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So viel Hannover steckt im englischen Hochadel

Die Queen und die Welfen

igentlich müsste die Queen Elizabeth Alexandra Mary von Sachsen-Coburg und Gotha heißen, wenn nicht ihr Großvater 1917 den Familiennamen in „Windsor“ geändert hätte. Der Name sollte nicht an die deutsche Verwandtschaft erinnern. Tatsächlich ist diese aber zahlreich. Von Georg I. bis zur populären Queen Victoria reicht die Linie des Hauses Hannover im englischen Königshaus.

veröffentlicht am 30.06.2015 um 11:00 Uhr
aktualisiert am 10.07.2015 um 16:37 Uhr

Kommt die Queen nach Deutschland, dann ist das immer auch eine Reise ins Land ihrer Verwandten. Zwar soll der Name Windsor nicht mehr daran erinnern, doch in der Queen steckt sehr viel deutsches Blut. Ihr Großvater George V. änderte 1917 den Familiennamen von Sachsen-Coburg und Gotha in den Namen Windsor. Benannt nach einem kleinen Schloss in der Nähe von London, das sonst allerdings nie viel Bedeutung hatte. Die Umbennung geschah zu einer Zeit während des Ersten Weltkrieges, als die Deutschen auf einem Tiefpunkt ihrer Popularität angelangt waren. Die Veränderung des Familiennamens durchliefen auch die Vorfahren ihres Gemahls. Prinz Philip Mountbatten stammt eigentlich vom deutschen Haus Battenberg ab. Einer Nebenlinie des Hauses Hessen und Sachsen-Coburg und Gotha. Die Nachfahren der Queen aus der Ehe mit Prinz Phillip tragen alle den offiziellen Nachnamen Mountbatten-Windsor.

Dennoch: Ohne den hannoverschen Adel würde es das britische Königshaus heute so gar nicht geben. So verwundert es nicht, dass heute noch Ernst-August von Hannover bei feierlichen Anlässen in London stets in einer der vorderen Reihen sitzen darf.

Doch wie kam es zum welfischen Einfluss in Englands Königshaus? Bereits im Jahre 1100 verschafften sich die Welfen mit der Heirat Heinrichs des Löwen und der Tochter des englischen Königs, Matilda von Schottland, Zugang zum Hof. Matilda und Heinrich brachten jedoch keine welfischen Nachfahren auf den englischen Thron. Da der Adel allerdings über die Jahrhunderte stets bemüht war, standesgemäß zu heiraten, herrschten in Europas Königshäusern weitverzweigte Verwandtschaftsverhältnisse untereinander. Hochzeiten wurden meist aus politischen Überlegungen heraus geknüpft. So erging es auch dem welfischen Herzog und späteren Kurfürsten Ernst-August zu Braunschweig-Lüneburg bei seiner Hochzeit 1658 mit Sophie von der Pfalz. Wie gut diese Partie für die Welfen sein sollte, zeigte sich einige Jahre später. In England herrschten lange Jahre erbitterte Unruhen zwischen Protestanten und Katholiken. Das war auch ein entscheidendes Kriterium für die Thronfolge seinerzeit. 1701 beschloss das britische Parlament den „Act of Settlement“, nachdem nur ein protestantischer Nachfahre der Familie Stuart Englands Thronfolger werden konnte. Nach dem Tod Königin Annes 1714 gab es keine legitimen Nachfahren in England. Die nächste lebende protestantische Stuart fand man in Sophie von der Pfalz, deren Mutter Elisabeth Stuart eine englische Prinzessin gewesen war. Zahlreiche Katholiken mit übergeordnetem Erbanspruch wurden von der Thronfolge ausgeschlossen und Sophie wäre Königin von Großbritannien und Irland geworden, wenn sie nicht einige Wochen vor Anne gestorben wäre. Also wurde ihr Sohn Georg Ludwig, Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, 1714 zu Georg I. Als erster Welfe bestieg er dann den britischen Thron.

König Georg I. war der erste Herrscher auf dem englischen Thron, der aus dem Geschlecht der Welfen stammte. Mit ihm ist auch die heutige Queen Elizabeth II. verwandt.

