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Der schnelle Weg zu mehr Ansehen: Was gekaufte Titel tatsächlich taugen

Doktor für 50 Euro

Mit diesen verlockenden Sätzen wirbt das Internetportal „titel-kaufen.de“ für ein ganzes Dienstleistungspaket rund um den Erwerb eines Doktortitels, für den man weder studieren noch eine Arbeit schreiben noch etwas anderes tun muss, als eine mehr oder weniger hohe Summe Geld zu investieren.

veröffentlicht am 21.06.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:24 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Mindestens ein Prozent aller Doktortitel in Deutschland wird mit Geld statt mit Geist erworben, meint Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes. Könnte man da nicht einfach dabei sein?

Wer bei Google unter dem Stichwort „Promotionsberatung“ nach einer Institution vor Ort, in Hameln-Pyrmont, Schaumburg oder Holzminden auf die Suche geht, wird allerdings nicht fündig werden – auch nicht mit einer ganz plumpen Anfrage wie „Doktortitel kaufen“. Das Geschäft mit den „geistlosen“ Doktortiteln findet weitgehend über das Internet statt und meist ohne, dass sich die beteiligten Seiten jemals von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Warum sollten sie auch? In den meisten Fällen handelt es sich um einen reinen Versandhandel, Bestellung und Bezahlung hier, Doktorurkunde da.

Legal kann das Tragen eines gekauften Doktors niemals sein. Einen echten Doktortitel vergeben in Deutschland ausschließlich Universitäten und mit ihnen gleichgestellte Hochschulen. Nur sie haben ein Promotionsrecht für wissenschaftliche Arbeiten, die festgelegten Anforderungen entsprechen und eigenhändig angefertigt werden müssen. Weder mit einer „Promotionsberatung“ – die fast immer dasselbe meint, wie sich einen Ghostwriter zu besorgen – noch gar durch den Kauf des Titels über dubiose Organisationen erlangt man das Recht, den Titel tragen zu dürfen. Das gibt auch die Seite „titel-kaufen“ offen zu – und schreibt dann: „Akademische Titel kann man in Deutschland nur durch ein Studium und der dazu notwendigen Disziplin, Ausdauer und Intelligenz erhalten. Sollten diese Fähigkeiten aber nicht gerade Ihr Steckenpferd sein, so müssen Sie schon etwas tricksen und sich in den illegalen Bereich begeben.“

Ein echter Doktor-Titel als Universitätsabschluss wird in ordentlicher Robe gefeiert. dpa

Spätestens bei dieser Formulierung sollten lesekundige Doktoranden-Anwärter merken, dass sie sich auf einem Satire-Portal befinden, eines, das inzwischen durchaus zu gewisser Berühmtheit gelangen konnte, sammelten doch die Begründer Hunderte ernst gemeinter Anfragen ein, die sie dann auch ungescheut veröffentlichten, anonymisiert zwar, aber doch geeignet, die Bewerber nach Eulenspiegel-Art bloßzustellen. „Kunden“ aus allen Berufssparten beantworteten den Kontaktbogen, in dem sie begründen sollten, was sie zum illegalen Doktortitelerwerb bewegte. Da ist ein Facharzt, der seinen „Dr.“ braucht, um sich auf eine Chefarztstelle zu bewerben. Da ist ein Ingenieur, der für eine geplante Beratungstätigkeit aus Reputationsgründen gern Doktor der Geisteswissenschaften wäre. Da ist ein Versicherungskaufmann mit Realschulabschluss, der Abitur und Doktortitel gleich im Doppelpack einkaufen wollte.

Dabei ist in den wenigsten Berufssparten zwingend ein Doktortitel nötig, um sich auf eine Stelle zu bewerben. 40 Prozent aller Naturwissenschaftler benötigen zwar auch außerhalb einer Tätigkeit in Forschung und Lehre diesen akademischen Titel, doch selbst Mediziner können ihren Beruf ausüben, ohne sich den Mühen einer Dissertation zu unterziehen. Wenn der Doktortitel trotzdem so begehrenswert erscheint, so deshalb, weil er nach außen vermittelt, dass man in der Lage war, ein neues wissenschaftliches Forschungsthema in jahrelanger Arbeit so zu verfassen, dass man ein Hochschulgremium von dessen Qualität überzeugen konnte. Das bringt einem die Anerkennung des gesellschaftlichen Umfeldes und darüber hinaus tatsächlich finanzielle Vorteile im Beruf: Promovierte Bewerber erhalten im Durchschnitt erwiesenermaßen ein deutlich höheres Einstiegsgehalt als solche ohne Doktortitel.

