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Vor 80 Jahren inszenierten die Nationalsozialisten Olympia als gigantische Propaganda-Show

Die Welt zu Gast bei Feinden

Es waren die Spiele, die besser nie stattgefunden hätten: Vor 80 Jahren nutzten die Nationalsozialisten Olympia zu einer gigantischen einlullenden Inszenierung. Und doch wurde auch in Berlin Sportgeschichte geschrieben – besonders von einem: Jesse Owens. Ein Schaumburger war als Teenager live dabei.

veröffentlicht am 03.08.2016 um 16:34 Uhr
aktualisiert am 04.08.2016 um 15:09 Uhr

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Autor:

Frank Henke und Cornelia Kurth mit dpa

Es erlebte zwei Fußballweltmeisterschaften, eine Leichtathletik-WM, jährlich das DFB-Pokalfinale. Ein modernes Dach und eine Tartanbahn in Hertha-Blau mildern heute die Nazi-Architektur. Doch seine Geschichte wird das Berliner Olympiastadion nicht los. Schon im Namen erinnert es an die wohl unrühmlichsten Spiele der Olympia-Geschichte, eine gigantische Propaganda-Show der Nationalsozialisten – während vor den Toren der Stadt das Konzentrationslager Sachsenhausen errichtet wurde.

Beinahe hätten die US-Amerikaner die Teilnahme an dieser Show verweigert, doch Boykott-Aufrufe fruchteten letztlich nicht. Am Ende setzte so ausgerechnet ein Schwarzer das größte sportliche und symbolische Ausrufezeichen der Spiele. US-Leichtathlet Jesse Owens ließ die angebliche „Herrenrasse“ alt aussehen. Vier Goldmedaillen nahm er mit auf das Schiff in die Staaten.

„Er wirkte so elegant, überlegen und fair im Umgang mit den Kontrahenten“, erinnerte sich vor fünf Jahren der Rintelner Hilmar Dressler. „Seine Persönlichkeit erfüllte das ganze Stadion.“ Zweimal hatte der ehemalige Spitzensportler, spätere Pressefotograf und Mitbegründer der Deutschen Olympischen Gesellschaft Gelegenheit, mit dem großen Amerikaner zu sprechen. Als Chefredakteur der Zeitschrift „Olympisches Feuer“ schrieb Dressler mehrere Artikel über ihn und vor allem: Er war als 15-Jähriger bei den Olympischen Spielen live dabei, als Owens einen neuen Weltrekord im Weitsprung aufstellte, der erst 24 Jahre später gebrochen wurde, und außerdem drei weitere Weltrekorde ablieferte.

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Legendäres Bild: der deutsche Weitspringer Luz Long und US-Athlet Jesse Owens im Olympiastadion. Foto: dpa

Im Frühling 2011 besuchte ein amerikanisches Filmteam den Rintelner, um mit dem Zeitzeugen zu sprechen. Während der Spiele hätten sich keinerlei Rassenvorurteile gezeigt, erzählte der damals 89-Jährige: „Was interessierte, waren die Sportler und ihre Leistung. Wir alle waren schon längst begeistert von Owens, der im Jahr zuvor in Amerika innerhalb von 45 Minuten fünf neue Weltrekorde aufgestellt hatte. Ich kannte niemanden, der Abschätziges über ihn gesagt hätte.“

Allerdings sei viel spekuliert worden, wie sehr sich Hitler wohl ärgerte, dass der „Vorzeige-Arier“ Luz Long beim Weitsprung hinter Owens auf dem zweiten Platz landete. Auch die gute Beziehung zwischen Owens und Long, von der die Medien berichteten, konnte kaum im Sinne des Diktators sein.

