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Ein Abend allein unter wilden Weibern

Eine sichtbare Rolle spielen Männer im Frauenkarneval nur, wenn sie auftreten und auf der Bühne mit viel nackter Haut und gestählten Muskeln unterhalten. Unsere Redaktion hat sich beim 13. Rintelner Frauenkarneval hinter den Kulissen umgesehen und ist dabei auch der Frage nachgegangen, wer hinter den Kulissen hilft und warum das männliche Geschlecht so gerne auf die Bühne stürmt.

veröffentlicht am 07.02.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 09:32 Uhr

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Er könnte sicherlich manch hübsche Geschichte erzählen. Von Karnevalslegenden wie Willy Millowitsch oder Lotti Krekel, von den Höhnern, oder davon wie er selbst aufgetreten ist mit seiner Band, vor 7000 schunkelnden Jecken und Narren in den Hochburgen Köln oder Düsseldorf, oder von 300 Fernsehaufnahmen. Aber stattdessen sitzt Kapellmeister Günter Fromme in einer Ecke des Ratskellers und schaut auf eine Tabelle: Ein bisschen muss alles verschoben und umgestellt werden, Tanzderwisch Mardlen Hugo hat sich die Bänder gezerrt, ihr Auftritt wird gestrichen, jetzt wird umgestellt.

Günter Fromme ist einer der unbesungenen Helden, die hinter jeder gelungene Veranstaltung stehen; einer, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, der schnell und akribisch dafür Sorge trägt, dass oben auf der Bühne frisch-fröhlich „Ri-Lau“ geschmettert werden kann, weil hinter den Kulissen die Profis einfach einen guten Job machen. Es gibt nicht wenige unsichtbare Hände, die für den Erfolg des Rintelner Frauenkarnevals mitverantwortlich sind: etwa Hartmut Bauer und Oliver Sperlich, die die Bühne der Stadt Rinteln auf- und abbauen, die Feuerwehrleute, die sie transportierten. Günter Fromme hilft bei der eigentlichen Sitzung, kümmert sich um die Künstler, achtet auf richtige Reihenfolgen und zahlt die (ganz geringen) Gagen aus, löst kleinere Probleme, stellt Kontakte her und garantiert einen reibungslosen Ablauf, da die Elfen bei der Sitzung naturgemäß andere Aufgaben wahrnehmen müssen.

Vier Tage dauert es, bis der Saal geschmückt ist, bis die von der Feuerwehr angelieferten Stühle und Tische aufgestellt sind, bis die Musikanlage aufgebaut ist, die Strahler an der Decke hängen und die Bühne aufgebaut ist. Roman Stasitzek vom „Rock Circus“ lehnt eine Stunde vor Beginn entspannt an einem Pult, einen Tag vorher haben er und sein Team die Tonanlage getestet und die Tanzflächenbeleuchtung austariert. Stasitzek ist ein alter Hase im Frauenkarneval, er ist mit seinem „Rock-Circus“ das neunte Mal dabei. Seine Aufgabe? „Da drunten“, sagt er und weist in Richtung Saal, „da drunten werden gleich 220 Frauen freigelassen – und wir bringen sie zum Tanzen.“ Fünf Stunden später, kurz nach Mitternacht, hat er die Mädels fest in der musikalischen Hand: Sie singen schon, wenn er nur kurz ein Lied anstimmt und den Ton wieder runterfährt: „Hey was geht ab?“

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Profis hinter den Kulissen: Günter Fromme (l.) und Hartmut Bauer, der auch vor der Bütt keine Angst hat.

Eine Menge, möchte man mit Blick auf die fünfköpfige Narrentruppe aus Apelern behaupten. Das Männerballett „Titanium Talentfrei“ stürmt gegen Mitternacht die Bühne und legt einen Auftritt hin, der sich gewaschen hat: Kurzer Schottenrock, darüber eine schwarze Fellweste, in der Hand erst einen riesigen Vorschlaghammer, später Kettenschwerter mit Laserlichtern: Steinzeit-Atavisten treffen sich mit Darth Vader, um gemeinsam mal richtig einen draufzumachen. Und während auf der Bühne zu Rammsteinähnlichem Rock gehämmert und geschlagen wird, kommt eine ganz alte und längst unter dem kulturellen Firnis verborgene Botschaft deutlich rüber: Wir gehen morgens raus, wir jagen das Mammut, wir bringen abends was zu Essen in die Höhle mit – wir sind echte Kerle, die sich auch mal in den Arm nehmen dürfen. „Titanium Talentfrei“ ist ein fünfköpfiges Versprechen auf Zugang zu verlorener Freude und ungezügelter Lust. Oder wie es Dorothee Heidel als Vorsitzende des Elfenrates nach dem Auftritt formuliert: „Egal, was ihr genommen habt, das will ich auch.“