Nun bestehen durchaus Möglichkeiten, einen Doktortitel auch ohne entsprechende Dissertation zu ergattern. Nicht in allen Ländern besteht wie in Deutschland ein gesetzlicher Titelschutz akademischer Grade, nicht überall sind Bezeichnungen wie „Hochschule“, „Universität“ oder „Fachhochschule“ gesetzlich geschützt, und so gibt es Internet-Anbieter, die Beziehungen zu Universitäten in der Schweiz, den USA, in Afrika oder in Ländern der ehemaligen Sowjetunion vermitteln, wo man gegen Zahlung entsprechender „Gebühren“ den Doktor für ein x-beliebiges Geschreibsel erhält. Da man einen solchen Titel in Deutschland aber nicht tragen und ihn weder in den Personalausweis noch auf Visitenkarten oder ins Telefonverzeichnis eintragen lassen darf, könnte man sich eine ebenso gut eine Promotionsurkunde am eigenen PC ausdrucken.

Etwas anders sieht es aus mit der „Ehrendoktor“-Würde. Einen Doktor „honoris causa“, abgekürzt „h.c.“ verleihen Universitäten normalerweise aufgrund hervorragender Verdienste auf einem wissenschaftlichen Gebiet – und manchmal auch aus politischen Gründen, ohne dass eine direkte wissenschaftliche Leistung erkennbar wäre. Deutsche Universitäten gehen sehr sparsam mit der Verleihung einer solchen Würde um, auf die ein so Geehrter dann auch wirklich stolz sein kann. Die ehemalige Bundesforschungsministerin Annette Schavan etwa, die ihren regulären Doktortitel aufgrund eines erwiesenen Plagiats abgeben musste, sie wurde kürzlich von der Universität Lübeck für ihre Verdienste rund um die finanzielle Rettung der Hochschule mit dem „Dr. med. h.c.“ bedacht.

Eine Prüfung ist für die Ehrendoktorwürde nicht vorgesehen, handelt es sich dabei doch nicht um einen akademischen Titel, sondern eine „Ehrung für besondere Verdienste“. Genau dieser Umstand macht es möglich, sich im Ausland ohne viele Umstände einen solchen Titel zu besorgen. Ein besonderer Verdienst kann schon darin bestehen, an eine sogenannte „Universität“ eine kleine oder größere „Spende“ zu überweisen. Und keine 50 Euro etwa kostet es, sich bei der amerikanischen „Miami Life Development Church“ (MLDC) einen „echten“ Ehrendoktor ausstellen zu lassen (für den „Ehren-Professor“ muss man an die 70 Euro aufbringen). Man wäre dann der Träger nicht eines akademischen, sondern eines kirchlichen Ehrentitels.

Einen entscheidenden Wermutstropfen allerdings muss man beim Tragen eines solchen Titels hinnehmen. Selbst wenn eine Überprüfung ergeben sollte, dass Institutionen wie die MLCD berechtigt wären, Ehrendoktorwürden zu vergeben, so muss, wer ihn öffentlich tragen will, stets genau angeben, in welchem Fachgebiet, an welcher Institution und in welchem Land man ihn erworben hat. Das deutsche Gesetz schreibt vor, Titel nur so zu führen, dass eine Verwechslung mit akademischen Graden ausgeschlossen ist. Und ob man als „Beate Musterfrau, Dr. h.c. of Immortality, MLDC Institute (USA)“ großen Eindruck schinden kann, dürfte höchst fraglich sein – ganz abgesehen davon, dass man Gefahr läuft, wie ein Lübecker Zauberkünstler und Hunderte anderer „Würdenträger“ eine Anzeige wegen Titelmissbrauchs zu erhalten.

Selbstverständlich begeht derjenige eine Straftat, der sich von sogenannten „Promotionsberatern“, sprich „Ghostwritern“, eine Dissertation erstellen lässt. Dieser Weg hin zum Doktortitel ist außerdem wirklich kostspielig, müssen dabei ja nicht nur die Stellvertreter-Doktoranden bezahlt werden, sondern auch die Professoren, die bereit sind, bei einem solchen offensichtlichen Betrug mitzuspielen. Es existiert kein ordnungsmäßiges Promotionsverfahren, bei dem der Kandidat seinem Professor nicht persönlich bekannt ist und wo er nicht spätestens beim mündlichen Prüfungstermin, dem Rigorosum, einem Hochschulgremium Rede und Antwort zu stehen hat.

Die Satire-Seite „titel-kaufen.de“ verweist fröhlich auf die Alternative, sich alle relevanten Unterlagen von der Einschreibung an einer Universität, den Exposés bis hin zur fertigen Arbeit von Experten fälschen zu lassen. „Kein Mensch außer Ihnen wird von dem Ghostwriting Wind bekommen – vertrauen Sie uns – Ihnen bleibt ohnehin keine Wahl, da Fleiß, Ausdauer und Fairness nicht gerade zu Ihren Tugenden gehören.“ Theoretisch ist das durchaus möglich. Praktisch aber kann man sich damit hohe Geldstrafen und bis zu einem Jahr Gefängnis einhandeln.

„Sie sind es leid, einen Doktorvater für Ihre Promotion zu suchen und

haben darüber hinaus auch keine Lust, drei oder mehr Jahre Ihres

Lebens mit dem Schreiben einer Arbeit zu verbringen, die sich am

Ende doch niemand ansieht? Dann lesen Sie hier weiter.“



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