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Priester, Pfarrer, Pastoren – es wird immer schwieriger, Personal für die Gemeinden zu finden

Ein aussterbender Beruf?

In der Hitliste beliebter Berufe tauchen sie erst ziemlich weit unten auf: Priester, Pfarrer und Pastoren. Katholische und evangelische Gemeinden beklagen Nachwuchsmangel – für beide Konfessionen ist es schwierig, hauptamtliche Seelsorger für ihre Gemeinden zu gewinnen.

veröffentlicht am 02.11.2015 um 17:17 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:40 Uhr

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Zu Ostern und Weihnachten drängen sich die Menschen in den Kirchen. Doch an normalen Sonntagen ist der Rückgang der Gottesdienstbesucher in den Gemeinden beider Konfessionen deutlich spürbar. So wie die Zahl der Gläubigen nimmt auch die der im kirchlichen Dienst aktiven Gemeindemitglieder ab. Wie aber steht es um den Nachwuchs an hauptamtlichen Seelsorgern? Finden die beiden christlichen Konfessionen noch ausreichend Bewerber angesichts der durch eine massive Glaubenskrise bestimmten Rahmenbedingungen?

Im Bistum Hildesheim ist Andreas Mühlbauer derzeit der einzige Kandidat, der zu Pfingsten des kommenden Jahres seine Priesterweihe empfangen wird. Der gebürtige Gifhorner ist ist in der St.-Joseph-Gemeinde in Stadthagen und stammt aus einer Flüchtlingsfamilie aus dem Warthegau. „Meine Mutter ist protestantisch, mein Vater katholisch“, erzählt der 39-Jährige, und fügt schmunzelnd hinzu: „In mir verbindet sich also das Beste aus beiden Konfessionen.“

Pfarrer zu werden war seit der Erstkommunion sein Lebenstraum, doch nach Abitur und Zivildienst ging Mühlbauer erst einmal für elf Jahre in den gehobenen Dienst als Baustellensachbearbeiter bei der Deutschen Bahn in Hannover.

Diakon Andreas Mühlbauer in seinem Arbeitszimmer in Stadthagen. Er ist im Bistum Hildesheim der einzige Kandidat, der 2016 seine Priesterweihe empfangen wird. eaw

„Daher kenne ich die Arbeitswelt und habe eine andere Sicht aufs Leben als Theologen, die vom Studium gleich in den geistlichen Beruf gehen“, sagt Mühlbauer. Dass die eher pragmatische Herangehensweise an den Beruf des Seelsorgers durchaus im Trend liege, bestätigt auch der Hildesheimer Leiter des Bischöflichen Priesterseminars, Dr. Martin Marahrens. „Ältere Studenten sind mittlerweile der Regelfall.“ 130 aktive Priester gibt es derzeit im Bistum Hildesheim, das fast ganz Ostniedersachsen umfasst. Jährlich werden zwar noch ein bis zwei Priesterweihen durchgeführt, doch der Nachwuchsmangel ist deutlich spürbar.

Dass es auch in der evangelischen Kirche erhebliche Nachwuchssorgen gibt, weiß der Hamelner Superintendent Philipp Meyer. Das sei, so Meyer, zum einen auf die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft allgemein, aber auch auf die Konkurrenz durch andere Berufsfelder und eventuell zu hohe Anforderungen in Studium und Ausbildung zurückzuführen.

In der evangelischen Kirche müssen die Anwärter auf den Beruf als Pastor oder Pastorin ein Theologiestudium erfolgreich absolviert haben und dann ein sogenanntes Vikariat als zweite Ausbildungsphase durchlaufen. Meyer: „Es folgt anschließend eine Probezeit in einer Kirchengemeinde in regulärer pastoraler Tätigkeit von drei bis fünf Jahren Dauer, an deren Abschluss die Verbeamtung steht.“

Im Kirchenkreis stehen derzeit 24 Pfarrstellen in den Kirchengemeinden als Vollzeitstellen zur Verfügung, in denen fünf als „Teildienstaufträge“ in der Regel als „halbe“ Stellen geführt werden. Darüber hinaus gibt es übergemeindliche Pfarrstellen etwa im Berufsschulpfarramt und in der Krankenhausseelsorge. Insgesamt sind momentan im Kirchenkreis 45 Pastorinnen und Pastoren beschäftigt.

