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Die Wurzeln eines großen Dichters

Es ist nicht, wie Heinrich Heine später in „Deutschland – Ein Wintermärchen“ schreibt, „im traurigen Monat November“. Es ist im Dezember 1843, auf der langen Rückreise von Hamburg nach Paris. In der Hansestadt hat der Dichter seine Familie, vor allem seinen reichen Bankiers-Onkel Salomon besucht, doch nun rumpelt die Postkutsche in ein deutsches Duodez, wie es im „Wintermärchen“ steht. Dort, in der Hauptstadt, die, wie Hermann Löns süffisant bemerkt, „den ebenso schönen wie ungemein treffenden Namen ,Bückeburg‘ führt“, liegen die Wurzeln der Familie Heine, hier sind sie schon seit Generationen Hoflieferanten und -bankiers. Auch Heinrich Heines Großvater Heymann stammt noch von dort, ist aber später als Tuchhändler nach Hannover gezogen.

veröffentlicht am 04.01.2013 um 00:00 Uhr

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Einigen seiner Söhne und Nachfahren gelingt dann, befreit aus der provinziellen Enge, ein Aufstieg, der sich höchstens mit dem der Rothschilds vergleichen lässt. „Dein Großvater war ein kleiner Jude mit einem großen Bart“ – das, so behauptet Heinrich Heine, sei alles, was er von seinem Vater je über Heymann und dessen Familie erfahren habe. Den ersten Eindruck von der Heimat seiner Vorfahren hält der Dichter dann in jenen Versen fest, die ihm Lokalpatrioten bis heute verübeln: „Oh, Danton, du hast dich sehr geirrt/ Und mußtest den Irrtum büßen!/ Mitnehmen kann man das Vaterland/ An den Sohlen, an den Füßen/ Das halbe Fürstentum Bückeburg/ Blieb mir an den Stiefeln kleben/ So lehmigte Wege hab ich wohl/ Noch nie gesehen im Leben.“

Der „Jude Heinen“ könnte nun der erste nachweisbare Vorfahre Heinrich Heines gewesen sein. Er tauchte 1636 in den Ratspapieren von Rinteln auf, nach denen er, zusammen mit christlichen Kaufleuten und vier bewaffneten Soldaten, eine beträchtliche Geldsumme hatte transportieren wollen.

Die Reisegesellschaft war auf dem Weg nach Minden von Räubern überfallen worden, und „der Jude Heinen“ verriet angeblich das Geldversteck. Der Rat beriet lange, ließ Heine aber ungeschoren. Er muss ein Mann von beträchtlichem Selbstbewusstsein, einigem Wohlstand und gehobenem Status gewesen sein: Er trug bereits einen Familiennamen, und dass ihn sogar eine soldatische Eskorte begleitete, spricht sehr dafür, dass schon dieser Heine gute, wenn nicht gar gräfliche Geschäftsbeziehungen pflegte. Aber auch ein Jude Heinemann, dessen Geschäftsbeziehungen zu den Lipper Grafen nachgewiesen sind, kommt als Heine-Vorfahr in Frage.

Vorfahren des Dichters Heinrich Heine haben im Schaumburger Land gelebt. Foto/Repro: jpw

Von 1681 an regierte im nahen Bückeburg mit dem Grafen Friedrich Christian ein Despot wie aus einer bitterbösen Duodez-Satire. Seine Lustreisen kosteten Geld, und um das zu besorgen, zählte der Graf, wie viele seiner Standesgenossen, vor allem auf den reichen Bankier Leffmann Behrens aus Hannover. Der wurde als „Hoff- und CammerAgent“ adressiert, sobald die hochwohlgeborene Kundschaft seiner Dienste bedurfte, ansonsten aber knapp „le juif“ genannt.

Hoffaktor zu werden war die einzige Aufstiegsmöglichkeit für jüdische Kaufleute, doch es war auch ein ewiges Vabanque-Spiel: Nur die Herrschergunst stand zwischen dieser kleinen Wirtschaftselite und der Rechtlosigkeit, in der alle anderen Juden lebten. Der Schaumburger Souverän, berüchtigt dafür, dass er jeden anpumpte, den er verdächtigte, Geld zu haben, ließ sich von „le juif“ außer Geld und Juwelen buchstäblich alles liefern und auch gleich bezahlen: vom Briefporto über die Schneiderrechnungen bis hin zu den Kerzen für seine Residenz.

Die Zahlungsmoral des allerhöchsten Schuldners war allerdings derart zweifelhaft, dass es Leffmann Behrens nicht allzu schwer gefallen sein dürfte, einen Teil dieser aufreibenden Geschäfte an einen Vetter vor Ort weiterzugeben. Der hieß Isaac Heine, stammte aus Rinteln und erhielt, wohl auf Behrens’ Fürsprache hin, im Februar 1682 von Friedrich Christian den Schutzbrief für Bückeburg. 1688 durfte er schon, als erster Jude überhaupt, dort ein Haus in bester Innenstadtlage erwerben. Zunächst war er nur Leffmanns Vermittler, 1690 dann erstmals an einem 250-Taler-Geschäft mit dem Fürsten beteiligt. Danach stieg Heine zum selbstständigen Hoflieferanten und Hofbankier auf, zum Geschäftspartner der Stadt Bückeburg und des ländlichen Adels.

