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Turm sollte eigentlich in Afrika stehen

Die verblüffende Geschichte des Steinzeichens Steinbergen

Die Zukunft des Erlebnisparks Steinzeichen Steinbergen ist noch offen. Die Geschichte des Parks hat teilweise überraschende Wendungen genommen. Ursprünglich sollten es fünf Türme von heimischen Steinbildhauern werden. Expo-Projektmanager Andreas Grosz träumte gar von einem Bauwerk gleichbedeutend mit Atomium und Eiffelturm. Gebaut wurde eine Himmeltreppe des Düsseldorfer Architekten Zamp Kelp. Die sollte ursprünglich in Afrika stehen. Geschäftsführer Josef Wärmer riss dann das Steuer herum und machte aus dem musealen Kulturpark den Abenteuerpark, der das Steinzeichen heute ist. Warum die Besucherzahlen schwächeln? Dafür gibt es viele Gründe: Konkurrenz durch andere Parks, Wetter und die Konjunktur.

veröffentlicht am 09.05.2016 um 14:54 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Gerhard Schröder war es, damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen, der Josef Wärmer, damals Geschäftsführer der Schaumburger Steinbrüche (SSS), und Helmut Kollmeyer, Prokurist und Betriebsleiter, auf die Idee gebracht hat: Bei einem Besuch in der Staatskanzlei, bei der es um die Erweiterung des Steinbruchs in Steinbergen ging, erinnert sich Wärmer noch heute, habe Schröder den Satz gesagt: „Macht doch mal was für die Expo 2000!“ Schröders Idee: ein externes Expo-Projekt unter dem Motto Mensch, Natur und Technik. Zeigen, was man aus einem Steinbruch machen kann, wenn er ausgebeutet ist. Wenn man so will, war das die Geburtsstunde des Erlebnisparks „Steinzeichen“ in Steinbergen.

Wie der Park dann verwirklicht worden ist, dazu gibt es viele teils kuriose Fußnoten. Das erste Konzept war abgesprochen mit der Schaumburger Landschaft: Ein Denkmal sollte her, möglichst weit sichtbar, möglichst von einheimischen Bildhauern und Künstlern geschaffen.

Diskussionen über die Treppe gab es nicht

Der Rintelner Steinbildhauer Peter Lechelt beschäftigte sich eineinhalb Jahre mit diesem Thema und schlug vor, fünf Türme von unterschiedlichen Künstlern gestalten zu lassen und miteinander zu verbinden, darum herum einen „Garten der geliebten Steine“ anzulegen.

Sogar ein niedersächsisches „Mount Rushmore“ wie in den USA war kurz im Gespräch. Lechelt riet ab, welche Köpfe sollte man in der Steinwand verewigen? Schröders Profil? Wohl kaum. Und Lechelt traute der Stabilität der Wand nicht.

Schließlich zog man sogar einen zweiten Steinbildhauer zurate: den in Hannover lebenden japanischen Künstler Makoto Fujiwara.

Doch dann senkte die Expo-Kommission den Daumen. Warum, wurde nie deutlich. Vermutlich, weil längst ein anderer Expo-Mitmanager die Strippen zog: Andreas Grosz. Lechelt ging an die Paschenburg, wo er zumindest seinen „Garten der geliebten Steine“ verwirklicht hat.

Grosz brachte seinen Freund, den Professor und Architekten Zamp Kelp aus Düsseldorf ins Spiel. Zamp-Kelp, in der Architektur- und Kunstszene längst ein bekannter Mann, hatte in Mettmann das extravagante Neandertal-Museum entwickelt und gebaut. Und Zamp Kelp hatte bereits eine passende Idee in der Schublade, eine Wolkentreppe, einen architektonischen Entwurf, der, so ging das Gerücht unter Journalisten, eigentlich in Afrika hätte verwirklicht werden sollen. Diskussionen über dieses Modell gab es nicht. Wohl auch deshalb, weil inzwischen die Zeit drängte.

Zamp Kelps Treppe, der „Jahrtausendblick“, wurde gebaut: 156 Stufen, die Steine dafür gab es gleich nebenan im Steinbruch, oben eine Plattform mit grünlichen Glasscheiben in zehn Stahlrahmen – heute neben der Schaumburg unumstrittenes Wahrzeichen auf den Weserbergen. Gestrichen aus Kostengründen, der von Zamp Kelp noch geplante gläserne Fahrstuhl.

Der Turm ist heute Kunst, die auch banalen Zwecken dient. Hier haben schon die Atemschutzgeräteträger der Feuerwehr trainiert, für Besucher ist es der ideale Fotostandpunkt, an ihrer Steinmauer kann man an Norddeutschlands „höchster Kletterwand“ Top-Rope-Klettern üben und sich anschließend 13 Meter in die Tiefe fallen lassen. Grosz schwärmte noch in ganz anderen Dimensionen und sah das Steinzeichen in einer Linie mit dem Atomium und dem Eiffelturm: Die Großindustrie sollte mit einsteigen, Multimedia-Shows stattfinden, Open-Air-Konzerte mit landesweitem Publikum.

