weather-image
15°
×

Was die mangelnde Kommunikation zwischen Arzt, Apotheker und Pflegeheim anrichten kann

Doppelte Dosis

In deutschen Pflegeheimen werden die Bewohner von Menschen mit unterschiedlicher Qualifikation betreut: von examinierten Altenpflegern, staatlich geprüften Pflegeassistenten und auch sogenannten Alltagsbegleitern; die Begleiter sind vor allem auf Demenzstationen tätig, um den Tagesablauf der erkrankten Senioren zu strukturieren. Die Verantwortung der Pflegenden für die Gesundheit der teilweise hilflosen Anvertrauten ist groß – die Gefahr eines Fehlers offenbar ebenso. Diese Zeitung ist einem realen Fall einer massiven Fehlmedikation nachgegangen. Die Namen des Altersheims, der beteiligten Apotheke und der behandelnden Ärzte bleiben ungenannt, weil letztlich nicht geklärt werden konnte, wo in diesem Fall die Ursache liegt. Die Ärztin, die das entscheidende Medikament verordnet hat, wie auch die Apotheke, die den Stoff lieferte, berufen sich auf ihre Schweigepflicht.

veröffentlicht am 01.10.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Was ist geschehen? Ein 75-Jähriger, nennen wir ihn Peter M., leidet seit Jahren an der unheilbaren Krankheit Parkinson sowie an mittlerer bis schwerer Demenz und an einer kognitiven Störung, die auch einfachste Verrichtungen verhindern kann. Der Erkrankte steht zum Beispiel vor der Toilette und weiß nicht, was er dort tun soll oder will. M., der bis Mitte 2013 noch mit seiner ihn pflegenden Lebensgefährtin in der gemeinsamen Wohnung lebte, lässt sich in ein auf geriatrisch-neurologische Krankheiten spezialisiertes Krankenhaus einweisen. Bei der Aufnahme wird vermerkt, dass er 18 verschiedene Medikamente nimmt, darunter das Parkinson-Mittel Stalevo. Es wird fünf Mal am Tag – von 7 bis 19 Uhr – im Abstand von drei Stunden mit jeweils 150 Milligramm verabreicht. Wegen der Demenz-Erkrankung sowie einer Verwirrt- und Angespanntheit wird die Dosis in der Klinik für die Medikationszeitpunkte 16 und 19 Uhr von 150 auf 125 Milligramm verringert, zusätzlich eine niedrig dosierte Gabe des antipsychotisch und antidepressiv wirkenden Medikaments Quetiapin zur Nacht verordnet. Beides zusammen bewirkt nach Feststellung der Klinik eine „Stabilisierung der Gesamtsituation“. So ist es in dem der Redaktion vorliegenden vorläufigen Entlassungsbericht an einen Hamelner Neurologen zu lesen.

Immerhin ist Peter M. nach entsprechendem Training in der Lage, mithilfe eines Rollators unter Aufsicht bis zu 100 Meter „mit guter Oberkörperaufrichtung, Schrittlänge sowie Spurbreite zu gehen“, wie im Entlassungsbericht vermerkt ist. Gleichzeitig werden aber auch ausgeprägte Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Orientierungs- und Merkfähigkeitsdefizite sowie eine Störung der ausführenden Funktionen vermerkt. Pflegerisch, so stellt die Klinik fest, bleibt Herr M. auf nahezu vollständige Übernahme aller Tätigkeiten angewiesen.

Neue Zeiten für die Arzneigabe – und die

alten nicht gestrichen

Die Komplexität der Erkrankung und die genaue Einhaltung der von der Klinik auch in anderen Punkten veränderten Medikation dürfte von großer Bedeutung sein. An diesem Punkt aber beginnt sich eine Spirale zu drehen, die dazu führt, dass Peter M. über einen Zeitraum von zwei Wochen die doppelte Menge des Mittels Stalevo erhält. Dem Medikament wird von der Europäischen Arzneimittelagentur als wesentliche mögliche Nebenwirkung eine Zunahme von Verwirrtheit zugeschrieben. Wie konnte es zu der Verdoppelung kommen? Hauptursache scheint die mangelnde Kommunikation zwischen der Apotheke und der Arztpraxis einerseits, aber auch zwischen dem Pflegeheim und der Arztpraxis andererseits zu sein.