Diese Freundschaft wuchs zur Legende. Strittig ist, ob tatsächlich Long Owens einen entscheidenden Tipp zum richtigen Absprung beim Weitsprung gab. Fest steht, dass Long noch zu Beginn des Krieges, der ihn das Leben kostete, einen Brief an Owens schrieb, in dem er ihn als „lieben Freund“ anspricht. Owens sagte über den Deutschen: „Es brauchte viel Mut von ihm, um sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, aber sie könnten die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, kein bisschen goldener machen.“

Oder war auch diese Freundschaft Teil der großen Inszenierung der Nazis? Einer glänzenden Fassade für Kriegsvorbereitungen und Judenverfolgung? Schließlich forderte sogar die NSDAP-Zeitung „Der Angriff“ mit Blick auf die 16 Olympia-Tage: „Wir müssen charmanter sein als die Pariser, leichtlebiger als die Wiener, lebhafter als die Römer, kosmopolitischer als die Londoner, praktischer als die New Yorker.“ Das Fernsehen feiert in Berlin ebenso Premiere wie der olympische Fackellauf. Das Dritte Reich hatte auch im Sport aufgerüstet: Mit 33 Gold-, 26 Silber- und 30 Bronzemedaillen hängen die Deutschen die USA (24/20/12) klar ab. Rund 100 Millionen Reichsmark kostete das Spektakel, obwohl noch drei Jahre zuvor von einem Etat von rund 5,5 Millionen ausgegangen worden war. Rassistische Hetze – etwa auf Zeitungstiteln und Plakaten – wurde aus dem Straßenbild entfernt, die Uniformierten gaben sich freundlich und hilfsbereit, die ausländischen Gäste wurden bejubelt.

Waren die berühmten Fotos von Long und Owens Teil dieser inszenierten Farce? Hilmar Dressler glaubt das nicht. In seiner Funktion als Präsidiumsmitglied der Deutschen Olympischen Gesellschaft traf er erstmals 1972 persönlich auf Jesse Owens und dieser habe ihn sofort und sehr herzlich nach seinem damaligen Sportkameraden gefragt. „Luz Long konnte selbstverständlich Englisch sprechen. Er kam ja aus einer Bildungsbürgerfamilie und war auf das Gymnasium gegangen. Die beiden hatten damals gewiss keine Probleme, sich zu verständigen.“ Die Geschichte des schwarzen Ausnahmeathleten und auch seiner Begegnung mit dem deutschen Rivalen erzählt aktuell auch der Kinofilm „Zeit für Legenden“.

Doch noch manches andere Schicksal rund um die Nazi-Spiele war schon Thema in Wort und Bild: Etwa das der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann, die in Berlin zu starten hoffte – und es am Ende als Jüdin nicht durfte. Die Fechterin Helene Mayer, die – obwohl im NS-Jargon „Halbjüdin“ – in Berlin Silber gewann. Ihre Aufnahme in die deutsche Olympiamannschaft war ein entscheidendes Zugeständnis des Regimes an das Internationale Olympische Komitee. Ikonenhafte Bilder von den Spielen ließen die Nationalsozialisten gleich selbst produzieren: Leni Riefenstahl setzte Maßstäbe, wenn es darum ging, Sportwettkämpfe mit der Kamera einzufangen.

Nur drei Jahre, nachdem die Nationalsozialisten „die Jugend der Welt“ nach Berlin gerufen hatte, begann mit Deutschlands Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. 60 bis 70 Millionen Menschen starben.

Buch-Tipp:

Historiker Oliver Hilmes fängt die Absurdität der Spiele von 1936 in einer packenden Collage ein. Er richtet den Blick hinter die inszenierte Kulisse auf bekannte und unbekannte Menschen im Berlin jener Tage. Auf den US-Schriftsteller Thomas Wolfe, dessen Bild von Deutschland bröckelt, wie auf den Nachtklubbetreiber, der seine Flucht plant. Auf Nazi-Empfänge wie auf das „Zigeuner“-Lager am Stadtrand. Oliver Hilmes: „Berlin 1936“, Siedler, 19,99 Euro.



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