Und die Steinzeichen-Besucher sollten gleich einen Steinbruch in Aktion erleben. Doch 2004 war Schluss damit, als der Hang nebenan mit großem Getöse abgerutscht ist. Kritische Tage, in denen auch Panik in den Gesichtern der Steinzeichen-Betreiber zu sehen war. Man hatte alle Mühe, immer wieder zu versichern, das Steinzeichen stehe auf stabilem Grund. Mit regelmäßigen Messungen wurde der Nachbarberg überwacht. Das Gewerbeaufsichtsamt Hannover-Hildesheim gab dann drei Jahre später Entwarnung.

Für den rund 16 Hektar großen Park griffen die Schaumburger Steinbrüche in die Kasse, die guten Gesteinsverkäufe zur Expo machten es möglich, es gab Sponsoren und das Arbeitsamt schickte ABM-Kräfte.

Der Park wurde im Mai 2000 mit den üblichen Ehrengästen eröffnet. Doch schnell zeigte sich, dass das hochgegriffene Motto „Mensch, Natur, Technik“, der museale Charakter für die breite Masse der Besucher nicht taugte.

Josef Wärmer, bald alleiniger Geschäftsführer der für den Park neu gegründeten Gesellschaft, riss das Steuer herum und recycelte das Kulturprojekt zu einem familientauglichen Abenteuerspielplatz.

Das wichtigste Werkzeug im Steinbruch ist Dynamit. Wichtigstes Werkzeug in einem Freizeitpark ist Werbung und das Image. Und hier kann man Wärmer kaum Versäumnisse vorwerfen.

Kein Hype, kein Thema, das er verpasst hat – ob Niedrigseilgarten, Barfußpfad, Zorbing-Parcours (das sind Kugeln, in denen man rollen kann), Menschenkicker, Tipizelt für 50 Personen mit Grillstationen, Kriech-Tunnel-Labyrinth, Streichelzoo, Kreativ-Werkstatt, Schatzsuche, Bogenschießen, Inka-Arena.

Es gibt kaum eine Nische, die Wärmer nicht versucht hat zu bedienen. Hier bauten Trapper und Indianer für ein Wochenende eine Westernstadt auf, 2000 Besucher kamen zur Weser-Tekk-Party mit Dancefloors vor dem Lichttunnel.

Hochseilgarten war ein Glücksgriff Sogar die höheren Mächte sollten eigentlich im Bund mit dem Steinzeichen sein. Denn im „Haus der Religionen“ sind sie alle vereint, in einem Zen-Garten kann man fernöstlich meditieren.

Ein Glücksgriff war sicher der „Airtrail“, ein Hochseilgarten, der nach drei Jahren Planung 2011 in luftiger Höhe zwischen mächtigen Buchen eröffnet worden ist und zu den längsten „Flying-Fox-Anlagen“ Deutschlands zählt.

Es sind andere Faktoren, warum die Besucherzahl des „Steinzeichens“ in den letzten Jahren die 30 000-Marke kaum überschritten hat. 100 000 Besucher waren ursprünglich angepeilt, im besten Jahr waren es etwa die Hälfte, 55 000. Das ist eine Zahl, die der Europark „Rust“ bei Freiburg an vier Tagen erreicht. Das Rasti-Land kommt immerhin auf rund 400 000 im Jahr.

Am meisten zu schaffen macht dem Steinzeichen wohl die große Konkurrenz, obwohl das Wärmer so deutlich nicht sagen will. Doch ein Blick ins Internet zeigt: Freizeit- wie Themenparks vergleichbar mit dem Steinzeichen gibt es heute an jeder Ecke. Der mobile Familienvater hat die Wahl. Und 52 Prozent der Besucher im Steinzeichen sind Eltern mit ihren Kindern, hat Wärmer einmal feststellen lassen.

Dann ist da noch das Wetter, das die Bilanz verhageln kann. Bei Regen wie Temperaturen unter 17 Grad bleiben die Besucher zu Hause, ab 28 Grad gehen sie ans Wasser, ins Schwimmbad. Auch die von Wärmer angepeilten Zielgruppen wie Schüler, Jugendgruppen, Firmen unterliegen konjunkturellen Schwankungen. Schwächelt die Wirtschaft, werden Events zuerst gestrichen.

Wie geht es weiter? Noch weiß Wärmer es nicht. Aber er versprach, sobald sich eine Lösung abzeichne, werde er sofort zum Telefon greifen und die Öffentlichkeit informieren.



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