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Drei Kurden bereisen ihre Heimat im Südosten der Türkei – unsere Zeitung hat sie begleitet

Durchs wilde Kurdistan

Was die drei Hamelner neben ihrer Freundschaft miteinander vereint, ist, dass sie Kurden sind. Was sie voneinander trennen könnte, sind ihre Religionen: Aleviten, Eziden und Muslime trauen einander nicht immer über den Weg. Aber dass der Glaube sie von freundschaftlichen Beziehungen mit Andersgläubigen abhält, lassen die drei nicht zu. Gemeinsam sind sie in ihre verschiedenen Heimatstädte im Südosten der Türkei gereist. Unsere Zeitung – in Person eines christlich getauften Deutschen – hat Mehmet Filiz, Aydin Gürarslan und Newaf Miro auf ihrer Reise begleitet.

veröffentlicht am 17.06.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

"Bist du nicht der Ticketverkäufer aus Hameln?“, wird ein verdutzter Mehmet Filiz von einem jungen Mitarbeiter in einem Café der Kleinstadt Midyat (kurdisch: Midyad) gefragt. Der Mann hat recht. „Ticketverkäufer“ Filiz betreibt in Hameln das Reisebüro „Mittelmeer Reisen“. Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass Filiz mit dem ebenfalls in Hameln lebenden Vater des Kellners bekannt ist. Der Sohn hat Hameln irgendwann den Rücken gekehrt, lebt jetzt in Midyat. Bei Mehmet Filiz (47), Aydin Gürarslan (50) und Newaf Miro (45) war es umgekehrt. Sie kamen nach Deutschland, teilweise, um ihre Familien in der Heimat finanziell zu unterstützen, wurden heimisch und deutsche Staatsbürger und empfinden sich in der Türkei inzwischen selbst etwas fremd.

Trotzdem ist auch die Türkei für sie nach wie vor ein Stück Heimat. Hier leben viele ihrer Verwandten und alte Freunde, hier sind viele ihrer Erinnerungen zu Hause, und dann ist da noch die Politik.

Als Kurden waren sie in dem 1923 von Mustafa Kemal Atatürk ausgerufenen Einheitsstaat Türkei lange Zeit Menschen zweiter Klasse: Bis vor wenigen Jahren durften sie sich nicht als Kurden bezeichnen, ihre kurdischen Namen nicht tragen und ihre kurdischen Sprachen nicht sprechen.

Newaf Miro (v. li.), Aydin Gürarslan und Mehmet Filiz auf dem Weg nach Tunceli bei einer Pause im Taurus-Gebirge. Foto: pk

Viele Kurden halten nicht zuletzt deshalb bis heute an dem Wunsch eines eigenen Staates – Kurdistan – fest, der sich über die Ost-Türkei, sowie über Teile von Syrien, Irak und Iran erstrecken soll. Gebiete, die seit Jahrhunderten und bis heute vornehmlich von Kurden bewohnt werden.

Der Streit darüber ist bis heute ungelöst. Immer wieder kommt es zu Konflikten, auf politischer Ebene sowieso, aber vereinzelt auch mit Gewalt, zwischen dem türkischen Militär, Guerillaverbänden und der PKK, der verbotenen „Arbeiterpartei Kurdistans“, dessen Führer Abdullah Öcalan sich in der Türkei seit 1999 in lebenslanger Haft befindet. Politik wird auf dieser Reise ein Dauerthema bleiben.

Unsere Basis ist das von vielen Kurden als inoffizielle Hauptstadt empfundene Diyarbakir (kurdisch: Amed) mit rund einer Million Einwohnern. Von hier geht es am Montagmorgen mit einem Mietwagen der Marke Skoda ins 90 Kilometer südlich gelegene Mardin (kurd.: Merdin). Angesichts einer Militärkolonne fragt Filiz rhetorisch in die Runde: „Was hat der Bürgerkrieg gebracht?“ – „Die Türkei ist eine traumatisierte Gesellschaft“, befindet Newaf Miro. Zu viel Leid habe es infolge des kriegerischen Konfliktes gegeben – auf beiden Seiten. „Aber das Problem ist, dass über die Opfer unter den Kurden, über die Folter, die abgebrannten Dörfer und Toten, kaum geredet wird.“ Newaf Miro redet drüber. In seinen Büchern, Romanen und Gedichten (wir berichteten), verarbeitet er auch diese Thematik – auf kurdisch und meistens nachts, wenn sein Restaurant, das Steakhouse Cheyenne, geschlossen hat.