Der „Act of Settlement“ bestimmt bis heute

die britische Thronfolge

Der „Act of Settlement“ ist bis heute in Kraft. Das bedeutet, dass als britische Thronfolger auch in Zukunft ausschließlich die protestantischen Nachkommen der Kurfürstin Sophie von Hannover infrage kommen. Sie ist die gesetzlich garantierte Stammmutter des britischen Königshauses. Allerdings wurde das Gesetz erst im März dieses Jahres etwas gelockert. So führt die Heirat mit einem Katholiken nicht mehr per se zum Ausschluss von der Thronfolge. Auch erfolgt die Thronfolge nun unabhängig von Geschlecht und Reihenfolge der Geburt und nur noch die Plätze eins bis sechs der Thronfolge brauchen die Einwilligung der Queen zur Hochzeit. Das Originaldokument des „Act of Settlement“ von 1701 befindet sich heute im Hauptstaatsarchiv Hannover.

Der unerwartet gekürte König Georg I. war in England recht unbeliebt, denn als er mit seinen 54 Jahren König wurde, konnte er kaum Englisch und sprach lieber Deutsch oder Französisch. Was zur Folge hatte, dass sich während seiner Regierungszeit die Machtbalance erheblich zugunsten des Parlaments verschob. Unter seinem Sohn Georg II. August bekam 1721 Großbritannien seinen ersten Premierminister Sir Robert Walpole. Der berühmte Amtssitz Downing Street Nummer 10 geht ebenfalls auf die beiden zurück, denn Georg II. machte Walpole das Haus als Amtssitz zum persönlichen Geschenk. Georg II. war der zweite König aus dem Haus Hannover und der letzte britische Monarch, der außerhalb von Großbritannien zur Welt kam. Er wurde 1683 im Schloss Herrenhausen bei Hannover geboren. Als er zum britischen Thronfolger und Prinz of Wales wurde, war Georg August bereits 30 Jahre alt. 1727 wurde er nach dem Tod seines Vaters zum König, bis er 1760 starb und sein Enkel Georg Wilhelm Friedrich als Georg III. die Nachfolge antrat.

Georg III. war zunächst König von Großbritannien und Irland, danach bis zu seinem Tod König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und seit dem Wiener Kongress König von Hannover (1814). In seine Herrschaftszeit fällt der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775–1783). Die zweite Hälfte seiner Herrschaft war von einer Stoffwechselkrankheit geprägt, die Zeitgenossen für eine Geisteskrankheit hielten. Sein Sohn Georg IV. übernahm 1811 bereits verantwortlich die Regierungsgeschäfte und trat nach dem Tod seines Vaters 1820 die Thronfolge an. Dieser Georg ist der Nachwelt hauptsächlich aufgrund seiner Verschwendungssucht in Erinnerung geblieben. Am Tag nach dem Begräbnis von Georg IV. schrieb die „Times“, dass wohl noch nie ein Verstorbener weniger betrauert worden sei. Aber an seiner Verschwendungssucht hätten die Engländer noch lange zu zahlen. Nach dem Tod von Georg IV. 1830 folgte ihm sein Bruder Wilhelm IV. für sieben Jahre auf den Thron. Da er ohne Erben blieb, ging die Krone 1837 unerwartet an seine Nichte Victoria. Die 18-jährige Königin wurde nach den zwei unpopulären Vorgängern in ihrem Reich mit Begeisterung aufgenommen. Mit ihrer Thronbesteigung 1837 endete die herrschaftliche Personalunion Englands und Hannovers nach 123 Jahren. Da eine Frau als Herrscherin für die Welfen nicht in Frage kam, wurde das Königreich Hannover fortan von König Ernst-August I. regiert. Königin Victoria hatte mit ihrem deutschen Mann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha insgesamt neun Kinder. Sie ist sowohl Ururgroßmutter der jetzigen britischen Königin Elizabeth II. als auch von deren Prinzgemahl Prinz Philip.

TV-Tipp: Eine Dokumentation über die Queen und ihre deutschen Verwandten zeigt das ZDF heute um 20.15 Uhr: „Wie deutsch ist die Queen?“

von maike schaper



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