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Noch fristet die Erzeugung von Energie durch Erdwärme ein Schattendasein

Dornröschen wird wachgeküsst

Geothermie fristet im Vergleich zu Solarenergie und Windkraft ein Schattendasein als regenerative Energiequelle. Im Landkreis Schaumburg gibt es lediglich 191, in Hameln-Pyrmont nur 69 Anlagen. Experten erörtern, wieso das so ist, und wieso Geothermie trotzdem eine Zukunftshoffnung ist.

veröffentlicht am 25.01.2016 um 09:46 Uhr
aktualisiert am 27.01.2016 um 11:59 Uhr

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Wenn man ein Ranking der regenerativen Energien aufstellen sollte, liegt Solarenergie vorn. An zweiter Stelle Windenergie, gefolgt von Biogasanlagen, dann mit weitem Abstand Erdwärme, Geothermie. Geothermie fristet bei uns (noch) ein Nischendasein. Vor 14 Jahren, 2002, hat der damalige niedersächsische Umweltminister Hans Heinrich Sander den ersten Leitfaden für Geothermie aufstellen lassen. Seitdem hat sich nicht viel getan. Doch das Dornröschen wird wachgeküsst. Die Zahl der Geothermieanlagen steigt langsam aber kontinuierlich – in Niedersachsen um rund 2000 im Jahr. Im Landkreis Schaumburg gibt es derzeit 191, im Landkreis Hameln-Pyrmont 69 Anlagen.

Die grundlegende spannende Frage ist zunächst, warum ist Geothermie so unterrepräsentiert? Warum kommt Erdwärme in der öffentlichen Diskussion, wenn über regenerative Energien gesprochen wird, so selten vor?

Eine Antwort darauf gibt Dr. Robert Schöner vom Zentrum für Tiefen-Geothermie und oberflächennahe Geothermie in Hannover: „Wenn von regenerativer Energie die Rede ist, meint man meist Strom. Strom, den Solarzellen erzeugen, Windräder und Biogasanlagen“. Bei oberflächennaher Geothermie gehe es aber um Erdwärme.

Einen weiteren Grund für das ungleiche Rennen nennt Gregor Holtmannspötter, Ingenieur beim Planungsbüro Kirchner in Stadthagen: Solaranlagen hatten einen Frühstart, gefördert durch eine hohe Einspeisevergütung.

„Vor der Hacke ist es duster“, sagt der Bergmann, und das gilt für jede Tiefenbohrung. Bedeutet: Wer sich Solarpaneele auf das Dach legen lässt, weiß meist schon per Kostenvoranschlag fast auf den Euro genau, was das kostet. Bei der Geothermie gibt es nur Annäherungswerte – etwa 1000 Euro Bohrungskosten pro Kilowatt Heizleistung. Das wiederum hängt mit Faktoren wie der Wärmeleitfähigkeit, Entzugsleistung und damit Schichtabfolge des Untergrunds zusammen. Allerdings kann es durchaus Überraschungen geben. Beispielsweise bei tief sandigem Untergrund wird eine Bohrung aufwendiger.

Diese Risiken hält Schöner inzwischen für kalkulierbar. Für Niedersachsen gebe es erstklassige geologische Daten, die man auch auf der Homepage des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie einsehen kann. Hier findet man auch Hinweise, wo man besser nicht bohren sollte.

Für den Landkreis Schaumburg hat das Planungsbüro Kirchner in Stadthagen einen detaillierten Geothermieatlas zusammengestellt, der auf 778 Bohrungen beruht. Die meiste Wärme liefert beispielsweise das Gebiet der Rehburger Berge, das Wesergebirge zwischen Bückeberg und Deister und das Lippische Bergland. Auch das Wesertal ist noch okay. Südöstlich von Hagenburg sieht es eher schlecht aus, auch dort, wo Schieferton liegt.

Holtmannspötter sagt, es hängt eben von den Schichtungen des Untergrunds ab, wie viel Wärme dieser liefert. Optimal seien für unseren Bereich 45 bis 50 Watt pro Meter. Damit lasse sich problemlos ein Einfamilienhaus beheizen. Braucht man mehr Leistung, bohrt man eben ein paar Löcher mehr für die Erdwärmesonden.

Allerdings gibt es auch grundsätzliche Einschränkungen. Das sind in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont die Wasserschutzgebiete, erläutern Udo Hagemann vom Umweltamt des Landkreises Hameln-Pyrmont und Uwe Mädje, Ingenieur bei der Unteren Wasserbehörde in Stadthagen. Dazu kommen die Heilquellengebiete um die Bäder Bad Pyrmont, Bad Münder, Bad Nenndorf und Bad Eilsen.

Solar und Geothermie sind die einzigen regenerativen Energieformen, die jeder private Hausbauer oder Althausbesitzer nutzen kann. Ein Privatmann wird sich kaum ein Windrad oder eine Biogasanlage in den Vorgarten stellen. Einmal ganz abgesehen davon, dass er dafür gar keine Genehmigung bekommen würde.

