-fröhlichen Geburtstagsfest zu. Vielerlei Kuchen, Süßspeisen und Gebäck warten dort ebenso wie jede Menge Salate, gefüllte Fladen und natürlich Fleisch vom Grill. Männer, Frauen, Kinder wuseln durcheinander oder sitzen an langen Tischen zusammen. Man spricht türkisch und deutsch, plaudert und genießt das Essen. Wie spürbar es ist, dass es sich um eine junge Gemeinde handelt, in der alle Generationen regelmäßig aufeinandertreffen. „Und wenn schon alle da sind, dann sollen sie auch ihre Freude haben“, so Demirel. „Jeder soll am Geburtstag von Mohammed das mitnehmen, was für ihn das Schönste ist.“



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