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Journalistin Kristin Häfemeier aus Rinteln berichtet über ihre Erlebnisse in Südamerika

Ecuador – ein gespaltenes Land

Die 27-jährige Rintelnerin Kristin Häfemeier ist Journalistin und seit vier Monaten mit ihrem Rucksack unterwegs. Ihre erste und bisher längste Station der Reise war Ecuador, ein kleines, aber sehr vielfältiges Land im Nordwesten Südamerikas. Für unsere Zeitung wird Häfemeier in den kommenden Monaten regelmäßig über ihre Erlebnisse berichten.

veröffentlicht am 25.08.2017 um 17:13 Uhr
aktualisiert am 25.08.2017 um 18:00 Uhr

Kristin Häfemeier in Ecuador: Das Land, sagt sie, ist zwar klein, aber sehr vielfältig. Foto: Häfemeier

Autor:

Kristin Häfemeier
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Ich höre sie, bevor ich sie sehe. Sie tröten, rufen, pfeifen. Es ist ein Freitagabend Anfang April in Quito in Ecuador und bevor ich mich’s versehe, stehe ich in einer der größten Demonstrationen, die ich je gesehen habe. Dabei wollte ich doch eigentlich nur zum Bankautomaten.

Zu meiner großen Freude wurde in Ecuador kurz vor meiner Ankunft ein neuer Präsident gewählt und zu meiner noch größeren Freude war das Ergebnis sehr umstritten. Es ist nicht so, dass ich ein Fan von Wahlmanipulation wäre, aber durch diese Wahl habe ich Ecuador und seine Menschen viel intensiver kennengelernt. Die Voraussetzungen dafür waren denkbar gut: Ich reise alleine, ohne fixen Plan oder Zeitlimit, aber mit ein paar Restbeständen aus meinem Spanischunterricht am Ernestinum im Oberstübchen und einem so großen Interesse an politischen Konflikten, dass ich mich in der Uni für zweieinhalb Jahre mit nichts anderem beschäftigt habe. Sprich, ich hatte Zeit und Lust, mit den Menschen aus Ecuador über das zu reden, was gerade in ihrem Land passiert.

„Wenn sie die Wahl schon fälschen, dann wenigstens nicht so offensichtlich“, beschwert sich einer der Demonstranten, mit denen ich mich an dem Freitagabend im April unterhalte. Er ist Anhänger von Guillermo Lasso, dem konservativen Wahlverlierer und Vertreter der Ölindustrie. Sein Gegner, der Sozialist Lenin Moreno, gewinnt mit 51 Prozent der Stimmen. Lenin Moreno ist wiederum der Ziehsohn vom vorherigen Präsidenten Rafael Correa, der nach zehn Jahren im Amt nicht mehr antreten durfte. Dabei hat er viel für das Land getan.

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Karfreitag zieht ein riesiger Prozessionszug durch Quitos Altstadt, durch den an die Leiden Jesu erinnert wird. Foto: Häfemeier

In Ecuador fahre ich auf gut ausgebauten Straßen, sehe neue Krankenhäuser und Werbeplakate, auf denen in modernem Design Kinder vor einer Tafel oder Wissenschaftler im Labor stehen – immer mit der Aufschrift „Ecuador ya cambió“ (Ecuador hat sich schon gewandelt). Das alles ist Correas Werk.

Nach außen hin wirkt das toll. Aber so ganz frei scheint man hier nicht zu sein. „Ich bin von der Uni geflogen, weil ich gesagt habe, dass der marxistische Revolutionär Che Guevara in meinen Augen nichts anderes als ein Mörder war“, erzählt mir Antoniho. Er ist Barkeeper in meinem Hostel in Quito. Wir freunden uns an, als ich ihm ein paar Stücke von meiner Pizza anbiete. Im Tausch bekomme ich ein Glas Wein, Nachtisch und am nächsten Tag auf einem Spaziergang durch Quitos Parks eine Menge Informationen über Ecuador. In den letzten Monaten seien viele Korruptionsfälle aus der Regierung bekannt geworden und Correa habe einige Medien schließen lassen. Auch wenn das auf einer Gesetzesgrundlage geschah, wurde diese Regierung vielen Bürgern Ecuadors unheimlich. So sehnten sich viele Menschen nach einem Wechsel. Doch da der Alternativkandidat Lasso eher für die Interessen der Reichen im Land steht, war er für viele Arme keine wählbare Alternative.

