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Wir machen den Test: Wie viel Wissen ist aus der Fahrschulzeit übrig geblieben?

Durchgefallen

Fahren nach „Autopilot“ vor allem auf gewohnten Strecken, das kennt wohl jeder. Und genau hier lauern oft die Risiken. Senior Hans Weimann, Fahrroutinier Lars Lindhorst und Fahranfänger Jakob Gokl setzen sich ans Steuer des Fahrschul-Golfs von Ingo Radler aus Rinteln und simulieren die Prüfungssituation. Eine Lektion, die allen drei zeigt, dass man sein eigenes Verhalten im Straßenverkehr doch ab und zu mal überprüfen sollte, weil sich in der täglichen Fahrroutine Nachlässigkeit einschleicht.

veröffentlicht am 24.04.2014 um 00:00 Uhr

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Der Senior: „Durchgefallen“, grinst Ingo Radler und zählt mir meine Fehler auf, die jeden Fahrprüfer veranlasst hätten, mich erneut auf die Schulbank zu schicken: Zu schnell, auf Deutsch, ich habe die zulässige Höchstgeschwindigkeit in mindestens drei Fällen deutlich überschritten, dann war da das Stoppschild. Ich weiß, ich habe es nicht wirklich zur Kenntnis genommen, weil links wie rechts weit und breit kein Fahrzeug in Sicht war. Was Prüfer nicht die Bohne interessiert hätte. Stoppschild heißt Stopp. Das ist wörtlich gemeint. Überfahren bedeutet: Hier ist die Prüfung zu Ende. Durchgefallen. Naja, und das Einparkmanöver in einem Wohngebiet in Bückeburg war auch nicht gerade professionell. Zu hektisch, zu viel Gekurbel am Lenkrad. Ganz ehrlich, das war mir schon peinlich. Ganz zum Schluss übrigens, als wir schon fertig sind, zeigt Radler meinem Kollegen die Taste, mit der der moderne Golf fast alleine einparkt. Ist erlaubt. Auch in der Prüfung.

Es ist schon verblüffend, wie unsicher man plötzlich wird, wenn ein Fahrlehrer daneben sitzt und mit Argusaugen jedes Gas geben, Abbiegen, Bremsen beobachtet. Der Schulterblick fällt mir ein, das ist doch so ein Knackpunkt, und brav drehe ich den Kopf, als ich nach rechts über einen Radweg abbiege. Radler nimmt es lächelnd zu Kenntnis. Dabei bleibt er ganz locker und hat passende Sprüche auf Lager, plaudert aus seinem gewaltigen Erfahrungsschatz.

Ihm entgeht trotzdem nichts, nicht der kleinste Fehler, den man am Steuer macht. Er erzählt, wie er rotzfreche Jungspunde am Steuer wieder auf Linie bringt und von den Unbelehrbaren: „Ich sage, hey hier ist 70, Du fährst 80. Antwortet der doch glatt: Das tue ich später doch auch.“ Noch so ein Lacher: Was hören seine Fahrschüler, wenn sie zu Hause Papa am Steuer auf dessen Fehler aufmerksam machen: „Mach du erst mal den Führerschein.“

Ich werde bald 68 und zähle damit zu den Senioren am Steuer. Die, sagt Radler, haben zwar keinen besonders guten Ruf, aber wenn man die Statistik anschaut, sind es immer noch die jungen Leute, die die meisten schweren Unfälle bauen. Nicht die Alten.

In Bückeburg merke ich, ich bin zu schnell unterwegs. Vermutlich. Ganz ehrlich, bin ich noch in der 30er-Zone oder sind schon 50 erlaubt? Das ist normal im Alltag, sagt Radler, die meisten fahren um die 10 Stundenkilometer mehr, wenn sie nicht genau wissen, wie schnell sie unterwegs sein dürfen, da kommt man noch mit einem Bußgeld davon.

