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Zu Besuch bei der ehemaligen Schaustellerin

Die Messerwerferin: Renate Ebernickel hat viele Namen

Renate Ebernickel hat viele Namen. Zur Welt kam sie als eine Weiß. Ihr Rufname unter Sinti lautet Katza. Als Schaustellerin hieß sie Isra Indra. „Nur Renate nennt mich niemand“, sagt sie und lacht.In ihrem Leben hat sie der Angst ins Auge geblickt. Sie ließ sich mit Messern bewerfen, war selbst Messerwerferin und hielt Riesenschlangen und Alligatoren in ihrer Wohnung. Heute lebt sie mit ihrem Mann und Hund Einstein in Schwerte. Wir haben sie besucht.

veröffentlicht am 19.09.2017 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 11:24 Uhr

Renate Ebernickel im Wohnzimmer ihrer Wohnung in Schwerte. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Renate Ebernickel (73) hat der Angst ins Auge geblickt. Sie ließ sich mit Messern bewerfen, war selbst Messerwerferin und hielt Riesenschlangen und Alligatoren in ihrer Wohnung. Deshalb kann die einstige Schaustellerin über das ängstliche Gebaren ihres wenige Jahre jüngeren Bruders Reilo Weiß und dessen Begleitung von der Presse nur lachen. Eingeschüchtert bleiben die beiden Männer an einem Freitagvormittag im Juni 2016 vor der Tür stehen, trauen sich nicht in Ebernickels Wohnung. Der Grund ist Einstein, Ebernickels furchterregender Hund. Gellend bellt der Mischling mit dem straßenköterfarbenen Fell und den grau funkelnden Augen die Besucher an, fletscht die Zähne, knurrt. Doch die 73-Jährige hält den sich wild windenden Einstein am Halsband fest und lacht wieder. „Der tut nichts! Kommt rein!“, ruft sie. Doch erst als sie Einstein ins Schlafzimmer sperrt, trauen sich die Besucher in die winzige, gemütliche Wohnung. In der Stube setzen sie sich. Im Nachbarzimmer bellt Einstein weiter, springt immer wieder gegen die Tür. „Möchtet Ihr Kaffee trinken?“, fragt Ebernickel in aller Seelenruhe.

Renate Ebernickel hat viele Namen. Zur Welt kam sie als eine Weiß. Ihr Rufname unter Sinti lautet Katza. Als Schaustellerin hieß sie Isra Indra. „Nur Renate nennt mich niemand“, sagt die Sintezza und lacht. Lachen, das tut sie gern. Die kleine Frau mit dem langen, pechschwarzen Haar hat ein ausgesprochen fröhliches Gemüt und einnehmend freundliches Wesen. Nach dem Kaffee werden den Besuchern riesige Portionen Gulasch mit Kartoffeln und Rotkohl serviert. „Wer soll das alles essen?“, fragt ihr Bruder.

Renate Ebernickel, geb. Weiß (li.), mit ihrer Schwester und Pastor Georg Althaus. Foto: Reilo Weiß/pr
  • Renate Ebernickel, geb. Weiß (li.), mit ihrer Schwester und Pastor Georg Althaus. Foto: Reilo Weiß/pr
Die junge Katza (li.) vor dem Wohnwagen ihrer Eltern in Uslar. Foto: Renate Ebernickel/pr
  • Die junge Katza (li.) vor dem Wohnwagen ihrer Eltern in Uslar. Foto: Renate Ebernickel/pr
Schaustellerin „Isra Indra“ (re.) mit einer Schlange. Foto: Renate Ebernickel/pr
  • Schaustellerin „Isra Indra“ (re.) mit einer Schlange. Foto: Renate Ebernickel/pr
Renate „Katza“ Ebernickel als junge Frau mit ihrem Mann Jonny King ( ) und den zwei gemeinsamen Töchtern. Foto: Renate Ebernickel/pr
  • Renate „Katza“ Ebernickel als junge Frau mit ihrem Mann Jonny King ( ) und den zwei gemeinsamen Töchtern. Foto: Renate Ebernickel/pr
Renate Ebernickel, geb. Weiß (li.), mit ihrer Schwester und Pastor Georg Althaus. Foto: Reilo Weiß/pr
Die junge Katza (li.) vor dem Wohnwagen ihrer Eltern in Uslar. Foto: Renate Ebernickel/pr
Schaustellerin „Isra Indra“ (re.) mit einer Schlange. Foto: Renate Ebernickel/pr
Renate „Katza“ Ebernickel als junge Frau mit ihrem Mann Jonny King ( ) und den zwei gemeinsamen Töchtern. Foto: Renate Ebernickel/pr

Um Messerwerferin werden zu können, musste Ebernickel sich zunächst selbst mit Messern bewerfen lassen. Damals war sie noch ein junges Mädchen. 16 war sie, als der Schausteller Jonny King in ihrer Heimatstadt Uslar Station machte. Der suchte gerade eine neue Partnerin. Ebernickel verliebte sich erst in die Schaustellerei und später in Jonny King. Oder umgekehrt. Gemeinsam mit ihrer Schwester schloss sie sich jedenfalls der Schaubude von Jonny King an – ließ sich von ihm mit Messern bewerfen. „Im ersten Moment hatte ich etwas Angst, aber später nicht mehr“, erzählt sie. King und Weiß heirateten. Im Laufe der Zeit lernte sie selbst, Messer zu werfen. Als ihr Mann starb, machte sie alleine weiter. „Ich war die einzige Messerwerferin in Europa“, sagt sie stolz.