Solche Erfolge stießen bei der Konkurrenz auf entsprechenden Neid, und 1705 hatten sich die christlich-jüdischen Spannungen derart verschärft, dass der Souverän kurzerhand die gesamte jüdische Gemeinde auswies. Als Bitten nichts halfen, griff Leffmann ein: In einem Brief bat er Serenissimus zunächst „untertänig“ um „gnädiges Erbarmen“ wenigstens für seinen Vetter, „indem deroselben er sogar viele getreue Dienste sowohl Tages als auch Nachtes geleistet“. Darauf folgte der höfliche aber unmissverständliche Hinweis, dass der Graf Behrens noch stattliche 15 000 Reichstaler schulde, der Bankier da aber im Interesse Heines jederzeit zum Entgegenkommen bereit sei. Einer so wohlbegründeten Argumentation mochte sich der Souverän nicht entziehen, und Heine durfte bleiben – allerdings nur bis 1717, als die jüdische Gemeinde, deren Vorsteher er war, erneut ausgewiesen wurde.

Heine arbeitete dann als Hoffaktor für die Grafen von Lippe-Detmold, und einer seiner Söhne, Simon David, lebte zeitweise in Hannover und unterhielt dort rege Geschäftsbeziehungen zum Hof. Simon Davids Sohn Heymann, Heinrich Heines Großvater, soll um 1722 geboren worden sein – und falls das stimmt, dann wohl noch im hannoverschen Exil.

Doch nur knapp: 1725 durfte die ganze Familie, die sich nach dem Herkunftsort nun auch „Bückeburg“ nannte, endlich in ihr Stammhaus zurückkehren und dort dem nächsten Schaumburger dienen. 1742 starb Isaac Heine, und das Ende ereilte ihn während eines Wechselprozesses vor dem Reichskammergericht in Wetzlar, zu dem er mit seinen 86 Jahren noch selbst angereist war. Während sich Simon David weiter nach Hannover orientierte, hatte sein Bruder Levi 1733 in Bückeburg Schutz erhalten und setzte das Familiengeschäft fort. Er wurde auch Hoflieferant für Fleisch, was unter der christlichen Schlachter-Konkurrenz für angemessen böses Blut sorgte. 1765 durfte auch Levi ein Haus in der Langen Straße erwerben, dicht bei dem seines Vaters. Levis Söhnen gelang dann der Schritt von Hoffaktor zum Bankier: Joseph, der zunächst als Jüngerer Probleme gehabt hatte, überhaupt Schutz, also Bleiberecht, zu erlangen, gründete 1799 das Bankhaus Joseph Heine.

Es blieb zwar unbedeutend im Vergleich zu den Häusern der Verwandten in Hamburg und Bordeaux, wurde daheim aber eine Institution. Der Wert seiner kleinen Hausbank lag für den Fürsten weniger in der Tatsache, dass die Heines selbst über große Mittel verfügt hätten, sondern darin, dass sie ihm mit ihren internationalen Kontakten und ihrer makellosen Reputation jederzeit helfen konnten, höhere Geldsummen von Dritten aufzutreiben.

1825 übernahm Lazarus Heine, als vierte Generation in Hofdiensten, die Geschäftsführung. In die Zeit, in der dem florierenden Haus nachgesagt wurde, es treibe „bedeutenderen Handel als die christlichen Kaufleute“, fiel auch Heinrich Heines Besuch: „Zu Bückeburg stieg ich ab in der Stadt,/ um dort zu betrachten die Stammburg,/ Wo mein Großvater geboren ward;/ Die Großmutter war aus Hamburg.“

1843 residieren hier bürgerlicher Wohlstand und Status, scheinbar unterschütterlich gestützt auf anderthalb Jahrhunderte Tradition in Hofdiensten. Doch der Schein trügt: Schon kurz nach dem Besuch des Dichters gerät das kleine Bankhaus in große Schwierigkeiten. Das liegt nicht etwa an einem weiteren vergnügungssüchtigen Duodez-Despoten, sondern ausgerechnet an dem Fürsten, der später als adeliger Großindustrieller und Vorreiter der wirtschaftlichen Entwicklung seines Landes gefeiert wird: an Georg Wilhelm zu Schaumburg-Lippe.

Er macht mit seiner Hausbank nur kleinere direkte Geschäfte, die sich allerdings beträchtlich summieren, zählt aber weiter darauf, dass die Heines für ihn jederzeit viel Geld besorgen können, etwa mit Anleihen auf den beträchtlichen Schaumburger Großgrundbesitz in Österreich-Ungarn.

