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Letzter Teil unserer Kirschen-Serie: Todenmann und die Wissenschaft

Die Rettung des Ochsenherzes

Noch ist Kirschenzeit. Und auch in Todenmann halten Autofahrer an den wenigen Ständen an, um sich eine Tüte mit dem süßen Obst zu gönnen. Was kaum jemand weiß: Auch unter Wissenschaftlern hat Todenmann wieder einen Namen als „Kirschendorf“.

veröffentlicht am 22.07.2016 um 19:44 Uhr
aktualisiert am 05.08.2016 um 09:04 Uhr

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Diese Geschichte beginnt im Juni 2009. In dem Jahr, in dem der Brombeerforscher Heinrich E. Weber aus Bramsche den von der Stadt Rinteln gestifteten Tüxen-Preis für Vegetationswissenschaftler erhält. Angereist waren dazu seinerzeit auch die beiden Pomologen, Experten für Äpfel und Obstanbau, Hans Joachim Bannier und Dr. Jens Pallas. Die beiden standen in einer Pause mit dem damaligen Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz am Kaffeetisch und unterhielten sich über das durch die Bundesgartenschau bekannt gewordene Kirschen-Projekt in Hagen. Die Gemeinde, die einst ebenfalls ein Kirschanbaugebiet war, ist heute Teil der Deutschen Genbank Obst.

Buchholz mischte sich in die Unterhaltung ein – und klärte die beiden auf, auch Rinteln habe ein Kirschendorf, nämlich Todenmann. Die Wissenschaftler ließen sich nicht lange bitten und fuhren nach Todenmann, wo sie eine Kirschsorte entdeckten, die es in keiner Baumschule mehr gibt, von der man geglaubt hatte, sie sei ausgestorben: das Ochsenherz.

Zwei Jahre später kam der Pomologe Hans-Joachim Bannier wieder, fand weitere längst verloren geglaubte Kirschsorten, darunter Sorten, die zum letzten Mal 1810 in der Fachliteratur beschrieben worden sind und katalogisierte alle gefundenen Kirchsorten. Die Forschungsarbeit des Bielefelder Sortenspezialisten war Startschuss für das Todenmanner Kirschen-Projekt.

Auf dem Rundwanderweg in Todenmann gibt es reichlich Möglichkeit, von den Sorten zu kosten. Foto: wm

Logischer nächster Schritt war, weitere alte regionale Kirschbäume in Todenmann anzupflanzen, unter anderem an einem vier Kilometer langen Rundweg. Die Reiser – so wird in der Botanik ein Zweig genannt – wurden im Frühjahr in eine Baumschule gebracht, im Herbst die Bäume gepflanzt. 31 der 36 alten, im Baumkataster aufgelisteten Sorten. Eine gemeinsame Aktion von Verschönerungsverein und Ortsrat, vor allem Klaus Helmentag, Gerd Beu und Uwe Vogt haben sich dafür engagiert.

Während aus den Kernen der Kirschen Keime mit neuem Erbgut sprießen, kann man durch Veredelung quasi junge Klone alter Bäume erstellen. Das macht Marcus Koch von der Baumschule Spiess im hessischen Lippoldsberg. Nur wenige Betriebe in Deutschland bieten diesen Service noch an, weil er sehr aufwendig ist. Koch pfropft einen zehn Zentimeter langen Trieb eines alten Baumes auf den Stamm einer jungen Kirsche. Bald versorgt diese den fremden Ast, und der Trieb wächst weiter.“

2013 organisierte dann das Dorf ein Kirschenfest in der Mehrzweckhalle. Hier der Star des Tages: „Kassins Frühe“ aus dem Obstgarten von Heinz Droste, eine, wie der Name schon verrät, frühe Kirschsorte. Die brauchte man auch dringend, denn die meisten Sorten lagen drei Wochen hinter der Zeit zurück und waren noch nicht reif.

Hier stellte Gerd Beu auch das kleine Todenmanner Kirschenlexikon vor, eine Broschüre, die unter anderem auch im Touristbüro in Rinteln zu bekommen ist.

Auch Kirschen unterliegen der Mode. Vor rund 100 Jahren waren Reiser eines Kirschbaums eine wertvolle Besonderheit. In Deutschland züchtete man im Laufe der Jahrzehnte rund 500 verschiedene Kirschsorten. Eine Vielfalt, die man in den Supermärkten längst nicht mehr findet. Hier werden meist gerade mal fünf Standardsorten angeboten. Das Problem, schildert Bannier, sei hier auch die Erwartungshaltung der Kunden. „Die glauben, je größer, dunkler und süßer, desto besser ist die Kirsche.“ Was, logisch, so nicht stimmt. Früh reifende, gelbe oder hellrote Früchte, sogenannte Glaskirschen, sind oft aromatischer.

Ein Kirschen-Projekt kostet Geld für die Obstbäume, die Broschüre, die Anlegung des Rundweges und die Informationstafeln. Das haben gemeinsam die Bingo-Umweltlotterie, das europäische Leader-Plus-Programm und die Stadt Rinteln möglich gemacht.



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