Auftritte hatte sie in Varietés und Discos, Zirkussen und Galas, auf Stadtfesten und in Kasernen. So auch in einer britischen Kaserne in Hameln. „Das war immer toll, die Engländer waren sehr nett“, erzählt sie. „Einmal hat eine Schlange einem Soldaten in die Zunge gebissen, als er sie nachgeäfft hat.“

Ebernickel holt ein Fotoalbum hervor. Die Bilder zeigen sie, nur leicht bekleidet, mit allerhand Prominenten. Bei den Shows tritt sie gemeinsam mit Gerhard Böttcher („Geld wie heu“), Gunter Gabriel („Komm unter meine Decke“), Jürgen Drews, Nino d’Angelo oder Dieter Thomas Heck auf. „Das war ein schönes Leben, ganz toll“, sagt Ebernickel ohne Wehmut. „Heute mache ich nur noch wenige Auftritte, auf Hochzeiten zum Beispiel.“ Oder für die Kamera, wie Videos im Internet zeigen. „Aufgehört habe ich erst nach mindestens 30 Jahren, als mein damaliger Partner starb“, sagt sie.

Ebernickels Kindheit war hart. „In Uslar haben wir erst im Wohnwagen gelebt, mit vier bis fünf Leuten in einem Bett, dann in einer Baracke, weil es im Winter zu kalt wurde“, schildert sie. „Wir hatten kaum etwas zu essen.“ Ihre Mutter schickte die Kinder mit viel zu großen Schuhen in die Schule. Weil sie keine passenden hatte. „Deshalb stopfte sie die Schuhe mit Zeitungen aus“, erzählt die einstige Schaustellerin.

Wenn ihre Großmutter hausieren ging, dann begleitete Katza sie. „Ich war so 13, 14, als ich mit meiner Oma mitging und immer den großen, schweren Kartoffelsack tragen musste. Heute haben wir ja alles“, sagt sie und lässt ihren Blick durch die beschauliche Stube schweifen.

Diskriminierung habe sie kaum je erfahren, sagt die Sintezza. „Nur in der Schule, da wurden wir als ,Zigeuner‘ geneckt. Außerdem waren wir immer etwas vorsichtig. Doch wer gut zu uns war, zu dem waren wir auch gut.“

Nachdem sie und ihre Schwester zur Schaustellerei gegangen waren, zogen ihre Eltern mit den übrigen fünf Kindern mit dem von einem kleinen Traktor gezogenen Wohnwagen nach Hameln. Dort landeten sie zunächst auf dem unbeliebten Stellplatz neben der Kläranlage. Doch es dauerte nicht lange, bis sie zu ihrer Verwandtschaft am Rettigs Grund zogen.

Bei einem ihrer Besuche bei den Eltern lernte Ebernickel Pastor Georg Althaus aus Braunschweig kennen. Ab 1959 unterstützte der damals als „Zigeunerpastor“ bekannte Althaus die Hamelner Sinti-Familie Weiß bei ihrem Kampf um einen menschenwürdigen Aufenthaltsort. „Er war ein guter Mann, der viel für die Sinti getan hat.“ Klein und schmächtig sei er gewesen mit einem schmalen Gesicht und einer „feinen, spitzen Nase – und nur noch ein paar Haaren“, schildert sie. „Er hat mit uns gebetet, zum Teil sogar in unserer Sprache.“

Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern besuchten sie ihn in Braunschweig. „An der Tür zu seinem Arbeitszimmer war ein Schild, auf dem stand: Eintritt nur für Zigeuner und Juden“, meint Ebernickel. Althaus hatte nach dem Nationalsozialismus das „Pfarramt für den Dienst an Israel und den Zigeunern“ gegründet.

„Er mochte mich“, führt Ebernickel aus. „,Oh, die Katza ist so lustig!‘, sagte er immer, wenn ich mal wieder einen Spaß machte.“ Auch an ihrer Tochter Carmen habe er einen Narren gefressen gehabt. „Gleich nach ihrer Geburt gab er mir ein Körbchen mit allem, was für ein Baby nötig ist, sogar ein kleines Bettchen.“

In Braunschweig sei sie mit ihm öfter im Park gewesen. „Einmal verabredeten wir uns für den nächsten Tag um drei Uhr dort“, erzählt sie. „Aber er kam nicht. Da hatte ich schon das Gefühl, dass etwas passiert ist, weil er war immer zuverlässig.“ Es war der 5. März 1974, an dem Georg Althaus starb.

Am Nachmittag brechen Ebernickels Bruder Reilo Weiß und sein Begleiter von der Zeitung auf. Ebernickel bringt ihren Besuch zur Tür. Einstein bellt immer noch. 



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