Offenbar um den Arbeitsablauf auf der Station zu optimieren, bittet eine Pflegeschwester die behandelnde Ärztin, die selbst nicht Neurologin und Parkinsonspezialistin ist, die Medikamentengabe von Stalevo um jeweils eine Stunde nach hinten zu verschieben. Auf dem der Redaktion vorliegenden Medikationsplan werden handschriftlich die neuen, von 8 bis 20 Uhr festgelegten Zeitpunkte für die Verabreichung und die jeweilige Menge vermerkt. Ebenfalls handschriftlich heißt es dazu: „Ist auch okay!“ Abgezeichnet wird mit einem unleserlichen Kürzel. Die auf dem Medikationsplan daneben stehenden Zeiten von 7 bis 19 Uhr bleiben unverändert stehen, werden also nicht durchgestrichen oder in anderer Form für ungültig erklärt. Danach greift die Heim- und Apothekenroutine: Der Medikationsplan geht per Fax an die zuständige Apotheke. Dort fällt auf, dass Peter M., ein langjähriger Kunde des Hauses, plötzlich die doppelte Menge Stalevo erhalten soll. Eine Tatsache, die dazu führt, dass die zuständige Ärztin angerufen wird, um sich die neue Verordnung bestätigen zu lassen. Doch die Medizinerin ist nicht erreichbar, auch ein Rückruf erfolgt offenbar nicht. Die Apotheke liefert daraufhin das Kombipräparat wie auf dem Medikationsplan vermerkt für zehn Verabreichungszeitpunkte: um 7 und um 8 Uhr, um 10 und um 11 Uhr und so fort bis zum Abend.

Nicht nur in der Apotheke fällt auf, dass das Parkinson-Mittel plötzlich in doppelter Menge gegeben wird. Auch im Pflegeheim reagiert das zuständige Personal und fragt telefonisch in der Arztpraxis nach. „Das ist einwandfrei dokumentiert“, erklärt die für das Heim Verantwortliche und stellt sich vor das Pflegepersonal. „Wir müssen uns auf die Verordnung des behandelnden Arztes verlassen können. Wir sind ja keine Mediziner.“ Die Frage, ob aus der Arztpraxis zurückgerufen wurde, bleibt offen. Doch lässt die Tatsache, dass M. in den folgenden zwei Wochen die doppelte Menge Stalevo verabreicht wird, den Schluss zu: Entweder wurde sowohl die Anfrage aus der Apotheke als auch die des Pflegepersonals nicht an die Ärztin weitergeleitet – oder die Ärztin reagierte nicht darauf; dass sie die Verdoppelung der Medikation bestätigte, dürfte angesichts der zu erwartenden Nebenwirkung als unwahrscheinlich gelten.

Dass Arztpraxen auf Rückfragen von Apotheken nicht reagieren, ist nach Darstellung eines anderen Apothekers kein Einzelfall. „Es gibt Ärzte, die sich dadurch genervt fühlen und uns nicht für kompetent halten, ihren Therapieplan zu hinterfragen.“ Dabei hätten die Pharmazeuten doch die besseren Kenntnisse über die Wirkweise der verordneten Stoffe. „Die Mediziner haben im Studium nur ein Pflichtsemester Pharmazie.“ Dass nicht immer zurückgerufen wird, bestätigt auch die Leiterin eines anderen Pflegeheims: „Das sind doch Götter in Weiß.“

Etwa drei Wochen nach Beginn der verdoppelten Stalevo-Medikation stürzt Peter M. nachts im Bad seiner Unterkunft. Dies kann, muss aber angesichts des gesundheitlichen Gesamtzustands des Erkrankten keine direkte Folge des offensichtlichen Verordnungsfehlers sein. Der Sturz führt jedoch dazu, dass M. sich einen Bruch des Beckenrings und des Sitzbeins zuzieht, womit er drei oder vier Tage später im Krankenhaus landet. Weshalb eine Einweisung nicht früher erfolgt, erklärt die für das Heim Verantwortliche so: „Herr M. signalisierte nicht, dass er Schmerzen hatte.“ Sein sich verschlechternder Zustand sei deshalb auch erst später festgestellt worden. Dass M. keine Schmerzen verspürte, kann sich ein zu dem hoch dosierten Mix der Schmerzmittel Novalminsulfon und Paracetamol befragter Arzt „nicht vorstellen“. Er merkt zudem an, dass er die Kombination dieser beiden Medikamente „zumindest für fragwürdig“ hält.

Nach einer Woche Krankenhausaufenthalt und einigen Tagen im Hospiz verstarb der Patient. Seine Lebensgefährtin ist erschüttert und fragt sich, ob die Kommunikation der an der Medikation beteiligten Dienstleister professionell gewesen ist und dem Sicherheitsbedürfnis der Patienten und ihrer Angehörigen entspricht. Ob die doppelte Stalevo-Medikation das Ableben von Peter M. am Ende beschleunigt hat, kann hier nicht beantwortet werden. Auf dem Totenschein steht: „Natürlichen Todes gestorben.“

Alle reden vom Pflegenotstand. Zehntausende Fachkräfte sollen bundesweit fehlen. Wie steht es unter diesen Umständen um die medizinische Versorgung, wie um die Sicherheit der Medikamentengabe? Heimbewohner erhalten nicht selten einen wahren Arznei-Cocktail. Dieser muss pünktlich verabreicht werden, damit die Wirkstoffe optimal wirken. Ein tragisches Beispiel aus dem Pflege-Alltag.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige