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Diese Verpackungen aus Rinteln kennt jeder

450 000 Verpackungsbeutel für „After Eight“ pro Stunde, zwei Milliarden pro Jahr: Das ist der Output von Eigenbaumaschinen aus den 60er Jahren. Hier ist das Rintelner Traditionsunternehmen „Schroeder & Wagner“ einziger Produzent eines weltweit gehandelten Produkts. Vor 150 Jahren wurde die Firma gegründet, gestern war die Jubiläumsfeier. Anlass, einen Blick in die Geschichte eines der ältesten Unternehmen in Rinteln zu werfen – auch wenn dessen Name seit 2010 nicht mehr existiert.

veröffentlicht am 09.06.2011 um 00:00 Uhr

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Heinrich Josef Schroeder und Carl Wagner waren bei der Geschäftsgründung beide keine 30 Jahre alt. Das Geschäft Schroeder & Wagner wurde 1861 in Rintelns Weserstraße 157 – heute Klosterstraße – gegründet. Schroeder ist nach einem Jahr wieder ausgetreten und hat mit seinem Schwager eine Zündwarenfabrik gegründet, dort, wo heute eine Apotheke ist. Für Schroeder trat August Brackmeier vom Gut Bracke bei Herford ein. Er blieb bis zum Jahre 1864. Der langjährige, inzwischen verstorbene Produktionsleiter Heinz-Gerhard Vogt gab 2006 einen Überblick über die Firmengeschichte.

Seit 1864 war Carl Wagner alleiniger Inhaber. Die Druckerei ist 1863 eingerichtet worden. Anfangs wurde mit einer eisernen Handpresse zuerst nur für die Papierwarenfabrik gedruckt. Allmählich vergrößerte sich die Druckerei, aber erst 1866 erhielt der Inhaber die Konzession, Etiketten, Firmen-Register und Formulare herstellen zu dürfen. Die Hauptarbeiten waren Tüten aller Art, Briefumschläge, Briefköpfe, Rechnungen, Preislisten, Adress- und Visitenkarten. Es gab auch Tinten, Anilin und Schreibkopien sowie alle gewöhnlichen schwarzen und bunten Schultinten. In dem Haus befand sich auch eine Prägeanstalt.

Ab 1883 ging man dazu über, eine Zeitung mit dem Titel „Liberales Wochenblatt“ bei Schroeder & Wagner zu drucken. Ab 1886 änderte sich der Titel in „Schaumburger Wochenblatt“, um Missdeutungen vorzubeugen. Der Zeitungsdruck wurde Ende 1892 aber wieder eingestellt.

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Die Anfänge: der Firmensitz von „Schroeder & Wagner“ an der Rintelner Bahnhofsallee im Jahr 1930…

1895 stieg Otto Wagner, der Sohn von Carl Wagner, in das Unternehmen ein, das 1911 an die Bahnhofsallee umzog. 1912 folgte der Bau des Eisenbahnanschlusses. Selbst auf Schiffen wurden die Waren (Papier, Kartons und Verpackungen) vom Rintelner Hafen aus verschickt. Schon zu dieser Zeit hatte das Unternehmen ein Verkaufsbüro in Bremen, da Bremen eine bedeutende Handelsstadt war. Dort wurde viel Tabak umgesetzt, und da Schroeder & Wagner – oder kurz: „S & W“ – auch Verpackungen für Zigarren herstellte, war dies ein willkommener Absatzmarkt.

Druckverfahren zu dieser Zeit waren der Buchdruck, ein Hochdruckverfahren, und der Anilindruck, ein Hochdruckverfahren mit Gummiplatten. Dieser hat sich in den letzten 30 Jahren kolossal entwickelt und heißt heute Flexodruck. Anilindruck war von Vorteil, weil die Farbe durch Verdünnung schneller trocknete. Bedruckt wurden Spitztüten, aber auch Papier von der Rolle, zum Beispiel für Geschenkpapier.

1938 übernahm der Sohn von Otto Wagner die Firma: Carl-Otto Wagner, ein nachgewiesener Perfektionist. Die vorübergehende Herstellung von kriegswichtigen präparierten Papieren war entscheidend für das Überstehen des Werkes während des Krieges. Nach dem Krieg wurde der Chef in ein Internierungslager geschickt. Der Betrieb wurde in der Zeit von einem Treuhänder aus Hannover verwaltet bis Wagner Ende der vierziger Jahre zurückkam.

1954 wurde der Betrieb in der Bahnhofsallee um zwei Hallen erweitert, da der Bedarf der Nachkriegszeit gedeckt werden musste. S & W war für seine Qualität bekannt. In der Beutelfertigung war noch viel Handarbeit nötig. Man hatte immer versucht, etwas Besonderes herzustellen: Als die Ära der Tragetaschen aufkam, wurden eben die hergestellt.

1954 entschloss sich Wagner, den Tiefdruck einzuführen, der bis dahin nur dazu genutzt wurde, Zeitungen oder Kataloge zu drucken. Man brauchte nun aber eine Maschine, welche Bahnware bedruckt und dann die fertige Bahn für die Weiterverarbeitung wieder auf eine Rolle aufwickelt, um danach maschinell Beutel herzustellen. S & W beauftragte seinen technischen Produktionsleiter, eine Maschine zu konstruieren, aus der dann im Laufe der Zeit vier große Maschinen geworden sind; die letzte ging 1962 ans Netz.

Als das Unternehmen in die Professor-Kohlrausch-Straße umzog, wurde die letzte Maschine nach Indonesien verkauft. Konstruktionen, nicht nur für Druckmaschinen, sondern auch für Beutelmaschinen und deren Modifizierungen, sind mit 28 Mitarbeitern umgesetzt worden. Die Schlosserei war ursprünglich in der Breiten Straße. Sie wurde später in eine Scheune von Bauer Thielke verlegt – heute ist dort ein Supermarkt angesiedelt.

Wagner hatte mit dem Schritt zum Tiefdruck eine gute Vorahnung gehabt. Zu dieser Zeit arbeiteten 280 bis 300 Leute im Unternehmen. Für solch ein neues Druckverfahren braucht man Druckformen, die man von außerhalb kaufen konnte, was teurer und auch zeitaufwendiger war. 1957 entschloss sich Wagner, eine Druckformenherstellung einzurichten – zuerst in der Bahnhofsallee im Keller. Später wurde ein Gebäude am Bahnhofsweg übernommen, in dem heute das Asylantenheim eingerichtet ist. Die Druckformherstellung wurde dort bis 1991 betrieben.

Anfang der 60er Jahre kam die Idee, auch Faltschachteln herzustellen, die sich durch die Selbstbedienungsläden immer mehr verbreiteten. Es wurden Pläne gemacht, eine komplette Faltschachtelproduktion in Rinteln aufzubauen. Zur gleichen Zeit ging in Berlin eine Kartonagenfabrik Pleite, die Wagner 1965 übernahm. Kunden waren die Kaffee- und Zigarettenindustrie. 1973 kam eine weitere Tiefdruckmaschine hinzu. Der Betrieb zog später von der Neuköllnischen Allee in die Haberstraße um, wo er noch heute als „Amcor“-Betrieb existiert. Dort wurde rund um die Uhr für Philip Morris und Eduscho produziert.

Am 11. Oktober 1966 gegen 21.45 Uhr brannte das S & W-Werk in der Bahnhofsallee. Mitarbeiter haben versucht, Farben und Lösemittel aus den festen Gebäuden von der Brandlinie weg zu bekommen. 15 Feuerwehren waren vor Ort, es gab Katastrophenalarm. Schließlich wurde noch die Achumer Flughafenfeuerwehr gerufen, die mit Schaumkanonen das Feuer schließlich in den Griff bekam. Am nächsten Tag konnte in der Druckerei schon weitergearbeitet werden.

Die Kunden haben darunter nicht gelitten: Das verbrannte Material wurde neu produziert. Die Brandursache wurde nie gefunden. Die Folge war, dass S & W keine Lagerkapazitäten mehr hatte und Waren auslagern musste. 1970 wurde in der Prof.-Kohlrausch-Straße ein vorrangiger Lagerraum gebaut. Auch die Beutelfertigung wurde dorthin verlagert.