Wer in der katholischen Kirche wie Andreas Mühlbauer seinen Lebenstraum vom Beruf als Gemeindepfarrer verwirklichen will, der muss sich erst einmal den Auswahlkriterien des Bistums stellen. Eine Kommission um den Leiter des Priesterseminars mit Sitz in St. Georgen in Frankfurt entscheidet aufgrund von Gutachten und Referenzen, ob der jeweilige Kandidat ins Seminar aufgenommen wird. „Als 32-Jähriger war der Eintritt dort für mich schon so eine eine Art Kulturschock“, erinnert sich Mühlbauer. „Aber auch eine notwendige Zeit der äußeren und inneren Prüfung.“

Nach dem Abschluss des Studiums folgen dann zwei praktische Jahre. „Die sind gefüllt mit Trockenübungen wie Liturgie, Eheschließungen und vielen anderen alltäglichen Aufgaben eines künftigen Pfarrers.“ Mit der sich anschließenden „Diakonweihe“ ist dann der „point of no return“ (der Punkt ohne Wiederkehr) erreicht. Dann fällt nach langer Zeit der Fremd- und Selbstprüfung die endgültige Entscheidung für das Leben im Priesteramt.

„Zölibat? Ehelosigkeit? Ja, das ist ein dickes Brett, das man bohren muss“, sagt Mühlbauer leise. „Natürlich war ich verliebt, natürlich ist Sexualität ein tiefes Bedürfnis. Aber man muss sich klar werden, dass das Herz an etwas anderem hängt, und worauf man verzichtet.“

Dass das Versprechen der Ehelosigkeit nicht ausschlaggebend für den Nachwuchsmangel sei, ist für Dr. Martin Marahrens offensichtlich. „Auch bei den Protestanten, die keinen Zölibat haben, ist das Nachwuchsproblem genauso groß.“ Das Thema „Frauen in der Kirche“ tauche in der öffentlichen Diskussion über die katholische Kirche ebenfalls immer wieder auf. Mühlbauers Position dazu ist klar: „Frauen haben eine bereichernd andere Sicht aufs Leben – die Kirche beschneidet sich da um die eine oder andere Gabe.“

Die Strategien der beiden christlichen Kirchen dem Nachwuchsmangel entgegenzuwirken sind unterschiedlich. Für Philipp Meyer ist die wichtigste Form der Nachwuchsförderung die „beziehungsintensive Arbeit mit jungen Leuten“. Meyer dazu: „Der Jugenddienst unseres Kirchenkreises wie auch die Jugendarbeit in der Markt- und Münstergemeinde tragen in beachtlicher Weise dazu bei, junge Menschen für ein Theologiestudium oder einen anderen kirchlichen Beruf zu motivieren.“ Einmal in Jahr nimmt der Kirchenkreis außerdem an einer Berufsfindungsveranstaltung der Agentur für Arbeit mit einem eigenen Stand teil.

„Wir wollen die Laien stark machen“, sagt dagegen der Hamelner Pastoralreferent Hans-Georg Spangenberger für die katholische Kirche. Und Martin Marahrens ergänzt: „Wir wollen stärker als früher die Gläubigen selbst befähigen, ihr Leben als Christen aktiv zu gestalten.“ Die Übernahme wichtiger Funktionen in der Gemeinde sei ein Mittel, um dem Nachwuchsmangel entgegenzuwirken. Eine Vorgehensweise, die ganz im Gegensatz zum vermeintlich starren hierarchischen Denken in der katholischen Kirche stehe, meint auch Andreas Mühlbauer: „Es ist die Rückbesinnung auf die eigentlichen Gaben des Volkes Gottes, die uns aus der Krise helfen wird. Ein Verständnis von Gemeinde, wie es schon in den Paulusbriefen nachzulesen ist.“



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