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Waschen, füttern, Blutzucker messen

Ein Arbeitstag im Leben einer mobilen Pflegekraft

Alle wollen alt werden, aber wirklich alt will keiner sein. Gebrechlich, abhängig und im schlimmsten Fall nicht mehr in der Lage, allein zu wohnen und sich selbst zu versorgen. Oft droht dann der Umzug in ein Heim. Doch viele Senioren wollen das nicht. Sie wollen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Damit diesen Personen die Möglichkeit erhalten bleibt, in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben und doch regelmäßig versorgt zu werden, gibt es die ambulanten Pflegedienste. Wir haben einen solchen Pflegedienst einen Tag auf seinen Fahrten quer durch Bückeburg und Minden begleitet.

veröffentlicht am 14.03.2018 um 18:50 Uhr

Pflegefachkraft Samantha Sliwinski füttert geduldig eine schwerbehinderte Frau, die an ihr Bett gefesselt ist. Foto: sk
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Nicht nur der Pflegeaspekt ist wichtig für die Männer und Frauen, zu denen die mobilen Altenpfleger kommen. Waschen, anziehen, Essen reichen, das ist Pflegealltag. Aber auch die menschliche Komponente ist für die Senioren enorm wichtig, denn oftmals ist die Pflegerin der einzige Kontakt zur Außenwelt am Tag. Doch wie kommen auch die Pflegekräfte mit der nicht immer einfachen sowohl körperlichen als auch seelischen Belastung klar? Bis zu 18 Kunden auf einer Tour sind keine Seltenheit.

Es ist morgens um halb 8, als wir uns gemeinsam auf den Weg machen. „Eigentlich schon zu spät“, stellt Samantha Sliwinski fest, Pflegefachkraft bei AIP (Ambulante Individuelle Pflege) in Bückeburg. „Meist starte ich gegen 6 Uhr, um frühzeitig bei meinen Kunden zu sein. Viele bleiben so lange liegen, bis ich da bin“, erklärt sie. Die erste Tour führt nach Eisbergen, Blutzucker messen und einen kleinen Plausch mit der Patientin führen. Sie ist 85 und lebt mit ihren drei Katzen allein in dem großen Haus. Sichtlich erfreut über die Abwechslung in ihrem Alltag, erzählt sie von ihren „Fellkindern“, natürlich muss Samantha die Katzen auch mal streicheln, allerdings ist die Zeit zu knapp, um sich lange aufzuhalten.

Papierkram gehört zwingend zur Arbeit der Pflegedienste. Für die Abrechnung müssen alle Leistungen akribisch genau dokumentiert werden. Foto: sk
  • Papierkram gehört zwingend zur Arbeit der Pflegedienste. Für die Abrechnung müssen alle Leistungen akribisch genau dokumentiert werden. Foto: sk
Bei allem Stress und Zeitdruck: Samatha Sliwinski macht ihre Arbeit sichtlich Spaß. Foto: sk
  • Bei allem Stress und Zeitdruck: Samatha Sliwinski macht ihre Arbeit sichtlich Spaß. Foto: sk
In der Tagespflegeeinrichtung werden die Senioren verpflegt – dort finden sie auch Gesprächspartner. Foto: sk
  • In der Tagespflegeeinrichtung werden die Senioren verpflegt – dort finden sie auch Gesprächspartner. Foto: sk

Doch Frau W. freut sich schon, dass sie ein Mitarbeiter von AIP gleich abholen und zur Tagespflegeeinrichtung bringen wird. Dort wird sie verpflegt, findet Gesprächspartner und es werden auch regelmäßig schöne Touren mit den Senioren unternommen. In der Tagespflege trifft sie auch auf den nächsten Kunden von Samantha, einen 80 Jahre alten Rentner, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist. Seit seine Frau nach einem Unfall nun ebenfalls eingeschränkt ist und ihn nicht mehr versorgen kann, kommt jeden Morgen eine Fachkraft des ambulanten Pflegedienstes und wäscht den alten Mann, zieht ihn an und nimmt ihn mit.