Mit dem Verkauf des Unternehmens an die Rig Rentsch Industrial Holding legte Wagner 1987 den Grundstein für die Zukunft seiner Firma über sein Ableben im gleichen Jahr hinaus. Rentsch investierte erheblich in den Standort Rinteln. Zu erwähnen sind die Fertigstellung des neuen Werkes in der Prof.-Kohlrausch-Straße im Jahr 1990 sowie die Inbetriebnahme der ersten von zwei geplanten Druckmaschinen. Die vorläufige Komplettierung dieser Aufrüstung erfolgte 1991 mit der Installation der zweiten Tiefdruckmaschine und einer Kaschieranlage, die neben einer Reihe spezieller Flach-, Blockboden- und Kreuzbodenbeutelmaschinen das Herz von S & W sind.

Mit der Übernahme der Rig Rentsch Gruppe durch den australischen Papier- und Verpackungskonzern Amcor im Jahre 1995 wurde auch für S & W die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft im eigenen Unternehmens-Umfeld deutlich spürbar. Welch enorme Relevanz dies tatsächlich haben sollte, zeigte sich erst in weiteren Schritten der europäischen Akquisitionsaktivitäten der australischen Muttergesellschaft.

„War Schroeder & Wagner bis zu diesem Zeitpunkt immer nur der flexible Teil ausgeprägter Faltschachtel-Unternehmungen, so änderte sich mit der Übernahme der flexiblen Verpackungsdivision der belgischen UCB-Gruppe und der damit verbundenen Integration des Betriebes in die neu gegründete Amcor Flexibles Europe das Umfeld gravierend“, teilt Amcor Flexibles mit. „Nunmehr Bestandteil einer der europaweit führenden Gruppe der flexiblen Verpackung, ist Schroeder & Wagner ausgestattet mit hervorragendem Hintergrund für die eigene zukünftige Entwicklung in diesem Segment der Verpackungsindustrie.“

2010 kaufte Amcor Teile des Verpackungsherstellers Alcan und wurde so zum größten Hersteller für flexible Verpackungslösungen. Der Name Schroeder & Wagner wich der „Amcor Flexibles Rinteln GmbH“.

„Amcor ist ein weltweit führendes Unternehmen für verantwortungsbewusstes Verpacken und ist mit mehr als 35 000 Beschäftigten in 43 Ländern an 300 Standorten aktiv“, teilt der Rintelner Geschäftsführer Olaf Seifert mit. Amcor hat seinen Hauptsitz im australischen Melbourne, sein Umsatz liegt bei 7,5 Milliarden Euro.

Kunden des als selbstständiges Unternehmen bilanzierenden Rintelner Betriebs sind Weltkonzerne wie Philip Morris, British American Tobacco, Lindt & Sprüngli und Nestlé. Früher waren die hier hergestellten Verpackungen zu je etwa 30 Prozent für Süßwaren, Tabakwaren und Getränke bestimmt, heute sind es zu 50 Prozent für Tabakwaren, 30 Prozent für Süßwaren und 15 Prozent für Getränke. Die Zahl der Mitarbeiter sank in den letzten drei Jahren von 170 auf 149, da ein amerikanischer Kunde absprang. Die Mitarbeiter sind im Durchschnitt schon 17 Jahre der Firma treu, die in der jüngsten Wirtschaftskrise etwa fünf Prozent an Umsatz verlor. Aber jetzt sei die Lage wieder stabil, so Seifert.

„Wir hängen an der Strategie des Konzerns, und die geht dahin, wo der Konsum wächst“, erklärt Seifert. „In Westeuropa stagniert er. Ich rechne deshalb zwar mit keiner deutlichen Ausweitung, aber auch keiner Reduzierung der Produktion. Und wenn Nestlé dem Rintelner Werk als Kunde treu bleibt, dann haben ,After Eight‘-Nascher weltweit weiter immer ein Tütchen aus Rinteln in der Hand.“



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