Berührt wird nicht nur beim Männerballett ein Kernelement des Karnevals: Dem Spiel mit der Maske und der Maskerade ist traditionell die Möglichkeit der Umkehrung der Verhältnisse eingeschrieben: Sklavin wird Herrin, Herr wird Knecht, Mann wird Frau – und umgekehrt. Soziologen hätten im Rintelner Frauenkarneval nicht nur ihre helle Freude, sondern auch ein weiteres Forschungsfeld, etwa zum Thema: „Der Körper als Produkt und Zeichen von Geschlecht, als Träger der Geschlechterinszenierungen in den Spielen und als sexualisierte Projektionsfläche sozialer Verhandlungen.“ Dorothee Heidel fasst das erwartbare Untersuchungsergebnis mit Blick auf das Männerballett etwas kürzer zusammen: „Ihr seid einfach geil.“

Die Männerballett-Auftritte sind ein Herzstück des Frauenkarnevals, Jutta Meves aus dem Elfenrat formuliert es so: „Natürlich gehören Männerauftritte zu einer Frauenkarnevalsveranstaltung – so wie das Salz in die Suppe. Dabei geht es nicht nur um die knappen Outfits der Männer, die bei den Damen wunderbar ankommen – das Auge isst ja bekanntlich auch mit –, nein der Frauenkarneval bietet einen wunderschönen Rahmen und überhaupt die Möglichkeit, aufzutreten und sich mal so richtig feiern zu lassen.“ Und die Männer, sie bleiben alle, niemand geht nach seinem Auftritt heim: Dicht an dicht stehen die Männer anschließend in der Tür im Ratskellersaal und warten auf den Rosenmontagssong, der traditionell den Abschluss der Sitzung bildet. Dann wird noch ordentlich das Tanzbein geschwungen, während man sich etwas anhimmeln lässt. Damen zum Tanzen und Himmeln sind ja genug da.

Inzwischen sind die Kontakte zu den Rintelner Elfen so gut, dass die Termine für das nächste Jahr besprochen werden, damit es keine Überschneidungen gibt. Für das eine oder andere Männerballett wäre es eine karvenalistische Katastrophe, an einem Abend woanders gebucht zu sein, wenn in Rinteln die Frauen in die Bütt gehen.

Reich wird man auf der Bühne nicht, natürlich nicht, erzählt Jens Fuchs vom Männerballett Hilwartshausen, die zum dritten Mal in Rinteln auftreten und seit 1987 existieren. Nur drei Auftritte nehmen sie pro Jahr wahr, sie sind ein bisschen wählerisch und mit dem Bus angereist, Hilwartshausen liegt in der Nähe von Einbeck. Kontakt zum Rintelner Frauenkarneval haben sie über ein Treffen auf einen Narrenkongress geknüpft, und sie nehmen ihre Auftritte verdammt ernst: Gute und leichte Unterhaltung, das ist das Produkt von Talent, Begeisterungsfähigkeit und harter Arbeit. Die neunköpfige Truppe mit einem Altersdurchschnitt um die 35 Jahre hat eigens eine Trainerin engagiert.

Der Höhepunkt der letzten Jahre war allerdings kein Bühnenauftritt im Karneval, sondern bei einem Casting, bei dem das berühmte Supertalent gesucht wurde. Die Hilwartshausener haben es zwar nicht in die Sendung geschafft, aber eine „geile Sache“, sagt Jens Fuchs, also eine geile Sache war das schon. Und der Rintelner Frauenkarneval? „Ist toll, bei uns gibt es so was wie Weiberfastnacht ja nicht.“ 100 Euro gibt es für den Auftritt. Wenn es gut läuft, reicht es am Ende für Benzin und ein, zwei Bier. Die andere Seite der Medaille sieht so aus: Auch im 13. Jahr ist der Eintritt mit 13 Euro so niedrig angesetzt, dass Frauen aus jeder sozialen Schicht mitfeiern können. Die Zahl der Sponsoren hält sich in einem sehr überschaubaren Rahmen.

Am nächsten Morgen: Um elf Uhr tritt der Elfenrat zum Aufräumen an, die Spuren der langen Nacht sind hier und da noch zu erahnen. Viel Arbeit gibt es im Ratskellersaal nicht mehr, nur wenig erinnert noch an den 13. Frauenkarneval. Zumindest an diesem Morgen gibt es am Geschlecht der helfenden Heinzelmännchen keinen Zweifel: Es sind alles Männer.



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