Mitte der vierziger Jahre verfolgt dieser Souverän ein ehrgeiziges Großprojekt, das er aus eigener Kasse nicht finanzieren kann: Die Eisenbahnlinie zwischen Köln und Berlin soll auch durch Schaumburg-Lippe führen. Um die beträchtlichen Mittel dafür aufzutreiben, beschließt die Rentkammer schließlich, eine Lotterie aufzulegen. Selbstverständlich nicht im Namen des Fürstenhauses, das, obzwar selbst Besitzer einer lukrativen Spielbank in Bad Eilsen, seinen Untertanen das „so verderbliche Lotteriespielen“ per Dekret ausdrücklich untersagt hat.

Für die Schaumburger Lotterie soll nun das Bankhaus Heine als Betreiber auftreten. Im März 1846 wird mit der Rentkammer ein Vertrag über die Summe von 1,5 Millionen Reichstalern abgeschlossen, beträchtlich mehr als die 844 000 Taler, die zur Eisenbahnfinanzierung veranschlagt worden sind. Dazu sind die Konditionen für das Fürstenhaus extrem günstig: Der Zinssatz beträgt nur dreieinhalb Prozent, mindestens ein Prozent unterhalb dessen, was auf dem freien Kapitalmarkt üblich ist.

Lazarus Heine, vom Fürstenhaus kurz zuvor mehrfach bei größeren Geschäften übergangen und daher heftig im Zugzwang, ist seinem Landesherren weit entgegengekommen – zu weit, wie er schnell feststellen musste.

1849 ist keine Rede mehr von Verdienen, sondern das Bankhaus steht kurz vor dem Bankrott, als Levi Heine, ein Bruder von Lazarus, einspringt: Er verpflichtete sich, der Rentkammer gegenüber für 130 000 Taler persönlich zu haften. Doch was folgt, ist nur noch Agonie: Die Reputation, überlebenswichtig in der Branche, ist schwer angeschlagen, die Vertragsbedingungen bleiben aussichtslos.

Im Frühjahr 1852 weiß Lazarus Heine, dass der Konkurs, das geschäftliche und gesellschaftliche Todesurteil, unmittelbar bevorsteht. Im März nimmt er bei der Erbprinzessin Hermine ein Darlehen von gut 12 000 Talern auf und verschwindet, angeblich auf eine Geschäftsreise nach Wien. Als Heine nicht zurückkehrt, lässt die Rentkammer die schweren versiegelten Beutel öffnen, die er als Pfand hinterlassen hat. Statt der angeblichen Gold- enthalten sie nur Silber- und Scheidemünzen im Wert von gerade einmal 327 Talern.

Ein Skandal, der das Ländchen erschüttert: Der Hofbankier, der Inbegriff der Solidität, hat seine allerhöchste Herrschaft schnöde betrogen, und das sogar mehr als einmal: Auch ein Paket mit angeblichen Kassenscheinen enthält nur Cöllnische Zeitungen. Das Konkursverfahren wird unverzüglich eingeleitet, und Georg Wilhelm setzt seinen Haushofmeister auf die Spur des Flüchtigen, der sich, wie bald ermittelt, bei einem Bruder in London aufhält.

Als dem Bückeburger Emissär klar wird, dass er in Großbritannien weder Chancen auf einen Haftbefehl noch auf eine legale Auslieferung Heines hat, entschließt er sich, den Bankier kurzerhand „gewaltsamer Weise aufgreifen“, also kidnappen zu lassen. Mit diesem heiklen Auftrag wird ein preußischer Polizeileutnant namens Greiff betraut, und der meldet prompten Vollzug: Der Delinquent sei bereits festgesetzt und auf einen Dampfer in Richtung Hamburg verfrachtet worden. Doch als das Schiff dort anlegt, fehlt von Heine jede Spur, obwohl Greiff schwört, dass er an Bord gewesen sei. An Bord ist er tatsächlich, aber in sicherer Entfernung: Lazarus Heine gelingt es, sich nach Australien einzuschiffen, wo er 1853 stirbt.

Der Konkurs in Bückeburg gerät zum öffentlichen Ärgernis: Verbindlichkeiten von 400 000 Reichstalern stehen nur noch Aktiva in Höhe von 145 000 Reichstalern gegenüber, und so verlieren viele kleine Gläubiger ihr Geld.

Dabei haben viele Nachkommen gerade dieser Schaumburger bemerkenswerte Karrieren gemacht: Heines stellten unter anderem Großbankiers und Mäzene, den Leibarzt des russischen Zaren, den geadelten Gründer des Wiener „Fremdenblatts“ und natürlich wohlhabende Bräute für den europäischen Hochadel. Sogar die erste amerikanische Fürstin von Monaco war, lange vor Grace Kelly, eine Heine: Die berühmt schöne Alice, die den Fürsten 1880 heiratete, wurde zwar in New Orleans geboren, doch auch sie war eine Urenkelin Heymanns.

Noch näher als Wilhelm Busch ist der weltberühmte Dichter Heinrich Heine mit der

Region verwandt. Als Händler, Hofjuden und Hofbankiers machten sich Heines

Vorfahren einen Namen und legten in Rinteln und Bückeburg den Grundstein

zu einer berühmten europäischen Familie.



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