Ich bin von der Uni geflogen, weil ich gesagt habe, dass Che Guevara in meinen Augen nichts anderes als ein Mörder war.

Antoniho, Barkeeper in Quito

In Quito wird mir bewusst, wie gespalten Ecuador ist. Als ich auf einem Rundgang durch Quitos Altstadt am Präsidentenpalast vorbeikomme, spielt davor eine Blaskapelle, Menschen tanzen und einer hat einen Kuchen mitgebracht. Es sind Anhänger der Sozialisten, die ihrem Helden, Präsident Correa, zum Geburtstag gratulieren wollen. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein paar CDU-Wähler auf diese Weise Angela Merkels Geburtstag in Berlin feiern und finde den Gedanken sehr befremdlich. Nur ein paar Meter weiter fordert eine kleine Gruppe von Christen verschiedener Konfessionen Passanten zum Gebet für den Frieden und die Einheit Ecuadors auf. „Wir haben große Angst, dass sich das Land nach dieser Wahl spaltet“, erzählt mir einer von ihnen. Noch am selben Abend gerate ich in die Demonstration. Was ein Regierungsvertreter von diesen Protesten hält, erfahre ich durch Zufall an Ostern. Traditionell zieht am Karfreitag eine riesige Prozession durch Quitos Altstadt. Cucuruchos heißen die Männer in lilafarbenen Kutten, die bei diesem Marsch an das Leiden Jesu erinnern. Einige geißeln sich selbst dabei.

Den Straßenrand säumt eine Mischung aus Touristen, Einheimischen und Polizisten. Ein freundlicher Herr bietet mir an, auf seinen mitgebrachten Stuhl zu steigen, um besser sehen zu können. Während ich das Angebot dankend annehme, klettert neben mir ein Mann ein Stück die Straßenlaterne hinauf. Wir kommen ins Gespräch. Er ist Sprecher des Bildungsministeriums und hat eine klare Meinung zu den Protesten im Land: „Diejenigen, die jetzt für Lasso auf die Straße gehen, gönnen den Armen einfach keine Sozialleistungen. Klar gab es Korruptionsfälle, aber die Auszählung hat ja gezeigt, dass die Mehrheit immer noch die Sozialisten wählt.“

Wie ändert man eine Gesellschaft, in der Korruption so tief verwurzelt ist?

Die Proteste halten noch zwei Wochen an. Dann zählt die selbe Kommission wie am Wahlabend erneut aus. Die Ergebnisse ändern sich nur um 0,1 Prozent – welch Überraschung. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte all dieser Aussagen. Ich treffe aber auch Menschen, denen das alles völlig egal ist – Menschen wie Carlos, den Lkw-Fahrer. Er fährt täglich 16 Stunden, sieben Tage die Woche seinen Lastwagen durch ganz Ecuador. Ich lerne ihn kennen, als ich zusammen mit einer anderen Backpackerin das erste Mal in meinem Leben trampe. Das geht hier einfacher als gedacht: Daumen hoch und schon hält Carlos an. Auf der Fahrt zeigt er uns ein blaues Kreideherz auf der Straße. Es erinnert an einen Verkehrsunfall mit Todesfolge: „Früher waren die Straßen voll davon, aber die Regierung hat sie inzwischen verboten.“ Warum, das wisse er nicht und mich beschleicht das Gefühl, dass mit diesem Verbot die schönen neuen Straßen mit den Ecuador-Wandel-Plakaten sauber von Kritik gehalten werden sollen. Carlos erzählt uns auch, dass er einer der wenigen Fernfahrer sei, die noch die zweijährige Ausbildung gemacht hätten. Alle anderen bestellten ihren Führerschein im Internet. Klar gäbe es Kontrollen, aber dann bezahlten sie eben die Polizisten.

Wie ändert man eine Gesellschaft, in der Korruption so tief verwurzelt ist? Ich habe mich das in Ecuador aber auch später auf meiner Reise oft gefragt und keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Vielleicht, wenn es weniger Korruption in der Politik gibt, vielleicht, wenn Menschen wie Carlos nicht mehr pausenlos arbeiten müssen, um ihre Familie zu ernähren. Aber gewiss nicht, indem man blaue Herzen verbietet.



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