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„Ich bin stolzer Sinto“

Die wechselhafte Geschichte von Reilo Weiß

HAMELN. Reilo Weiß – knapp 1,80 Meter groß, breite Schultern, graumeliertes, lichtes Haar, Brille und Schnauzer bis zum Kinn – ist unter Hamelner Sinti eine Respektsperson. Das Wort des heute 69-Jährigen hat Gewicht. Anfangs ist er misstrauisch: Einem Chalo, also Nicht-Sinto, von der Presse etwas über die Sinti erzählen? Schließlich willigt er ein, weil er, wie er sagt, Vorurteile gegenüber „seinen Leuten“ abbauen wolle. Außerdem sei er Christ. Und als Christ müsse man doch aufeinanderzugehen. Das ist seine Geschichte.

veröffentlicht am 26.09.2017 um 18:00 Uhr
aktualisiert am 27.09.2017 um 12:58 Uhr

„Der Sinto ist nicht mehr das, was er mal war“, sagt Reilo Weiß, hier an seinem Küchentisch. Foto: pk
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Sommer 2012 in der Südstadt. Rigoletto „Reilo“ Weiß steht in seiner nur schwach beleuchteten Küche. Misstrauisch beäugt er seinen am Tisch sitzenden Gast. Ein Chalo – ein Nicht-Sinto – von der Presse will also etwas über die Sinti erfahren, sagt, er wolle behilflich sein, das schiefe Bild von der Hamelner Sinti-Familie Weiß zu korrigieren. Reilo Weiß – knapp 1,80 Meter groß, breite Schultern, graumeliertes, lichtes Haar, Brille und Schnauzer bis zum Kinn – hört aufmerksam zu. Unter Hamelner Sinti ist der heute 69-Jährige eine Respektsperson. Sein Wort hat Gewicht. „Gut“, sagt er schließlich. Er willigt ein, weil er, wie er sagt, Vorurteile gegenüber „seinen Leuten“ abbauen wolle. Außerdem sei er Christ. Und als Christ müsse man doch aufeinanderzugehen. „Aber“, stellt er klar, „über unsere Sitten und Bräuche erfährst du von mir nichts.“ Ein Selbstschutz, damit die Chale sie nicht gegen die Sinti verwenden. Das Treffen markiert den Auftakt der Recherche für die Dewezet-Serie „Familie Weiß“ – sowie der Erzählung der Geschichte eines Hamelner Sintos.

Uslar und Norwegen

R. Weiß (Mitte) mit seiner Mutter und Geschwistern Fotos: R. Weiß/pr
  • R. Weiß (Mitte) mit seiner Mutter und Geschwistern Fotos: R. Weiß/pr
Weiß (Mitte) mit anderen Sinti auf dem Weg nach Norwegen.
  • Weiß (Mitte) mit anderen Sinti auf dem Weg nach Norwegen.
Reilo Weiß mit etwa 14 vor der Reise nach Norwegen …
  • Reilo Weiß mit etwa 14 vor der Reise nach Norwegen …
… und als Mann in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen.
  • … und als Mann in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen.
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R. Weiß (Mitte) mit seiner Mutter und Geschwistern Fotos: R. Weiß/pr
Weiß (Mitte) mit anderen Sinti auf dem Weg nach Norwegen.
Reilo Weiß mit etwa 14 vor der Reise nach Norwegen …
… und als Mann in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen.
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Reilo Weiß kommt 1947 in Uslar zur Welt. Mit seiner Mutter Luise, ihren Eltern, seinem Stiefvater, sechs Geschwistern und einem Onkel lebt er in einer Barackensiedlung am Rande der Uslarer Altstadt. Seine Mutter hat einen Wohnwagen, den sie zu neunt bewohnen. Im Winter weckt ihn sein Stiefvater in der Früh. Dann gehen die beiden raus, waschen sich den Oberkörper mit Schnee und machen das Feuer, damit die Frauen kochen können. „Ich weiß, was Hunger bedeutet“, sagt Weiß. Aus der Not heraus stiehlt er auch mal ein Huhn. Mit etwa 13 arbeitet er für die Stadt als Straßenfeger.

An manchen Tagen betrinkt sich sein Stiefvater Robert Rose, wird aggressiv. Nicht seiner Familie gegenüber, das nie. Aber wenn ein Deutscher ihn dann provoziert, fackelt er nicht lange. Rose hatte im Konzentrationslager Auschwitz mit ansehen müssen, wie seine Kinder getötet wurden. Reilo Weiß‘ Mutter war in ihrer Heimatstadt Nordhausen im Arbeitslager. Rose ist auf die Deutschen, wie Weiß sagt, „nicht gut zu sprechen“. Das färbt auf die Kinder ab.