Grüne Felder und Hänge, die bald schon trocken und gelb sein werden, ziehen an uns vorbei. In Mardin ist es bewölkt und kühl, es regnet leicht. Die Stadt erstreckt sich über einen Berg, gekrönt von der historisch bedeutsamen Festung „Adlernest“. Von der Altstadt aus, die als mögliches Unesco-Weltkulturerbe verhandelt wird, fällt der Blick weit in die riesige Ebene des nördlichen Mesopotamiens; die Grenze zu Syrien, das vom Bürgerkrieg geplagt wird, ist nur rund 20 Kilometer entfernt. Beim Gang über den Basar begegnet uns eine deutsche Reisegruppe aus Köln.

Der Markt besteht aus engen Gassen mit zahllosen kleinen Läden, Geschäften und Werkstätten, die von hin und her getriebenen Eseln beliefert werden. Es duftet nach orientalischen Gewürzen, die nebst Nüssen und Kernen, Obst und Gemüse ausliegen. Die Ware des Fleischers fällt ungleich vielfältiger aus als in Deutschland: Auch die Gedärme und Köpfe der just geschlachteten Tiere werden feilgeboten – an der Luft statt im Kühlregal.

Nach einem Mittagessen geht es – unterbrochen von einer Teepause in Midyat – ins etwa 100 Kilometer entfernte Hasankeyf (kurd.: Heskif). Die antike Felsenfestung mit ihren unzähligen Höhlen an der berühmten Seidenstraße erhebt sich steil über den Tigris – eine Touristenattraktion. Deren Tage allerdings gezählt sind. In absehbarer Zeit wird aus der Felsenfestung eine Unterwasserstadt. Ungeachtet nationaler wie internationaler Proteste hat die türkische Regierung Erdogans im Zuge der gigantischen Entwicklungsmaßnahme „GAP“ im Südosten der Türkei ein umstrittenes Staudammprojekt durchgesetzt, dem nicht zuletzt Hasankeyf zum Opfer fallen wird.

In der Abendsonne geht es ins abermals rund 90 Kilometer entfernte, nördlich gelegene, Silvan (kurdisch: Farqin) – die Heimatstadt von Mehmet Filiz. „Hier sieht es immer noch genauso aus wie vor 30 Jahren“, sagt er, während er den Skoda ins Zentrum der Kleinstadt lenkt. „Immer noch die gleichen Cafés, vor denen immer noch die Männer sitzen.“ In einer der Teestuben hat Filiz als Jugendlicher gearbeitet. Anstelle seines damaligen Chefs bewirtet dessen Sohn an diesem Abend die Gäste, von denen sich sogar ein paar an Filiz erinnern. Bei ein paar Cay (türk.: Tee) plaudern sie eine Weile miteinander. Die Familienbesuche wird Filiz an einem anderen Tag alleine unternehmen.

Anschließend geht es zur „Burg von Zembilfros“. Zembilfros war ein berühmter kurdischer Herzensbrecher, dem die Ruine ihren Namen verdankt. Es ist inzwischen dunkel geworden. Ein paar rauchende Straßenkinder zwischen sechs und zehn Jahren, beäugen die Fremden argwöhnisch, wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Newaf Miro antwortet lachend – was die Kinder wenig später mit Steinewerfen quittieren, bevor sie Reißaus nehmen. Was Miro den Kindern geantwortet habe? „Ich habe ihnen gesagt, dass ich der neue Zembilfros bin.“ Später räumt er ein, dass unser Auftreten respektlos gewesen sei. „Das war schließlich ihr Territorium.“