Allerdings ist nicht jeder noch körperlich in der Lage, solche Tagespflegeeinrichtungen zu nutzen. Das wird bei den nächsten beiden Patienten von Samantha deutlich. Eine an Demenz erkrankte Frau ist eigentlich rund um die Uhr auf Pflege angewiesen, deshalb kommen die Pflegerinnen öfter am Tag in Kombination mit der Schwiegertochter. Was früher selbstverständlich war, die Alten in der Familie zu versorgen, ist heute aufgrund von beruflichen Zwängen oder neuen Familienkonstellationen eher die Ausnahme. Selten wohnen heute noch alle unter einem Dach. Berührungsängste darf man in dem Job nicht haben, aber die hat Samantha auch nicht. Fröhlich begrüßt sie die schwerbehinderte Frau, die nur noch in ihrem Gitterbett liegen kann, erzählt ihr vom bisherigen Tag und füttert sie dabei geduldig. Bevor sie wieder geht, macht sie noch den Fernseher an, „weil sie so gerne Olympia sieht“, lagert die bettlägerige 78-Jährige um, damit es keine offenen Wundstellen gibt.

„Es gibt zwar eigentlich eine gesetzliche Spanne, die wir bezahlt bekommen, aber wenn wir der Meinung sind, dass jemand ein paar Minuten mehr unserer Anwesenheit bedarf oder mal ein Gespräch führen möchte, dann nehmen wir uns die Zeit“, betont Ramona Horst, Chefin von AIP. „In erster Linie sind wir die ,Kümmerer‘ und so werden wir mittlerweile von unseren Senioren auch gesehen.“ Bei der nächsten Kundin ist alles ruhig im Haus, Samantha betritt die Stube und ruft. Keine Antwort. Ein Blick ins Schlafzimmer. Jemand liegt reglos im Bett. „Alles okay?“, fragt die 25-Jährige? Da fliegt die Bettdecke zurück und die kleine, zierliche Seniorin kichert aufgeregt. „Mein Schatz“ nennt Samantha sie und streicht ihr zärtlich über die Wange. Beim nun folgenden Waschen und Anziehen ist Zeit für ein paar Worte über Gott und die Welt, aber bald schon muss die Pflegefachkraft wieder weiter.

Auf die Frage, was die Seniorin den Rest des Tages noch machen wird, antwortet sie leise: „Ich warte, dass eventuell meine Nachbarn oder meine Tochter heute Nachmittag mal kommen.“ Der Gedanke, dass man nicht mehr so agil und mobil ist und einfach fahren kann, wohin man möchte, ob zum Einkaufen, Freunde treffen im Café oder einfach mal draußen spazieren zu gehen, ist schon betrüblich. Soziale Vereinsamung ist ein großes Problem im Alter. Ein Problem, dem die Pflegedienste nur im Ansatz begegnen können. Umso wichtiger, dass es junge Leute gibt, die diesen Beruf erlernen und mit so viel Gelassenheit wie Samantha erfüllen wollen. Keine bockige Laune, keine unpassende Antwort bringt die junge Frau aus der Ruhe. Geduldig lächelt sie alles weg und erklärt, dass sie eigentlich nie was in der Pflege machen wollte. Aber nachdem sie über Umwege an diesen Beruf gelangt ist, hat sie sich binnen einer Woche in die alten Leute so verliebt, dass sie sich nun keinen anderen Beruf mehr vorstellen kann.sk

Meist starte ich gegen 6 Uhr, um frühzeitig bei meinen Kunden zu sein. Viele bleiben solange liegen, bis ich da bin.

Samantha Sliwinsk, Pflegefachkraft

In erster Linie sind wir die „Kümmerer“ und so werden wir mittlerweile von unseren Senioren auch gesehen.

Ramona Horst, AIP-Chefin
Information

Akuter Pflegekräftemangel

In Niedersachsen fehlen in der Altenpflege bis zum Jahr 2030 zwischen 21 000 und 52 000 Mitarbeiter. Diese Zahl an Stellen müsste in den kommenden Jahren neu besetzt werden, wie eine Prognose des Sozialministeriums ergab, die sich auf den Landespflegebericht 2015 stützt. Weil viele Pflegefachkräfte in Teilzeit arbeiten und schon jetzt eine Lücke besteht, wird eher die größere Anzahl an Nachwuchskräften benötigt. Rund 112 000 Menschen arbeiteten 2013 und damit laut den aktuellsten erhobenen Daten in Niedersachsen in Pflegeberufen. Demgegenüber standen 288 000 pflegebedürftige Menschen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird laut Prognosen steigen. 2030 dürften es landesweit knapp 379 000 sein – ein Plus von gut 30 Prozent. „Es gibt schon jetzt immer mehr Berichte von Engpässen bei Pflegediensten“, sagt Sandra Mehmecke, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Niedersachsen. Das bedeute, dass Patienten oder Pflegebedürftige keinen Pflegedienst finden, wenn sie einen brauchen.dpa



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