In Uslar verbringt Reilo als Junge viel Zeit allein. Andere Sinti in seinem Alter gibt es nicht. Die deutschen Kinder lehnen ihn ab, einmal verprügeln sie ihn sogar. „Aber ich bin stolzer Sinto“, sagt Weiß, mit einem Lächeln zwar, aber – stolz. Er schnitzt sich einen Speer und verteidigt sich. Verschafft sich Respekt. Mit Gewalt. Wenn‘s sein muss auch gegen den „Rotfuchs“, ein Polizist, der es auf ihn abgesehen hat. Manchmal sitzt Reilo stundenlang in einem riesigen hohlen Baum im Eichholz, einem nahegelegenen Waldstück. Hier fühlt er sich geborgen.

In der warmen Jahreszeit geht die Familie „auf Reise“, betreibt Handel mit Kurzwaren, abends sitzen sie am Lagerfeuer. In die Schule geht Reilo kaum, insgesamt nicht länger als ein halbes Jahr. „Unsere Eltern nahmen die Schule nicht so ernst“, sagt er. Sein Interesse an Lesen und Schreiben wird trotzdem geweckt: durch Sigurd und Akim, die Comic-Helden von Hansrudi Wäscher, Hefte, die er bis heute sammelt. Mithilfe seiner älteren Schwester bringt er sich das Lesen selber bei.

Über die für ihre Missionsarbeit unter Sinti und Roma bekannte Gertrud Wehl (verst. 2015) aus Hamburg kommt Reilo als Jugendlicher öfter in ein Ferienlager in Norwegen. Dort hat er eine unbeschwerte Zeit, schwimmt im Fjord und lernt sogar etwas Norwegisch.

Rettigs Grund und Hamelwehr

Im Dezember 1962 verlässt die Familie Uslar. Sie wollen nach Hameln, wo auch die übrigen drei Kinder von Reilos Großeltern leben. Einer ihrer Söhne war „im Lager“ umgekommen. Das Hamelner Ordnungsamt weist ihnen den für die Sinti angelegten Stellplatz neben der Kläranlage zu. „Das war keine schöne Ecke“, erzählt Weiß und merkt an: „Aber für uns Sinti gerade gut genug.“ Bald darauf ziehen sie an den Rettigs Grund, wohin die Hamelner Sinti wegen des Gestanks an der Kläranlage bereits ausgewichen waren. Den von der Stadt nur schmerzlich geduldeten Platz am Waldrand hat Weiß in guter Erinnerung. „Wir waren alle zusammen und wir Kinder konnten im Wald spielen, das war schön“, schildert er – und fügt hinzu: „Für uns Zigeuner.“ Denn der Stadt war der Platz ein Dorn im Auge.

Doch ein Jahr später hat der seit zehn Jahren anhaltende Konflikt zwischen der Stadt und der Sippe Weiß über ihren Aufenthaltsort ein Ende. Die Sinti werden an die verrufene Sozialbausiedlung „Hamelwehr“ umgesiedelt. Und hier fängt zumindest für Reilo der Spaß erst richtig an. Er ist jung, 17, und am Hamelwehr ist immer was los. In der gleichermaßen großen wie starken Gemeinschaft der Sinti fühlt er sich pudelwohl.

Er ist ein gut aussehender Junge. Die Mädchen himmeln ihn an. Es dauert nicht lange, da ist er mit einer Sintezza, einer Sinti-Frau, verheiratet und Vater von Zwillingsjungen. Er ist erst 18 Jahre alt. Weiß macht seinen Führerschein und fährt mit seiner Familie und den Schwiegereltern „auf Geschäft“: erst als Schrotthändler, später als Textilienverkäufer.

Alkohol und Schlägereien

Reilo, das heißt „der Vornehme“. Vielleicht wäre damals „der Wilde“ treffender gewesen. Der kräftige Kerl geht keinem Streit aus dem Weg. Als er einmal als „dreckiger Zigeuner“ beleidigt wird, bricht er jemandem den Kiefer. Vor dem Jugendgericht setzt sich zwar der damals als „Zigeunerpastor“ bekannte Georg Althaus aus Braunschweig für ihn ein. Trotzdem muss Weiß für zwei Wochen in Arrest.

Das Familienleben bleibt auf der Strecke. Der junge Weiß hat noch zu viel Spaß daran, sich in Kneipen die Nächte um die Ohren zu hauen. Immer öfter kommt es daheim zu Streitereien, immer öfter kommt er gar nicht nach Hause. Die Ehe geht in die Brüche. Und die andauernde Trinkerei wirkt sich zusehends auf seine Gesundheit aus. Bluthochdruck und Diabetes sind die Folge.

Als sein Bluthochdruck einmal auf über 200 steigt, bekommt er Angst. Angst vor dem Tod. „Da bin ich ins Nachdenken gekommen: ,Was wird mit mir nach dem Tod?‘, fragte ich mich.“ Weiß ist 25 Jahre alt. Er nimmt zwar öfter an Zeltmissionsfahrten teil. Doch bis er, wie er sagt, zu Jesus Christus findet, werden noch elf Jahre vergehen. Mit einer Deutschen bekommt er derweil abermals zwei Söhne.