Will man die Vor- und Nachteile beider Energieformen vergleichen, sollte man also auch einen Fachmann für Solartechnik fragen. Das ist Dr. Roland K. Goslich vom ISFH, Institut für Solarenergieforschung in Hameln. Goslich sagt, Solartechnik sei inzwischen ausgereift. Es gibt keine mechanischen Teile, die sich abnutzen könnten, und moderne Solaranlagen haben auch nach 20 Jahren einen Wirkungsgrad von 90 Prozent. Solaranlagen lassen sich praktisch auf fast jedes Dach bauen. Auch die Himmelrichtung sei nicht mehr so entscheidend.

Der Geothermiefachmann Schöner hält entgegen. Trotzdem sei Solartechnik vom Wetter abhängig: keine Sonne, kein Strom. Wärme aus dem Boden sei dagegen immer vorhanden. Und auch die Geothermietechnik sei längst aus den Kinderschuhen heraus. Zwar habe man zu Beginn eine höhere Investition, dafür aber niedrige Betriebskosten. Als Faustformel gilt: Drei Viertel kostenlose Wärme bei einem Viertel Kosten für den Strom. Ideal ist Geothermie für Neubauten, weil man hier von vornherein eine Fußbodenheizung einplanen kann. Geothermie ist ideal für Fußbodenheizung, weil diese mit niedrigeren Temperaturen auskommt. Und Zuschüsse gibt es auch: bis zu 4500 Euro vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa).

In den Landkreisen Schaumburg wie Hameln-Pyrmont geht es zurzeit ausschließlich um oberflächennahe Geothermie, um Bohrungen meist nicht tiefer als 100 Meter, die ein Haus, einen Wohnblock oder ein Neubaugebiet mit Wärme versorgen können. Drei verschiedene Systeme werden verbaut. Die klassische Erdwärmesonde, dann Flächenkollektoren etwa 1,50 Meter tief, Spiralkollektoren und Erdwärmekörbe. Wer bohrt, braucht eine Genehmigung, bis 100 Meter eine wasserrechtliche Genehmigung, dafür ist der Landkreis zuständig. Geht es tiefer, wird eine bergbaurechtliche Genehmigung erforderlich. Die erteilt das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG).

Bohren ist eine Sache für Spezialisten. Bekannt in der Region ist beispielsweise das Bohrunternehmen von Thomas Klenke in Petershagen, das unter anderem Bohrungen für Erdwärmesonden beim Dialysezentrum Lahde, der Grundschule und Samtgemeinde Niedernwöhren, einem Einkaufszentrum in Altwarmbüchen und der Sparkasse Schaumburg in Bückeburg durchgeführt hat. In Bückeburg mit 22 Erdwärmesonden rund 140 Meter tief.

Bleiben die negativen Schlagzeilen. Wenn man Bürger nach Geothermie fragt, fallen vielen spontan als Stichworte ein: Risse in Hauswänden, Erdbeben und Fracking. Zumindest das letzte Argument kann man schnell widerlegen. Oberflächennahe Geothermie hat mit Fracking nichts zu tun. Es wird keine Flüssigkeit in den Untergrund gepresst. Risse in Hauswänden kann es allerdings geben. In Staufen im Breisgau-Hochschwarzwald ist bei Bohrungen für ein Erdwärmesondenfeld eine geologische Schicht angebohrt worden, die sich bei Kontakt mit Grundwasser in Gips verwandelt. Der Gips hebt den Boden an. Inzwischen gibt es in Staufen Risse in rund 270 Gebäuden.

Schöner vom Geothermiezentrum in Hannover versichert, nach Staufen habe man bundesweit sofort reagiert. In Niedersachsen seien kritische Standorte bekannt. Im Übrigen müsse eine Bohrung sofort gestoppt werden, sollte man wider Erwarten doch auf eine quellfähige Gesteinsschicht stoßen. Bei den rund 10 000 Bohrungen in Niedersachsen, den rund 2000 im letzten Jahr habe es keinen einzigen Schadensfall gegeben.

Tiefe Geothermie heißt: Richtige Kraftwerke, die Strom wie Wärme erzeugen. Ihr Nachteil: hohe Investitionskosten zu Beginn. Ihre Vorteile: Geothermie ist „grundlastfähig“. Strom und Wärme werden rund um die Uhr produziert. Und Geothermie ist dezentral, dafür braucht man, anders als bei Windkraftparks vor der Küste, keinen kostspieligen Netzausbau. Und Geothermiekraftwerke sind so gut wie „unsichtbar“, keine Industrieanlagen wie ein Kohlekraftwerk.

Dass die Niedersachsen große Hoffnung in diese Energieform stecken – auch für Großprojekte –, zeigt das aktuelle Vorhaben in der niedersächsischen Kurstadt Bad Bevesen, wo zwei Kliniken, die Therme und das Kurhaus mit Wärme aus dem Untergrund geheizt werden sollen. 20 Millionen soll das Projekt kosten.



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