Doch das Problem mit den Senioren kennt Radler auch. Vor allem wenn die zur Nachschulung antreten müssen. Da gibt es richtig tragische Fälle. Er habe mal einen über 70-Jährigen gehabt, der habe sich nicht getraut, eine richtige Notbremsung hinzulegen. Er war zu einer Nachschulung geschickt worden, weil er einen Auffahrunfall verursacht hatte, bei dem seine Frau ums Leben gekommen war. „Als ich ihn zum ersten Mal dazu gebracht habe, richtig in die Eisen zu gehen, mit ABS ist das ja kein Problem, ist der Mann in Tränen ausgebrochen.“

Seit einiger Zeit habe ich einen Kleintransporter im Rückspiegel. Erst ist mir fast auf die Stoßstange gefahren, doch in Todenmann hält er Abstand. Ich tippe, es ist ein Paketfahrer. Normalerweise hätte der mich längst angeblinkt oder sogar überholt. Man merkt, dass man in einem Fahrschulwagen unterwegs ist, nehmen andere Autofahrer tatsächlich Rücksicht. Ist ja auch nicht zu übersehen, bei den vielen Aufklebern.

Über 100 PS hat der Golf und zieht für einen Diesel flott an. Es macht Spaß, ihn zu fahren. Die Quittung kommt zum Schluss: „Das war aber keine energiesparende Fahrweise“, tadelt Radler. Das muss ich mir auch täglich von meiner Frau anhören. Auch das wäre ein Minuspunkt im Ernstfall.

Frage an Radler: Haben Sie schon mal gefährliche Situationen mit Schülern erlebt? Radler stapelt tief: „Sagen wir mal so Situationen, in denen es einen warm ums Herz wird“. Zuletzt habe ein Schüler einen in der Kurve parkenden Lastzug überholt: bei Gegenverkehr.

Der Fahranfänger: „Durchgefallen“, grinst Ingo Radler. Meinen Fehler braucht er mir nicht zu nennen. Ich stehe schräg auf der Fahrbahn, gerade ist mir auch noch der Motor abgesoffen. Mein Wendemanöver, zwar in einer Privateinfahrt, aber dann doch rückwärts quer über beide Fahrspuren hinweg, macht mich vom Verkehrsteilnehmer zum Verkehrshindernis. Mit Lachen quittieren es die Kollegen auf der Rückbank. Dabei hatte ich in der Kaffeepause noch großmundig angekündigt: „Mich kriegst Du nicht, Ingo“. Sein böses Grinsen hätte mir Warnung genug sein müssen.

Dabei könnte ich die Fahrt eigentlich richtig genießen. Der Wagen bietet doch ziemlich viel Komfort. Den Sitz nach unten, die Spiegel passend eingestellt und los geht die Fahrt. Oder nicht. Bereits bei der Ausfahrt vom Parkplatz rüttelt es uns ordentlich durch. Abgewürgt.

Der Golf mit all seinen „Gimmicks“, die Radler uns stolz erklärt, macht mir beinahe schon Angst. Überall will der Wagen helfend eingreifen, selbst beim Parken verlangt er von mir, dass ich die Arme vom Lenker nehme. Aber blinken, das darf ich noch. Nach Aufforderung des Computers, versteht sich. Ist das die Zukunft?

Laut Ingo Radler ja. In zwanzig Jahren gibt man nur noch das Ziel ein, den Rest übernimmt der Bordcomputer. Zukunftsfähig ist sein Job damit wohl nicht. Spaß hat er offensichtlich trotzdem daran. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, anders kommt man mit den frühreifen Jugendlichen hinterm Steuer wohl auch nicht zurecht. So war es schon, als ich vor einem Jahr meinen Führerschein in seiner Fahrschule gemacht habe.

Aber von Rücksicht aufgrund unserer Vergangenheit keine Spur. Dabei geht ja meiner Meinung nach jeder meiner Fehler auf seine Kappe: Wäre ich mal besser ausgebildet worden! Aber darüber kann er nur lachen und schickt mich gleich in die nächste Peinlichkeit: ein grüner Abbiegepfeil. Stolperstein meiner ersten Fahrprüfung. Elegant war ich bereits damals abgebogen, ohne anzuhalten, versteht sich. „Durchgefallen“, hieß es schon damals.