Jesus Christus

Irgendwann Anfang der 80er Jahre drückt ihm die Missionarin Maria Dams eine Bibel in die Hand, sagt: „Prüfe, ob das alles so ist.“ Weiß fängt an zu lesen. „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“, zitiert er heute aus dem 1. Johannisbrief (1,9). „Dadurch habe ich erkannt, dass ich ein Sünder bin.“ Fortan geht er regelmäßig in die Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen, bekehrt sich „zum Glauben an Jesus Christus“. Er hört auf zu trinken. „Bei den Christen habe ich gelernt, dass wir aufeinander zugehen müssen und man manchmal seinen Ärger runterschlucken muss.“

Der Glaube wird zu seinem neuen Lebensinhalt, dem nahezu alles andere hintenanzustehen hat. Manchmal ist es schwierig, die Sinti-Kultur mit der christlichen Lehre in Einklang zu bringen, sagt er. Aber da wären wir wieder bei den Sitten und Bräuchen …

1986. Bei der Lektüre des Markus-Evangeliums kommt Reilo Weiß eine Idee. Wie wäre es, die Bibel in seine Muttersprache, das Romanes, zu übersetzen, „damit auch mein Volk eine Bibel hat?“ Er, der nur ein halbes Jahr in der Schule war, übersetzt Vers für Vers, unterstützt von deutschen Glaubensbrüdern. Bis 2011 das Neue Testament erstmals auf Romanes erscheint. Derweil, 1996, heiratet Weiß erneut, eine Sintezza aus Hildesheim.

Besuch in Uslar

August 2016. Reilo Weiß steht vor dem Kiosk in Uslar – es gibt ihn immer noch –, bei dem er als Kind immer seine Comics gekauft hatte. Nach 50 Jahren ist es sein erster Besuch in seiner Geburtsstadt. Er betritt, regelrecht aufgekratzt, den Kiosk, spricht mit den trinkenden Gästen. Den Namen „Weiß“ kennt von ihnen keiner mehr. Und den Platz von Holzhändler Plessmann, wo sich die Barackensiedlung befand? „Da ist heute der Rewe“, sagt einer. Wieder draußen, sagt Weiß, sich mit beiden Händen vor die Brust fassend: „Also man muss schon sagen, da ist man richtig bewegt …“

Durch die Altstadt geht es am ehemaligen Rathaus vorbei und an der Kneipe, heute ein Döner-Imbiss, in der sein Stiefvater sein Bier trank. Hinter den Rewe- und Aldi-Märkten kommen bei Weiß die Erinnerungen hoch: wie der Wind durch die Baracke seines Onkels pfiff, wie er mit seinem Cousin vom Dach aus die Spiele auf dem bis heute bestehenden angrenzenden Fußballplatz schaute …

Im Eichholz findet Weiß sogar den hohlen Baum wieder. Die riesige Eiche, die ihm früher als Zufluchtsort diente, ist heute ein von Naturschützern gepflegter Unterschlupf für Eulen. „Wenn dieser Baum doch sprechen könnte …“, sagt Weiß ergriffen.

Leben als Sinto – früher und heute

Das Gefühl, von der Gesellschaft, von den Deutschen – obwohl doch selber deutsch – nicht anerkannt zu werden, das Gefühl, einem Volk anzugehören, das „als einziges bis heute verachtet“ werde, hat ihn bis heute nicht losgelassen. Manchmal, wenn er auf dem Amt abfällig behandelt wird, kommt die ganze Wut, die er in seiner Jugend empfand, die ganze Hilflosigkeit wieder hoch. „Ich muss mich dann sehr zusammenreißen und mich daran erinnern, dass ich doch Christ bin“, sagt er.

Vielleicht ist der Glaube für Reilo Weiß auch ein haltstiftender Ersatz für die Sinti-Kultur, die ihm, zumindest gefühlt, zwischen den Fingern zu zerrinnen droht. Ihm fehlt die Gemeinschaft von früher, das „auf Geschäft fahren“. Und dass viele der jungen Sinti nicht mehr richtig Romanes sprächen, erfüllt ihn mit Sorge. Weiß fürchtet, dass die Sprache eines Tages ganz verloren geht, so wie viele Sitten und Bräuche immer mehr durch die deutsche Kultur verwässert würden. Bis zu einem gewissen Grad sei das ja auch gar nicht so schlecht, räumt er ein, denn manche Bräuche seien überholt. Welche das sind, sagt er nicht. „Aber“, meint Weiß wehmütig, „der Sinto ist nicht mehr das, was er mal war.“

Manchmal fragt er einen der Jungen, ob er bereit wäre, seine Wohnung durch einen Wohnwagen zu ersetzen, um wie früher in der Gemeinschaft zu leben. „Aber die wollen das gar nicht“, sagt Weiß. Dabei hätte er sogar schon einen Stellplatz im Blick, er kommt da manchmal mit dem Fahrrad vorbei: die große Wiese am Knochenhauereck am Weserufer. „Das wäre schön.“ Dabei wäre er schon froh, wenn alle Sinti gemeinsam in einer Siedlung wohnen würden, so wie die Sinti-Familien in Hildesheim oder Hamburg, wo die Städte ihnen ganze Straßenzüge zur Verfügung stellten. Doch diese Option stand in Hameln nie zur Debatte.

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