Auf dem Rückweg nach Diyarbakir erzählt Filiz aus seiner Kindheit in Silvan: von einem liberalen, ja, revolutionären kurdischen Lehrer, der sie als einziger nicht schlug, wenn ihnen mal ein kurdisches Wort rausrutschte („Wir konnten ja kein Türkisch.“); der mit einer Türkin verheiratet war und mit ihr in der islamisch geprägten Stadt bereits in den 70er Jahren Arm in Arm spazieren ging. Oder von der Tochter des türkischen Katasteramtsleiters, die ihn mit türkischen Büchern versorgte, wodurch er seine Leidenschaft zum Lesen entdeckte, bevor er mit zwölf Jahren die Schule abbrechen musste, um die Familie zu unterstützen: „Diese Frau hat mein Leben verändert.“ Es ist spät, als wir, zurück in Diyarbakir, erschöpft in die Hotelbetten fallen.

Am nächsten Tag fahren wir nach Viransehir (kurd.: Weransar), wo Newaf Miro seine Wurzeln hat, etwa 100 Kilometer südwestlich von Diyarbakir. Früher lebten viele Eziden (auch: Jesiden), eine kleine rein kurdische Glaubensgemeinschaft, im Südosten der Türkei, heute sollen es nur noch wenige Hundert sein.

In Viransehir will Miro seine kranke Tante besuchen. In ihrem Viertel ziert das eine oder andere Haus ein Pfau, der von den Eziden als Engel verehrte Melek Taus. Auf dem Hof der Tante zeigt uns der in einen Käfig gesperrte Pfau zur „Begrüßung“ sein imposantes Federkleid. Wir bewundern den prächtigen Vogel, während Miro mit seiner Tante familiäre Neuigkeiten austauscht.

Anschließend geht es für eine Stippvisite ins Kulturzentrum, wo Miro den Direktor Suat Uzun, der Cousin des bedeutenden kurdischen Autors Mehmed Uzun (†2007), begrüßt. In Viransehir ist der Name Newaf Miro der Kulturszene ein Begriff. Die beiden Männer verabreden sich für die Buchmesse, die in Kürze in Diyarbakir stattfindet.

Unweit von Viransehir liegt Miros Dorf Kavurga (kurd.: Giresirt), das er in den 80er Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern verlassen hat. Bis heute leben die Menschen hier mehrheitlich als Selbstversorger von der Landwirtschaft. Von Miros Elternhaus sind nur noch Mauerreste übrig. „Aus den übrigen Steinen haben sich die anderen Dorfbewohner eigene Häuser gebaut“, erklärt er.

Es gesellen sich Kinder zu uns, wenig später auch Jugendliche und ein paar Männer. Darunter auch der Dorfbürgermeister. „Mit ihm habe ich quasi unter einem Dach gelebt“, sagt Miro nach einer herzlichen Begrüßung.

In Kavurga lebten Eziden und Muslime lange Zeit Haus an Haus miteinander. „Heute lebt nur noch eine ezidische Familie hier“, sagt Miro. „Die meisten Eziden leben heute in Deutschland.“

Viel weiter zurück in die Geschichte geht es auf dem Weg nach Sanliurfa (kurd.: Riha). Nach knapp anderthalb Stunden Autofahrt machen wir Halt in Göbekli Tepe, einer prähistorischen Fundstätte mit Bauten, die rund 11 000 Jahre weit zurückreichen. Sie zählen derzeit mit zu den ältesten Zeugnissen von Menschen, die erstmals als Ackerbauern sesshaft wurden.

Hinweis: Im morgen erscheinenden zweiten Teil des Reiseberichts lesen Sie unter anderem von einer unfreiwilligen Begegnung der Hamelner mit der Guerilla der kurdischen PKK.

 

Imposant erhebt sich die antike Felsenfestung Hasankeyf über den Tigris. Durch den Bau eines Staudamms werden die Höhlen jedoch bald unter Wasser stehen.

pk/pr.



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