Doppelt durchgefallen, heißt es heute. Dummheit – und das auch noch im Wiederholungsfall. Aber ich bin nicht der Einzige, beruhigt Ingo Radler. Würde man kontrollieren, 90 Prozent halten nicht vorschriftsmäßig an der Stopplinie, sagt er.

Der Routinier: „Respekt“, meint Ingo Radler. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“ Sich beim Linksabbiegen in einer Einbahnstraße auch links einordnen – das machen die wenigstens, sagt der Fahrlehrer. Vielleicht hätte ich es im Normalfall auch nicht gemacht. Aber diese Falle, die Radler mir offensichtlich stellen wollte, habe ich durchblickt. Also fahre ich weit nach links, um dann abzubiegen. Ganz wohl ist mir die ganze Zeit über nicht. Fahren unter Beobachtung ist anstrengend. Ich merke es an meiner Körpertemperatur, die irgendwie etwas höher ist als sonst. Kurz bevor ich abbiegen soll, lässt Radler mich in der Eibahnstraße am linken Fahrbahnrand einparken. Klappt. Wenn auch erst beim zweiten Anlauf: Denn im Rückspiegel sehe ich einen Wagen kommen. Den Fahrer interessiert es nicht, dass ich in einem bunten Fahrschulwagen sitze, blinke und rückwärts einparken will. Er wartet nicht, sondern drängelt sich zwischen unserem Golf und dem rechten Fahrbandrand noch hindurch. Ein Senior am Steuer. „Was will der denn?“, sag ich angesäuert. Ingo Radler nimmt’s gelassen. „Weiß ich auch nicht.“

Etwas später kämpfen Radler und ich um Deutungshoheit. Ich meine, die Ampel, vor der ich noch mal aufs Gaspedal drücke, sei orange gewesen. Radler sagt: „Die war Rot!“ Ich widerspreche und der Fahrlehrer drückt wohl ein Auge zu. Die Ampel ist kein Thema mehr. „Dann machen wir jetzt mal eine Vollbremsung“, sagt Ingo Radler. Strich 30 soll ich fahren und beim Kommando „Jetzt“ voll in die Eisen treten. „Aber nicht hier. Zu viel los. Da erschrecken wir nur die Fußgänger“, meint Radler. Einige Hundert Meter weiter ruft er „Jetzt“. Ich latsche fest auf die Bremse, das ABS rattert, der Wagen bleibt in der Spur und steht. „Gut, Herr Radler, oder?“

Ingo Radler sagt in ruhigem Ton: „Okay, dann mal wieder anfahren.“ Das tue ich. Der Fahrlehrer unterbricht: „Stopp!“ Ich stoppe. „Und weiter“, sagt Radler. Ich fahre weiter.

Dann grinst Ingo Radler. „Durchgefallen“, sagt er. Ungläubig schaue ich zu ihm rüber. Zufrieden erklärt mir der Fahrlehrer, dass ich beim Anfahren das Blinken vergessen habe. Zwar stand ich mitten auf der Straße, doch hätte ich dem nachfolgenden Verkehr mein Weiterfahren per Blinker links anzeigen müssen. Nie und nimmer hätte ich das getan, wenn kein Fahrlehrer dabei gewesen wäre. Vielleicht ja jetzt.

Der Führerschein mit 17 gilt inzwischen als Erfolgsmodell. Aber was ist an Fahrschulwissen nach einem Jahr, nach 20 oder 40 Jahren noch da? Würde man heute ebenso problemlos die Fahrprüfung bestehen, wollte die Redaktion wissen. Wir haben den Test gemacht. Fahrlehrer Ingo Radler kam dabei nicht nur einmal zum Grinsen.



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